Palahniuk, Chuck – Lullaby

_Fantastisch & makaber: tödliches Wiegenlied_

|“Language is a VIRUS from outer space“| (William S. Burroughs)

Ein Zeitungsreporter in USA findet heraus, dass ein afrikanisches Wiegenlied den Tod bringt. Und er kann es willentlich so einsetzen, auch lautlos. Er besitzt unbegrenzte Macht über das Leben von Millionen Menschen. Allerdings ist er nicht der Einzige, der diese Macht besitzt. Und die anderen haben bei weitem nicht seine Skrupel, sie einzusetzen.

_Der Autor_

Chuck Palahniuk ist der Autor der literarischen Vorlage zu David Finchers furiosem Film „Fight Club“ (verfilmt mit Edward Norton und Brad Pitt). Palahniuk, geboren 1962, ist französisch-russischer Abstammung und lebt in Portland, Oregon, auf einer Farm ohne Fernseher. „Schon in jungen Jahren träumte er davon, Schriftsteller zu werden, doch erst ein persönlicher Einschnitt in seinem Leben gab ihm schließlich den Impuls, seinen Traum zu verwirklichen“, erzählt der Klappentext. Mittlerweile habe der „Chuckster“ mit insgesamt sechs Romanen Kultstatus erreicht, nicht zuletzt durch „Fight Club“ (s.o.). Zuletzt erschien „Das letzte Protokoll“ im Februar 2005.

_Handlung_

Carl Streator, der Ich-Erzähler, scheint ein recht harmloser Zeitgenosse zu sein. Zunächst jedenfalls. Carl ist ein verwitweter Reporter um die vierzig, angestellt bei einer Provinzzeitung. Von dem Thema „plötzlicher Kindstod“ hat er sich nicht allzu viel versprochen, doch als er eine Reihe solcher Todesfälle (die oft den Freitod der Mutter nach sich ziehen) untersucht, stößt er auf eine merkwürdige Gemeinsamkeit: In den nunmehr verwaisten Kinderzimmern der Babys findet er den Sammelband „Gedichte und Lieder aus aller Welt“, stets aufgeschlagen auf Seite 27.

Dieses Buch weckt furchtbare, verdrängt geglaubte Erinnerungen in Carl, denn einst hatte er selbst jenes afrikanische Wiegenlied, ein „Lullaby“, das auf Seite 27 abgedruckt ist, seiner Frau und seiner kleinen Tochter vor dem Einschlafen vorgelesen. Am nächsten Morgen waren beide tot, friedlich lagen sie im jeweiligen Bett. Todesursache: unbekannt.

Mit der Zeit wächst in Carl der Gedanke heran, dass die scheinbar so harmlos wirkenden Zeilen den Tod verheißen. Er lernt die Zeilen auswendig. Sein Verdacht erhärtet sich, als er das Lied an einem unglaubwürdigen Fernsehprediger und einem aufdringlichen Radiosprecher testet, die ihn mit ihrem nie enden wollenden Gequäke nerven. Auch einer seiner Kollegen in der Redaktion nervt den armen Carl. Am nächsten Tag wird der Kollege vermisst.

Mit gelindem Entsetzen wird Carl bewusst, welche Macht er auf einmal in seinen Händen hält: Er braucht das Lied nicht einmal laut aufzusagen, sondern lediglich zu denken, und schon ist das auserkorene Opfer dem Tode geweiht. Doch geriete das Wissen von der tödlichen Wirkung des Wiegenliedes an die Öffentlichkeit, oder würde das Lied im Radio oder Fernsehen vorgetragen und verbreitet, bedeutete dies ewige Nachtruhe für Millionen von Menschen.

Doch dann beginnt der Ärger. Überall, wo Carl auftaucht, geben wenig später Menschen den Löffel ab, mit unbekannter Todesursache. Die Polizei ist ja auch nicht so wahnsinnig blöd. Und auch der Ambulanzfahrer Nash ist nicht auf den Kopf gefallen. Ihm gelingt es, den Trick mit dem Lullaby herauszubekommen und selbst anzuwenden, für abstoßende sexuelle Zwecke. Wenigstens versucht er nicht sofort, Carl zu erpressen. Das kommt erst später.

Dann stößt Carl auf eines der schrägsten und furchterregendsten Wesen, die man sich vorstellen kann: Helen Hoover Boyle, ihres Zeichens Immobilienmaklerin und Auftragsmörderin. Helen ist schon über fünfzig, sieht aber sehr gut konserviert aus. An jedem Finger trägt sie einen Diamantring, denn für ihre Aufträge lässt sie sich nicht in rückverfolgbaren Summen bezahlen, sondern in edelsten Steinen. O ja, man ahnt es schon: Auch sie kennt die Macht des Wiegenliedes und wendet sie ebenso diskret wie skrupellos an. Sie verscherbelt Spukhäuser, denn die neuen Besitzer sind schon nach wenigen Wochen wieder hinausgeekelt, so dass das Objekt wieder – wesentlich günstiger – zum Verkauf steht, und mit ihm das Mobiliar.

Helen ist Mitglied in einem spiritistischen Kreis, zu dem ihre Sekretärin Mona (Deckname: Mulberry) und ein virtuelles Anwaltbüro unter der Leitung eines jungen Mannes mit den Decknamen Oyster gehören. Mit ihnen zusammen macht sich Carl auf zu einer heroischen Mission: Alle restlichen 499 Exemplare des tödlichen Buches in den USA zu vernichten. Und um ein spezielles „Buch der Schatten“ zu finden, hinter dem der Hexenzirkel schon lange her ist: ein Buch mit Zaubersprüchen, ein so genanntes „Grimoire“.

Kurz und gut: Die beiden Missionen gelingen. Mehr oder weniger. Und ganz anders, als sich das jeder vorgestellt hat. Und nicht jeder erlebt das Ende.

_Mein Eindruck_

Dies klingt, zugegeben, schon fast nach einem Fantasyroman. Nur dass sämtliches Brimborium eines Fantasyromans fehlt, und die Geschichte völlig in der Gegenwart spielt, ähnlich wie eine Urban Fantasy von Charles de Lint, die mitunter in Toronto oder der kanadischen Provinz spielen kann.

|Sing me a song|

Der Knackpunkt ist das titelgebende Wiegenlied. Die Afrikaner, die es erdichteten, wollten damit ursprünglich in Zeiten der Hungersnot Alte, Schwache und Kranke von ihrem Elend erlösen, auf dass der restliche Stamm eine höhere Überlebenschance habe. Helen Hoover Boyle nennt es ein „Merzlied“, nach seiner Funktion des Ausmerzens. Das mag grausam klingen, aber das ist die Natur zuweilen auch, und wenn’s ums Überleben geht, greifen auch Menschen zu verzweifelten Mitteln.

Das Merzlied tut, was es soll: schmerzlos töten. Der Autor schreibt ihm lediglich eine Art Zaubermacht zu. Das ist vielleicht der einzige Fantasy-Aspekt daran. Es gibt Fernsehserien wie „Charmed“, die durchaus einfallsloser, aber auch spielerischer mit solchen Mächten umgehen. „Lullaby“ ist nicht spielerisch, sondern eher makaber und grimmig. Denn es geht ja um schier unendliche Macht.

|Verhängnisvolle Gruppendynamik|

Macht weckt bekanntlich Begierden und Neid. So kann es auch in der familienähnlichen Gruppe, die in ihrem Auto kreuz und quer durch die Staaten von Bibliothek zu Bibliothek gondelt, nicht ausbleiben, dass Machtkämpfe ausbrechen und Intrigen gesponnen werden. Wobei Helen eine ganz besonders unheilvolle Ausstrahlung verbreitet, wie eine dunkle Königin. Eine Mörderin, die aussieht wie Nancy Reagan. Nur ganz in Rosa.

Die Gruppe erinnert an jene Fight-Club-Therapiegruppen, mit denen der Autor offenbar langjährige, intensive Erfahrungen gesammelt hat. Solche Gruppen tauchen immer wieder in seinen Büchern auf. Ebenso die schrägen Verhaltensweisen, die sie verlangen oder auslösen. Die dynamische Psychostruktur in der Gruppe verlockt auch Carl mitunter dazu, seine Macht des Tötens anzuwenden, etwa gegen den aufmüpfigen Oyster oder die verführerische Mona. Dann beginnt er im Geiste Zahlen aufzusagen, zu zählen, um nicht das Merzlied auszulösen. Helen hat diese Hemmungen nicht. Der „body count“, den sie hinter sich zurücklässt, wächst rasant.

|Eine Mediensatire?|

Das „Time Magazine“ behauptet auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe: „Eine brillante Satire auf die Reizüberflutung in der modernen Informationsgesellschaft: Ein köstlicher Anti-Liebesgruß an unsere Welt!“

Ist es wirklich so einfach? Das mit der Reizüberflutung mag ja schon zutreffen, und das, was Fernsehprediger oder Radiosprecher von sich geben, kann durchaus nerven, so dass Carl zum Äußersten greift. Auch Oysters lediglich virtuell existente Anwaltskanzleien, die zu Sammelklagen aufrufen, um Geld zu kassieren, bilden einen satirischen Kommentar auf die Sucht der Amerikaner, wegen allem und jedem zu prozessieren.

Handfester ist hingegen die Kritik am Machtmissbrauch, dessen sich Helen schuldig macht. Wer sind ihre Auftraggeber, für die sie so effizient und lautlos tötet (Anruf genügt)? Sie sagt, es sind Regierungen und (Untergrund-) Organisationen, Carl scherzt, es sei das Außenministerium der USA. Helen, Carls warnendes Gegenteil, ist durch und durch Utilitaristin: Nur was nützt, ist gut. Will heißen; Nur das, was |ihr| nützt. Und danach kommt lange nichts mehr. Die Frau jagt mir kalte Schauder über den Rücken. Carl hingegen fühlt sich zu ihr hingezogen wie ein Spinnenmännchen zu einem -weibchen. Er wird schon sehen, was er davon hat.

|Language is a virus …|

Einen ganz wichtigen Aspekt, den ich bislang unterschlagen habe, bringt Oyster ein: biologische Umweltverschmutzung. Bevor die Weißen in Nordamerika ankamen, befand sich das Ökosystem dort in einem über Millionen Jahre entstandenen Gleichgewicht. Die Weißen brachten alle möglichen Arten ins Land, wo sie sich mangels Feinden hemmungslos ausbreiteten. Nicht nur Nilkarpfen oder Stare gehören dazu, sondern auch Pflanzen wie das Unkraut Kudzu oder die Trespe („Sie liebt das Feuer, die Trespe“). Die Gründe für das Einbringen waren manchmal verblendeter Idealismus (Stare), manchmal Gier auf Nahrungsversorgung (Karpfen an jeder Bahnstrecke), dann wieder Unvorsichtigkeit.

Ist das Verbreiten des Wiegenliedes in jenem idealistisch gedruckten Sammelband ebenso als eine Art Umweltverschmutzung aufzufassen? Falls ja, dann handelt es sich nicht um „Reizüberflutung“, sondern um Verseuchung durch Sprache und ihre Kraft, Ideen und Gedanken zu verbreiten. Wie sagte doch der Schriftsteller William S. Burroughs so treffend: „Language is a VIRUS from outer space“ – „Sprache ist ein Virus aus dem Weltraum“.

Erst an diesem Punkt scheint mir die Satire, die der Autor im Sinn hat, zu greifen. Er versucht sich vorzustellen, welche Folgen all die Soap-Operas mit Starlets und all die Radiosendungen von Fernsehpredigern auf „die Welt da draußen“ haben. Und mit „Welt“ meint er nicht nur die USA, sondern die ganze Welt, also beispielsweise auch die islamische. Es könnte eine Art Kulturkampf auslösen, meinte Hutchinson in seinem Buch „Culture Clash“. Als Erklärung für Al-Kaida ist das mittlerweile widerlegt worden; Al-Kaida und dem islamistischen Fundamentalismus geht es um anderes.

Aber was passiert, wenn ein Großteil der Welt schon so sehr die amerikanischen Sprach- und Medienerzeugnisse übernommen hat, dass eine geistige Monokultur entstanden ist, in der man andere Vor- und Einstellungen gar nicht mehr als legitim hinnehmen will? Monokulturen sind stets anfällig und fordern Attacken heraus, so etwa gegen |Windows| als Betriebssystem. Und wenn ein wirklich starker Gegner auftaucht, dann brechen sie mangels innerer Vielfalt zusammen, denn sie können sich nur mit wenigen Methoden zur Wehr setzen statt mit der Vielfalt, die meist der Gegner besitzt. Monokulturen sind eine Form von Krankheit. Vielleicht will uns der Autor dezent darauf hinweisen, was mit der Welt passiert.

_Unterm Strich_

Man muss nicht unbedingt schon ein totaler Fan von Chuck Palahniuk sein, um diesen Roman genießen und verstehen zu können. Palahniuk weiß eine spannende Handlung aufzubauen, die zu weiteren Konflikten mit etlichen schrägen Charakteren führt. Er erzählt die Story aber auf seine eigene unnachahmliche Weise, als hätten sich Kurt Vonnegut, Don de Lillo und Thomas Pynchon zusammengetan.

Wer „Fight Club“ mochte und verstand (vor allem das Ende), der könnte auch „Lullaby“ mögen und verstehen.

|Originaltitel: Lullaby, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Werner Schmitz|

(Visited 1 times, 1 visits today)