Heitz, Markus – Kinder des Judas

Leipzig, 2006: Die Krankenschwester Theresia besitzt die Fähigkeit, den baldigen Tod anderer Menschen vorherzusehen. Sie überwacht die Sterbenden und ruft kurz vor dem Ableben die Angehörigen herbei. Für die Patienten ist sie die Seele des Krankenhauses, wie ein Engel, der Trost in den letzten Stunden spendet. Niemand ahnt, dass Sia ein Doppelleben führt. Sie ist eine scheinbar alterlose Unsterbliche, eine Vampirin, die dem Bündnis der „Kinder des Judas“ angehört und bereits über dreihundert Jahre alt ist. Neben ihrem Beruf als Krankenschwester nimmt sie an illegalen Gladiatorenspielen teil, die sie dank ihrer übermenschlichen Kräfte nie verliert. Um ihr Gewissen zu ordnen, schreibt sie ihre Geschichte auf.

Das Osmanische Reich, um 1670: Die achtjährige Jitka lebt mit ihrer Mutter im serbischen Gebiet, das von den Türken beherrscht wird. Jitkas Mutter wird nach einer Intrige von den Besatzern gefangen genommen und getötet, dem Mädchen gelingt die Flucht auf den Hof des Lehnsherren. Bald darauf nimmt ihr totgeglaubter Vater Karol sie bei sich auf, dem sie zuvor nie begegnet ist. Er ist ein edel aussehender Wissenschaftler, der eine abgelegene Mühle bewohnt. Das wissbegierige Mädchen fasst Vertrauen und wird in den folgenden Jahren von ihm unterrichtet.

Mit vierzehn Jahren erfährt Jitka, die sich nun Scylla nennt, dass ihr Vater einem Geheimbund von Forschern angehört, in den sie ebenfalls eintreten soll. Scylla muss jedoch erkennen, dass die Mitglieder nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Vampire sind – und sie selber ebenfalls. Als sie die wahren Ziele der „Kinder des Judas“ erfährt und sich von dem Bund lossagt, gerät die junge Frau in einen Zwiespalt, der sie und ihre große Liebe in höchste Gefahr bringt …

In „Ritus“ und „Sanctum“ widmete sich der Autor den Werwölfen, in „Die Kinder des Judas“ stehen Vampire auf dem Programm. Mit Vampiren verbindet man gewöhnlich schwarz gekleidete Blutsauger, die Knoblauch und Kreuze ebenso wie das Sonnenlicht meiden und nachts Jagd auf Menschen machen. Mit einigen Klischees wird hier aufgeräumt, sodass auch Vampirkenner gut unterhalten werden.

_Originelle Vampirdarstellung_

Die „Kinder des Judas“, denen Scylla angehört, distanzieren sich von den anderen vampirhaften Wesen, die wahllos über Menschen und Tiere herfallen. Die Gier nach Blut ist ihnen allen eigen, aber sie bemühen sich, diese Sucht zu unterdrücken. Wer dennoch seiner Schwäche nachgibt, zeichnet seine Opfer mit drei Kreuzen, die für die römische Zahl Dreißig stehen und an ihren verehrten Stammvater Judas erinnern, der einst für dreißig Silberlinge seinen Herrn Jesus Christus verriet. Ungewöhnlich, aber umso interessanter ist die ausgeprägte Religiosität und Christus-Verehrung der Vampire. Nicht nur, dass sie das Kreuz nicht fürchten, sie tragen es zumeist sogar selber. Judas ist in ihren Augen kein Verräter, sondern ein notwendiges Mosaikstein in der Heilsgeschichte, denn ohne sein Handeln wäre Christus nicht auferstanden – damit verfolgen die Anhänger eine gerade in der Neuzeit immer populärer gewordene Ansicht, die dennoch im ersten Moment irritiert, zumal wenn sie von Vampiren vertreten wird. Wer sich als „Judaskind“ bezeichnet, ist in Augen der ahnungslosen Bevölkerung ein Gottesverräter. Auch die Forschungen der Vampire, bei denen sie Leichname aus Friedhöfen bergen und sezieren, um anatomische und biologische Studien zu betreiben, werden missinterpretiert. Die eingelegten Körperteile stammen nach Vermutungen der Menschen von Lebenden, die grausam zu Tode gequält werden, an Forschungen mag hier niemand glauben, zu weit verbreitet ist das Bild vom menschenreißenden Vampir, der mit dem Teufel im Bund ist.

_Interessante Hauptfiguren_

Beide Erzählstränge drehen sich um Scylla, die als kleines Mädchen noch Jitka heißt, sich später nach der Rächerfigur aus der griechischen Mythologie umbenennt und im einundzwanzigsten Jahrhundert den Namen Theresia trägt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Vergangenheit. Der Leser verfolgt, wie die wissbegierige Jitka heranwächst, wie sie unter dem sorgsamen Blick ihres geheimnisvollen Vaters zu einer Gelehrten reift, deren Leben sich vorwiegend in der Bibliothek und im Labor abspielt. Furchtlos wie eine Medizinerin seziert sie bereits als junges Mädchen tote Menschen und lernt mit großer Begeisterung fremde Sprachen.

Trotzdem ist sie alles andere als eine farblose Streberin. Je älter sie wird, desto eingeengter fühlt sie sich in der abgelegenen Mühle. Daraus ergibt sich fast zwingend eine Liebelei mit dem gleichaltrigen Hirtenjungen Giure. In jugendlicher Naivität erhoffen sich die beiden eine gemeinsame Zukunft, ohne dass sie ahnen, dass Scyllas Vater diese Verbindung niemals dulden könnte. Scylla bleibt stets eine mutige Einzelkämpferin, die dennoch ihre Mühen damit hat, zwischen den Fronten zu stehen. Glaubhaft werden ihre Zwiespälte geschildert, sowohl die der jungen Frau im 17. Jahrhundert, die gerade von ihrem Vampirwesen erfahren hat, als auch die der Leipziger Krankenschwester, die immer noch mit ihrer jahrhundertealten Vergangenheit ringt.

Ein weiterer interessanter Charakter ist Scyllas Vater. Von klein auf glaubte Jitka, ein Jugendfreund ihrer Mutter, der als Soldat gefallene Radomir, sei ihr Vater gewesen, bis plötzlich Karol Illicz vor ihr steht und sie bei sich aufnimmt. Seine vornehme Kleidung samt Weißhaarperücke verwirren sie, auch seiner Angabe, dass er viele Jahre krank gewesen sei und sich daher nicht eher melden konnte, mag sie nicht recht trauen. Andererseits fühlt sie sich rasch geborgen bei ihrem noch fremden Vater, der der einzige Mensch geblieben ist, dem sie noch vertrauen kann. Je älter sie wird, desto mehr stören sie die Geheimnisse, die ihr Vater offensichtlich vor ihr bewahrt, obwohl sie gleichzeitig ahnt, dass er sie zu ihrem eigenen Schutz nicht in alle Dinge einweiht.

Eine äußerst bedrohliche Figur ist Marek, Scyllas Halbbruder, der sich ihr gegenüber zunächst charmant und ehrerbietig erweist, ehe sich herausstellt, dass er sexuelle Absichten hegt. Marek, der Scylla einst als Retter in der Not erschien, wird zu ihrem Todfeind und verfolgt seine Schwester über Jahrhunderte hinweg, bis es zur unvermeidlichen Konfrontation kommt. Die Liebesgeschichte zwischen Scylla und dem Deutschen Viktor von Schwarzhagen wird angenehm kitschfrei erzählt und tritt ohnehin erst spät im Buch in Erscheinung.

_Fokus auf Vergangenheit_

Historienfreunde kommen auf ihre Kosten dank des Erzählstranges, der zurück ins 17. Jahrhundert führt und dort größtenteils auf Gebiete des Osmanisches Reiches. Auch wenn die Kriege und die Politik der damaligen Zeit nur am Rand angesprochen werden, wird der Leser in den Aberglauben und die Lebensgewohnheiten der Menschen eingeführt. Adelige Schlösser werden ebenso zum Schauplatz wie Zigeunerwagen, und das Leben unter der türkischen Besatzung wird nicht romantisiert. Historische Personen wie der Medicus Glaser und der Obrist D’Adorno werden ebenso eingebunden wie die tatsächliche Vampirpanik 1732 in Medvegia, in der unerklärliche Todesfälle auf Vampire zurückgeführt und eine offizielle Untersuchungskommission eingeleitet wurden.

Die Sprünge in die Gegenwart fallen kürzer aus, sind aber trotz des vertrauten Terrains nicht weniger geheimnisvoll. Sia, deren Wunden sich sofort regenerieren und deren Schnelligkeit der von Menschen weit überlegen ist, tritt nachts maskiert zu illegalen Gladiatorenkämpfen an, die weltweit ausgestrahlt werden und die eine Atmosphäre morbider Faszination verbreiten.

_Wenige Schwächen_

Anzukreiden ist dem Roman in manchen Phasen eine unausgewogene Einteilung, was die Ausführlichkeit betrifft. Während viele Begebenheiten sehr detailliert geschildert werden, herrscht an anderer Stelle übertriebene Knappheit vor. Dies gilt besonders für den Teil, der Scyllas Erkenntnis folgt, dass sie eine Vampirin ist. Gleich mehrere Jahre ihres folgenden Lebens werden auf wenigen Seiten abgehandelt, ihre Entwicklung und ihr neuer Lebensstil kaum erläutert, sodass ein zu harter Sprung erfolgt. Ähnlich verläuft es kurz vor Schluss, als Scylla in wenigen Sätzen ihren Lebenslauf über gut zweihundert Jahre rekapituliert. Einmal fällt eine unrealistische Reaktion Scyllas auf, als ihr Vater gerade mit knapper Not einem tödlichen Angriff entkommen ist und sie sofort sehr nüchtern erscheint. Für empfindsame Gemüter geht es sicherlich an vielen Stellen zu blutig zu, die Kämpfe und Vampirjagden werden ohne Beschönigung formuliert, allerdings sollte jeder Phantastik-Leser ohnehin damit rechnen.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr unterhaltsamer Vampirroman, der geschickt Historie und Horror miteinander verbindet. Der Vampirmythos wird abseits Graf Draculas und der üblichen Klischees erzählt und stellt eine interessante Hauptfigur in den Mittelpunkt. Wie schon in den Werwolf-Romanen „Ritus und „Sanctum“ werden Ereignisse aus der Vergangenheit und der Gegenwart miteinander verknüpft. Negativ fallen nur einige Stellen auf, in denen im Gegensatz zur sonstigen Ausführlichkeit die Ereignisse einiger Jahre zu knapp wiedergegeben werden.

_Der Autor_ Markus Heitz, geboren 1971, studierte zunächst Germanistik und Geschichte, ehe er als freier Journalist zu arbeiten begann. 2003 gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller mit dem Fantasyroman „Die Zwerge“. Es folgten zwei Fortsetzungen, der vierte Teil ist für 2008 angekündigt. Weitere Werke sind u. a. die Werwolf-Romane „Ritus“ und „Sanctum“.

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