Rehrl, Annette – Diamantenkinder, Die

Sierra Leone, das Land mit dem niedrigsten Entwicklungsstand in der gesamten Welt, eine Nation, die nur noch von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Leben gehalten wird. Korrupte Politiker, massive Armut und die Folgen eines grausamen Bürgerkrieges bestimmen den Alltag in diesem westafrikanischen Staat, und auch wenn die dort lebenden Menschen alles dafür täten, um dem Land zum Aufschwung zu verhelfen, so sehen die realistischen Aussichten auf eine bessere Zukunften nicht gerade rosig aus. Zu sehr haftet die Vergangenheit noch an den Bürgern von Sierra Leone, zu sehr sind sie noch von den Greueltaten ihrer eigenen Landsmänner betroffen, und so gerät selbst das alltägliche Zusammenleben zu einem schwer zu überbrückenden Hindernis.

All dies hat sich Annette Rehrl auf ihrer Reise durch Westafrika zum Thema gemacht, um auch für die Nachwelt festzuhalten, wie die momentane Lage in Sierra Leone ist. In ihrem Buch „Die Diamantenkinder“ schildert sie die erschreckenden Eindrücke ihrer Reise, und aus der Intention, Statements von ehemaligen Kindersoldaten zu sammeln, ist schnell eine Geschichtensammlung geworden, die ebenso brutal wie erschreckend ist.
Da erzählen 17-jährige Jungen, wie sie während des Bürgerkrieges in den 90ern von den RUF-Rebellen gekidnappt und für ihre Zwecke, sprich das kriegerische Handeln gegen ihre eigenen Landsmänner, missbraucht wurden; da hört man von mutigen Kindern, für die der Verlust der eigenen Familie schon fast zur Nebensache geworden ist, weil sie nur noch die eigene Existenzsicherung, ja das nackte Überleben im Blickfeld haben können. An anderer Stelle reden misshandelte Jugendliche über die brutale Vorgehensweise der Rebellenbewegung, die von Vergewaltigungen über Zwangsamputationen bis hin zu erniedrigenden Kindermorden wirklich jede erdenkliche Verletzung gegen die Menschenrechte bis zum Exzess ausgeführt und dabei wahrscheinlich genauso wenig nachgedacht hat wie diejenigen, die aus Angst vor dem eigenen Tod ihre Brüder und Schwestern verraten haben.
Die unvorstellbare Grausamkeit, der Schrecken und vor allem das Leid, das diesen Menschen angetan wurde und wohl nie mehr gutzumachen ist, all das spielt sich wie ein Film vor den Augen des Lesers ab. Selbst der 6. Januar 1999, der Tag, an dem die Rebellen in der Hauptstadt Freetown ein Blutbad sondergleichen angerichtet haben, geht dem Leser sehr nahe, so entsetztlich sind die Schilderungen der einheimischen jungen Menschen.

„Die Diamantenkinder“ fängt all diese Eindrücke in realistischer und sicherlich keinesfalls übertriebener Ehrlichkeit wieder auf. Dieses tagebuchähnliche Werk fesselt und erschreckt zugleich, es gibt immer wieder Anlass zum Nachdenken und wirft andererseits auch den Wunsch auf, zu verdrängen, wie sich in anderen Teilen der Welt die bittere Realität gestaltet. Krieg, Armut und schließlich der Tod, nirgendwo scheinen sie greifbarer zu sein. Ich selbst muss mir zugestehen, dass ich von Annette Rehrls Schilderungen zutiefst bewegt bin, mich aber auch sehr betroffen fühle. Vielleicht ist es die Hilflosigkeit, vielleicht auch die lebensnahe Erzählweise der Autorin, auf jeden Fall hat mich dieses Buch nicht mehr losgelassen, seit ich es zum ersten Mal in der Hand hatte.
Auf der Rückseite stehen folgende bittere Worte: |“Alice hat ihre Familie verloren, Suleiman seinen linken Arm, Zainab ihre Ehre, Osama seine Zukunft“.| Was haben wir schon zu verlieren außer ein paar Stunden, die man zum Lesen dieses Buches benötigt? Ich denke gar nichts, und deshalb schenke ich der Autorin auch meinen uneingeschränkten Respekt und eine Empfehlung für das hier vorliegende Werk.

Mehr Infos bei:
[wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Sierra__Leone
[CIA]http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/sl.html
[Sierra Leone Web]http://www.sierra-leone.org/
[allAfrica.com]http://allafrica.com/sierraleone/