Larry Niven / Jerry Pournelle / Steven Barnes – Der Held von Avalon (Beowulf-Zyklus 1)

Beowulfs Wiederkehr

Lichtjahre von der Erde entfernt glauben zweihundert Siedler ein Paradies gefunden zu haben. Avalon nennen sie ihre neue Welt der blühenden Blumen und fruchtbaren Felder. Doch Avalon birgt ein tödliches Geheimnis. Nur Cadmann Weyland erkennt die Gefahr. Seine Warnungen werden jedoch in den Wind geschlagen. Bis eines Tages ein Ungeheuer aus längst vergangenen Zeiten auftaucht. Und wie einst der legendäre Beowulf steht Weyland allein, denn er ist der einzige kampferprobte Mann der Kolonie… (Verlagsinfo) Der actionreiche Kolonistenroman verarbeitet die Legende von Beowulf und dem Ungeheuer Grendel auf wirkungsvolle Weise.

Die Autoren

Der Mathematiker Larry Niven (*1938) ist einer der wichtigsten Vertreter der naturwissenschaftlich orientierten Science Fiction. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der „Ringwelt“ Zyklus (ab 1971). Seine bekannteste Kooperationsarbeit mit Pournelle ist der Katastrophenroman „Luzifers Hammer“, aber auch „Der Splitter in Gottes Auge“ ist sehr beliebt. Niven ist ein Spezialist im Austüfteln und Schildern fremder Welten. Seine These: Technischer Erfindergeist erweist sich letztlich als vorteilhaft. In seinem zusammen mit David Gerrold verfassten Roman „Die fliegenden Zauberer“ treten Magier ebenfalls als Erfinder einer gewissen Art auf.

Jerry Pournelle (geb. 1933) hat Abschlüsse in Mathematik, Statistik, Politologie und Psychologie. Obwohl er also wie Asimov Naturwissenschaft und Sozialwissenschaften vereint, wurde er zum klassischen ANALOG-Autor. Hard Science mit Action-Einschlag. Zusammen mit Larry Niven schrieb er die Space Opera „“Der Splitter im Auge Gottes“ (1974, dt. bei Heyne), „Inferno“ (1976) und „Luzifers Hammer“ (1977, dt. bei Heyne, Neuausgabe 2018 bei Mantikore) sowie „Todos Santos“ (dt. 1984 bei Heyne). Leider legte Pournelle wiederholt erzkonservative und militaristische Ansichten an den Tag. Kein Wunder also, dass seine Serie Söldner als Hauptfiguren aufweist.

Steven Barnes (geb. 1952) ist Kampfsportexperte und Drehbuchschreiber für Film und Fernsehen. Mit Niven schrieb er zusammen an den Romanen „Traumpark“ (dt. 1984 bei Bastei-Lübbe) und „Die Landung der Anasi“ (dt. 1986 bei Bastei-Lübbe). Eigene Romane sind „Streetlethal“ (1983) und „The Kundalini Equation“ (1986).

Handlung

Rund zwei Kolonisten sind nach langer Reise im Tiefkühlschlaf zu einer neuen Siedlerwelt gelangt, die sie Avalon nennen. Die Welt ist sehr menschenfreundlich: die richtige Gravitation, die richtige Luft, viel Wasser und sogar ein relativ freundlich Klima. Die Siedlermission dient rein wissenschaftlichen Zwecken, weil sie von der „National Geographic Society“ gesponsert wurde. Daher gibt es nur einen kampferprobten Mann an Bord: Cadmann Weyland hat in einigen Kriegen mitgekämpft. Die Erinnerungen suchen ihn immer noch heim. Seine Liebe gilt der Biologin Sylvia, doch die ist mit Terry verheiratet und erwartet von diesem schon nach kurzer Zeit ein Kind.

Die Überlebenden errichten ihre Siedlung an der Nordspitze eines Subkontinents. An den Pferchen für das Vieh und die Pferde fließt ein Fluss vorbei, den sie Miskatonic taufen, nach der Vorlage von H.P. Lovecraft. In diesem Fluss scheint es viele Lachse zu geben, die hin und wieder von „Pteranodon“ genannten Flugtieren gefischt werden. Weyland fällt auf, dass diese Räuber nur sehr kurz ins Wasser eintauchen, so als lauere dort eine Gefahr.

Vorzeichen

Die ersten Anzeichen, dass die vermutete Gefahr real ist, erhält Weyland, als er niedergerissene Zäune und angefressenes Vieh vorfindet. Sein Rat, etwas zu unternehmen, fällt jedoch bei den maßgeblichen Wissenschaftlern und besonders bei Terry auf taube Ohren. Und Zachary, der Siedlungsleiter, will keine unnötigen Ausgaben. Nur Mary Ann hängt sich an Weyland, und das mit aller Konsequenz. Sie will ein Kind von ihm. Angesichts des Frauenüberschusses muss sie ihre Chance wahren. Und ohne Kinder wird es schon bald keine Siedlung mehr geben.

Exodus

Als Weyland die Konsequenzen aus der Ablehnung seiner Verteidigungsvorschläge zieht, folgt sie ihm. Zusammen errichten sie ein richtiges Haus in einer Höhle, durch die ein Bach fließt. Dieser Aufbau wird sich noch als verhängnisvoller Planungsfehler erweisen, verschafft ihnen aber immer frisches Duschwasser. Als Gefährten haben sie zwei Wachhunde und süße einheimische Tiere, die sie Dopey Joes taufen.

Angriff

Das Raubtier, das bislang nur die Zäune getestet hat, bekommt mehr Appetit auf frisches Kalbsfleisch. Weyland hat sich auf die lauer gelegt und beobachtet es. Es handelt sich um einen effizienten Jäger, gegen den Velociraptoren harmlos aussehen. Das reptilartige Wesen ist bewehrt mit Stacheln und einem gefährlich aussehenden Schwanz, dessen Ende in einer stachelbewehrten Kugel endet – und der sich wie bei einem Skorpion mit verheerender Wirkung einsetzen lässt.

Nachdem es mehrere Vorstöße unbehelligt überstanden hat, wagt sich der Räuber eines Nachts in die Siedlung. Doch inzwischen sind die Kolonisten und ihre Wissenschaftler nicht mehr unvorbereitet. Männer haben sich freiwillig gemeldet, die an Weyland glauben, besonders der Mexikaner Carlos. Sie sind bewaffnet und zur Verteidigung entschlossen. Der erste Zusammenstoß endet für Weyland mit einer schweren Verletzung. Statt ihm zu helfen, wird er festgeschnallt, sediert und im Medizintrakt eingesperrt.

Doch keiner hat mit der speziellen Fähigkeit des Raubtiers gerechnet: Mithilfe einer Art Booster-Treibstoff kann das Biest seine Bewegungsgeschwindigkeit vervielfachen. Und das Biest erinnert sich an seinen Gegner Weyland, es sucht und findet ihn, um ihm den Rest zu geben. Ohne es zu ahnen, haben die Siedler Weyland zu einem lebenden Köder gemacht. Als es vorstößt, kennt es kein Erbarmen, um seine Beute zu erwischen. Links und rechts schleudert sein Schwanz die Verteidiger zur Seite. Es ist schneller als eine Gewehrkugel, und nichts kann etwas gegen das Grendel, wie Weyland es getauft hat, ausrichten.

Wenig später starrt Weyland seinem Killer ins Auge…

Mein Eindruck

Wie in einem klassischen Spannungsroman über Agenten oder Soldaten versteht es das Autorengespann einwandfrei, das Ausmaß der Gefahr und der Bedrohung stufenweise zu steigern. Auch aus der Heldensage um Beowulf, die ironischerweise ein christlicher Mönch aufzeichnete, wissen wir, dass das Ungeheuer Grendel das kleinere Übel war, vergleicht man es mit seiner Mutter. Und dann gab es da ja noch einen Drachen…

Auch der bekannte Actionfilm „Der 13. Krieger“ ist eine Verarbeitung der Beowulf-Sage. „Heorot“, auf das sich der O-Titel des Buches bezieht, ist im Epos wie im Film eine große Königshalle, die um jeden Preis verteidigt werden muss, soll das Menschengeschlecht nicht untergehen. Genau dies trifft auf die Siedler von Avalon zu. Nur dass sie besser ausgerüstet, aber schwerer behindert sind als Beowulf. Als Folge des Tiefenschlafs haben sie Teile ihres Gedächtnisses und ihrer Intelligenz verloren. Sie sind also alles andere als Superkrieger, sondern stehen auf einer Stufe mit den Grendels: Spezies gegen Spezies. Möge die einfallsreichere gewinnen!

Wie gut, dass die Siedler doch noch auf Weyland hören. Er weiß alles über Strategie und Taktik. Er lässt zwei Ringzäune und dazwischen ein Minenfeld anlegen. Gewehre und Harpunen gibt es genug, ebenso Elektro-Fluggeräte und Shuttles, die Frauen und Kinder zu „Geographic“ in die Umlaufbahn bringen können. Allerdings liefert die dortige Klimaanlage nur Luft für 72 Stunden. Überall stößt Weyland auf Einschränkungen und muss mit dem zurechtkommen, was er vorfindet.

Steigerungen

Nachdem mit Müh und Not sowohl das erste Grendel als auch dessen Mutter besiegt werden konnten, ist abzusehen, was folgt: Eine Revierlücke wird alsbald gefüllt. Die Siedler sehen sich gleichzeitig sechs Grendeln gegenüber. Als auch dieser Kampf überstanden und Mary Anns Schwangerschaft erfolgreich beendet ist, taucht unvermutet eine weitere Gefahr auf.

Die Biologin Sylvia hat seinerzeit nicht tief genug geforscht und zu früh Entwarnung gegeben. Nun wechseln die Lachse, die die männliche Form der Grendels darstellen, das Geschlecht – und kommen zu Tausenden an Land, um sich eine erfrischende Mahlzeit zu holen. Doch genau ihre größte Stärke, die hohe Geschwindigkeit im Sprint, vermag nun Weyland gegen sie zu verwenden…

Das Finale dieses Krieges zieht sich über mehr als hundert Seiten hin. Jeder Fan von Söldnerromanen dürfte hier auf seine Kosten kommen. Aber auch Frauen stehen ihren Mann. Carolyn hat den Job übernommen, die Pferde auf einem Eisfeld in Sicherheit zu bringen. Als sie sich einem halben Dutzend Grendels gegenübersieht, weiß sie ihre Harpune mit Sprengsätzen zu bestücken und den Räubern Saures zu geben…

Die Übersetzung

S. 264: „du[r]chstochen“. Das R fehlt.

S. 274: „Salzbri[e]se“. Das E ist überflüssig.

S. 292: „die e-Eridani-Expedition“: gemeint ist wohl der Stern Epsilon Eridani. Dem Setzer stand wohl kein griechischer Buchstabe zur Verfügung.

S. 369: „im Vergleich mit dem, was sie in der letzten zwei Tage erlebt hatte.“ Zwei Grammatikfehler deuten darauf hin, dass hier gekürzt wurde. Ersetzt man jedoch „in“ durch „innerhalb“, wird die Grammatik korrekt.

Das Buch enthält zwei Landkarten, aber keine Liste der Charaktere. Da heißt es „aufpassen!“.

Unterm Strich

Trotz des pathetischen deutschen Buchtitels sollte man sich als weiblicher oder männlicher SF-Fan nicht davon abschrecken lassen, sich dieses Actiongarn reinzuziehen. Am Anfang wird sehr auf die brüchigen menschlichen Beziehungen geachtet, so etwa auf die unerlaubte Liebe zwischen Weyland und Sylvia. leider verliert sich dieser positive Ansatz schon nach der ersten Hälfte, und die Szenen folgen wie in einem Drehbuch Schlag auf Schlag.

Positiv fand ich das unter den Siedlern verbreitete Handicap in geistiger Hinsicht: Sowohl Gedächtnis als auch Intelligenz sind vielfach beeinträchtigt – ein Handicap, das von den meisten SF-Autoren geflissentlich ignoriert wird, hier aber zu einem durchgehenden Minuspunkt für die Siedler ausgebaut wird. Es stellt sie auf eine Stufe mit den desorganisierten Grendelmonstern.

Krieg der Spezies

Der Grendelkrieg wird zu einem darwinistischen Kampf um die Vorherrschaft einer bestimmten Spezies auf Avalon. Wie in „Game of Thrones“ lautet die Devise: Siege oder stirb! Doch selbst die besten von Weylands Taktiken sind nicht wasserdicht. Immer gibt es einen unvorhergesehenen Faktor, der sich als verhängnisvoll erweist, sei es Wasser, Geruch, Unterzahl, fehlende Munition oder anderes. Noch dazu haben sich die Biologen gewaltig in der Ökologie verschätzt: Die Beziehung zwischen Grendels und „Lachsen“ wurde völlig falsch beurteilt, obwohl von westafrikanischen Fröschen (und anderen Tieren) bekannt ist, dass sie je nach Bedarf spontan ihr Geschlecht wechseln können. Man kann also sagen, dass der Roman auch ein Öko-Thriller ist.

Frauen

Die Rolle der Frauen wird, früh für einen Frontier-Roman, stark herausgestrichen. Die Frauen, die in der Überzahl sind, kenne sowohl ihre Aufgabe, neues leben hervorzubringen, als auch ihre Pflicht, dafür den oder die richtigen Partner zu wählen und ihre Kinder zu verteidigen. Zwar liefert die amerikanischen Frontier-Literatur dafür einige Vorlagen, aber die Dialoge der Frauen fand ich dennoch bemerkenswert in ihrer Ungeschminktheit des Ausdrucks der weiblichen Überlegungen.

Die 632 Seiten lange Fortsetzung „Beowulfs Kinder“ (1995, dt. bei Bastei-Lübbe) fand ich ebenso gut. Die Besprechung findet sich online.

Taschenbuch: 413 Seiten
Originaltitel: The Legacy of Heorot, 1982
Aus dem Englischen von Heiko Langhans
ISBN-13: 9783404230891

www.luebbe.de

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