Anscombe, Roderick – Hinterhältig

Die Zutaten, aus denen Roderick Anscombe seinen Thriller „Hinterhältig“ zaubert, klingen vielversprechend: Man nehme einen forensischen Psychiater in einem Hochsicherheitsgefängnis für psychisch kranke Straftäter, gebe einen gerissenen, schwerreichen, psychopathischen Stalker dazu und schon hat man einen Thriller, der in einem Psychoduell auf Leben und Tod gipfelt.

So ergeht es zumindest Psychiater Paul Lucas, der den schwerreichen Elitestudenten Craig Cavanaugh als neuesten Patienten vor die Nase gesetzt bekommt. Craig hat seiner Professorin Natalie Davis massiv nachgestellt. Mit deren Zurückweisungen kommt er nicht zurecht, und so kommt es, wie es kommen muss: Natalie fühlt sich bedroht und schaltet die Behörden ein, die Craig zu der Auflage verdonnern, sich von Natalie fern zu halten. Natürlich verstößt Craig gegen diese Auflage (was sich aber nicht mit letzter Endgültigkeit beweisen lässt) und da es auch Paul nicht gelingt, dem Gericht glaubhaft zu machen, dass Craig wirklich gefährlich ist, kommt er frei und wird fortan auf eigenen Wunsch von Paul therapiert.

Doch glaubt der Psychiater anfangs noch, er habe die Lage im Griff, so sorgt Craig schon bald dafür, dass Paul die Sache entgleitet. Ohne dass Paul es so richtig bemerkt, gibt auf einmal Craig den Ton an und verwickelt ihn in eine ausgebuffte Intrige, die Paul schon bald nicht nur seinen Job kosten könnte, sondern obendrein sein ganze Leben über den Haufen zu werfen droht …

So weit der grobe Inhalt. Anscombe erzählt den Roman aus der Perspektive von Paul. Paul steht im Mittelpunkt der Handlung, und obwohl Anscombe die Perspektive des Ich-Erzählers wählt, ist der Leser schon bald schlauer als die Hauptfigur. Natürlich ist dem Leser schon beim ersten Zusammentreffen von Psychiater und Stalker klar, dass die Angelegenheit irgendwie aus dem Ruder laufen muss, aber zu Beginn passiert erst einmal nicht viel.

Anscombe versucht sich mit einem ganz subtilen Spannungsaufbau. Er lässt die beiden Kontrahenten einfach aufeinanderprallen, und während sie sich in langen Gesprächen zunächst erst einmal gegenseitig „abtasten“, passiert ansonsten nicht viel. Das sorgt nicht gerade für einen spannungsgeladenen Romaneinstieg. Anscombe blickt auf Pauls Privatleben und auf die Probleme, die er und seine Frau Abby haben, seitdem der Sohn bei einem Autounfall starb.

Obwohl der Autor dabei auch teilweise das Innenleben seines Protagonisten entblättert, bleibt die Figur des Paul Lucas überraschend blass. Das alles sieht eben mehr nach durchschnittlicher Kost aus, von der man nicht sonderlich viel Tiefe erwarten kann. Dementsprechend baut sich dann auch der weitere Plot auf. Da Paul Lucas als Protagonist also ein wenig konturenlos bleibt, fiebert man als Leser auch nicht sonderlich stark mit ihm mit.

Erschwerend kommt hinzu, dass man Paul am liebsten immer für seine Blindheit ohrfeigen möchte. Der Leser überschaut enorm viel, kann Teile der Handlung gar vorhersehen und ist somit weder vom Handlungsverlauf sonderlich überrascht, noch kann die Intrige, mit der Paul sich konfrontiert sieht, besonders fesseln. Es ist halt etwas schade, wenn man als Leser immer einen entscheidenden (und mitunter ziemlich großen) Schritt voraus ist, und der Autor dann nicht einmal für wirklich überraschende Wendungen sorgt, die dem Leser demonstrieren, dass er eben doch nicht alles durchschaut hat.

Die Richtung des Romans ist schon recht bald klar, und so wartet der Leser eigentlich nur ungeduldig darauf, wann auch Paul Lucas endlich begreift, in welcher Lage er sich befindet und wie sein Lösungsansatz für diese Misere aussieht. Vermutlich war es Anscombe auch gar nicht so wichtig, ganz banale Spannung zu erzeugen, bei der auch der Leser mal im Dunkeln tappt. Anscombe ist von Haus aus selbst Gerichtspsychiater, und so dürfte für ihn logischerweise das Psychoduell der beiden Hauptfiguren den Reiz der Geschichte ausmachen.

Anscombe stellt Paul Lucas als Mann mit hohen Idealen dar, der sich stets der Wahrheit verpflichtet fühlt und ganz persönlich schon mit einer kleinen Notlüge Probleme hat. Zu beobachten, wie solch ein Mensch sich in einem schier ausweglosen Psychoduell gegen einen skrupellosen Stalker verhält, mag also seinen Reiz haben. Paul muss feststellen, dass ihm bei der Bewältigung dieses Problems seine eigenen Ideale im Weg stehen, und muss seine Handlungsweise entsprechend entgegen seinen eigenen Moralvorstellungen anpassen.

Mit der Anpassung seiner Ideale treibt Anscombe es dabei sehr weit – für meinen Geschmack zu weit. Das Finale wirft eine ganze Reihe moralischer Fragen auf, die Paul Lucas aber anscheinend nicht wirklich schlaflose Nächte bereiten und am Ende auch offen im Raum stehenbleiben. Das lässt dann Pauls Charakterskizzierung etwas unausgegoren wirken und man kann sicherlich darüber streiten, inwiefern diese charakterliche Wandlung gelungen ist bzw. eben nicht. Für meinen Geschmack wirkt sie eher wenig überzeugend.

Und so ist „Hinterhältig“ dann leider auch eher ein Thriller, der im unteren Mittelmaß anzusiedeln ist. Spannung wird eher wenig aufgebaut, da der Plot für den Leser zu durchsichtig ist und Protagonist Paul Lucas eine dermaßen lange Leitung hat, dass es schon fast ein wenig nervt.

Lediglich zum Showdown schafft Anscombe es, den Leser zu fesseln, greift dann aber zu etwas moralisch fragwürdigen charakterlichen Veränderungen an der Figur des Paul Lucas, so dass auch das Finale trotz einiger Spannung Bauchschmerzen verursacht. Und so bleibt eben auch die Figurenskizzierung irgendwo im Mittelmaß stecken. Unterm Strich also ein Thriller, der zwar eigentlich eine interessante Thematik zugrunde legt, diese aber eher schwach umsetzt.

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