Bresching, Frank – Ruf der Eule, Der

Der sechzehnjährige Alexander, von seinen Freunden bloß Alex genannt, meldet sich zu einem Schüleraustausch nach Cambridge in England an. Für zwei Wochen geht es zu einer Gastfamilie. Anschließend soll der Sohn der englischen Familie im Gegenzug bei ihm in Deutschland unterkommen. Nicht nur Alex, auch einige seiner Klassenkameraden machen bei dem Austausch mit, darunter auch sein bester Freund Dominik.

In Cambridge wird Alex von Familie Taylor aufgenommen, die aus der Mutter Kathryn und den beiden Jugendlichen Patricia und Marc besteht. Gleich bei seiner Ankunft erfährt Alex, dass Familienvater William vor zwei Jahren ums Leben gekommen ist. Kathryn bittet ihn, nicht mehr auf dieses schmerzhafte Thema zu sprechen zu kommen. Kathryn ist eine attraktive Frau um die Vierzig, die die meiste Zeit außer Haus ist, da ihr Job in einem medizinischen Unternehmen sie sehr fordert. Marc und Pat sind Zwillinge, ansonsten aber unterschiedlich wie Tag und Nacht. Marc ist ein rothaariger, ruhiger, zurückhaltender Junge, der immer darauf bedacht ist, es seinem Gast recht zu machen. Alex versteht sich gut mit ihm, verspürt aber auch eine gewisse Distanz. Pat hingegen ist nicht nur eine dunkle Schönheit, sondern strotzt auch vor Selbstbewusstsein und Laszivität. Ihre Ausstrahlung bringt Alex in Verwirrung, zumal er nicht ersehen kann, ob sie ihn leiden kann oder nicht.

Nach den ersten Tagen kommen sich Alex und Pat jedoch näher. Alex ist überglücklich, dass seine schöne Gastschwester sich ernsthaft für ihn zu interessieren scheint, obwohl er sich nach wie vor nicht ganz sicher ist, wie sie wirklich zu ihm steht. Aber kaum dass Alex sich eingewöhnt hat, warnt ihn eine alte Nachbrain vor der Familie, vor allem vor Kathryn. Ein düsteres Geheimnis scheint den Tod von William Taylor zu umgeben. Unheimlich wird es, als Alex herausfindet, dass Kathryns Firma sich mit Leichenkonservierung zur eventuellen Wiederbelebung befasst.

Wie hängt diese Entdeckung mit William Taylors Tod zusammen? Was für eine Bedeutung hat die Gedenkstätte im Keller des Hauses? Und warum träumt Alex in letzter Zeit ständig von seinem verstorbenen Großvater, der ihm offenbar etwas zu sagen versucht? Bald weiß Alex nicht mehr, ob er sich etwas zusammenphantasiert oder sein Verdacht gerechtfertigt ist. Die Atmosphäre im Haus der Taylors wird immer angespannter. Kann Alex ihnen trauen oder schwebt er wirklich in Gefahr? Immer tiefer verstrickt sich der Junge in ein Netz aus Todes- und Jenseitserfahrungen, grausigen Experimente und dunklen Prophezeihungen, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt …

Was kommt nach dem Tod? – Das ist die zentrale Frage, um die sich dieser Thriller dreht und mit der er den Leser konfrontiert. Eine Frage, die bereits vor Beginn der eigentlichen Geschichte aufgeworfen und im Verlauf der Handlung immer bestimmender wird.

|Protagonist als Identifikationsfigur|

Sympathischerweise präsentiert sich der Ich-Erzähler als normaler Durchschnittsjugendlicher, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Alex ist, im Gegensatz zu seinem Freund Dominik, weder im schulischen Bereich noch bei den Mädchen oder im Sport ein absoluter Überflieger. Lediglich sein Englisch ist überdurchschnittlich gut, ansonsten offenbart er angenehme Unsicherheiten, die man nachvollziehen kann. Enorm schwer tut er sich bei der Einschätzung von Patricias Gefühlen, obwohl er nicht gänzlich unerfahren in Sachen Mädchen und Beziehungen ist.

Trotzdem versteht es seine Gastschwester, ihn immer wieder aufs Neue zu verwirren, seine Gedanken durcheinander zu bringen, so dass seinem besten Freund sehr bald auffällt, dass Alex rettungslos verliebt ist. Auch die Unsicherheitlichen bezüglich seiner Gastfamilie sind gut dargestellt. Mehrere Punkte sprechen dafür, dass sich Alex wirklich in Gefahr befindet, dass sich Marc und vor allem Kathryn ihm gegenüber verändert haben, dass ihre Blicke dafür sprechen, dass er sich mitten in einer Verschwörung gegen sich befindet. Doch es fehlen ausschlaggebende Beweise, so dass Alex in seiner Einschätzung hin und her schwankt. Dem Leser ergeht es ähnlich, denn alles ist möglich: Vielleicht erweisen sich Alex‘ Verdächtigungen als haltlos, aber vielleicht steuert er auch direkt auf eine Katastrophe zu …

|Dichte Handlung|

Die Handlung ist straff gespannt und erlaubt sich keine unnötigen Abschweifungen. Zwar werden kleine Rückblicke in die Vergangenheit zu Alex‘ verstorbenem Opa eingebaut, doch diese sind von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf, wie sich bald herausstellt. Der Spannungsbogen steigert sich konsequent, bis man mit dem Protagonisten mitfiebert und sich eine Antwort auf all die Fragen herbeisehnt, die sich durch all die merkwürdigen und beunruhigenden Ereignisse ergeben haben. Dabei deutet, bis auf einen kurzen, düsteren Rückblick, zunächst nichts in der Haupthandlung auf eine ungewöhnliche Entwicklung hin.

Ein Schüleraustausch nach England, eine nette Gastfamilie, eine kleine Liebelei zwischen Teenagern bilden den harmlosen Einstieg, der dementsprechend fast belanglos daherkommt. Nach und nach häufen sich jedoch die Vorfälle, die Alex misstrauisch werden lassen, angefangen bei den seltsamen Traum-Visionen über seinen verstorbenen Großvater bis hin zu den Warnungen der alten Nachbarin. Alex wird von Neugierde gepackt und stellt eigene Nachforschungen an – und das Ergebnis beunruhigt ihn zutiefst. Spätestens an diesem Moment ist der Leser gefangen und hofft gemeinsam mit dem Protagonisten, dass sich alles zum Guten weden möge.

Positiv sticht zudem heraus, dass sich der Roman gleichermaßen für Jugendliche als auch für Erwachsene eignet. Das Thema ist ernst und durchaus beängstigend, doch für Leser in Alex‘ Alter gut aufbereitet. Die wissenschaftlichen Details halten sich in Grenzen und die Jugendlichkeit des Protagonisten macht das Buch ideal für diese Altersklasse. Dazu passt auch der leichte, sehr dialoglastige Stil, der für eine flüssige Lesbarkeit sorgt. In spätestens zwei Tagen, unter Umständen auch schon an einem, hat mal als Schnellleser die gut 240 Seiten hinter sich gebracht. Aber auch wenn längere Pausen eingelegt werden, hat man keine Probleme, sich rasch wieder ins Geschehen einzufinden. Es gibt keine verwirrenden Handlungszweige, stattdessen ist der Roman klar strukturiert aufgebaut. Am Ausgang der Geschichte mögen sich die Geister scheiden, feststeht jedoch, dass der Autor Mut zur Konsequenz bewiesen hat. Die Pointe kommt recht unerwartet, fügt sich aber ins Gesamtbild ein und schlägt einen unkonventionellen Weg ein, was selbst derjenige honorieren sollte, dem das Ende inhaltlich nicht gefällt.

|Kleine Schwächen|

Trotzdem ist „Der Ruf der Eule“ nicht frei von Mängeln. Da ist einmal der sehr geraffte Beginn, der zwar das zügige Lesen fördert, aber an manchen Stellen etwas mehr Ausführlichkeit verdient hätte. Zwischen dem Entschluss von Alex, an dem Schüleraustausch teilzunehmen, und seiner Ankunft bei seiner Gastfamilie herrscht ein harter Bruch. Ohne Zwischenstation wird zu einer Szene übergeblendet, in der Alex in England am Küchentisch sitzt. Der Leser weiß die Namen „Kathryn“ und „Marc“ daher zunächst gar nicht einzuordnen. Erst zwei Seiten später folgt ein kurzer Rückblick zu seinem Empfang bei der Ankunft. Grundsätzlich hat man das Gefühl, dass es der Handlung gut getan hätte, sie in einen weitgefassteren zeitlichen Rahmen unterzubringen. Da Alex insgesamt nur einen Aufenthalt von zwei Wochen in England hat, erscheint die Entwicklung der Ereignisse zu überhastet und zu gedrängt. Schöner wäre gewesen, die Zeit des Austausches großzügiger anzulegen und dafür die Entwicklung gemächlicher zu gestalten.

Glaubwürdigkeit büßt der Roman dadurch ein, dass Alex offenbar während seines ganzen Aufenthaltes keinerleih Sprachprobleme zu bewältigen hat. Man erfährt zwar kurz vor seiner Anreise, dass er ein sehr guter Englischschüler ist, aber trotzdem erscheint es unrealistisch, dass er von da an jedes Gespräch wie ein Muttersprachler zu bewältigen scheint. Man vergisst geradezu, dass er sich in einem fremden Land befindet. Nur bei der Begrüßung durch Marc wird erwähnt, dass Alex ihn „in einem guten Englisch“ anspricht – von da an ist es selbstverständlich, dass er sich fließend mit allen Engländern unterhält. Natürlich sollen keine Verständnisprobleme vom Inhalt der Handlung ablenken, aber um Oberflächlichkeit zu vermeiden, wäre es eleganter gewesen, wenigstens ab und zu die Hauptfigur Alex ein wenig ins Nachdenken zu versetzen, anstatt ihm ein fließendes Englisch zu verpassen. Gerade bei den langen Dialogen, die er beispielsweise mit der alten Nachbarin führt, ist es wesentlich glaubwürdiger, wenn der Protagonist angesichts der Ungewöhnlichkeit der Ereignisse kurz innehalten und überlegen muss.

Während sich am Anfang die Geschehnisse in rascher Abfolge ereignen, wird an anderer Stelle die Ausführlichkeit übertrieben. Das ist vor allem in ausufernden wörtlichen Reden der Fall. Als Patricia Alex vom Tod ihres Vaters erzählt, beschreibt sie minutiös alle Vorgänge in epischer Breite. Anstatt sich darauf zu beschränken, den schlechten Zustand ihres Bruder wiederzugeben, erwähnt sie sogar, dass „kleine, feine Schweißtropfen“ seine Schläfen säumten, ganz wie ein allwissender Erzähler, der sich detailgenau jede seiner Figuren vornimmt, was in einer wörtlichen Rede aber zu viel des Guten ist.

Insgesamt ist das Buch sauber lektoriert, wenn sich auch ein paar kleine Fehlerteufel eingeschlichen haben – so verzichtet der Verlag grundsätzlich auf das übliche Leerzeichen vor den Auslassungspunkten, mal werden Anführungszeichen oben statt unten oder fälschlicherweise vor den Satzpunkt gesetzt, aber diese Schludrigkeiten kommen nur vereinzelt vor und fallen nicht weiter auf.

_Unterm Strich_ ist „Der Ruf der Eule“ ein lesenswerter und unterhaltsamer Thriller, der sich sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche eignet. Nach harmlosen Beginn wird der Verlauf der Handlung immer mystischer und bedrohlicher bis hin zu einem überraschenden Ende. Kleine Schwächen in zu hastiger Erzählweise und Glaubwürdigkeit mindern das Lesevergnügen, doch dank des flüssigen Stils bietet sich eine leicht zu konsumierende Lektüre für alle Freunde der Spannungsliteratur.

_Der Autor_ Frank Bresching wurde 1970 geboren. Er verfasste zunächst einige Kurzgeschichten, bevor 1996 sein Debütoman „Der Teddybär“ erschien. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Koblenz.

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