Frankenberg, Pia – Nora

„Nora“ erzählt die Geschichte zweier Frauen, die auf der einen Seite so unterschiedlich sind, die aber durch zwei Schicksalsschläge so viel gemeinsam haben, dass Nora eine Identifikation mit Amy verspürt, die fast schon an Besessenheit grenzt. Nora stammt ursprünglich aus Deutschland, lebt nun aber bereits seit 20 Jahren als Übersetzerin in New York. Eine gescheiterte Ehe liegt hinter ihr, sodass Nora beschlossen hat, der Einfachheit halber nur noch Affären mit verheirateten Männern einzugehen. In der Nacht des Milleniums erinnert sie sich an ihre eigene Kindheit und an das Bild einer dicklichen Frau mit fusseliger Dauerwelle, die bereits vier Kinder zur Welt gebracht hat. So sah damals die Schreckensvorstellung ihrer Zukunft aus, doch Nora ist weder dicklich, noch hat sie eine misslungene Dauerwelle, auch Kinder hat sie keine zur Welt gebracht. Eigentlich könnte sie ganz zufrieden mit sich sein, doch tief in ihr drin schlummert eine Unzufriedenheit und insbesondere ein unvergessener Schicksalsschlag, der sie unwiderruflich von ihrer eigenen Mutter entfremdet hat.

Amy dagegen lebt glücklich und zufrieden mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Kindern in einem New Yorker Vorort und führt praktisch eine Bilderbuchehe, die jedoch am 11. September 2001 zerstört wird, als ihr Mann bei dem Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center ums Leben kommt. Nach dem Tod ihres Mannes bricht Amy fast völlig zusammen und lebt nur auf Drängen ihrer Mutter für die beiden kleinen Kinder weiter. Doch sieht sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben, auch die winzigsten Aufgaben werden ihr zu viel.

Als Nora Amy im Fernsehen bei einer Berichterstattung über den Terroranschlag sieht, ist sie sofort fasziniert. Auch ihr eigenes Leben wurde einst durch den Terror zerstört; als Amy nun eine – wie Nora meint – vergleichbare Situation erleben muss, glaubt Nora, in Amy eine Leidensgefährtin zu sehen. Amy wird für sie zur Obsession. Nora findet heraus, wo Amy wohnt und folgt ihr auf Schritt und Tritt, sie wird zur Stalkerin und muss eines Tages entsetzt feststellen, dass Amy ihr Haus verkaufen und ein neues Leben beginnen will…

Pia Frankenberg erzählt eine sehr persönliche und von großem Leid geprägte Geschichte, die dem Leser in mancher Situation fast die Tränen in die Augen treibt, so eindringlich wird Amys Verzweiflung und Trauer geschildert. Jede ihrer Gefühlsregungen wird dermaßen realistisch und glaubwürdig geschildert, dass man diesen Schmerz beim Lesen fast körperlich spüren kann. Fast banal dagegen machen sich Noras Sorgen und Nöte aus. Auf den Leser wirkt sie eher egoistisch und weltfremd. Man kann ahnen, dass in ihrer Vergangenheit etwas geschehen sein muss, das Auslöser für diese Sorgen war, doch als uns dieser Wendepunkt präsentiert wird, haben wir eher Mitleid für Nora übrig, die es nicht geschafft hat, dies in all den Jahren zu verarbeiten.

So wird Amy für uns zur Identifikationsfigur und zur Sympathieträgerin der Geschichte, während die eigentliche Titelfigur Nora uns nicht so recht sympathisch werden will. Nur manchmal blitzt eine Selbsterkenntnis durch, die uns Respekt abverlangt und auch honoriert wird, doch meist bleibt uns Noras Handeln nicht nachvollziehbar. So ist es schade, dass Pia Frankenberg diese schwer durchsichtige deutsche Übersetzerin in das Zentrum ihrer Geschichte gesetzt hat und nicht Amy, deren Schicksal ergreifend ist und an die wir in ihrer Trauer ganz nah herankommen.

Im steten Wechsel erzählt Pia Frankenberg die Geschichte zweier Frauen und taucht gleichzeitig auch in deren Vergangenheit ab, um uns mehr über das Leben der beiden weiblichen Protagonistinnen zu enthüllen. Dabei stoßen wir schließlich auch auf den Wendepunkt in Noras Leben, der zum Bruch mit ihrer Mutter geführt hat, den sie vor dem Tod der Mutter auch nicht mehr kitten kann. Man wird den Eindruck nicht los, als wäre Noras Schicksal die „Light-Variante“ von Amys Schicksalsschlag, der zwar ebenfalls durch den Terrorismus ausgelöst wurde, aber doch um so vieles schwerer wiegt und daher für den außenstehenden Beobachter absolut nicht vergleichbar ist. Umso kurioser erscheint uns Noras Wunsch, in Amy eine Leidensgefährtin zu sehen; uns wird nicht ganz klar, ob sie tatsächlich meint, ähnlich viel durchgemacht zu haben oder ob es nicht doch die Neugier an der Trauer fremder Menschen ist und der Wunsch danach, sich selbst dadurch „größer zu machen“.

Eins steht jedoch fest, Pia Frankenberg verwendet nicht nur viel Mühe darauf, uns die beiden Frauen in vielen Einzelheiten zu schildern und sie uns von verschiedenen Seiten zu beleuchten, bis wir beide bildlich vor Augen haben, sie beweist darüber hinaus ein außergewöhnliches Sprachtalent. Frankenberg verwendet vielerlei Metaphern und zeigt an zahlreichen Stellen, dass selbst feinste Nuancen der deutschen Sprache von ihr entdeckt und ausgenutzt werden. Auch die subtilsten Unterschiede verschiedener Redewendungen werden thematisiert, analysiert und gezielt eingesetzt, um dem Leser ganz deutlich zu machen, worauf Pia Frankenberg hinaus möchte. So ist „Nora“ sprachlich ein echtes Lesevergnügen; hier gibt es so viel zu entdecken, dass man jede Seite gerne liest und dabei auch selbst erkennt, wie Recht Frankenberg mit ihren treffenden Sprachanalysen doch hat.

Etwas kompliziert gestaltet sich dagegen der stete Schauplatzwechsel zwischen Amy und Nora, der begleitet ist von vielen Rückblenden in die Vergangenheit der beiden Hauptdarstellerinnen. Als Leser verliert man sich dabei manchmal und kann Frankenberg in ihrer Erzählung schwer folgen. Pia Frankenberg wechselt von Abschnitt zu Abschnitt zwischen Nora und Amy hin und her und geht dabei auch nicht immer chronologisch vor. Dadurch wird der Lesefluss ab und an gestört, weil man sich zunächst in der neuen Szene orientieren und zurechtfinden muss.

„Nora“ ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Pia Frankenberg hat sich zwei Protagonistinnen herausgegriffen, die auf den Leser sehr unterschiedlich wirken und dennoch verbunden sind durch einen schicksalhaften Wendepunkt in ihrem Leben. Während Amys Trauer jedoch offen hervorbricht und die junge Frau unter ihrem Schmerz fast zusammen bricht, kommt Noras Trauer eher wütend und von Selbstmitleid geprägt daher. So wird sicher jede Leserin ihre Anknüpfungspunkte finden und sich mindestens von einer der beiden Protagonistinnen mitreißen lassen. „Nora“ kommt ganz unscheinbar daher – so schlicht und edel wie das Buchcover gestaltet ist, wirkt auch die Geschichte. Die Erzählung fließt praktisch vor sich hin und entwickelt sich fast zwangsläufig weiter, um ganz selbstverständlich ihrem vielleicht sogar naheliegenden Ende entgegenzusteuern. Entweder wird man dieses Buch lieben oder man wird sich beim Lesen langweilen, bei mir jedenfalls überwog die Faszination an der so eindringlich erzählten und so dramatischen Geschichte, die in einfach wunderbarer Weise erzählt ist.

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