Raymond Chandler – Das hohe Fenster (Philip Marlowe 3)

Viele Leichen, wenig Klarheit

Mrs. Elizabeth Bright Murdock beauftragt PHILIP MARLOWE damit, eine gestohlene seltene Goldmünze, die wertvolle Brasher-Dublone aus dem 18. Jahrhundert, wieder zu finden. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie von Linda Murdock – ihrer verhassten Schwiegertochter – gestohlen worden ist. Mrs. Murdock will keine Täterüberführung mit Verhaftung; vielmehr soll MARLOWE eine – möglichst kostenlose – Scheidung Lindas von ihrem Sohn Leslie erzwingen. Eigentlich nicht sein Ding. Doch MARLOWE nimmt an und konzentriert sich auf die Suche nach der Brasher-Dublone. Relativ schnell wird klar, wer die Münze genommen hat.

Der Fall bekommt aber eine weitere Dimension, als MARLOWE schon bald über ein paar Leichen „stolpert“ und merkwürdigerweise auf ein paar verschrobene Typen und die ermittelnden Polizeibeamten eine scheinbar anziehende Faszination ausübt…. (Amazon.de)

Der Autor

Raymond Thornton Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren. Der alkoholsüchtige Vater verließ die Familie, als Raymond sieben Jahre alt war. Die Mutter siedelte mit dem Jungen nach Großbritannien über. Auf dem College beschäftigte er sich vor allem mit Malerei und mit Literatur. Um die Sprachen zu lernen, ging Chandler jeweils für ein Jahr nach Frankreich und nach Deutschland.

1907 nahm Chandler die britische Staatsbürgerschaft an und arbeitete für kurze Zeit beim britischen Naval Stores Branch. Dann verdingte er sich als Reporter für den London Daily Express und die Bristol Western Gazette. Nebenbei veröffentlichte er mehrere Gedichte und seine erste Erzählung. 1912 kehrte er in die USA zurück und schlug sich in Los Angeles mit den unterschiedlichsten Jobs durch. In Abendkursen eignete sich Chandler Buchhaltung und Rechnungswesen an.

1917 meldete Chandler sich zur Kanadischen Armee. Er machte eine Ausbildung bei der Luftwaffe, doch kurz vor dem Abschluss seines Trainings war der Krieg in Europa vorbei. Chandler kehrte nach Los Angeles zurück und wurde Buchhalter einer Molkerei. 1922 übernahm er den Posten des Buchhalters in einer Öl-Firma und stieg binnen kurzer Zeit zum Vize-Präsidenten auf. Zwei Jahre später heiratete er Cissy Pascal, die fast 18 Jahre älter war als er selbst.

1932 verlor Chandler seinen Posten, weil er zu viel trank und häufig krank feierte. Von nun an widmete sich Raymond Chandler ganz dem Schreiben. Er arbeitete fünf Monate an einer Erzählung, die er schließlich dem Magazin »Black Mask« verkaufte: 1933 erschien Chandlers erste Kriminalgeschichte. In seiner vierten Geschichte »Killer in the Rain« tritt zum ersten Mal Philip Marlowe auf, der zum Prototypen des amerikanischen Detektivs wird. 1939 erschien Chandlers erster Roman. Seine Romane entstanden aus dem Zusammenfügen und verdichten mehrerer Geschichten.

Anfang der vierziger Jahre begann Chandlers Kontakt mit Hollywood. Es gelang ihm, die Film-Rechte an seinen ersten Romanen zu verkaufen. Billy Wilder überredete ihn 1943, gemeinsam ein Drehbuch des Romans »Double Indemnity« von James M. Cain zu schreiben. Für sein Script zu »The Blue Dahlia« wurde Chandler für den Oscar nominiert.

Chandlers Frau Cissy verstarb im Dezember 1954 nach langer, schwerer Krankheit. Ihr Tod warf Chandler aus der Bahn. Er verfiel dem Alkohol und unternahm einen Selbstmordversuch. Chandler reiste viel, auch nach Europa. Er starb am 26. März 1959 in LaJolla, Kalifornien.

Die Philip-Marlowe-Reihe:

o (1939) Der große Schlaf (The Big Sleep )
o (1940) Lebwohl, mein Liebling (Farewell, My Lovely )
o (1942) Das hohe Fenster (The High Window )
o (1943) Die Tote im See (The Lady in the Lake )
o (1949) Die kleine Schwester (The Little Sister )
o (1953) Der lange Abschied (The Long Good-bye )
o (1958) Playback (Playback )
o (1989) Einsame Klasse (vollendet von Robert B. Parker: „Poodle Springs“)
o (1991) Tote träumen nicht (Fortsetzung zu »Der große Schlaf« von Robert B. Parker: Perchance to dream)

Handlung

Philip Marlowe bekommt in einem alten, muffigen Haus in Pasadena einen Auftrag, der sich als sehr schädlich für seine weitere Laufbahn erweisen soll. Mrs. Elizabeth Bright Murdock engagiert ihn, weil aus der Münzsammlung ihres verstorbenen Gatten eine sogenannte Brasher-Dublone entwendet wurde. Die Goldmünze ist eine Probeprägung aus dem 18. Jahrhundert, und weil die sehr selten sind, ist das gute Stück an die zehntausend Dollar wert.

Als einzige Tatverdächtige kommt für Mrs. Murdock die junge Frau ihres Sohnes Leslie in Frage, Linda Murdock, eine vormalige Revue-Tänzerin namens Linda Conquest. Mrs. Murdocks Privatsekretärin Miss Merle Davis weist jeden Verdacht gegen sie von sich, aber Marlowe hat scharfe Augen: Hat Miss Davis etwa Neigungen, die der fesche Leslie erfüllte? Wie auch immer, die Schwiegertochter, Linda, ist über alle Berge, und Marlowe soll sie mitsamt der Dublone wiederfinden. Allerdings darf ihr Sohn Leslie nichts davon erfahren, denn der ahne nichts von dem Diebstahl. Na, wer’s glaubt, wird selig, sagt sich Marlowe.

Pasadena

Er bemerkt sofort, dass er von einem sandfarbenen Coupé beschattet wird. Jemand behält ihn im Auge, aber dermaßen stümperhaft, dass es sich um einen Anfänger handeln muss. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen weiteren Privatdetektiv handelt. „Mr. Anson“, wie er sich nennt, sei von der Schwiegertochter engagiert worden, sagt er. Und er will sich mit Marlowe zusammen tun, da sie ja auf der gleichen Seite stünden. Aber auf welcher, wundert sich Marlowe. Anson gibt Marlowe nicht nur seine Visitenkarte „Mr. George Anson Phillips“), sondern sogar seinen Zimmerschlüssel.

Der Fachmann

Gleich darauf stattet Marlowe dem Münzhändler Elisha Morningstar einen Besuch ab. Der erzählt ihm alles über die gesuchte Dublone. Die sei in der Tat einzigartig und auch als ein solches Unikat zu identifizieren. Er hat ja bei Mrs. Murdock angefragt, ob die Dublone zu verkaufen sei – was sie natürlich nicht war, aber jetzt wohl schon. Als Marlowe den Händler zum Schein verlässt, sich aber zum Lauschen aufstellt, ruft Morningstar jemanden an, der Marlowe bekannt vorkommt: „Mr. Anson“, der Amateur-Detektiv.

Bunker Hill

Der Ortsteil von L.A., in dem George Anson Phillipps wohnt, ist Bunker Hill. Das war früher mal eine gute Gegend, aber inzwischen nur noch mit Stundenhotels, Absteigen und Bestattungsinstituten gepflastert. Tatsächlich, so erfährt Marlowe später vom Hausmeister des Mietshauses, in dem „Mr. Anson“ wohnt, gehört das ganze Viertel einem italienischen Bestattungsunternehmer. Und Mr. Palermo, so sein illustrer Name, scheint es eminent gut zu gehen: Sein Zigarettenetui ist vergoldet und das Mundstück seiner Zigarette ebenfalls. Gestorben wird immer, und Tod bringt Kohle, denkt sich Marlowe wohl.

Nach dem verheißungsvollen Anblick des Mr. Palermo steigt Marlowe die Treppe zu Apartment 206 hoch. Niemand reagiert auf sein Klopfen, daher benutzt er den ihm überlassenen Zweitschlüssel. Die Mietwohnung ist leer, aber seltsamerweise lässt sich die Badezimmertür nicht öffnen. Es gibt ein Hindernis. Schließlich fällt dem Detektiv der metallische Geruch nach frischem Blut auf…

Nach diesem verheißungsvollen Anblick des Mr. Palermo steigt Marlowe die Treppe zu Apartment 206 hoch. Niemand reagiert auf sein Klopfen, daher benutzt er den ihm überlassenen Zweitschlüssel. Die Mietwohnung ist leer, aber seltsamerweise lässt sich die Badezimmertür nicht öffnen. Es gibt ein Hindernis. Schließlich fällt dem Detektiv der metallische Geruch nach frischem Blut auf…

Mein Eindruck

Die Brasher-Dublone ist nicht nur das Dingsymbol für die Gier der Menschen, sondern auch die Verbindung des Hauses Murdock zur Halb- und Unterwelt. Der gewiefte Krimi-kenner vermutet gleich zu Recht, dass die Brasher-Dublone sofort von Profis kopiert und die Fälschungen landesweit angeboten werden. So wollen sie die 10.000 Dollar, die das Goldstück angeblich wert ist, leicht verdienen. Gewisse Leute wollen sie aber auch nur zur Tilgung ihrer Schulden bei Ganoven wie Mr. Morny verwenden.

Das blonde Luder

Ein weiteres Verbindungsglied zwischen Bürger- und Halbwelt ist die Blondine ohne Gewissen. Sie taucht als Abziehbild immer wieder bei Chandler auf, so etwa in „Red Wind/Blutiger Wind“, einer Story aus dem Jahr 1938. Aber die Blondine ist eine Überlebenskünstlerin, die selbst immer wieder betrogen wird, wie sie selbst betrügt.

Leslie Murdock, ein Bruder Leichtfuß, hat das blonde Gift Linda Conquest aus einem von Mornys Tanzklubs geholt, sie zur Linda Murdock gemacht und doch nach wenigen Monaten wieder verloren. Nun heißt sie Lois Morny oder auch Lois / Linda Magic, je nachdem, wo sie gerade auftritt. Sie logiert mit einem zwielichtigen Typen namens Vannier, der offenbar ihr von Morny geduldeter Lover ist. Und Vannier, so findet Marlowe heraus, hat die Murdocks in der Hand – seit acht Jahren.

Wie viele Leichen?

Sind es nun zwei, drei oder vier Leichen? Der Leser ist gut beraten, mal genau nachzurechnen. OK, der amateurhafte Detektiv George Anson Phillips beißt als erster ins Gras, wenig später Mr. Morningstar, der Münzexperte. Wenige Tage später stolpert Marlowe erneut über eine Leiche: Vannier hat das Rennen nicht gemacht. Er wird heimlich Zeuge, wie sich Vanniers diverse Bekanntschaften um den Titel streiten, ihn ins Jenseits befördert zu haben. Sogar die verhuschte Merle Davis, Mrs. Murdocks Sekretärin, bewirbt sich um diesen zweifelhaften Titel. Um allen in die Suppe zu spucken, arrangiert Marlowe die Indizien so, dass sie auf einen Selbstmord hinweisen.

Bleibt noch Leiche Nummer vier zu finden. Um wen es sich handeln könnte, fällt Marlowe schwer herauszufinden. Denn dieser Mord geschah acht Jahre zuvor, ist aber auf einem der Erpresserfotos, die Vannier machte, deutlich zu erkennen: Das Opfer stürzt aus dem titelgebenden hohen Fenster. Um welches Haus es sich handelt, darf hier nicht verraten werden. Aber es liegt auf der Hand, dass Marlowe keine Ruhe geben wird, bis auch dieser Mord aufgeklärt sein wird. Danach wird von der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit dieses Hauses nichts mehr übrigbleiben.

Kritik

Dass an Marlowe ein Kritiker an den herrschenden Verhältnis im Spätkapitalismus verloren gegangen ist, macht sich mehrfach bemerkbar. Auf Seite 134 grüßt er einen kommunistischen Polizisten mit „Tovarisch!“. Dieser Kommunist beschützt ausgerechnet die Zufahrt zur Villa des Raubtierkapitalisten Morny. Sehr ironisch.

Auf S. 121 können wir Marlowes Credo nachlesen. Es ist selten so deutlich und komprimiert formuliert. Er sagt zu dem Kripo-Beamten Breeze, ein echt windiger Typ:

„Bis die Zeit kommt, in der eure Seelen euch gehören werden, gehört euch meine nicht.

Bis die Zeit kommt, in der man euch jederzeit und immer, für alle Zeiten und unter allen Umständen vertrauen kann, dass ihr die Wahrheit sucht und die Kugeln dahin rollen lasst, wohin sie rollen –

Bis diese Zeit kommt, habe ich ein Recht, auf mein Gewissen zu hören und meinen Klienten so gut zu beschützen, wie ich’s kann.

Bis ich sicher bin, dass Sie ihm nicht mehr zuleide tun, als es die Wahrheitsfindung erfordert.

Oder bis man mich zu jemandem schleppt, der mich zum Sprechen bringen kann.“

Breeze sagte: „Sie sprechen für mich ein bisschen wie einer, der sein eigenes Gewissen beruhigen möchte.“

Auch das Glaubensbekenntnis wird also gleich wieder kommentiert und in Zweifel gezogen. Moralische Selbstgerechtigkeit ist Chandlers Sache nicht. In seinem Universum ist jede Moral relativ.

Die Übersetzung

Dies soll laut Verlag eine Neuübersetzung sein, Na, dann will ich nicht wissen, wie die alte Übersetzung aussah! Auch diese Neuübersetzung hat mittlerweile schon 45 Jahre auf dem Buckel und bedarf dringend einer Generalüberholung.

S. 52: Ein „Gewehr“ unterm Hemd? Da ist wohl eher eine Pistole als „gun“ gemeint.

S. 56: „Das gehört den Pink[t]ertons.“ Das T ist überflüssig. Die Detektei Pinkerton kennt jeder.

S. 59: „eine Garage mit drei Etagen, welche einen Lärm wie ein Löwenkäfig zur Fütterungszeit machte.“ Gemeint ist offenbar eine Autowerkstatt.

S. 64: „Münzkondition“: Eins-zu-eins-Übersetzung von „mint condition“. Passt zwar zum Gegenstand der Brasher-Dublone, ist aber trotzdem falsch. Gemeint ist „druckfrisch, wie neu“.

S. 86: „lotzige Socken“: ein mir unbekanntes Wort, das auch nicht im DUDEN steht und vielleicht nur in der Schweizer Heimat des Übersetzers verwendet wurde. Es könnte mit der Wurzel „lotter-“ zu tun haben, die „locker, aus der Fassung geraten“ bedeutet, etwa in „Lotterbett“ oder „Lotterleben“.

S. 98: „Druckbuchstaben, schmaler und dünner als ein Cicero“: eine sehr feine, schlanke Schrifttype.

S. 134: „Tovarisch“: Ein kommunistischer Polizist!

S. 193: „1354A“ müsste eigentlich „1352A“ sein, denn das ist das Haus der Nachbarin. In 1354A ist ja niemand daheim.

S. 242: „Wenn Ihre Brasher-Dublone wirklich (…) im ersten Schock oben liegt…“ Marlowe meint aber den „ersten Stock oben“.

S. 247: „Er stopfte sie in seine Hemdtasche.“ Gemeint ist aber ein Zigarettenhalter. Es müsste also korrekt „Er stopfte ihn in seine Hemdtasche“ heißen.

S. 261: „noch besser war, dass sie einen halben Abdruck seines Daumens an der Seite des Abzugs fanden“. Also, das muss schon ein ziemlich dicker Abzug sein. Wahrscheinlich ist aber der Hahn gemeint: „der (Hahn), der, da er normalerweise (bei einem Revolver) nicht zurückgezogen wurde, nicht abgewischt worden war.“ Eine klare Fehlübersetzung, die den Leser in die Irre führt.

Unterm Strich

Der Fall der Brasher-Dublone, nach der das Buch ursprünglich betitelt werden sollte, ist wendungsreich und voller Leichen, aber nur bedingt spannend. Denn Superschnüffler Marlowe gerät nun in einzigen Moment in Gefahr. Vielmehr ist er es, der die Fäden zieht und die Indizien neu arrangiert. Dass er seine Umgebung mit kritischem Blick betrachtet und kommentiert, heißt nicht, dass er benachteiligten Frauen nicht hilft, die es brauchen können. Dazu gehören die verhuschte Merle Davis und sogar Lois/Linda Murdock/Morny.

Der Detektiv lässt sich auch nicht in die Irre führen, wenn Merle Davis behauptet, eine Mörderin zu sein. Der Leser sollte ihm hundertprozentig vertrauen und ebenfalls an Miss Davis‘ Verstand zweifeln. Und wer sich Marlowes Moral – siehe oben – zueigen macht, wird auch nicht vor Entdeckungen zurückschrecken, die er hinter Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit machen muss. Der Detektiv ist wie ein unbestechlicher Kritiker: Nichts darf ihn aufhalten, wenn er einen guten Grund dafür hat.

Hinweis

Die Übersetzung gehört dringend überarbeitet, denn sie steckt nicht nur voller Fehler, sondern nähert sich nach fast fünf Dekaden Jahr um Jahr mehr der Unverständlichkeit. Das führt zu einem Punktabzug.

Taschenbuch: 264 Seiten
Originaltitel: The High Windows, 1942
Aus dem Englischen von Urs Widmer
ISBN-13: 9783257202083

https://www.diogenes.ch/leser.html

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