Vance, Jack – Durdane

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com

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