Johan Stenebo – Die Wahrheit über IKEA . Ein Manager packt aus

IKEA – das Casual-Unternehmen mit der weißen Weste, die heutige Mutter aller Studentenmöbel, das Zuhause für all diejenigen, bei denen der Geldbeutel enger geschnürt werden muss. Und noch so viel mehr Positives gibt es im Zusammenhang mit der weltweit erfolgreichsten und größten Möbelhauskette zu berichten, dass sich eigentlich kaum jemand trauen würde, den schwedischen Konzern in irgendeiner Form an den Pranger zu stellen.

Johan Stenebo hat es trotzdem getan und sich nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit, die absolut nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, mit einem Buchprojekt Luft verschafft. Luft, die ihm am Ende seiner Tätigkeit beim großen Skandinavier nicht mehr geblieben war. Und Luft, die er vor allem denjenigen verschaffen möchte, die nach wie vor Teil des Unternehmens sind und womöglich nicht den geringsten Hauch einer Ahnung davon haben, was sich hinterm gelb-blauen Vorhang des Niedrigpreis-Giganten tatsächlich abspielt.

Inhalt:

Johan Stenebo hat ähnlich anfangen wie so viele Menschen in der IKEA-Chefetage. Kleine Aufträge, intensivierende Schulungen, dann aber doch ein schneller Aufstieg in der Karriereleiter, infolge dessen der Manager unter anderem die Unternehmen in Wallau und Leeds zu den führenden Betrieben in der IKEA-Struktur führte. Doch vor allem sein ambivalentes Verhältnis zu Firmenmaximus und Alleinherrscher Ingvar Kamprad hat ihm im Laufe seiner 20-jährigen Zugehörigkeit tiefer hinter die Kulissen blicken lassen, als es ihm manchmal lieb war.

In seiner Funktion als erster Assistent des alternden Finanzgenies hat er einen umtriebigen, gewieften Geschäftsmann erlebt, nach eigener Aussage aber auch einen verunsicherten Lügner, einen Selbstdarsteller, vor allem aber auch einen Unmenschen, dessen beständige Vorurteile dem Konzern selbst in den pikantesten Fragen oftmals geschadet haben. Eine fehlgeleitete Asien-Expansion scheiterte an Misstrauen gegenüber den Chinesen, die Besetzung leitender Positionen blieb oftmals aus, weil das Vertrauen in andersgeschlechtliche oder gar ausländische Arbeitskräfte schlichtweg kaum existent war. Lediglich in der Pressedarstellung war es immer wichtig, IKEA als Familienunternehmen vorzustellen und dies auch exemplarisch mit ein paar Alibi-Figuren an der Spitze mancher Partnerorganisationen zu beurkunden.

Doch Stenebo hat hautnah mitbekommen, wie es dem Firmenchef, dem eine nationalsozialistische Vergangenheit anhaftet, immer wieder gelungen ist, seine Mitarbeiter zu denunzieren, Kündigungen ohne haltbaren Grund auszusprechen, sich von unangenehmen Zweiflern zu befreien und schließlich einen solch immensen Druck auf sein Personal auszuüben, dass die Firmenmonarchie nie infrage gestellt werden konnte. Und genau dieses idealistische Bild, das IKEA bis zum heutigen Tage trotz mehrere Skandale immer aufrechterhalten konnte, möchte der einstige Manager in führender Stellung nun hier geraderücken.

Persönlicher Eindruck:

Wenn ein Buchtitel mit „Die Wahrheit über IKEA“ beworben wird, vermutet man als Leser natürlich in erster Linie skandalträchtige Geschichten, Betrügereien, vor allem am Kunden, hinterlistige Machenschaften und insgesamt eine pikante Enthüllung, die das Unternehmen in Windeseile der jahrelang verteidigten weißen Weste entkleiden soll. Doch derlei Inhalte spart der Autor in seiner Firmendarstellung größtenteils aus. Stattdessen geht es Stenebo in erster Linie darum, den IKEA-Guru Ingvar Kamprad an den Pranger zu stellen, sein blendendes Medienauftreten, seine fassadenhafte Präsenz, aber auch den knallhart kalkulierenden Geschäftsmann, der hier sogar spekulativ als der wahrscheinlich reichste Mensch der Welt umschrieben wird.

Stenebo deckt jedoch vorrangig die internen Strukturen und ihr ziemlich wackliges Gerüst auf, was gerade für den Außenstehenden, der mit völlig anderen Erwartungen an die Sache herangeht, ein wenig enttäuschend ist. Denn wenn man die inhaltliche Seite voll und ganz reflektiert, ist „Die Wahrheit über IKEA“ letzten Endes eine unautorisierte Biografie des inzwischen 85 Jahre alten Tyrannen Kamprad, die hinlänglich dessen Verhalten in der Führungsetage beschreibt und analysiert, definitiv dazu beiträgt, dass man die Realität zwischen tatsächlich umgesetzter Betriebsphilosophie und der eigentlichen IKEA-Mitarbeiterkultur versteht, aber auch die Willkür erkennt, mit der Kamprad trotz seiner unglaublichen Raffinesse in seiner Führungsposition aufgeht.

Stenebo beschreibt, wie die Umbesetzungen in der Konzernleitung funktionieren und welchen Stellenwert hierbei die eigentlichen Qualitäten bzw. die Integrität der Mitarbeiter einnehmen. Man begreift, dass einzelne Stellen lediglich aus Sympathie besetzt wurden, das spätere Einsehen bei Misswirtschaften dann aber auch noch an Personen ausgelassen wurde, die mit dieser Entscheidung nichts zu tun hatten. Im Notfall stand immer ein Opfer bereit, auch wenn Kamprad nachhaltig in vielen Fällen dazu beigetragen hat, dass durch mangelhafte Entwicklungen, Fehleinschätzungen und unbedachte Investitionen immer wieder große finanzielle Lücken entstanden sind. Dass hierbei selbst Mitarbeiter den Hut nehmen mussten, die durch gezieltes Engagement einen enormen Beitrag zur kontinuierlichen Expansion hatten, entspricht zwar nicht der Firmenphilosophie, wurde aber selbst dann zum brauchbaren Werkzeug, wenn Kamprad einen seiner völlig unerwarteten Wutanfälle bekam – oder wenn sein derber Humor ihn gerade dazu reizte, mit seinen engsten Vertrauten ein Spielchen zu treiben, das er selber nie als Verlierer verlassen konnte.

Die wahren Enthüllungen greifen schließlich auf Fakten zurück, die an der Oberfläche bereits bekannt waren, deren Sinngehalt aber auch schon spekulativ erahnt werden konnte. Dass Ingvar Kamprad beispielsweise in seiner frühen Vergangenheit mit den Nationalsozialisten kooperierte, ist nur eine unter vielen Geschichten, die dem Image von IKEA eigentlich so hätten schaden müssen, dass der Kunde moralisch seinen Einkauf hätte verweigern müssen. Ähnliches gilt für die teils rabiaten Rodungsmaßnahmen oder die nachgewiesenen Fälle von Kinderarbeit in fremden Nationen. Doch in all den Jahren gelang es dem cleveren Firmenboss immer und immer wieder, durch gewiefte mediale Präsenz ein anderes Bild zu zeichnen, den Fokus von den harschen Attacken gegen sein Imperium abzulenken und schließlich all das zu untergraben, was IKEA und Kamprad im Speziellen sich über viele, viele Jahre haben zuschulden kommen lassen.

Und genau diese Stellung, nämlich die des Sympathikus, des ehrlichen Geschäftsmannes, der sich zwar durch verdiente Arbeit seinen Erfolg erwirtschaftet hat, dabei aber mit einigen unfairen Mitteln und würdeloser Personalpolitik agierte, bringt Stenebo in seinem Buch nun radikaler als jede andere Person ins Wanken. Und dabei vertieft er sich noch nicht einmal in Themen wie Niedriglöhne, den Bruch gegen die personelle Gleichstellung oder die teils auch rassistisch angehauchten Lästereien, die in der Chefetage an der Tagesordnung waren – vielleicht auch weil derlei skandalträchtige Inhalte als Randnotizen fast noch mehr Schockwirkung hervorrufen.

Eines kann Stenebo aber trotz seiner vielen umfassenden Aussagen nicht leugnen, nämlich dass er sich dem Konzern immer noch verbunden fühlt. Er hat zwei Dekaden maßgeblichen Anteil am Wachstum des schwedischen Möbelhauses gehabt, bei der internationalen Ausdehnung mitgeholfen, aber paradoxerweise immer zu schätzen gewusst, welches Genie sich hinter Kamprad verbirgt. Doch die rationale Seite auf der einen, und die sich davon deutlich abspaltende menschliche Komponente auf der anderen Seite sind ein Kontrast, den de Autor irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Und weil er in all den Jahren die Spielchen seines Vorgesetzten ständig und hilflos mitgespielt hat und nach seinem Ausstieg keine Ruhe finden konnte, hat er nun dieses Buch geschrieben, das als persönliche Abrechnung zwar nicht taugt, als Entschlüsselung der eigentlich destruktiven Firmenpolitik aber überaus aufschlussreich ist.

Doch wer ist die Zielgruppe? Nun, diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden. Faktisch lässt sich jedoch sagen, dass der gängige IKEA-Mitarbeiter „Die Wahrheit über IKEA“ gelesen haben sollte, vielleicht auch, um die eine oder andere undurchsichtige Entscheidung verstehen zu können. Doch auch sonst ist die Lektüre sehr interessant und vielsagend – und nicht zuletzt wegen Stenebos einfacher, gut nachvollziehbarer Sprache für jedermann geeignet, der verstehen möchte, wie weit Realität und Scheinwirklichkeit im Falle eines solchen Großunternehmens auseinander driften können, wenn die Hierarchie keine klaren Verhältnisse zulässt!

286 Seiten, gebunden
Originaltitel: Sanningen om IKEA
Übersetzung: Swantje Marschhäuser
ISBN-13: 978-3593392462
www.campus.de

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