Gardner, Lisa – Schrei, wenn die Nacht kommt

Die amerikanische Autorin Lisa Gardner hat sich in letzter Zeit in Deutschland immer beliebter gemacht. Ihre Thriller zeichnen sich durch ein hohes Maß an Spannung und Pageturnerqualitäten aus. Während die ersten beiden von ihr im |Aufbau|-Verlag erschienenen Bücher auf die gleichen Hauptpersonen zurückgriffen, ist „Schrei, wenn die Nacht kommt“ komplett eigenständig. Neue Besetzung, neuer Fall – einzig die Spannung bleibt gleich.

Sergeant Detective Kincaid wird eines Nachts zu einem Tatort mitten in der Pampas von Oregon gerufen. Dort steht ein Auto mit laufendem Motor und angeschalteten Scheibenwischern mutterseelenallein am Straßenrand. Von der Fahrerin fehlt jede Spur. Was anfangs noch recht banal wirkt, wird schnell zu tödlichem Ernst. Als man ermittelt hat, dass das Auto Lorraine Conner gehört, und deren Ehemann Pierce Quincy, einen bekannten FBI-Profiler, verständigt hat, wird klar, dass dieses Verhalten überhaupt nicht zu Rainie, wie sie genannt wird, passt. Sie ist immer sehr vorsichtig, trägt normalerweise eine Waffe bei sich und würde sicherlich nicht mitten in der Nacht einfach irgendwo anhalten.

Etwas muss passiert sein. Tatsächlich meldet sich wenig später ein Mann, der behauptet, sie entführt zu haben, und fordert ein Lösegeld von Pierce Quincy. Er beginnt ein perfides Spiel mit den ermittelnden Beamten und mit Rainies Ehemann. Er füttert sie nur häppchenweise mit Informationen zur Geldübergabe und zu Rainies Zustand und zögert die Übergabe immer mehr hinaus, stellt immer höhere Forderungen und scheint insgesamt nicht in Eile zu sein. Die Polizei hat weder eine Ahnung, wer er ist, noch eine Spur von Rainie, was die Ermittlungen nicht gerade erleichtert. Hinzu kommt, dass Quincy sich aktiv einmischt und dabei eine andere Strategie fährt als der leitende Beamte Kincaid: Während Kincaid die Geldübergabe nur zum Schein arrangieren möchte, will Quincy unbedingt zahlen, um seine Frau in die Arme schließen zu können. Der Fall gewinnt an Brisanz, als der Entführer auch noch den siebenjährigen Dougie kidnappt. Rainie lag der Junge, der als Halbwaise von einer Pflegefamilie zur anderen wandert, sehr am Herzen. Es scheint, als ob Rainie mitnichten ein Zufallsopfer ist…

Lisa Gardner setzt dem Leser wie gewohnt Hochspannung vor und den einzigen Vorwurf, den man ihr machen kann, ist das „wie gewohnt“ in diesem Satz. Ihre Bücher ähneln sich trotz unterschiedlicher Charaktere. Das kann man sowohl negativ als auch positiv sehen, denn diese Eigenschaft macht die Autorin zu einer sicheren Adresse für fesselnde Thrillerliteratur. Die Handlung wird flott vorangetrieben und weist einen guten Spannungsaufbau auf. Sicherlich tut Gardner nichts wirklich Neues für das Genre, aber sie konstruiert ihre Geschichte sauber und grundsolide. Ein Blick in die Danksagungen enthüllt, wieso das so ist. Die Autorin dankt zig Leuten vom Polizisten bis zur Pharmazeutin und zeigt dadurch, dass sie gut recherchiert hat. Das merkt man, denn neben dem eigentlichen Handlungsstrang fließt auch sehr viel Alltagswissen über die Polizeiarbeit ein. Dabei begeht sie nicht den Fehler, sich an zähen Erklärungen über kriminologische Vorgehensweisen aufzuhalten, vielmehr berichtet sie über die informellen Abläufe bei den Ermittlungen, und lässt vor allem den Figuren sehr viel Raum.

Ihre Charaktere sind sehr ausgefeilt und tiefgängig. In ihrer Geschichte herrscht kein eitel Sonnenschein. Stattdessen konzentriert sie sich stark auf die menschlichen Abgründe, ohne zu sehr in diese abzurutschen. Auffällig ist auch, dass sie dieses Mal hauptsächlich aus der Sicht von Männern erzählt, was ihr aber sehr gut gelingt. Sie hat ein Händchen für ihre Personen, die sie allesamt mit Erinnerungen und Gedanken ausstattet. Dadurch wird das Buch zu einer sehr runden, sehr interessanten Sache. Selbst wenn die Handlung nicht so fesselnd wäre, könnte man „Schrei, wenn die Nacht kommt“ nicht aus der Hand legen, weil die Personen dem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass er für einige hundert Seiten nicht anders kann als an deren Leben teilnehmen zu wollen.

Gardners Schreibstil ist insofern unverändert, da er immer noch sehr flüssig, gehoben und lebendig ist. Neu ist dagegen der ungewöhnliche, humorvolle Touch, der vor allem in den Dialogen zwischen Quincy und Kincaid zu Tage tritt. Obwohl sich die beiden am Anfang nicht riechen können, entwickelt sich eine Art rumpelige Freundschaft zwischen ihnen. Trotz des Ernstes der Lage lassen sie es sich nehmen, bissige Bemerkungen gegenüber dem jeweils anderen fallenzulassen. Anfangs wirkt das für Kenner von Gardners Büchern fremd, dann macht es immer mehr Spaß, die beiden bei ihren dezenten Schlagabtäuschen zu beobachten.

In der Summe ist „Schrei, wenn die Nacht kommt“ ein weiterer Klassethriller aus Lisa Gardners Ideenschmiede, der gut in ihren literarischen Kanon passt. Akzente kann er vor allem durch die Personenkonstellation setzen. Quincy und Kincaid sind interessante, gut ausgearbeitete Charaktere, deren Verhältnis zueinander das Buch auflockert und die spannende Geschichte noch lesenswerter macht.

|Originaltitel: Gone
Aus dem Amerikanischen von Manuela Thurner
438 Seiten, Taschenbuch|

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[„Der Schattenmörder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=875
[„Lauf, wenn du kannst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4648
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