Micael Dahlén – Monster. Rendezvous mit fünf Mördern

Ein Mann und sein Hobby

Micael Dahlén ist Universitätsgelehrter mit einem sorgfältig verborgenen Hobby: Tagsüber doziert er über Marketing und Kundenverhalten, nach Feierabend pflegt er sein umfangreiches Archiv über Serienmörder. Sein Interesse entzündete sich an der Frage, wieso diese Menschen, die grausame Taten oft in Serie begehen, in der populären Kultur sowie in der modernen Medienwelt allgegenwärtig sind und eigene Fangemeinden besitzen, die sie wie Filmstars oder ähnlich prominente Zeitgenossen verehren.

Dahlén beschließt, Nachforschungen anzustellen. Sein Gelehrtenstatus hilft ihm, persönlichen Kontakt zu Serienkillern aufzunehmen, die normalerweise öffentlichkeitsfern abgeschottet in Gefängnissen sitzen. In seinem Buch stellt er fünf von ihnen vor bzw. berichtet von seinen Begegnungen mit diesen Menschen.

Fünf Begegnungen der besonderen Art

„Der japanische Riese“ ist Issei Sagawa, ein körperlich kleingewachsener Japaner, der 1981 als Student in Paris eine Kommilitonin erschoss und ihre Leiche verzehrte. Nach kurzer Haft schob man ihn nach Japan ab. Da er hier kein Verbrechen begangen hatte, konnte er unter Nutzung einer juristischen Lücke freikommen. Seitdem ist Sagawa prominent, lässt sich als feinfühliger Kannibale vermarkten und kann als Künstler, Autor und Medienstar gut davon leben.

„Der dänische Dämon“ ist Peter Lundin, der 1991 in den USA seiner Mutter das Genick brach, 1998 vorzeitig entlassen bzw. nach Dänemark abgeschoben wurde. Dort geriet er erneut auf die schiefe Bahn und brachte 2000 seine Lebensgefährtin und ihre beiden Kinder um. Im Gefängnis gibt Lundin sich als moral- und reuefreier Freigeist, der seine Prominenz nutzt, um weibliche Groupies anzulocken.

„Die giftige Großmutter“ ist Dorothea Puente, die in den 1980er Jahren im kalifornischen Sacramento ein Heim für psychisch gestörte und alkoholkranke Menschen einrichtete, von denen sie mindestens neun ermordete, um an deren Geld zu kommen. Für ihre Taten wanderte sie lebenslang hinter Gittern (wo sie kurz nach der Erstveröffentlichung von Dahléns Buch starb), bekam aber endlich die Aufmerksamkeit, nach der sie sich zeitlebens gesehnt hatte.

„Der gemarterte Schütze“ ist Wayne Lo, der im Dezember 1992 im US-Staat Massachusetts an seiner Schule Amok lief, dabei zwei Menschen tötete und vier schwer verletzte. Dahlén stellt fest, dass Lo seine Tat auch deshalb bereut, weil er sie zu einer Zeit beging, als die Medien noch nicht allgegenwärtig waren, und er deshalb in Vergessenheit geriet, während heute Amokläufer selbst nach ihrem Tod auf enorme Resonanz hoffen können.

„Der Erlöser aus der Hölle“ ist der Sektenführer Charles Manson, dessen „Familie“ 1969 in seinem Auftrag neun Menschen abschlachtete, um einen von ihm gewünschten Rassenkrieg zu entfachen. Manson übt auch viele Jahrzehnte später und aus seiner Zelle eine gewaltige Faszination aus und ist zu einer Pop-Ikone avanciert, deren Anhänger die sinnlose Brutalität seiner Taten problemlos ausblenden können. In der Kunsthalle Hamburg fand 2009 die Ausstellung „Man Son 1969 – Vom Schrecken der Situation“ statt, für die 35 Künstler sich inspirieren ließen, über Manson und die dunklen Seiten der Hippie-Revolution zu arbeiten.

Reflexion und Überprüfung

Dahlén begibt sich mit seinem Buch auf Glatteis. Er hat nicht nur ein schwieriges Thema gewählt, sondern beschreibt auch sehr offen, wie ihn die Faszination, die Mörder ausüben, selbst in ihren Bann gezogen hat. Dahlén nimmt dies als Anlass, eine nicht unbedingt neue aber in dieser Klarheit selten gestellte These zur Diskussion zu stellen: Hat die Gier auf einen Prominentenstatus heute ein Maß erreicht, das Mord als Instrument zum gesellschaftlichen Aufstieg einschließt?

Die Provokation ist natürlich gewollt, und Dahlén überspitzt in seiner Argumentation. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Mord zum populärkulturellen Phänomen geworden ist. Nachdem Dahlén von der Begegnung mit fünf Mördern berichtet hat, verlässt er deren Dunstkreis, um abseits von Manipulation und Anziehungskraft ein unabhängiges Urteil zu fällen. Dabei bedient er sich wissenschaftlicher Methoden und führt mehrere Befragungen durch, die an den Tag bringen, dass sich Menschen in der Tat allgemein stärker für Menschen interessieren, die gemordet haben. Darüber hinaus gelten Mörder als willensstarke ‚Macher‘ und Rebellen gegen das Establishment.

Damit werden sie wie die Stars & Sternchen aus Film und Musik zu Projektionsfiguren. Die unzufriedene Masse lehnt zwar den Mord an sich ab, fühlt sich aber zum Mörder als Ausnahmegestalt hingezogen: Er oder sie hat etwas getan, was ihn oder sie von der Masse abhebt – eine kollektive Sehnsucht, die sich für die meisten Menschen nicht oder nur in ihren Träumen erfüllt.

Der Wunsch, bekannt zu sein

Zumindest in seinen Träumen, so destilliert Dahlén aus seinen Fragebögen, ist quasi jeder Mensch ein potenzieller Mörder. Die Vorstellung, lästige Zeitgenossen gewaltsam aus dem Weg zu räumen, ist als Ventil für unterdrückte Wut womöglich wichtig, da es in der Regel bei Träumen bleibt.

Da Mörder als Star oder moderner Mythos ist nach Dahlén möglich, weil seine Bewunderer sich die Hände nicht selbst blutig machen müssen: Die Tat ist schon begangen, die Schuld trägt nur der Mörder. Deshalb ist es tragbar, den Kontakt zu ihm oder ihr zu suchen. Das hat inzwischen bizarre Formen angenommen. Dahlén schildert die Machenschaften einer Industrie, die enorme Einkünfte durch den Handel mit „Murderabilia“ generiert: Autogramme, Zeichnungen – Gekritzel genügt – und Haarsträhnen von Mördern oder – noch besser – Eigentum aus Mörderbesitz, das – der Jackpot für einschlägige Sammler – in Gewalttaten involviert war. Die Käufer sind gut betuchte Durchschnittsmenschen, die über ihrer Bar das Gemälde eines Killers aufhängen, um beim Partytalk darauf zu verweisen: Der Unwichtige sonnt sich im geborgten Glanz, der ruhig blutig sein kann. Mörderabilien werden zu Requisiten – oder gar Reliquien?

Zu den großen Ärgernissen der inhaftierten Mörder gehört es, dass sie selbst von den Früchten ihrer Taten nicht profitieren können. Das Gesetz schiebt solchen Auswüchsen nicht nur in den USA einen Riegel vor. Dennoch werden erstaunliche Summen umgesetzt. „True Crime“ ist ein Markenzeichen. In Serienmorden ermittelnde Polizeibeamte, Verteidiger oder Sachverständige schreiben Bücher und Drehbücher oder treten im Fernsehen auf, Reporter gehen in die Gefängnisse, wo die Mörder sich selbst vor der Kamera einem stets neugierigen Publikum präsentieren und Hof halten können. Solche Praktiken sind nicht verboten. Vor allem das Fernsehen lebt davon, wie Dahlén in Gesprächen mit Hollywood-Produzenten und Autoren recherchiert.

Gleichzeitig haben sich die moralischen Standards verschoben. Dahlén nennt die Jack-the-Ripper-Morde, die vor allem deshalb so berühmt wurden, weil eine in der Entwicklung befindliche Sensationspresse nach Schlagzeilen gierte. So ist es geblieben, die Grenzen zwischen Berichterstattung und Voyeurismus sind fließender denn je. Die Folgen können fatal sein. Dahlén erinnert an den Fall Jack Unterweger, der sich vom Mörder zum Schriftsteller, Party-Liebling und Medien-Star hocharbeitete – und seine Prominenz nutzte, um 1991/92 mindestens neun weitere Frauen umzubringen.

Über das Ziel hinausgeschossen

Micael Dahlén ist sich dessen bewusst, dass er sich mit seinem Buch selbst in die Schar deren einreiht, die den „Monstern“ jene Aufmerksamkeit bringen, nach der sie gieren, während die Angehörigen und Freunde der Opfer einmal mehr an ihren Schmerz und ihre Trauer erinnert werden. Zwar beschäftigt sich Dahlén ausgiebig mit dem Prozess, die ihn vom Wutbürger zum faszinierten Gast von Mördern mutieren ließ, der schließlich von den Abgründen der eigenen Seele entsetzt war und sich dem sachlich bzw. wissenschaftlich stellte. Von Objektivität kann jedoch keine Rede sein. Ob Dahlén selbst sie für sein Buch einfordert, bleibt unklar. Vielleicht ist es auch besser, dass er offenlässt, ob er die latente Bewunderung endgültig überwunden hat.

„Monster“ ist lesenswert als persönliche Reise und Auseinandersetzung mit Fragen, die gern verdrängt werden. Dahlén beschränkt sich auf einen Bereich, in dem es nicht um die spielerische Bewältigung von Angst – hier davor, umgebracht zu werden – oder um die Freude an gruseliger Unterhaltung geht, sondern um die Instrumentalisierung des Mordes. Der Autor ist kein Kriminologe, was der Leser stets bedenken sollte. Dahlén betrachtet den Mord aus seinem Blickwinkel – dem Blinkwinkel des Marketing-Spezialisten. Auch die moralischen Konsequenzen, über die er ausführlich sinniert, bleiben primär auf seine Person beschränkt und können keine Allgemeingültigkeit beanspruchen.

So bleibt Dahlén seltsam vage. Er ‚redet‘ viel aber eigentlich um die Sache herum. Eine Erklärung kann er nicht anbieten. Wahrscheinlich gibt es sie nicht, doch das mag er nicht zugeben. Letztlich bleibt Dahlén der thematischen Oberfläche verhaftet. Als Buch gut geschrieben, bleibt „Monster“ eine Sammlung interessanter Momentaufnahmen, die einen straffen roten Faden vermissen lässt. Normalerweise ist der Werbung zu misstrauen, doch die Formulierung „the rock star professor Micael Dahlén“ findet man auf Dahléns eigener Website. Für viele potenzielle Leser mag ihn das interessant machen, was jedoch (zumindest nach Ansicht dieses Rezensenten) nicht automatisch zur Weisheit adelt, was Dahlén kundtut.

Eine englischsprachige Version seiner Website findet man hier.

Gebunden: 219 Seiten
Originaltitel: Monster (Stockholm : Volante 2011)
Übersetzt von Max Stadler u. Annika Ernst
www.campus-verlag.de

eBook: 1096 KB
ISBN-13: 978-3-593-42232-9
www.campus-verlag.de

Hörbuch: 472 min. (ungekürzt; gesprochen von Sabine Arnhold)
/www.campus-verlag.de

Hörbuch: 292 min. = 4 CDs (gekürzt; gelesen von Martin Bross)
ISBN-13: 978-3-8371-2560-3
www.randomhouse.de/audio

Hörbuch-Download: 292 min. (gekürzt; gelesen von Martin Bross)
ISBN-13: 978-3-8371-2561-0
www.randomhouse.de/audio

Hörbuch-Download: 402 min. (ungekürzt; gelesen von Martin Bross)
ISBN-13: 978-3-8371-2562-7
www.randomhouse.de/audio

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