Raymond Chandler – Die kleine Schwester

Tatwaffe Eispickel: der unsichtbare Killer

Sie heißt Orfamay Quest, kommt aus Manhattan, Kansas, und sucht in Los Angeles nach ihrem großen Bruder Orrin. Zumindest ist das die Story, die sie Privatdetektiv Philip Marlowe auftischt. Auf der Suche nach Orrin begegnet Marlowe verführerischen Hollywood-Sternchen, dreisten Gangstern, misstrauischen Polizisten und einer Leiche, der ein Eispickel im Hals steckt. (Verlagsinfo)

Die Philip-Marlowe-Reihe:

o (1939) Der große Schlaf (The Big Sleep )
o (1940) Lebwohl, mein Liebling (Farewell, My Lovely )
o (1942) Das hohe Fenster (The High Window )
o (1943) Die Tote im See (The Lady in the Lake )
o (1949) Die kleine Schwester (The Little Sister )
o (1953) Der lange Abschied (The Long Good-bye )
o (1958) Playback (Playback )
o (1989) Einsame Klasse (vollendet von Robert B. Parker: „Poodle Springs“)
o (1991) Tote träumen nicht (Fortsetzung zu »Der große Schlaf« von Robert B. Parker: Perchance to dream)

Handlung

Privatdetektiv Philip Marlowe nimmt von einer seltsamen, jungen Frau, die sich Orfamay Quest aus Manhattan, Kansas, nennt, den Auftrag an, ihren älteren Bruder Orrin P. Quest, 29, zu suchen. Er sei vor ein paar Tagen von der Firma CalWestern entlassen worden und seitdem unauffindbar. Es ist eine Adresse in einer üblen Gegend der Kleinstadt Bay City, zu der Marlowes Weg führt, nachdem er die 20 Dollar Bezahlung akzeptiert hat. Über ihre Halbschwester Leila Quest erzählt Orfamay wohlweislich nichts. Leila lebt jetzt unter anderem Namen in Hollywood.

Bruchbude

Die heruntergekommene Pension in Bay City beherbergt einen schnarchenden Verwalter und einen Geld zählenden Burschen, der sogleich mit Messer und Pistole auf den ungebetenen Besucher losgeht. Marlowe entwaffnet den Geldzähler, der das Weite sucht – aber vorher noch ein Wiedersehen androht. Nette Nachbarn hatte Orrin P. West, aber was machen die hier? Auch George W. Hicks, Orrins früherer Nachbar in dieser Bruchbude, ist bewaffnet und sucht das Weite.

Eispickel

Der Verwalter Clausen kommt hingegen nicht weit: Ihm steckt ein Eispickel in Hinterkopf. Marlowe benachrichtigt anonym die Cops und verlässt diese Bruchbude. Die Mordwaffe gibt ihm zu denken: Sie wurde bis vor kurzem von Moe Stein, einem aus Cleveland zugereisten Gangster, benutzt. Doch jemand mit einer Pistole schnitt Stein den Lebensfaden durch. Das Gerücht besagt, dass es Steins Stellvertreter namens Moyer war, der dadurch zur Nr. eins werden wollte. Doch niemand scheint zu wissen, wie dieser Moyer aussieht. Allerdings hat Marlowe einen Verdacht…

Versteck

In einem Hotel trifft er George W. Hicks wieder, diesmal aber ohne Perücke. Dieser Umstand wird für ihn noch sehr bedeutsam. Denn als er wiederkommt, liegt der angebliche Hicks tot auf seinem Hotelbett. Sein Zimmer ist sehr gründlich durchwühlt worden, offenbar ohne Ergebnis. Doch Marlowe kennt eine Stelle, wo etwas Kleines, Unauffälliges versteckt worden sein könnte: die Innenseite von Hicks‘ Perücke. Tatsächlich findet er hier den Abholschein für Fotoabzüge und das Negativ.

Fotonegativ

Bei näherer Betrachtung zeigt das Foto nur zwei Leute in einem Lokal. Die eine Person ist die Schauspielerin Mavis Weld, die für den Filmmogul Oppenheimer arbeitet. Die andere Person ist viel interessanter, denn Marlowe hat den Mann bereits im Korridor zu Mavis Welds Apartmenthaus gesehen: Mr. Steelgrave. Bekanntlich saß er kürzlich in U-Haft.

Wenn es sich aber in Wahrheit um Moyer, Steins mutmaßlichen Mörder, handelt, dann spielt das Datum, an dem das Foto entstand, eine Rolle. Tatsächlich liegt eine Zeitung auf dem Tisch. Als Marlowe das Erscheinungsdatum dieser Zeitung mit dieser Schlagzeile im Verlagsarchiv nachschlägt, haut es ihn fast um: Der 20. war der Tag, an dem Stein vor einem Haus erschossen wurde, in dem Mavis Welds Freundin Dolores Gonzalez wohnt, eine Edelhure, die es darauf abgesehen hat, Marlowe flachzulegen und ihn so zu kompromittieren.

Anti-Alibi

Dieses Foto widerlegt also Steelgrave-Moyers Alibi mit dem Gefängnisaufenthalt: Er war nicht drinnen, sondern draußen. Wie ihm das gelang, muss der Schnüffler noch herausfinden. Und Orrin Quest schoss das Foto, denn Mavis Weld ist in Wahrheit seine Halbschwester Leila Quest. Deshalb schaut sie überhaupt nicht besorgt oder beunruhigt in die – vermutlich winzige – Kamera.

Seidener Faden

Eine Menge Menschen würde dafür töten, um den Schnappschuss in die Finger zu bekommen, bedeutet er doch Macht über Leben und Tod. Nun hängt Marlowes Leben an einem seidenen Faden. Trotzdem ist es quasi das Brecheisen, um die Türen zu öffnen, hinter denen sich der wahre Mörder von Clausen, Hicks und Stein verbirgt. Viele Leute sehen es gar nicht gern, als Marlowe mit dem Foto hausieren geht. Schon bald bekommt er eine riskante Einladung in eine schicke Villa im Lost Canyon…

Mein Eindruck

Die beste Szene dieses an zahlreichen bemerkenswerten Szenen reichen Kriminalromans ist wohl die im Haus des Hollywood-Agenten Sheridan Ballou, der die Schauspielerin Mavis Weld alias Leila Quest unter Vertrag genommen hat. Natürlich kann es Ballou nicht recht sein, wenn sein Schützling neben einem mutmaßlichen Gangster zu sehen ist, wie es das Foto zeigt.

Vitriol

Der Autor hatte schon einige Zeit in Hollywood zugebracht, und „Die kleine Schwester“ ist sein ätzender Verriss des scheinheiligen Filmgeschäfts. Aus eigener Erfahrung schildert Ballous prunkvolles Haus als einen Glitzerpalast, in den nur die demütigsten oder die frechsten Leute Zugang gewährt bekommen. Zunächst versucht es Marlowe mit der demütigen Methode, wie jeder Möchtegernschaupieler vor der Rezeption. Doch als diese Masche nicht wirkt, zieht er andere Seiten auf – und landet bei Ballous Wachhund und Buchhalter Moss Spink. Nach einem bemerkenswerten Gespräch muss der Wachhund Marlowe wohl oder übel mit seinem Herrchen Ballou bekanntmachen.

Marlowes Waffen

Wie stets besteht Marlowes wirksamste Waffe nicht seine silberne Zunge, sondern sein eisernes Schweigen. Wer schweigt, dem kann man a) nicht das Wort im Mund rumdrehen, und b) kann er nichts aus Versehen ausplaudern, das dem Gegenüber hilft und c) dient es dazu, dieses gegenüber aus der Fassung zu bringen und aus der Deckung zu locken. Diese geschliffenen Dialoge bzw. Halb-Dialoge sind ein Markenzeichen Chandlers und wurden gerne von Robert B. Parker, der über ihn promovierte, gerne übernommen. Noch heute findet sich in Krimis von Parkers Nachahmern der magische Satz: „He didn’t say anything.“

Die Szene bei Ballou erweist sich für Marlowes als Glücksfall und er bekommt sogar den offiziellen Auftrag herauszufinden, wer Ballous Schützling Mavis Weld am zeug flicken will. Auf einmal hat der Privatschnüffler zwei Aufträge. Es ist wie ein Neustart des Romans, denn nun bewegt sich Marlowe in mehr oder weniger illustren Kreisen, besonders in Gesellschaft von anziehenden Damen.

Pinkelnde Hunde

Die Szene mit Filmmogul Jules Oppenheimer ist ein weiteres Beispiel für Chandlers ätzenden Vitriolhumor, mit dem er Hollywoods Studiosystem übergießt, bis die blanken Knochen zum Vorschein kommen. Oppenheimers Devise: Man braucht wie er nur 150 Kinos zu besitzen, und man kann jeden Scheißfilm unters Volk bringen, um dafür abzukassieren: „Das Filmgeschäft ist das einzige Geschäft der Welt, in dem man alle Fehler machen kann, die es gibt, und trotzdem noch Geld verdient.“ (Seite 142)

Bezeichnend für Oppenheimers Alzheimer-geschädigte Geistesverfassung sind seine drei Boxerhunde. Sie lieben es, jeden anzupinkeln, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Auf diese Weise markieren sie ihr Revier. Ihr bevorzugtes Revier ist natürlich ihr Herrchen, und folglich können sich seine Hosenbeine nicht über zu viel Trockenheit beklagen: Sie werden regelmäßig begossen. Die drei Hunde stehen für die Schleimer und Speichellecker, eventuell auch Erbschleicher, die sich die Fersen des todgeweihten Moguls geheftet haben. Es ist eine zugleich ironische, makabre und doch heitere Metapher.

Regelverstoß

Schon die erste Landschaftsbeschreibung unterminiert die Regeln des Romans: „[Vorfrühling in Kalifornien] Die Regenzeit ist vorbei, und aus dem Tal jenseits der Hügel von Hollywood ist Schnee auf den Bergen zu sehen. Die Pelzgeschäfte kündigen ihren Jahresausverkauf an. Die Puffhäuser, die auf sechzehnjährige Jungfrauen [!] spezialisiert sind, machen einen Riesen-Reibach. Und in Beverly Hills fangen die Jacaranda-Bäume zu blühen an.“ Klingt idyllisch? Bitte nochmal lesen!

Rückblick

Damals begannen die verschiedenen Ortschaften wie Hollywood, Beverly Hills, Westwood und Sherman Oaks zu jenem Flickenteppich zusammenzuwachsen, der heute als Los Angeles bekannt ist. An einer Stelle lässt der Autor seinen helden das L.A. des Jahres 1949 mit dem von 1905 vergleichen. Wo einst Pioniere und nichtsnutzige, aber mit Erbvermögen versehene Strandläufer ihre mehr oder weniger Häuser errichteten, tummeln sich 1949 Tagediebe, Gangster, Huren und Cops. Wobei die Gangster die weitaus schickeren Häuser ihr Eigen nennen. Und wobei die Huren von den Schauspielerinnen nicht mehr zu unterscheiden sind, ebensowenig die Gangster von den Cops, denn beide nutzen die gleichen Methoden.

Ehrenmänner in Blau?

Natürlich muss sich unser Privatschnüffler-Don-Quichotte mal an die Cops von Hollywood wenden. Leider sind auch Gesetzeshüter aus Bay City anwesend, und die sind ein wesentlich raueres Kaliber. Ihr Repräsentant Maglashan ist durchaus bereit, ein stahlverstärkter Handschuh nähere Bekanntschaft mit Marlowes Gesicht und Magengrube machen zu lassen. Denn hat sich der Plattfuß nicht unerlaubt von einem Tatort entfernt und Beweismittel vorenthalten? Pfui Deibel! Mit Silberzunge und eisernem Schweigen zieht sich Marlowe auch aus dieser Klemme am eigenen Schopf heraus.

Ladies of the Club

Das Gegengewicht zu den windigen Geschäftemachern und ach so ehrenwerten Gesetzeshütern sind die drei „Damen“, mit denen es Marlowe immer wieder zu tun bekommt. Den Roten Faden bildet dabei Orfamay Quest, die ich zwischendurch mal kurz für Mavis Weld, ihre Halbschwester Leila, hielt. Diese Nähe oder Verwechslung ermutigt der Autor durchaus. Identität ist nur eine Illusion, gerade im Filmgeschäft und in der Prostitution, die im Grunde, so legt es der Autor nahe, das gleiche sind.

Orfamay ist ein weibliches Original, wie man es bei Chandler immer wieder findet, so etwa in „The Big Sleep“ oder „Playback“. Die junge Frau ist in den Zwanzigern (ihr älterer Bruder Orrin ist 29), tut aber moralisch entrüstet, als wäre sie eine alte Jungfer. Sie tadelt und rüffelt Marlowe, der für sie ja eigentlich ihren Bruder suchen soll, in einem fort. Der Leser, der auf ihr tantenhaftes Auftreten hereinfällt, ist selbst schuld. Am Schluss bekommt er nämlich aus Marlowes (= Chandlers) Mund eine kalte Dusche verpasst: Orfamay nimmt gerne auch Blutgeld…

Die Übersetzung

S. 66: „Moe ist jetzt ein feiner Herr.“ Eine fatale Verwechslung! Gerade haben wir erfahren, dass Moe Stein von seinem Vize Moyer gekillt wurde – und jetzt soll er wieder feingekleidet und quicklebendig herumspazieren? Es kann nur Moyer statt Moe gemeint sein.

S. 68: „French knipste Asche in seinen Handteller.“ Dieses Knipsen hat nichts mit Fotografie zu tun. Daher wäre der Ausdruck „schnipste Asche“ passender. Der Handteller ist weiterhin zu bedauern.

S. 135: „Ich machte ein[e] Pause.“ Das E fehlt.

S. 157: „eine von diesen verspielten Sonnenbrillen“. Wenige Zeilen weiter wird deutlich, dass die Sonnenbrillengläser nicht ver-SPIELT, sondern ver-SPIEGELT sind. Hier wurden also zwei entscheidende Buchstaben verschluckt. Die Verspiegelung der Sonnenbrille wird später zu einem starken Dingsymbol, etwa in Marlowes fataler Begegnung mit Dr. Lagardier. Der gute Doktor gehört wie Dolores, Stein und Moyer zur Cleveland-Connection.

S. 199: „mit diesem Affen herum[d]albern“. Das D ist meines Erachtens überflüssig.

Unterm Strich

Marlowes Ermittlung ist verschlungen und scheint kein Ende zu finden. Immer wieder ergibt sich eine neue, sinistre Wendung, und bei mir kam der Verdacht auf, der Autor wollte bloß Seiten schinden, um eine Umfangsvorgabe des Verlags zu erfüllen. Doch dem ist nicht so. In der Villa auf dem Lande kreuzen sich zwar die Wege vieler Verdächtiger vor Marlowes Nase, doch nichts ist so, wie es scheint, genau wie in einem Film.

Korruption ist eines der Generalthemen des Romans. Im Filmgeschäft ist das nichts Neues, und auch die Cops sind nicht dagegen gefeit. Schauspielerinnen sind wie Huren, und im Grunde besteht kein Unterschied zwischen Dolores Gonzalez, der Edelhure, und ihrer angeblichen Freundin Mavis Weld. Es gibt nur einen Haken: Eifersucht und Rache.

In einem schier undurchdringlichen Dickicht von Hass-Motiven sind Orrin, Mavis Weld, seine Halbschwester, Orfamay, seine Schwester, und Dolores Gonzalez miteinander verstrickt. In diesem Sumpf spielt das Foto, das Orrin von Leila an Steegrave-Moyers Seite schoss die Rolle einer geladenen Pistole. Es kommt darauf an, sie rechtzeitig abzufeuern und damit den Richtigen zu treffen. Tatsächlich segnet am Schluss Steelgrave-Moyer das Zeitliche, doch die Antwort auf die Frage nach dem Täter ist ein bewegliches Ziel: Mit jedem neuen Kapitel ändert sie sich, je nachdem, wen Marlowe fragt oder beschuldigt.

Trotz aller Schwierigkeiten hinsichtlich der Durchschaubarkeit der Handlung bietet der Roman doch unglaublich gute Szenen. Messerscharfe Dialoge, noch schärfere Frauen, skrupellose Gangster wie auch Gesetzeshüter, lachhafte Traumhändler wie Jules Oppenheimer und „kleine Schwestern“, die es faustdick hinter den Ohren haben.

Witz und Vitriol, Romantik und Erotik, Verbrechen und Moral – sie alle weisen hier fließende Übergänge auf, denn die Korruption erfasst alle und jeden. Davon ist auch unser ach so strahlender Held Marlowe nicht ausgenommen: Er lässt sich zwar als einziger nicht kaufen und für die Zwecke eines anderen einspannen, aber er besitzt seine eigenen Regeln darüber, was gerecht ist und was nicht.

Als einziger ist er zudem jederzeit bereit, sein Leben zu opfern, um die Wahrheit auszugraben. Die Cop machen ja bloß ihren Drecks-Job, bevor sie abends heim zu Weib und Kindern zurückkehren. Marlowes Moral lässt es auch zu, keinen Finger zu heben, wenn eine korrupte Person offensichtlich in Gefahr gerät. Er ruft zwar die Cops, aber natürlich ist es bereits viel zu spät, als diese endlich eintreffen. Wer ist er schon, dass er der Gerechtigkeit in den Arm fallen dürfte, könnte er einem Frager sagen.

Der einzige Wermutstropfen an diesem phänomenal geschriebenen Krimigarn ist die fehlerhafte und stilistisch überholte Übersetzung aus dem Jahr 1975.

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


Taschenbuch: 288 Seiten
Info: The little sister, 1949; Diogenes, 1975, Zürich
Aus dem US-Englischen von W.E. Richartz
ISBN-13: 978-3257202069

www.diogenes.ch