Lewis Shiner – Frontera

Die Macht des Mythos: riskante Abenteuer auf dem Mars

Kane hat den Auftrag, die aufgegebene NASA-Siedlung Frontera auf dem Mars zu besuchen und mal zu sehen, was sich für seinen Auftraggeber Pulsystems dort holen lässt. Er findet Schätze – und findet heraus, dass er darauf programmiert worden ist, sie um jeden Preis zur Erde zu bringen, koste es, was es wolle… (aus der Verlagsinfo)

Der Autor

Der US-amerikanische Autor Lewis Shiner, geboren 1950, ist ein Science-Fiction-Autor, der zunächst mit SF anfing, dann aber in den Mainstream wechselte, wenn er auch häufig Magischen Realismus und Fantasy-Elemente verwendete. Geboren in Texas, lebt er nun in North Carolina. Er graduierte 1973 an einer Uni der Methodisten.

In seinen Romanen beschäftigt er sich häufig mit Musik. In „Schatten klänge“ (Glimpses, 1993; dt. bei Goldmann) spekuliert er über die nie aufgezeichneten Platten von Jimi Hendrix, Jim Morrison, Brian Wilson und den Beatles. In „Say Goodbye: The Lauroe Moss Story“ (1999) zeichnet er Aufstieg und Fall einer fiktiven Musikerin nach. „Slam“ (1990) hat Anarchismus und Skate Punk zum Hintergrund.

Im Shared Universe von George R.R. Martins Antho-Zyklus „Wild Cards“ erschuf Shiner den bemerkenswertesten Charakter, nämlich den Tantra-Sex-Zuhälter Fortunato (der wiederum eine Figur aus E.A. Poes Kurzgeschichte „Das Fass Amontillado“ ist. Im SF-Genre veröffentlichte er die Romane „Frontera“ und „Verlassene Städte des Herzens“ (ein von einem CREAM-Song entliehener Titel).

Handlung

Vor zehn Jahren sind die Regierungen der Welt zusammengebrochen. Sie hatten kein Geld mehr. Als in Nordafrika der Krieg um ein Biotechniklabor ausbrach, versagte die US-Regierung. In den USA sind jetzt die Konzerne am Drücker, in der ehemaligen Sowjetunion die Gewerkschaften. Dementsprechend unterschiedlich haben sich die semi-privaten Raumfahrtprogramme entwickelt.

Kane

In Nordafrika war Kane als Söldner dabei und wurde schwer verletzt. Er erwachte in Texas in einer Klinik, die seinem Onkel Morgan gehört. Was er (noch) nicht weiß: Der hat ihm einen Bio-Chip einsetzen lassen, der programmierbar ist. Morgan ist sich selbst der nächste, und seit er aus dem Nordafrika-Labor die Technik geklaut hat, ist er ein mächtiger Mann. Doch die Japaner haben bei ihm investiert und wollen Profite sehen. Also beschließt Morgan, Kane ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann: eine Reise zum Mars.

Dort gab es bis vor wenigen Jahren zwei Kolonien, Frontera mit Ami-Kolonisten und Marsgrad mit Sowjets. Nach dem Krieg waren sie auf sich selbst angewiesen, die russischen Überlebenden schlugen sich zu den Amis durch, und das alles unter den Augen des letzten amerikanischen Astronauten Reese. Dieser Reese soll die Reise zum Mars leiten, denn es sei möglich, dass Frontera noch existiere. Auf jeden Fall aber soll es dort einen Schatz zu heben geben: einen Materietransmitter.

Reese

Neben Kane und Reese, der das Team ausbildet, sind noch die attraktive Biologin Lena und der japanische Partner Morgans, Takahashi, von der Partie, zwei weitere Kandidaten werden nach gewissen Vorfällen aussortiert. Bei diesen Vorfällen erfährt Reese, dass Morgan immer noch Verbindung zu Frontera: Unter den Siedlern dort ist eine Verräterin. Aber Reese will seine Tochter Molly wiedersehen, die möglicherweise seine Enkelin geboren hat. Er muss hin – um dort zu sterben.

Frontera

Nach neun Monaten erreicht das winzige, uralte Raumschiff den Mars. Auf dem Mond Deimos kapern sie ein Landemodul, und Reese lässt die Diskette mit den Daten des Observatoriums mitgehen -ein Mitbringsel für Molly. Da Morgan sie gewarnt hat, dass ein russisches Raumschiff ebenfalls auf dem Weg ist, beeilen sie sich. Die Landung in der Nähe des Arsia-Mons-Vulkans ist brutal hart und bricht Kane zwei Rippen. Der Schmerz macht ihn nicht unbedingt geduldiger.

Gouverneur

Ein Begrüßungskomitee empfängt sie, geleitet vom „Gouverneur“ Curtis, dem Mann von Molly. Curtis, ein Glatzkopf mit Zügen von Paranoia, macht sich keine Illusionen, wozu die Erdlinge gekommen sind: Sie wollen die kleine Kolonie nicht retten, sie wollen etwas anderes – aber was? Molly hat es ihm noch nicht verraten. Sie weiß, dass ihre gengeschädigte Tochter Sarah ein Physik-Genie ist und mit ihren Freunden eine geniale Maschine gebaut hat. Aber wozu ist es gut, wenn man ein Antimaterie-Container und einen Materietransmitter besitzt?

Fortan verfolgt jeder der Neuankömmlinge seine eigene Agenda. Lena lässt sich mit Curtis ein, und Kane treibt es mit der betrogenen Molly. Doch Reese begibt sich direkt zu Sarah und gibt ihr die Diskette: Sie soll ihn zu den Sternen schicken. Null problemo!

Kane hat in seinem Seesack einen Revolver mit Munition entdeckt: Morgan muss ihm die Kanone eingepackt haben. Was er damit tun soll, flüstern ihm die Stimmen ein, als er erstmals Curtis erblickt. Die Träume von Helden wie Jason weisen ihm den Weg: Er muss den König töten, die Königin entführen, den Schatz rauben und triumphierend in die Heimat zurückkehren.

Konkurrenz

Aber kann die Wirklichkeit so einfach sein? Als die Russen landen und den Transmitter für sich reklamieren, drohen sie, die Kolonie zu vernichten. Rasch eskaliert die Situation und Kane findet heraus, wozu seine Waffe gebraucht wird……

Mein Eindruck

Die Grundidee ist recht reizvoll. Hier wird die griechische Sage von Jasons Fahrt mit den Argonauten in die Zukunft verlegt. Jason ist der Held, soll das Goldene Vlies, den Schatz des Königs von Kolchis, rauben und bandelt natürlich mit der Prinzessin Medea an. Die verrät ihren Vater und entkommt mit Jason – und dem Schatz. Doch die Geschichte geht bekanntlich nicht gut aus: Medea vergiftet Jason, um sich für seine Untreue zu rächen.

Der Tanz der Marionette

Dieser alte Mythos wird nun für Kane Realität: Er ist im Bio-Implantat eingebaut, wird ihm von dort ins Unterbewusstsein eingespeist. Aber kann oder muss er auch Jasons Auftrag wortgetreu erfüllen? Ist er nur eine Marionette, die an Morgans Fäden hängt und nach dessen Pfeife tanzt?

Es gibt den Schatz, der unglaublicherweise nicht nur einen Materietransmitter, sondern auch Antimaterie umfasst. Da ist der König namens Curtis, der eine Frau namens Molly hat, die nun an Medeas Stelle tritt. Doch es gibt nicht nur einen Joker im Spiel, sondern gleich zwei – und von denen hat ihm Morgans nichts gesagt. Da ist Reese, der auf Droge ist, der Vater von Molly. Und da sind die Russen, die den Schatz ebenfalls haben wollen, notfalls mit Waffengewalt.

Ausbruch des Helden

Kane durchschaut die Macht des Mythos, der er sich nicht entziehen kann – er steckt ja implantiert in seinem Hirn. Aber muss er wirklich den „König“, also Curtis, umbringen, und mit Molly quasi in den Sonnenuntergang segeln? Wo bleibt da seine eigene Willensfreiheit? Als Curtis den „Schatz“ an sich bringt und fliehen will, brechen die Schranken, die sowohl Kane und Molly, aber auch die russische Kommandantin bislang gefangen gehalten haben. Die Frage ist allerdings, ob aus der Katastrophe etwas Gutes für Frontera hervorgehen wird – oder das endgültige Scheitern.

Helden sind im antiken Mythos, egal ob in Griechenland, Rom oder Asien, stets Abgesandte der Götter, um das verfügte Schick-Sal auszuführen. (Der Autor hat die von Joseph Campbell gezeichnete Heldenreise laut Nachwort ganz genau studiert und größtenteils umgesetzt.) Kane sieht sich als solch eine Heldenfigur, aber im Laufe der Handlung gerät er immer mehr ins Zwielicht und wird vom Leser in seiner Legitimität angezweifelt. Der Autor führt den Leser auf verschlungenen Pfaden dahin, sich zu fragen, ob Helden vielleicht nicht doch eine veraltete Form des Handelns sind.

Gangsterbraut

Dem dubiosen Helden Kane (ein überaus marsianisch vorbelasteter Name) steht Molly gegenüber, die wieder mal die sprichwörtliche Gangsterbraut spielt: als Frau von Curtis, dem selbsternannten Gouverneur. Sie emanzipiert sich unter dem Einfluss der Begegnungen und Ereignisse. Zuerst muss sie von ihrem eigenen Vater Reese Abschied nehmen und wird so befreit. Als dann ihre Tochter Sarah von Curtis gezwungen wird, den „Schatz“ herauszugeben, ist eine Grenze überschritten. Nun zeigt Curtis sein wahres Gesicht: das eines manipulativen Despoten, der alle überwacht. Dass er die Höhle der jungen Genies als einzigen Ort nicht überwacht hat, wirkt deshalb wenig plausibel.

Renegatin

Der Gegenentwurf zu Molly ist Majorin Majakenska. Die Russin ist eine Selfmade-Woman, die nach dem Zusammenbruch der russischen Regierung etwas Neues aufgebaut hat: das postsowjetische Raumfahrtprogramm. Sie verbündete sich dazu mit einem Vertreter der Gewerkschaften, deren Abgesandter Tschaadajew im Raumschiff zurückbleibt, während sie landet und sich mit dem letzten Überlebenden von Marsgrad verbündet.

Die Majorin ist eine Frau der Tat und spielt ihre Karten richtig aus. Doch ihr Gegenspieler Curtis holt einen Trumpf aus dem Ärmel, mit dem sie nicht gerechnet hat… Als Tschaadajew sie verrät, greift sie zum letzten Mittel, um aus ihrem eigenen Scheitern etwas Gutes hervorzubringen. Für mich ist sie die eigentliche Heldin der Handlung.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist Peter Robert durchaus gut gelungen. Sie ist ziemlich zutreffend und flüssig zu lesen. Seine vielen Erklärungen in den Fußnoten waren mir höchst willkommen.

S. 101: „Kane hatte nur einmal, als er stolperte, ein ernstes vestibuläres Problem.“ Was für ein Problem ist, ergibt sich nur aus dem Kontext der beschriebenen Situation: Sein Gleichgewichtsorgan im Innenohr sendet seinem Kleinhirn falsche Signale. Hier hätte eine Fußnote viel Nutzen gebracht.

S. 107: „Die Luft [in Ägypten] stank nach verfaulenden Katfischen…“ Ich habe noch keinen Katfisch gesehen, wohl aber von „catfish“ gehört: Gemeint sind Flusswelse. Die sind z. B. in Memphis, Tennessee, eine willkommene Speise, wie man aus einem beliebten Song weiß.

S. 145: „aber der Antrieb [der Wand] blätterte ab und begann zu verblassen.“ Auch dieser Satz ergibt zunächst überhaupt keinen Sinn. Erst wenn man „Antrieb“ durch „Anstrich“ ersetzt, wird ein Schuh draus.

Eine Mars-Karte zeigt, wo Frontera liegt: Westlich der Valles Marineris erhebt sich die Kette von Marsvulkanen, von denen Olympus Mons der höchste Berg des Sonnensystems ist. Arsia Mons, an dessen Flanke Frontera liegt, liegt fast genau südlich davon, ganz in der Nähe.

Unterm Strich

Warum dieser Roman im Umfeld der Schublade „Cyberpunk“ einsortiert wurde, kann ich nur schwer nachvollziehen. Wahrscheinlich liegt es an Kanes Bio-Implantat, denn die Verbindung zwischen Mensch und Maschine – der „Biochip“ – war einer der Standard-Gimmicks des Cyberpunk. Die deutsche Übersetzung von William Gibsons Roman „Count Zero“ trug sogar diese Bezeichnung.

Wie auch immer: Cyberpunk ist dies jedenfalls nicht, obwohl sich der Autor bei dessen wichtigsten Vertretern William Gibson und Bruce Sterling bedankt. Dafür spielt der antike JASON-Mythos eine viel zu dominierende Rolle. Die spannende Frage lautet, wie viel Willensfreiheit die Männer Reese und Kane einerseits, und die Frauen Majakenska und Molly andererseits aufbringen können, um erstens die Kolonie vor dem Untergang zu bewahren – und zweitens die Erde vor der Vernichtung durch Antimaterie. Jasons „Schatz“ ist nämlich zugleich auch die Büchse der Pandora.

Zuwenig Initiative – und der Despot Curtis gewinnt. Zuviel Initiative, und eine Kugel aus Kanes Revolver, die die Kuppelwand Fronteras durchschlägt, genügt, um alle Menschen, Tiere und Pflanzen umzubringen. Man braucht keine Kenntnisse in Astrophysik, um sich die Folgen eines plötzlichen Druckverlustes vorzustellen – es gibt dafür genügend Beispiele in Filmen.

Die Handlung baut ihre Spannung langsam, aber systematisch auf. Es dauert rund hundert Seiten, bis die Geschichte von Reese, Kane, Molly und Majakenska erzählt ist – die kritische Masse ist erreicht. Das genügt, um dem Rest der Handlung Schub zu verleihen, bis es zum doppelten Finale kommt. Ich habe den Roman in wenigen Tagen gelesen und es nicht bereut, diese Zeit investiert zu haben.

Taschenbuch: 287 Seiten
Info: Frontera, 1984; aus dem US-Englischen von Peter Robert
ISBN-134: 9783453050204
www.heyne.de

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