Haubold, Frank W. (Hrsg.) – Traum vom Meer, Der

_Frei für das Meer_

„Der Traum vom Meer“ – bereits der Titel klingt nach Wellenrauschen, salzigem Wind und Urlaubslektüre, und tatsächlich entführt der Sammelband mit „Geschichten von nahen und fernen Ufern“ seine Leser zunächst mit Wilhelm Hauffs Erzählung vom „Gespensterschiff“ zu den fernen Ufern des Orients. Über Kafkas fragmentarische Erzählung vom toten „Jäger Gracchus“, den das Wasser an den Quai von Riva spült, führt die Reise mit Rainer Maria Rilkes Geschichte „Die Stimme“ weiter bis an den weißen Ostseestrand. Doch der Herausgeber Frank Haubold nutzt diese Klassiker nur zur Einstimmung und Abrundung seiner Anthologie, denn im Wesentlichen zeigen zeitgenössische Autoren u. a. aus Deutschland, England und Bulgarien, was sie zum Thema „Meer“ zu schreiben haben.

Die Geschichten vom Meer sind märchenhafte Erzählungen wie Karl Ludwig Saligmanns „Sindbads achte Reise“, welche den Märchenhelden auf ein Kriegsschiff des 21. Jahrhunderts verschlägt. Dort lernt er, dass sich wesentliche Züge der Menschheit in Jahrhunderten nicht verändern werden und die Hoffnung auf ein Paradies aufgegeben werden muss. Auch die Erzählung „Der Puppenmacher von Canburg“ knüpft an die Tradition Hauffs an. Sie beschreibt ein spießiges kleines Kaff, welches sich von anderen spießigen kleinen Käffern nur dadurch unterscheidet, dass man dort eine ungewöhnliche Hunderasse züchtet. Der Puppenmacher Alois Sonnenschein bringt seinem Namen angemessen Wärme und Licht in die abweisende Atmosphäre der Gesellschaft von Canburg. Doch einzig die Kinder erkennen in dem Fremden einen Zauberer. In der kleinen Sophie weckt er sogar die Liebe zum Tanz, die ihr später Beruf und Berufung werden soll.

Schon in den ersten Geschichten zeigt sich, dass das Meer nicht nur Faszination und Abenteuer bedeutet. Vielmehr ist es in den vorgestellten Werken als Inspiration sowohl für die Autoren als auch für deren Figuren zu sehen. Geschichten vom Meer sind dabei immer auch Beziehungsgeschichten. In dieser Anthologie findet man vor allem die Endlichkeit der Liebe thematisiert. So wird Edgars und Lilith Liebesbeziehung am Meer in „Griechenland“ auf den Prüfstand gestellt. Sie entpuppt sich als an den unterschiedlichen Erwartungen des anderen gescheitert und mündet in eine Katastrophe. In „Die Windsbraut“ entscheidet sich der Erzähler für die stürmische Windsbraut und verlässt seine Familie. Caro aus „El Hierro“ erkennt in einem Hotel am Meer, dass sie 21 Jahre ihres Lebens für drei bizarre Begegnungen mit einem geheimnisvollen Fremden verschwendet hat. Für die sich liebenden Geschwister aus „Eros hinter dem Vorhang“ ist der Aufenthalt am Meer ebenfalls von jeher schicksalsträchtig gewesen. Obwohl beide dagegen ankämpfen, wird das Tabu der körperlichen Liebe zwischen Geschwistern, unabhängig davon ob sie vollzogen wird oder nicht, unvermeidlich ins Verderben führen.

Spannend ist die Kriminalgeschichte „Die Irritation“ der Autorin Anke Laufer, die 2009 bereits mit einer anderen Geschichte für den Deutschen Kurzkrimipreis nominiert worden war. Hervorragend konstruiert und sprachlich geschickt, lässt sie ihre Ich-Erzählerin als Zeugin in einem Mord aussagen, den sie selbst begangen hat. Aus Rache für eine verschmähte Liebe, die zu einem einsamen und trostlosen Leben mit einem anderen Mann geführt hat, belastet sie einen unschuldigen Mann, der sie an ihre frühere Liebe erinnert. Das tiefe Wasser des Ärmelkanals wird dabei zu ihrem Komplizen. Doch das Meer steht nicht nur für das dunkle Grab der toten Frau, sondern auch symbolisch für das Grab der Träume und Sehnsüchte der Ich-Erzählerin.

Offensichtlich stirbt es sich im Meer am effektvollsten. Das scheint auch die Geschichte „Die Bienen“ zu bestätigen. Die Binnenhandlung erzählt eine klassische Dreiecksgeschichte, bei der sich verschmähte Liebe in Hass und Eifersucht verwandelt, so dass der Tod aller Beteiligten den traurigen Abschluss bildet. Die Bienen tragen hierbei den Kampf aus, den die Menschen nicht zu kämpfen wagen. Für den Ich-Erzähler der Rahmenhandlung ist diese Geschichte Mahnung und Warnung zugleich. Doch wirkt „Die Bienen“ wegen des romantischen Schlusses versöhnlich und gibt der funktionierenden Liebesbeziehung zwischen den Geschlechtern noch eine Chance.

Das Meer als Spiegel der Gefühle der handelnden Figuren findet der Leser in der Geschichte „Schwere See“ besonders eindrucksvoll ausgestaltet. In ihr überflutet die stürmische Nordsee gerade Hamburg, während die Ich-Erzählerin, deren Mann eine Affäre hat, ein Kind zur Welt bringt, das ebenfalls aus einem Seitensprung entstanden ist. Das wilde tobende Meer entspricht den überfließenden Gefühlen von Schmerz und Wut der Gebärenden, die vor allem wegen eines nicht vollendeten Abnabelungsprozesses von ihrem Vater in ihrer Ehe und ihrem Leben bisher nicht glücklich werden konnte.

Aufenthalte am Wasser führen jedoch immer zu schicksalhaften Begegnungen, die alles verändern können. In „Macht“ führt die Reise zum Meer zur Überwindung von Ängsten, aber gleichzeitig auch zu einem besonders schweren, einem doppelten Abschied. „Der Rothaarige“ zeigt das Festhalten an einer Liebe, deren dürftige Grundlage nur noch ein gegebenes Versprechen darstellt. In der befreienden Umgebung des Wassers wird klar, wie es ist, wenn man etwas unbedingt möchte und einsehen muss, dass es nicht funktioniert. Auch der Protagonist in „Pfirsiche und Fische“ erkennt, dass er nicht beides haben kann und sich zwischen seiner künstlich nach Pfirsich riechenden und der natürlichen Frau vom Meer entscheiden muss.

Den Höhepunkt der Sammlung bildet jedoch zweifellos die Titelgeschichte „Der Traum vom Meer“. Schon der erste Satz macht klar, dass hier trotz der märchenhaften Erzählweise eine deutliche Abkehr vom Märchen stattfindet und Wünschen das Leben nur komplizierter macht. Susanna Neuenweg erzählt bildgewaltig von der Odyssee einer „sonderbaren“ Gesellschaft“, bestehend aus dem gewalttätigen Ahab, einer gescheiterten Selbstmörderin, eines Diebes, einer Mörderin mit indischen Wurzeln und anderen Außenseitern der modernen Gesellschaft. Die originellen Typen, die allesamt an der Gesellschaft kranken, retten sich buchstäblich auf Ahabs Draisine und sind damit unterwegs zum Meer. Die Erzählerin möchte gar nach Atlantis, was man durchaus als Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort verstehen kann. Doch auch in der relativ freien Gesellschaft auf dem kleinen „Landschiff“ ist das Leben kein Zuckerschlecken. Die Autorin beschreibt die erotischen Beziehungen, die Abhängigkeit von den Fähigkeiten des Anderen oder die Gewalt in knappen präzisen Sätzen, so dass man gründlich lesen muss, bis der häufig nur in einem Halbsatz verborgene Schlüssel zur Erkenntnis der Situation die surreale Beschreibung in einem neuen Blickwinkel erscheinen lässt. |“Jeder hat seine Quest. Vielleicht verfolgt Schambart nun eine andere. Heute Morgen habe ich bei Ambra eine blutige Haarnadel gefunden. Unter unserem Schiff stinkt etwas. Ich möchte hier nicht bleiben.“| In diesem anspruchsvollen Text gibt es keine Floskeln, ist kein Wort zu viel geschrieben. Die inhaltliche Abkehr vom Märchen erstreckt sich somit auch auf die sprachliche Gestaltung. Nur die Namen der Protagonisten und ein Märchen innerhalb der Geschichte haben sich den märchenhaften Charakter bewahrt. Geschickt werden damit die Träume, Sehnsüchte und Welten ausgenutzt, die sich hinter ihnen verbergen und nur in wenigen Sätzen angedeutet werden müssen, um beim Leser ihre Wirkung zu entfalten.

Ein wenig blass wirken dagegen Geschichten wie „Sohn der Insel“, die so entspannt daherkommt, wie man sich das Leben auf einer einsamen Südseeinsel vorstellt, wenn Naturgewalten, Monster oder Piraten ausbleiben, sowie „Heimkehr“, die unabgeschlossen wirkt und man sich eher als Anfang einer längeren Erzählung vorstellen kann. Das „Prosaische Fischerlied“ besteht aus aneinandergereihten Worten und Satzfetzen. Sie ergeben nicht immer Sinn wie die „verlockt, verliebt, verleiteten“ Krähen und muten eher wie ein atemloses Spiel mit Worten an, die mehr Energie für die Nacht versprechen, als man sich bei einem Fischer nach seinem anstrengenden Tagwerk vorstellen kann.

Doch insgesamt handelt es sich bei „Der Traum vom Meer“ um einen interessanten Querschnitt durch die zeitgenössische deutsche Literatur. Der Autor Herausgeber Frank W. Haubold, der dem Meer auch persönlich verbunden ist, hat dafür mit Schriftstellern zusammengearbeitet, die er bereits aus vorhergehenden Anthologieprojekten kennt, und das Thema als Wettbewerb in einem Literaturforum ausgeschrieben. Die besten Geschichten haben es zwischen die Deckel des knapp 200seitigen Hardcovers geschafft. Das Buch ist auch handwerklich gut gestaltet. Besonders eindrucksvoll sticht der von Crossvalley Smith alias Dr. Martin Schmidt entworfene Schutzumschlag hervor, von dem aus dem Leser zwischen aufgetürmten Wolken und einem grünblauen unruhigen Meer ein wachsames Auge entgegenblickt. Hoffentlich lässt diese auffällige und geheimnisvolle Gestaltung zahlreiche Leser in Buchhandlungen zugreifen. „Der Traum vom Meer“ hätte es verdient.

|192 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3862372126|
http://www.projekte-verlag.de
http://www.frank-haubold.de
[Interview mit Frank Haubold]http://buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=106

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