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Jack Vance – Das Gesicht (Dämonenprinzen 4)

Rundum gelungener Abenteuerroman: Die Jagd auf den wütenden Darsh

Auf seinem Rachezug durch den Kosmos ist Kirth Jersen an der vierten Station angelangt. Der Name seines Opfers: Husse Bugold, ein Dämonenprinz, der als einer von fünf Aliens an der Auslöschung von Gersens Familie beteiligt war. Sein Deckname: Lens Larque. Wie immer gibt es einen Haken an der Sache, und der Gegner schläft nicht…
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Vance, Jack – Buch der Träume, Das (Die Dämonenprinzen #5)

_Am Ende des Rachefeldzugs: der König der Übermenschen_

Mit „Das Buch der Träume“ wird eine fünfteilige SF-Romanserie abgeschlossen, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Kirth Gersen ist an der letzten Station seines Rachezugs angelangt. Vier der fünf „Dämonenprinzen“, die seine Eltern und seine Freunde vor 20 Jahren getötet hatten, hat er bei seinen Streifzügen durch die Galaxis aufgespürt, gestellt und getötet – nicht immer von eigener Hand. Ein Name steht noch auf seiner Liste: Howard Alan Treesong, der sich selbst als „König der Übermenschen“ bezeichnet.

|Die Dämonenprinz-Serie|

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei |Heyne| erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. Der Sternenkönig (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143, 1969)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

_Handlung_

Kirth Gersen ist an der letzten Station seines Rachefeldzugs angelangt. Vier der fünf „Dämonenprinzen“, die seine Eltern und seine Freunde vor 20 Jahren getötet hatten, hat er bei seinen Streifzügen durch die Galaxis aufgespürt, gestellt und getötet – nicht immer von eigener Hand. Ein Name steht noch auf seiner Liste: Howard Alan Treesong.

Doch Treesong ist der gerissenste und kaltblütigste unter den fünf Verbrechern. Er hat sogar einmal den Versuch unternommen, die galaxisweit als Polizeimacht auftretende IPKG (Interwelt Polizei Koordinierungs Gesellschaft) zu unterwandern und seinen Zwecken dienlich zu machen. Lange Zeit weiß Gersen nicht einmal, wie Treesong aussieht. Da fällt ihm per Zufall ein Foto in die Hände, das seine Redaktion bei „Cosmopolis“ gekauft hat. Es ist das Foto einer Party, auf der alle Gäste den Tod fanden – durch Treesong, dessen Gesicht mit auf dem Foto sein muss.

Sofort fliegt Gersen zu dem Verlagsagenten, der das Foto gekauft hat. Dieser beschreibt die Verkäuferin als eine gehetzt wirkenden Frau, deren Mann getötet wurde, weil er bei diesem Abendessen das Foto gemacht hatte. Sie verschwand sofort wieder, allerdings in Begleitung eines Unterweltgangsters, was doch etwas merkwürdig ist.

Gersen versucht, zunächst einmal die anderen neun Personen auf dem Foto zu eliminieren und auf diese Weise Treesong zu identifizieren. Dies erfolgt durch ein fingiertes Preisausschreiben seiner Zeitschrift, die er kostenlos in der Galaxis verteilen lässt. Durch das Einstellen von Sortierern, um der Einsendungen Herr zu werden, lockt er Agenten Treesongs an, um über diese mehr über seine Beute zu erfahren. Eine bildhübsche junge Frau namens Alice Wroke lässt sich bei ihm einstellen, doch ihm fällt schon beim Einstellungstest auf, dass sie lügt.

Indem er Alices Hotelzimmer abhört, erkennt er, dass sie im Auftrag Treesongs arbeitet, aber weder seinen richtigen Namen kennt, noch aus freien Stücken für ihn arbeitet: Er erpresst sie, indem er ihr vorspiegelt, wenn sie nicht gehorche, werde er ihren Vater, Bejamin Wroke, töten. Er nötigt sie sogar dazu, Gersen, den sie nur als Henry Lucas kennen lernt, auf ihr Zimmer einzuladen und Sex mit ihm zu haben. Sie nimmt den stutzerhaften Narren nicht für voll und glaubt, sie könne ihn leicht aushorchen. Doch zu ihrer Überraschung nimmt ihr Gersen diese Mühe ab, sobald er weiß, in welcher Zwangslage sie sich befindet. Und Sex muss ja nun wirklich nicht sein, oder?

Nach ein paar Wochen sind alle Teilnehmer des tödlichen Banketts identifiziert, alle bis auf Treesong, der als Mr. Sparkhammer geführt wird. Doch was verbindet diese zehn Personen? Ein Informant klärt Gersen auf: Es handelte sich um die Führungsriege des sogenannten „Instituts“. Das „Institut“ ist eine streng hierarchisch aufgebaute Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen bestimmte Interessen der Menschheit zu handeln und zu diesem Zweck über Truppen und ein Waffenarsenal verfügt.

Als Treesong die neun Topleute eliminierte, wollte er offenbar sich selbst an die Spitze dieser schlagkräftigen Organisation stellen, um auf diese Weise seinen Verbrechen größere Durchschlagskraft zu verleihen. Doch eines der Führungsmitglieder nahm an dem Bankett nicht teil, erfährt Gersen: der als „Triun“ bezeichnete Kopf der Organisation. Gersen wird klar, dass sich dieser Mann in höchster Lebensgefahr befindet und eilt, um ihn vor Treesongs Mordattacke zu schützen …

Tage später meldet sich ein Verwandter von Treesong und enthüllt dessen wahren Namen: Howard Alan Arblezanger Hadouah. Er wurde auf dem Hinterwäldlerplaneten Moudervelt geboren, zu dem sich Gersen umgehend begibt. Dort fällt ihm das „Buch der Träume“ in die Hände, das Tagebuch des jungen Treesong. (Diverse Auszüge daraus sind den Kapiteln vorangestellt.) Doch auch Treesong taucht auf einem Klassentreffen auf und gibt Gersen Gelegenheit, auf ihn zu feuern …

Doch auch diesmal entkommt Treesong. Nun aber weiß Gersen, dass er einen unwiderstehlichen Köder in Händen hält: „Das Buch der Träume“, das dem jungen Rebellen abhanden kam, bevor er von seinem Heimatplaneten floh.

Aber er muss am eigenen Leib erfahren, wie skrupellos und gefährlich sein Gegner ist: Sein Wahnsinn ist von ganz besonderer Art. Um ihn zu verstehen, hilft das „Buch der Träume“…

_Mein Eindruck_

„Das Buch der Träume“ ähnelt dem dritten Band in der fünfteiligen Serie mit dem Titel [„Der Palast der Liebe“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2181 In beiden Romanen nimmt ein Mann, dessen Träume von Größe und Ruhm zunichte gemacht wurden, furchtbare Rache an jenen, die dazu beigetragen haben. Wie diese in kleinem Maßstab aussieht, stellt er auf dem Klassentreffen unter Beweis, das auf seinem Heimatplaneten Moudervelt stattfindet. Er ist mit einer bewaffneten Truppe eingetroffen, um die feiernde Gesellschaft etwas aufzumischen. Gersen sitzt als Flötist im Schulorchester und wird Zeuge und Mitleidender des Ganzen.

|Die Doktrin des kosmischen Gleichgewichts|

Großspurig verkündet er dem versammelten Publikum, dass er gemäß der „Doktrin des kosmischen Gleichgewichts“ handle (S. 192): „Ich sorge dafür, dass nichts mir Angetanes ungesühnt bleibt.“ Dann stellt er ihnen in Aussicht, wie er sich das konkret vorstellt. „Und nun zum Programm des heutigen Abends. Ich dachte an eine Aufführung des kleinen Stückes: Eines edlen Schuljungen Traum von der Gerechtigkeit. Und welch ein glücklicher Umstand, dass so viele der Mitwirkenden dafür verfügbar sind.“

Treesong, der hier unter seinem ursprünglichen Namen Howard Hardoah auftritt, macht den Leiter des Orchesters betrunken, weil dieser ihm vor 25 Jahren gesagt hatte, er, Howard, spiele wie ein „betrunkenes Eichhörnchen“. Und weil ihm ein Schulkamerad einst sagte, er solle „seinen Hintern kühlen“, sich also abregen, lässt er ihm nun die Hosen abschneiden und ihm den Hintern an einen Eisblock fesseln. Bei einem dritten kommt das berühmte Zitat des Götz von Berlichingen ins Spiel, wobei ein paar Schweine ebenfalls unter den Leidtragenden sind …

Weil Gersen so schrecklich falsch auf der Flöte spielt – denn er ist völlig unmusikalisch und hatte erst drei Stunden Unterricht –, pickt Treesong auch ihn heraus und will ihn gehörig bestrafen. Zum Glück interveniert ein weiterer erboster Schulkamerad von früher und Gersen entschlüpft ins Gebüsch. Von dort kann er ausgezeichnet auf Treesong feuern, doch auch diesmal bedeutet dies nicht den Tod des Königs der Verbrecher.

|Das „Buch der Träume“|

Wie man sieht, ist Treesong ein großer Romantiker und Kindskopf. Wie es dazu kommen konnte, erfährt Gersen zum Teil aus dem „Buch der Träume“, das Treesong im stillen Kämmerlein unter höchster Geheimhaltung schrieb. Darin finden sich nicht nur schwärmerische Lebensmaximen und Schilderungen von begehrenswerten Schulkameradinnen (besonders eine „Zada“ hat es ihm angetan), sondern auch die detaillierte Beschreibung von Paladinen, die in ihrer verschiedenartigen Eigenart völlig vom jungen Dichter und Träumer verinnerlicht wurden.

Es war Gersen schon bei der ersten Konfrontation mit Treesong aufgefallen, dass dieser Mann seine Schmerzen in völlig verschiedenen Stimmen und Sprechweisen verfluchte. Wie konnte das sein? Nun findet Gersen die Andeutung einer Erklärung. Hat Treesong eine multiple Persönlichkeit? Dass dem so ist, zeigt sich im Finale, als der Gefesselte sich mit seinen Paladinen und seinem höheren Ideal-Ich unterhält, um herauszufinden, was er tun kann. Es hat einen Hauch von Tragik, als sich ein Paladin nach dem anderen von Treesong abwendet und selbst das Ideal-Ich keinen Ausweg mehr sieht. Es bleibt Treesong nur noch eines zu tun …

|Nach dem Ende|

Gersen müsste eigentlich ziemlich unbefriedigt sein. Sein Rachefeldzug durch den Kosmos ist an seinem Höhepunkt und Ende angelangt. Doch er kann nicht einmal selbst Hand an seinen Widersacher legen. Das wird ihm von den Eltern des ersten Opfers des Verbrechers verwehrt und vorenthalten. Nymphotis war der beste Freund Howard Hardoahs, doch er ertränkte ihn, weil er glaubte, dass „Nimpy“ ihm sein kostbares „Buch der Träume“ gestohlen habe (der Dieb war ein anderer). Gersen kommt der Verdacht, dass auch die im See gefundene Zada ein Opfer Howards gewesen ist.

Gersen fühlt sich „deflated“ – als hätte man ihm die Luft rausgelassen – und „meine Feinde haben mich verlassen“. Im Original steht „deserted“: nicht nur verlassen, sondern auch desertiert. Die Angelegenheit ist zu Ende, die Arbeit ist getan. Es bleibt ihm nichts mehr, als seine Milliarden in der angenehmen Gesellschaft von Alice Wroke auszugeben. Sicherlich gibt es schlimmere Schicksale.

|Welten und Ironie|

In diesem Band düst Kirth Gersen, der hartnäckige Rächer, nicht mehr von Welt zu Welt, wie er das noch in „Der Palast der Liebe“ tut, sondern konzentriert sich auf nur zwei, drei Welten. Da wäre einmal seine Wahlheimat Alphanor, wo auch seine Zeitschrift „Sein!“ als Neukreation produziert und veröffentlicht wird. Der Hauptort Pontefract bietet ein nobles Hotel, wo sich Gersen gezwungen sieht, in immer stutzerhafteres Outfit zu schlüpfen, um dem Schönheitsideal des Hotels zu genügen. Aber einen Hut mit Federn lehnt er mit Bestimmtheit ab. Wie stets bieten die Welten, die der Autor beschreibt, Aspekte, die höchst ironisch sind.

Das trifft auch auf Moudervelt zu. Der Planet besteht aus nicht weniger als 1652 Freistaaten, die alle ihre eigene strenge Ordnung besitzen. Jeder Bürger sitzt auf einem hohen Ross und schaut auf die Bewohner der anderen 1651 Freistaaten mit Misstrauen und Geringschätzung herab. Gersen selbst enthält sich jeden Kommentars, aber der Autor lässt jede Menge Ironie durchblitzen. Im Ort Gladbetook, wo Howard Hardoah aufwuchs, gibt es einen Mann, der einem höchst seltsamen Beruf nachgeht: Er ist Marmolisierer. Will heißen: Er mumifiziert die Verstorbenen und stellt die Mumien aus. (So habe ich es mir zumindest zusammengereimt.) Dass man Gersen auf jeder Welt übers Ohr hauen will, erwartet er bereits gewohnheitsmäßig. Hier spricht wohl auch die Seemannserfahrung aus dem Autor.

_Unterm Strich_

„Das Buch der Träume“ ist eine recht zufrieden stellende Lektüre, die bis zum Schluss spannend bleibt. Wer allerdings bereits „Der Palast der Liebe“ (Band 3) gelesen hat, wird ein paar Ähnlichkeiten feststellen. Aber immerhin gilt es nun, nicht nur einen Mann zu finden, der tausend Namen hat, sondern der gerade im Begriff steht, die Oberherrschaft in einer Organisation zu übernehmen, die die gesamte Ökumene – so heißt der besiedelte Menschenraum – in Krieg und Chaos stürzen könnte.

Die alte Unzulänglichkeit des Autors, nämlich keine Handlung von Romanlänge schreiben zu können (über die er sich selbst am meisten ärgerte), hat er insofern kompensiert, als er fast jedem Kapitel Auszüge aus erfundenen fremden Werken voranstellt und obendrein auch aus dem „Buch der Träume“ seitenlang zitiert. So wurden aus 240 Seiten Handlung 280 Seiten, und die restlichen acht Seiten sind durch Illustrationen ausgefüllt.

Der abschließende Band ist eine angenehm unterhaltende Lektüre, was nicht nur an der Spannung liegt, sondern vor allem auch an dem ironischen Humor in der Weltenbeschreibung und in der Romanze, die Gersen mit Alice Wroke anfängt (allerdings zunächst sehr unterkühlt, denn schließlich taucht sie als Spionin auf). Wie viele Männer seiner Generation – z.B. Asimov, vier Jahre nach Vance geboren – hat Vance kein Händchen für die Beschreibung glaubwürdiger Frauenfiguren. Und so bleibt auch Alice Wroke ein recht blasses Wesen, das zu keiner Zeit eine bedeutende Rolle spielen darf.

Von allen fünf Dämonenprinz-Romanen sind die Bände 4 und 5 am ehesten zu empfehlen, denn sie überwinden durch dramaturgische Finesse und Humor die Pulp-Magazin-Klischees, denen die drei ersten Romane folgen. Außerdem gibt es diese beiden Romane in einer illustrierten Taschenbuchausgabe noch gebraucht zu kaufen (bei Ebay, Amazon & Co.), so dass man nicht zu Andreas Irles 50-Euro-Ausgabe zu greifen braucht.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf Buchwurm.info:
[Grüne Magie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
[Durdane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=740
[Freibeuter des Alls]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1369
[Der Palast der Liebe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2181 (Die Dämonenprinzen #3)
[Das Weltraum-Monopol]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2188

|Originaltitel: The book of dreams, 1981
288 Seiten
Aus dem US-Englischen von Lore Strassl|

Vance, Jack – Der Palast der Liebe (Die Dämonenprinzen #3)

_Sehr ironisch: die geklonte Geliebte_

Mit „Der Palast der Liebe“ (|Irle|-Ausgabe) bzw. „Der Dämonenprinz“ (|Heyne|-Ausgabe) wird eine fünfteilige SF-Romanserie fortgesetzt, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Jeder Roman lässt sich in einem Tag bis einer Woche lesen: So spannend die actionreiche Handlung, so kriminalistisch sind die Methoden, die der Held, Kirth Gersen, einsetzt. Er benutzt Datenbanken und Auskunftsdienste, muss Speicher entschlüsseln und verborgene Identitäten aufdecken: alles Aufgaben, die auch heute noch an Polizisten oder Agenten gestellt werden. Was also auf altmodische Weise erzählt wird, ist eine im Grunde moderne Geschichte.

|Die Dämonenprinz-Serie|

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei |Heyne| erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. Der Sternenkönig (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143, 1969)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

_Handlung_

Kirth Gersen hat vor zwanzig Jahren seine Eltern und Freunde verloren, als die fünf Verbrecher, die als „Die Dämonenprinzen“ bekannt sind, seine Heimatstadt auf dem Planeten Providence angriffen und alle entweder töteten oder versklavten. Er entkam mit seinem Großvater und befindet sich nun auf einem Feldzug durch das Sonnensystem und das gesetzlose Jenseits, um die fünf Verbrecher zur Strecke zu bringen. Bis zu seinem dritten Abenteuer ist ihm dies bereits zweimal gelungen. Allerdings tötet er die Dämonenprinzen nicht immer selbst. Mehr als einmal kommen sie selbst ohne sein Zutun zu Tode.

Doch das Hauptproblem, das sich ihm immer wieder stellt, besteht darin, die wahre Identität des Gesuchten herauszubekommen, den Mann zu finden und ihn dann mit seinem Verbrechen zu konfrontieren. Auch Nummer drei ist nicht einfach zu finden. Kirth weiß nur, dass der Mann Viole Falushe heißt, aber ob er sich immer so nannte, ist unklar. Und wie er aussieht, weiß er bis zuletzt nicht.

Auf einem Planeten, wo die Giftmischerei eine ehrenwerte Kunst darstellt, erfährt er von einem zum Tode Verurteilten, dass ein Mann von der Erde vor Jahren mit einer Ladung junger Sklavinnen landete und alle verkaufte. Gersen findet eine der überlebenden Sklavinnen und befreit sie. Er erfährt, dass ein Mann namens Vogel Filschner ihre Mädchengruppe entführte und dann verkaufte, doch das Mädchen Jheral Tinzy, das er eigentlich besitzen wollte, bekam er nicht. Sie nahm nicht an jenem Ausflug teil. Jheral Tinzy hatte ihm das Herz gebrochen, und weil er keine Kränkung hinnehmen kann, will sich Vogel Filschner an ihr rächen.

Gersen fliegt zur Erde, lässt sich als Journalist akkreditieren und sucht nach Spuren von Filschner. Dabei stößt er auf den verrückten Dichter Navarth, der offenbar mit seinen Gedichten (drei davon sind im Buch abgedruckt) Filschner auf dumme Gedanken gebracht hatte. Navarth wird von einer jungen, sehr schweigsamen Frau begleitet, die er Drusilla Wayles nennt. Gersen findet heraus, dass sie fast genau wie Jheral Tinzy aussieht. Was hat das zu bedeuten? Drusilla wurde Navarth zur Erziehung in Obhut gegeben. Leider hat der Verrückte seine Sache nicht besonders gut gemacht.

Mehrere Kontaktversuche und eine fein gestellte Falle schlagen fehl. Da wird Navarth von Viole Falush auf seinen Planeten eingeladen, um in dessen „Palast der Liebe“ eine schöne Zeit zu verleben. Der Dichter sagt seinem Freund nicht nein und nimmt natürlich seinen Auftraggeber Gersen mit. Drusilla ist verschwunden. Wahrscheinlich von Viole entführt.

Doch im „Palast der Liebe“, einem Garten der Lüste, ist Viole Falushe in keiner Weise aufzuspüren oder zu identifizieren. Bis er ihn stellt, hat Gersen eine knifflige Aufgabe zu lösen, die durch die Tatsache, dass Jheral Tinzy inzwischen mehrfach geklont wurde, nicht einfacher wird.

_Mein Eindruck_

Viole Falushe ist ein Verbrecher aus enttäuschter Liebe: Jheral Tinzy gab dem eigenbrötlerischen Schulkameraden stets einen Korb, und so sann er auf Rache. Diese lief leider zunächst schief, indem er nur ihren Schulkameradinnen – den Schulchor – entführen konnte, doch Vogel Filschner, wie er sich zunächst nannte, schlug wieder zu. Doch er fand das Original nicht zufrieden stellend. Am Schluss sammelt Gersen Jheral Tinzys „Klone“ (Das „Klonen“ erfolgt durch Selbstbefruchtung wie bei gewissen Tierarten: Parthenogenese) ein, die alle Drusilla genannt werden. Es ist interessant zu sehen, wie Viole sie seelisch deformiert hat, um Vergeltung zu üben.

Denn Viole will nun mehr als Liebe: Er will „Unterwerfung, demütig zitternde Selbsterniedrigung aus einer Mischung von Liebe und Furcht heraus“. Jedes Abbild wird von Violes Dienern anders ausgezogen und ausgebildet. Er hofft, dass wenigstens eine von ihnen seinen Geschmack treffen kann. Er würde immer so weitermachen, bis er sich schließlich besänftigt, vervollständigt fühlt und seine Kränkung wieder ausgeglichen ist.

|Unterworfene Liebe|

Eine der Drusillas lässt er an einem abgeschiedenen Ort aufziehen und ihr von Dienern eintrichtern, dass sie hier auf einen Mann warten müsse, der kommen werden, um sie zu seiner Frau zu machen. Dazu kommt es auch: Gersen hat Probleme, die heftige Zuneigung dieser jungen, schönen Drusilla abzuwehren. Hier zeigt sich das Märchen von Aschenputtel von einer wenig romantischen Seite. Der Prinz rettet Cinderella nicht, sondern hat sie zu seiner Unterhaltung selbst ins Elend des einsamen Wartens gestoßen.

Eine andere Drusilla ist die Hohepriesterin des Arodin-Kultes. Der Gott Arodin ist nur eine andere Gestalt für Viole Falushe selbst. Doch als Viole einmal selbst kam und Unterwerfung forderte, verweigerte sich ihm diese Drusilla und zerstörte das Gesicht seines Standbild. Ironischerweise weiß Gersen dadurch wieder nicht, wie Viole denn nun aussieht. (Die Drusilla, die Navarth aufzog, wurde bereits erwähnt. Auch sie bietet Gersen ihre Liebe an.)

|Gefangener der Rüstung|

Doch tragischerweise hat Gersen ein ähnliches Problem wie Viole, das ihm verbietet, Liebe, wenn sie ihm angeboten wird, anzunehmen. Er ist ebenso ein Monomane wie all die anderen Verbrecher. Er hat sein Leben ihrer Verfolgung und Tötung geweiht. Eine Begleiterin nach der anderen verlässt ihn, um einen Partner zu suchen, der sich ihr besser widmen kann. Am Anfang des Buches ist dies Alusz Iphigenia, die er aus dem Gefängnis (in „Die Mordmaschine“) befreit hat. Am Schluss schickt er Drusilla Wayles weg, was sie sehr traurig macht. Wenigstens hat er seine Pflicht als ihr Beschützer erfüllt. Wenn er ein „Ritter in schimmernder Rüstung“ ist, so bleibt er offenbar ein Gefangener seiner Rüstung. Was die Damen sicherlich nicht glücklich macht.

|Garten der Lüste|

Den Gegensatz zu dieser echten Liebe bildet das, was der „Palast der Liebe“ an Lustbarkeiten bietet. Obwohl es keineswegs geschildert wird, so scheint sich Gersen, nach Navarths Worten, auch der „Hurerei“ hingegeben zu haben, denn das bequeme Ambiente des „Gartens der Lüste“ und die willfährigen Diener beiderlei Geschlechts laden direkt dazu ein, sie zu benutzen. Gersen gerät in Gefahr, sich davon korrumpieren zu lassen, doch seine Monomanie bringt ihn davon ab. Sie hat also nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch etwas Gutes bewirken.

In der Folge hat Gersen einen aufschlussreichen Dialog mit einem Abbild des Verbrechers, auch wenn er diesen selbst nicht sehen kann. Dabei zeigt sich der geradezu infantile Gerechtigkeitssinn Viole Falushes – er ist immer noch ein kleiner Vogel Filschner, der sein gekränktes Herz heilen will – indem er andere unglücklich macht. Und selbst wenn sie unschuldig sind wie Drusilla Wayles, so zeiht er sie doch der Untreue. Er ist nicht nur infantil, sondern auch noch zutiefst selbstgerecht. Kein Wunder, dass Liebe sich für ihn immer mit Unterwerfung paaren muss.

|Eine religiöse Komödie|

Die Druiden bilden einen ironischen Gegensatz zum Garten der Lüste. Sie sind strenggläubig und versuchen die Gäste des Palastes zu bekehren. Das gelingt ihnen leider nur schlecht, denn einer der ihren, der junge Hule, wird abtrünnig und verliebt sich sich in die schöne Billika. Um die beiden für ihren Frevel – obwohl Billika nicht dem Orden angehört – zu bestrafen, werden sie lebendigen Leibes begraben. Das funktioniert ebenfalls nicht, denn ein Helfer hat ihnen einen Tunnel gegraben, durch den sie den tödlichen Erdmassen entkommen können.

Dieser herrlich ironische Vorgang, den man auch als religiöse Komödie bezeichnen könnte, wird in sehr sachlichem Ton erzählt und keineswegs aufgebauscht. Eben wurde das Paar noch begraben, und im nächsten Moment setzt es sich mit den anderen Gästen an den Tisch. Dass dies eine Überraschung ist, muss der Leser schon selbst merken. Die Überraschung der Druiden lässt zumindest nichts an Heftigkeit zu wünschen übrig. Einer von ihnen verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Man sieht also, dass Vance auch sehr schalkhaft und ironisch erzählen kann. Man muss allerdings den eigenen Verstand benutzen, um dies auch zu erkennen.

_Die Übersetzung und Ausstattung_

Die Übersetzung durch den Herausgeber Andreas Irle wirkt an vielen Stellen unbeholfen und trägt nicht immer zu Erhellung dessen bei, was im Original gemeint ist. Beispielsweise das Wort „Strikturen“. Das deutsche Wort „Striktur“ bedeutet laut DUDEN „Verengung eines Körperkanals“. Das ist aber nicht gemeint, wenn von der „strengen Befolgung von Ordensregeln“ durch die in den „Palast der Liebe“ gebrachten Druiden die Rede ist. Es gäbe noch weitere solche schiefen Eins-zu-eins-Übersetzungen aufzuzählen, aber das wäre müßig. Auch das Zuweisen von falschen Personalpronomen und Artikeln gehört zu den Fehlern, die das Lesen erschweren.

Viel ärgerlicher sind die unzähligen Druckfehlern, die auf praktisch jeder Seite auftreten und so einen Genuss des Textes gar nicht erst aufkommen lassen. Einzige Ausnahme sind die Gedichte. Das englische Original ist in den Haupttext integriert, so dass nichts falsch gemacht werden konnte. Die Übersetzung findet sich jeweils im Anhang, und bezeichnenderweise stammt sie nicht von Irle, sondern vom bekannten Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs. Auch hier sind keine Fehler festzustellen.

In den Credits am Schluss des Buches hat der Herausgeber vergessen, seine Vorlage zu aktualisieren. Da heißt es an einer Stelle, der Titel der |Heyne|-Ausgabe habe „Die Mordmaschine“ gelautet, Das ist nicht zutreffend, denn so hieß Band 2. Band 3 aber trug den Titel „Der Dämonenprinz“ (erschienen 1969 unter der Nummer H3143).

Weil aber die |Heyne|-Ausgabe wie auch Band 1 und 2 gekürzt war, so erhält man von Irle endlich die komplette Ausgabe dieses Romans. Allerdings mischt sich in die Freude darüber eine Menge Wermut, die sie einem vergällt.

_Unterm Strich_

Im Abschnitt „Der Autor“ lege ich näher dar, warum die Lektüre eines Vance-Romans immer etwas Besonderes ist: Die fremdartig-faszinierende Oberfläche ist wunderschön, manchmal ein wenig abstoßend (Ästhetik des Hässlichen), doch die darunter liegende Handlung bleibt von einer unbefriedigenden Seichtheit, die den Leser nicht besonders beansprucht. Dass Vance in Zweiten Weltkrieg (s. u.) bei der Handelsmarine diente und auf diesem Weg zahllose Kulturen (die heute zum Teils bereits ausgerottet sind) kennen lernte, schlägt sich in seinem farbigen Beschreibungen positiv nieder. Ganz besonders mag er Masken und Maskenbälle.

Hin und wieder fragte ich mich, warum ich dieses Buch eigentlich weiterlesen sollte. Die Antwort war immer die gleiche: Ich wollte wissen, wer der gejagte Verbrecher wirklich ist. Und listigerweise verschiebt der Autor die Antwort auf diese Frage bis ganz zum Schluss. Es dauert sogar an die 180 Seiten, bis Gersen überhaupt auf die Welt des Gesuchten gelangt, und noch einmal 30 bis 40 Seiten, bevor er überhaupt mit ihm sprechen kann. Dadurch wird die Dramaturgie des Geschehens eine ganz andere. Bis so etwas wie Action aufkommt, hat man fast schon die Geduld verloren.

Das mag der Grund gewesen sein, warum der Autor 1967 nach dem dritten Band aufhörte, an der Serie zu schreiben. Erst 1981 und 1982 komplettierte er den Zyklus: Gersen konnte die letzten zwei Verbrecher zur Strecke bringen. Der Qualitätsunterschied zu den späteren zwei Romanen ist überdeutlich. Sie sind besser aufgebaut, anspruchsvoller und actionreicher. Dass sie auch Illustrationen enthalten, ist ein willkommener Pluspunkt.

Ich würde „Palast der Liebe“ nicht noch einmal lesen, und schon gar nicht in der fehlerhaften Ausgabe von Andreas Irle. Die Gründe dafür habe ich oben unter „Übersetzung und Ausstattung“ dargelegt. Die 50 Euro kann man sich sparen.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

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|Originaltitel: The palace of love, 1967
236 Seiten
Aus dem US-Englischen von Andreas Irle, Gedichte übertragen von Gisbert Haefs|

Vance, Jack – Sternenkönig, Der (Dämonenprinz 1)

_Die Dämonenprinz-Serie_

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei Heyne erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. _Der Sternenkönig_ (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) [Die Mordmaschine]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8068 (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. [Der Palast der Liebe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2181 (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) [Das Buch der Träume]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2197 (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

Mit „Der Sternenkönig“ (Irle-Ausgabe) bzw. „Jäger im Weltall“ (Heyne-Ausgabe) beginnt eine fünfteilige Romanserie, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Jeder Roman lässt sich in einem Tag bis einer Woche lesen: So spannend die actionreiche Handlung, so kriminalistisch sind die Methoden, die der Held, Kirth Gersen, einsetzt. Er benutzt Datenbanken und Auskunftsdienste, muss Speicher entschlüsseln und verborgene Identitäten aufdecken: Alles Aufgaben, die auch heute noch an Polizisten oder Agenten gestellt werden. Was also auf altmodische Weise erzählt wird, ist eine im Grunde moderne Geschichte.

Mal angenommen, der Oberbösewicht hieße nicht Attel Malagate, sondern Saddam Hussein. Wie findet man heraus, welcher Kandidat nur ein Doppelgänger und wer der echte Saddam ist?

_Handlung_

Auf Smades Planet, der um Smades Sonne kreist, gibt es nur ein einziges Haus: Smades Gasthaus. Hier lebt niemand anderes als – Smade himself, mit seinen drei Frauen und elf Kindern. Dementsprechend pingelig ist Smade, wenn es um den Missbrauch seiner Gastfreundschaft geht, und der bahnt sich gerade an, als Kirth Gersen bei Smade übernachtet.

Ich stelle mir Smades Bewirtungsraum als eine Art Saloon vor, wie man ihn im Wilden Westen zu finden gewohnt war. Hier treffen eben Durchreisende aufeinander, und die unwahrscheinlichsten Bekanntschaften ergeben sich. Wir erfahren zunächst nichts über die Hauptfigur Gersen. Aber ein anderer Gast, Lugo Teehalt, ist recht neugierig.

Gersen war früher bei der Interplanetaren Fahndungskommission (hier noch IPCC genannt, später IPKG, der Interwelt-Koordinierungs-Gesellschaft), einer Art Interpol des Weltraums. Doch seine Polizistentage hat er hinter sich, denn er befindet sich auf einem Rachfeldzug: Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, jene Aliens zur Strecke zu bringen, die seine Familie ausgelöscht hatten. Nur Kirth und sein Großvater überlebten das Massaker, und von Opa lernte Kirth alle Tricks, Fertigkeiten und Weisheiten, die er brauchte, um zu überleben und in der Polizeitruppe seine Arbeit gut zu machen.

Nun ist die Zeit gekommen, unter Beweis zu stellen, dass Kirth wirklich überleben kann. Denn Lugo Teehalt vermacht ihm etwas ganz besonders Begehenswertes: eine neue erdähnliche Welt, die niemand sonst kennt. Dort leben in einer Art Arkadien lediglich Aliens, die Teehalt „Dryaden“ nannte, da sie Auswüchse wie Bäume hatten. Und sie stellten sich als weniger harmlos heraus als sie aussahen. Teehalt ist ein Makler und Forscher, der im Auftrag eines Mannes namens Attel Malagate den Kosmos durchforscht. Teehalt soll Malagate bei Smade’s treffen und fragt Gersen, ob er Malagate oder dessen Abgesandter sei. Gersen verneint. Mit im Raum war bis vor wenigen Minuten auch ein „Sternkönig“, ein humanoider Alien.

Der arme Teehalt wird das Opfer einer Mordkommandos, das in Smades Gasthaus aufkreuzt. Dessen Anführer, ein Mann namens Hildemar Dasce, ist grässlich entstellt und macht mit Teehalt kurzen Prozess, unterstützt durch zwei Profikiller. Während sich Kirth Gersen versteckt, haut das Mordkommando wieder ab, allerdings mit Gersens eigenem Flieger, der vom gleichen Modell wie Teehalts ist. Nun verfügt alleine Gersen über die Informationen über Teehalts Welt, die sich in dessen Monitorspeicher befinden.

Dumme Sache: Dieser Speicher ließe sich zwar meistbietend verkaufen, allerdings wird für das Abrufen der Informationen ein Dekodierungsschlüssel benötigt, den nur der Auftraggeber selbst hat. Und wie sich erweist, ist dies offenbar nicht etwa ein Mann namens Malagate, sondern einer der Leiter eines Forschungsprogramms, das an einer bekannten Uni auf einem Planeten namens Alphanor in der Rigel-Region durchgeführt wird. Hier stößt Gersen auf drei Männer, hinter denen sich der gesuchte Malagate verbergen könnte.

Inzwischen hat Gersen herausgefunden, dass es bei dem Sternkönig, der in Smades Gasthaus anwesend und dann plötzlich verschwunden war, um eben jenen Attel Malagate handelt, hinter dem er her ist. Und wer, wenn nicht so ein Sternkönig, hatte Gersens Familie ausgelöscht? Diese Sternkönige können menschliche Form annehmen und machen es sich stets zur Aufgabe, Menschen in jeder Beziehung zu übertreffen.

Gersen ist ganz nah dran, Malagate unter den drei menschlichen Kandidaten aufzuspüren, doch der Gesuchte ist auch nicht untätig. Er schickt ihm einen Killer nach dem anderen auf den Hals. Mehrmals gelingt Gersen die Abwehr, doch dann wird eine junge Frau entführt, mit der er ein Rendezvous hatte und die ihm wertvolle Informationen über die drei Männer geben konnte.

Nun gilt es, mehrere Aufgaben zu erfüllen: Die Entführte aus den Klauen von Hildemar Dasce zu befreien, den Sternkönig Attel Malagate zu entlarven und zu töten sowie Teehalts neue Welt zu beschützen. Keine einfachen Aufgaben.

_Mein Eindruck_

Die Dämonenprinz-Serie vereinigt drei von Vances Stärken: eine sehr straffe, schnell und geradlinig erzählte Handlung, die sich am Niveau der Pulp-Magazine orientiert und nicht übermäßig viel Ballast mitschleppt; schöne, aber knappe Planeten- und Landschaftsbeschreibungen; und eine klare Trennung zwischen bösen und guten Figuren. Die bösen Jungs sind so gefährlich, finster und entstellt, wie es nur geht – und das gilt nicht nur für die fünf Dämonenprinzen alias Sternenkönige, sondern auch für ihre Schergen.

Die Guten hingegen mögen zwar ebenso gefährlich sein, tun dies aber mit einem Sinn für Gerechtigkeit und Schönheit. Das gilt jedenfalls für den Privatmann Kirth Gersen. Teehalts arkadische Welt ist ebenso schön wie Pallis Atrode, die junge Dame, mit der Gersen ein Rendezvous hat, das „Fräulein in Not“. Gersen empfindet es als ebenso seine Pflicht, Schurken zu töten wie Schönheit und Unschuld zu bewahren. In beidem ist er recht kompetent.

Angesichts dieses Pulp-Stils ist es auch mit Beschreibungen psychologischer Zustände nicht weit her. Eine Innensicht findet kaum statt, vielmehr reden die Figuren allenfalls über ihre Erinnerungen – im Falle von Teehalts Welt und Gersens Kindheit und Jugend sogar Seiten lang. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die Diszplin der Psychoanalyse im Jahr 1963, als Vance dieses Buch begann, noch in den Kinderschuhen steckte; von Psychotherapie ganz zu schweigen. Und so kommt es, dass sich ein heutiger Leser wundert, warum ein Entführungsopfer wie Pallis Atrode, das möglicherweise sogar vergewaltigt wurde, völlig mit seinem Schmerz allein gelassen wird, statt eine Therapie zu erhalten.

_Unterm Strich_

Wie ein Copthriller alten Stils strebt die Handlung pfeilgerade voran, so dass sich kaum Verständnisschwierigkeiten ergeben, sondern vielmehr eine actiongestützte Spannung ergibt. Die zweite Hälfte des Buches wird aber von einem Problem dominiert, das Gersen lösen muss: Wer ist der echte Attel Malagate, der Alien, der sich als Mensch verkleidet hat? Und nachdem er das „Fräulein in Not“ gerettet hat (damit verrate ich wohl kaum etwas Unerwartetes), gelingt ihm ein Finale, das an poetischer Gerechtigkeit nichts zu wünschen übriglässt.

Gersen hat fünf Namen auf einen Zettel geschrieben: die Namen der Sternkönige bzw. Dämonenprinzen, die seine Familie vernichteten. Und somit gilt am Schluss: „One down, four to go.“

|Gebunden: 218 Seiten
Originaltitel: The Star King, 1964
Andreas Irle Verlag
ISBN-13: 978-3980456975

auch erschienen als

Taschenbuch: 160 Seiten
Heyne 1968, München
Aus dem US-Englischen übersetzt von Walter Brumm; ohne ISBN|
http://www.editionandreasirle.de

_Jack Vance bei |Buchwurm.info|:_
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[Freibeuter des Alls]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1369
[Das Weltraum-Monopol]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2188
[Staub ferner Sonnen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2201
[Emphyrio]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8041

Vance, Jack – Mordmaschine, Die (Dämonenprinz 2)

_Die Dämonenprinz-Serie_

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei Heyne erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. Der Sternenkönig (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) _Die Mordmaschine_ (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. [Der Palast der Liebe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2181 (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) [Das Buch der Träume]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2197 (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

_Von Gestaltwandlern und Prinzessinnen_

Auf seinem Rachezug durch den Kosmos ist Kirth Jersen an der zweiten Station angelangt. Der Name seines Opfers: Kokor Hekkus, ein Gestaltwandler und Dämonenprinz, der als einer von fünf Aliens an der Auslöschung von Gersens Familie beteiligt war. Diesmal wird Liebe dem Alien zum Verhängnis.

_Handlung_

In seiner Tasche trägt Kirth Gersen ein Stück Papier mit fünf Namen darauf. Es sind die Namen der fünf Dämonenprinzen (im ersten Band hießen sie noch Sternenkönige). Sie waren für das Massaker von Mount Pleasant verantwortlich , bei dem Gersens Eltern und Freunde den Tod gefunden hatten. Nur der neunjährige Kirth und sein Großvater überlebten das Blutbad.

Der Name von Attel Malagate ist bereits durchgestrichen. Der Alien starb am Ende des ersten Dämonenprinz-Romans, allerdings nicht von Kirths Hand. Der zweite Name lautet: Kokor Hekkus. Übersetzt bedeutet dieser Name „die Mordmaschine“. Der Alien ist als Liebhaber ausgeklügelter Schreckensmechanismen und Urheber sadistischer Grausamkeiten, gesucht auf jedem Planeten des besiedelten Weltraums und des Jenseits‘, doch nie dingfest gemacht.

Gersen hat keine Informationen, wie dieses Wesen aussieht und wie er es finden soll. Er arbeitet mit der Interplanetaren Polizeiorganisation IPPC zusammen und erledigt dafür Aufgaben, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch allmählich kommt er einem mysteriösen Drahtzieher auf die Spur, der immer wieder für die Entführung von wohlhabenden Personen verantwortlich gemacht wird.

Die IPCC schickt Kirth auf einen Wüstenplaneten, wo sich die Entführten bei „Intertausch“, einer Art Internierungslager und Maklerbüro, befinden, bis das Lösegeld für sie bezahlt worden ist. Wird die geforderte Summe nicht binnen der festgesetzten Frist hinterlegt, so kann jeder beliebige Bürger den Entführten auslösen und mit ihm (oder ihr) tun, was ihm beliebt.

Kirth erfährt, dass Kokor Hekkus daran arbeitet, eine Lösegeldsumme von 10 Milliarden Standardverrechnungseinheiten (SVE) aufzubringen, eine astronomisch hohe Summe, die von einer Prinzessin namens Alusz Iphigenia gefordert wird, um sie auszulösen. Sie hat sich selbst eingewiesen, um sich vor dem Zugriff des Freiers Kokor Hekkus in Sicherheit zu bringen. Doch zunächst bezahlt Kirth das Lösegeld für die entführten Kinder eines reichen Mannes, dann löst er auch noch einen Ingenieur aus. Mit diesem zusammen liefert er einem Mittelsmann von Hekkus ein äußerst seltsames Bild.

Leider schlagen die Pläne Kirths und seines Partners fehl, Hekkus bei der Lieferung des Metallmonsters zu überlisten. Statt dessen nimmt Hekkus‘ Mittelsmann Kirth gefangen und buchtet ihn im Gefängnis der Intertausch GmbH ein. Dort versucht Kirth die Prinzessin Alusz Iphigenia Eperje-Tokay kennenzulernen, zunächst mit mäßigem Erfolg. Durch einen simplen Fälschertrick gelingt es ihm, das Lösegeld für sie aufzubringen und mit ihr von der Intertausch-Welt zu entkommen, bevor Hekkus ihn wieder einfangen kann.

Nun hat Kirth mit der schönen Prinzessin endlich das Faustpfand, das sein Erzfeind mehr als alles im Universum zu besitzen begehrt. Dumm nur, dass er bis zur letzten Seite nicht weiß, wie sein Feind, der Gestaltwandler, aussieht. Es bleibt spannend.

_Mein Eindruck_

Ist das Töten von Kokor Hekkus moralisch gerechtfertigt? Diese zentrale Frage wird auf zwei unterschiedliche Weisen beantwortet. Die Antwort ist abhängig von der Erkenntnis, was dieses Wesen ist und will. Zunächst könnte Kirth den Feind töten. Doch Kirth will, dass dieser weiß, wer ihn getötet hat und aus welchem Grund. Außerdem ist Kirth noch nicht hundertprozentig sicher, was die Identität des Gestaltwandlers angeht. „Die einzige Befriedigung, die dabei zu gewinnen wäre, würde die der Erfüllung eines kleineren physiologischen Bedürfnisses sein.“ (Seite 67)

Dass das Töten von Hekkus‘ gerechtfertigt ist, erweist sich durch die Beschreibung des Zwecks, den das seltsame Gefährt hat, das Kirth und seine Ingenieurspartner für Hekkus entwerfen und bauen. In den Kopf des mobilen Forts hat Kirth & Co. zwei Energiestrahler, einen Flammenwerfer und Giftgasdüsen einzubauen. Vor einiger Zeit sei Hekkus von einer Bande Wilder gefangen genommen und misshandelt worden, und das Fort wurde „zu ihnen in einer Sprache sprechen, die sie verstünden“. (S. 64)

In der ungekürzten Originalausgabe sind die Erklärungen ausführlicher: „Um die maximale Wirkung zu erzielen, muss man jene grundlegenden Ängste identifizieren und intensivieren, die im Zielsubjekt bereits vorhanden sind. […] Mein Ziel ist es, die alptraumhafte Qualität der Furcht hervorzubringen und sie über einen annehmbaren Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten. […] Sobald eine offenbar empfängliche Gegend dafür ausgemacht worden ist, setzt der Bediener [des Forts] mit seinem besten Einfallsreichtum die Mittel ein, um diese Furcht zu verstärken und bis zu dramatischer Wirkung zu erhöhen, und sie dann um Größenordnungen auszuweiten und zu mehren.“

Mit anderen Worten: Hekkus ist nicht nur ein klassischer Terrorist, sondern ein Tyrann, der keine Grenzen achtet. Es steckt eine gewaltige Ironie darin, dass er zugleich ein Romantiker ist und sein Untergang eingeleitet wird, als die Prinzessin Alusz Iphigenia ihm ihre Hand verweigert. Sein Bemühen, ihre astronomisch hohe Lösegeldsumme aufzubringen (denn er raubt sie nicht vom Intertausch-Planeten aufgrund diverser Schutzeinrichtungen), bringt er das halbe Universum gegen sich auf – und Kirth Gersen auf seine Spur.

Der Showdown findet entsprechend des romantischen Grundthemas auf einem Fantasyplaneten statt, auf dem Burgen und Burgherren über eine von Barbaren bedrohte Wildnis herrschen.

Der finale Anblick rechtfertigt die Tötung Hekkus‘. „Der Mann auf dem Boden hatte kein Gesicht. Kopfhaut und Gesichtsmuskeln waren rosa und bläulich geädert. Die lidlosen Augen stierten unter einer kahlen Stirn hervor. Unter der schwarzen Nasenöffnung bleckte der lippenlose Mund die Zähne.“ (S. 156) „Das ist ein Hormagaunt.“ Es ist für Kirth mit keinen Gewissensbissen verbunden, dieses schneckenartige Etwas zu töten.

Kirth erklärt Hekkus wie folgt: „Er war ein Mann, dem seine starke Phantasie Segen und Fluch zugleich war. Ein einziges Leben war ihm nicht genug; er musste an jeder Quelle trinken, jede Erfahrung machen, alle Extreme erleben. […] In seinen verschiedenen Verkörperungen schuf er sich seine eigenen Epen [Heldenlegenden]. Wenn er des archaischen Lebens [auf dem Fantasyplaneten] überdrüssig wurde, kehrte er zu den anderen Welten zurück, dies einem Willen weniger unterworfen, aber nichtsdestoweniger amüsant waren.“ (S. 158)

Am Schluss hat der Held das Mädchen erobert und reitet mit ihr in den Sonnenuntergang. So ists recht.

_Unterm Strich_

Der zweite Band des fünfteiligen Zyklus um die Dämonenprinzen ist weitaus besser organisiert und übersichtlicher als der Erste. Er ist zwar besser geschrieben, aber die Action ist weitaus weniger handgreiflich geworden. Bis auf Anfang- und Schlussszenen kommt kaum einmal Action vor, was ich ein wenig schade finde. Dadurch fällt es leichter, das Buch einmal zur Seite zu legen.

Vance hat das Element der Beschreibungen fremder Welten ausgebaut, wovon insbesondere der Wüstenplanet der Intertausch GmbH interessant ist. Alle möglichen Regionen werden abgeklappert, bis der Höhepunkt mit dem Anflug der verborgenen Fantasywelt von Thamber beginnt, einer Welt, die den gleichen Charakter wie das versunkene Atlantis oder die tolkiensche Mittelerde besitzt: Ort berühmter Heldentaten (die genannten „Epen“) und mehr oder weniger tapferer Männer. Leider ist es dort auch mit der Ehre nicht allzu weit her.

|Ausblick|

Das nächste Abenteuer führt Kirth Gersen zu Viole Falush in dem Roman „Der Palast der Liebe“. Leider konnte ich diesen Band noch nicht beschaffen, und so werde ich mit Band 4 über Lens Larque fortfahren: „Das Gesicht“.

|Gebunden: 211 Seiten
Originaltitel: The Killing Machine, 1964;
Andreas Irle Verlag
ISBN-13: 978-3980456982

auch erschienen als

Taschenbuch: 159 Seiten
Heyne 1969, München
Aus dem US-Englischen übersetzt von Walter Brumm; ohne ISBN|
http://www.editionandreasirle.de

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