Fiore, Christian / Happel, Knut – Langfinger (Brettspiel)

Einbrüche gehören in der Spielwelt zu den beliebtesten Themen – womöglich weil der Reiz des Illegalen hier ein wenig humorvoll behandelt und auch in gewisser Weise legalisiert wird. Bei „Langfinger“, dem Neuling aus dem Hause Pegasus, ist hier keine Ausnahme geboten. Christian Fiore und Knut Happel haben in Personalunion ein Spiel geschaffen, welches viele bekannte Mechanismen verbindet, dabei keinen zu hohen Anspruch stellt, dabei aber dennoch enorm viel Kurzweil bietet – ein Spiel für zwischendurch also? Nun, schon ein bisschen mehr! Aber das Fazit kommt ja erst später …

_Spielidee:_

Die Nacht bricht herein, die Zeit für Gauner und Halunken und vor allem für große Beutezüge. Sowohl in der Villa, als auch im Museum sind verschiedene Kunstschätze und Antiquitäten versteckt, die sich geradezu bestens eignen, im Rahmen eines fetten Coups zu stehlen. Doch all dies ist nur möglich, wenn das entsprechende Werkzeug zur Hand ist. Also beschafft man sich in der City die entsprechenden Kleinteile, tauscht sie gegebenenfalls in den Ruinen, knackt hiermit später die Safes und verramscht die Ware später beim Hehler, der hierfür ein paar hübsche Summen anbietet.

So weit die Theorie. In der Praxis ist neben dem Geschick aber auch noch Schnelligkeit gefragt, denn die Werkzeuge sind ebenso schnell vergriffen wie die Schätze – und außerdem haben die Hehler auch nur begrenzt Zeit und Geld, um ihre Boten zu entlohnen. Gewinnen kann man schließlich nur, wenn man eine Geldsumme im Wert von 20 Einheiten oder mehr heranschafft. Und wer zu lange wartet und ausschließlich die dicksten Fische an Land ziehen möchte, hat am Ende das Nachsehen.

_Ziel des Spiels:_

20 Geldeinheiten – egal wie, egal wo, aber nicht egal wann. Diesen Betrag muss man einheimsen, wenn man „Langfinger“ siegreich bestreiten möchte. Das Ziel des Spiels ist also klar definiert, der Weg hierhin vielseitig. Wichtig ist, dass man seine drei Gaunersteine Zug für Zug geschickt verteilt und in den einzelnen Stationen des Spielfelds schließlich fokussiert arbeitet, um ja keine Aktion zu verschenken. Denn sonst sind die 20 Einheiten bereits auf anderen Konten verbucht, bevor man überhaupt nur die Chance bekommt, dieses Ziel zu erreichen!

_Spielmaterial:_

1 Spielplan
5 Gaunerfiguren in 5 Farben
15 Gaunersteine in 5 Farben
30 Beutekarten
14 Hehlerkarten
1 Startspielerkarte
60 Werkzeugkarten

Das Spielmaterial ist relativ simpel illustriert und beschränkt sich auf das Wesentliche, nämlich die Information, die die jeweiligen Karten hergeben sollen. Etwas mehr Mühe hat man sich indes beim bunten, wenn auch kleinen Spielplan gegeben, bei dem aber dennoch eine sehr gute Übersichtlichkeit gewährleistet bleibt. Klarer ausgedrückt: Kein Tamtam, keine Schnörkel, sondern schlicht und einfach eine schlichte und einfache Optik – über die man aber lediglich auf den ersten Blick stolpern wird. Insgesamt kann man nämlich auf jeglichen Pomp verzichten, weil die Mechanismen (hierzu später mehr) voll und ganz überzeugen können!

_Spielvorbereitung:_

Vor jedem Spiel werden die einzelnen Spielmaterialien farblich passend aufgeteilt. Jeder Spieler erhält eine Gaunerkarte und die dazu passenden Steine. Beute-, Werkzeug- und Hehlerkarten werden separat gemischt und jeweils zu einem verdeckten Ablagestapel bereitgelegt. Abhängig von der Spielerzahl werden nun an der Villa und im Museum einzelne Beutekarten (ebenfalls verdeckt) angelegt. Diese Karten zeigen an, welche Werkzeuge nötig sind, um die Beute abzugreifen. Werkzeuge wiederum legt man, ebenfalls abhängig von der Zahl der Mitspielenden, an die City. Im Hafen treiben sich schließlich die Hehler herum, jeweils einer pro Spieler, und das offen. Liegen alle Karten aus, darf der Spieler mit den längsten Fingern den ersten Spielzug machen.

_Spielablauf:_

Bevor man an den einzelnen Orten zur Aktion schreitet, werden zunächst die Gaunersteine an die drei Orte verteilt. Beginnend mit dem Startspieler darf jeder Beteiligte im Uhrzeigersinn einen seiner Steine an einen beliebigen Ort anlegen. Die Orte sind nicht nur an sich nummeriert, sondern bieten jeweils noch einmal eine Leiste mit der Reihenfolge, nach der hier später gespielt werden darf. Wer also seinen Stein in dieser Leiste an die erste Position bringt, darf später auch hier als erster agieren. Anschließend wird der zweite und der dritte Gaunerstein ebenfalls platziert. Damit ist die erste Phase beendet.

Als Nächstes spielt man nun die einzelnen Steine an den Orten aus. In der City wählt man zwei der ausliegenden Werkzeuge, in der Villa versucht man bereits, diese auch anzuwenden, im Hafen tauscht man Werkzeuge zu wechselnden Kursen, im Museum geht man ein zweites Mal auf Beutezug, und wer tatsächlich etwas einheimsen konnte, schaut als Letztes, ob der Hehler hierfür gerade Verwendung hat. Pikant natürlich: Man darf nur drei Aktionen spielen und kann nicht an jedem Ort in jeder Runde gleichzeitig aktiv sein. Hier greift also die eigentliche Strategie: Vor jedem Zug der ersten Phase verschafft man sich einen genauen Überblick über die eigene Auslage und die seiner Mitspieler und setzt Prioritäten. Und dennoch wird man manchmal überrascht, weil man seine Steine natürlich nicht immer wunschgemäß anbringen kann und öfter auch mal leer ausgeht.

Sind die drei Orte entsprechend abgehandelt worden, wird als Letztes der Spielplan neu präpariert. Werkzeuge werden nachgelegt, die Beute aufgefrischt und gegebenenfalls werden auch neue Hehler ins Spiel gebracht. Und schon geht die Startspielerkarte im Uhrzeigersinn weiter, und man beginnt die nächste Runde.

Wer schließlich seine Beute in Geld umsetzen konnte, bewegt seine Figur auf dem Spielplan um den entsprechenden Wert vorwärts. Mit ein bisschen Glück bekommt man bei seinen Streifzügen auch direkt Geld zugesteckt und muss nicht mehr extra beim Hehler vorstellig werden. Hat ein Spieler das Feld mit der 20 überschritten, wird die Runde noch zu Ende gespielt. Wer nun die Nase vorne hat, gewinnt das Spiel und ist der cleverste Langfinger!

_Persönlicher Eindruck:_

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Spiele mit durchaus bekannten Techniken und nicht sonderlich innovativen Inhalten es schaffen, eine gewisse Frische in die bekannten Abläufe zu bringen und einfach nur Kurzweil und Spaß bereiten. „Langfinger“ ist für diese Theorie ein blendendes Beispiel: Leichte Regeln, schlüssige Mechanismen, ein ordentlicher taktischer Anspruch, ein Spiel mit etwas Risiko und am Ende auch ein reizvoller Titel mit erhöhtem Wiederverwertungswert – davon ist man bereits nach der ersten Runde überzeugt.

Störend ist einzig und alleine, dass durch die größtenteils verdeckte Auslage der Karten auf einen höheren prozentualen Glücksanteil nicht verzichtet wurde, so dass man in manchen Situationen gar keine andere Wahl hat, als die Mitspieler gewähren zu lassen, da man im Uhrzeigersinn an einem der hinteren Plätze eingruppiert ist. Besonders im Spiel zu viert oder zu fünft – übrigens ist gerade die größere Mitspieleranzahl erst so richtig reizvoll – kommt man hier schon mal an seine Grenzen, da die besten Karten im Prinzip schon verloren sind und man womöglich nicht mal an gutes neues Werkzeug herankommt. Dies wird zwar durch die Tauschfunktion relativ gut ausgehebelt, ist aber manchmal doch ein Ärgernis.

Immerhin, die Strategie kommt dennoch nicht zu kurz, da der Nachteil des späteren Platzierens der Gaunersteine nicht ganz so verheerende Auswirkungen hat. Aber er spielt sicher eine Rolle! Nimmt man diesen Umstand mal aus der Gesamtbetrachtung heraus, ist „Langfinger“ ein geradezu perfektes Familienspiel, welches aufgrund seiner geringen Spieldauer immer mal wieder als Anheizer ausgepackt werden dürfte, aber auch zu einer Serie von mehreren Runden einlädt, schlichtweg weil das ziemlich hohe Spieltempo überzeugt und man in jeder Partie ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen erleben wird. Langeweile ist hier von vornherein vorgebeugt worden.

_Fazit:_

Fiore und Happel haben sich mit der Verwertung bekannter Spielelemente in „Langfinger“ clever und raffiniert durchgeboxt. Man ist sofort im Spiel, durchschaut die möglichen Taktiken und wird doch in jeder Partie aufs Neue gefordert – so muss ein kurzes, aber dennoch reizvolles Spiel ausschauen. Die Verkettung von Karten- und Brettspiel ist überdies sehr gut gelungen und der zweite wichtige Grund für die klare Kaufempfehlung, die hier ausgesprochen wird!

|Brettspiel für 2-5 Spieler ab 8 Jahren
Spieldauer: 20-30 Minuten
ASIN: B002I61P9O|
[www.pegasus.de]http://www.pegasus.de

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