Andersen, Mads – Superflieger der Welt

Bücher über Flugzeuge gibt es bekanntlich viele – das Angebot ist nahezu unüberschaubar. Da sind solche, die jedes Modell bis ins kleineste Schräubchen hinein vermessen und katalogisieren, dann wiederum Bücher, die sich eher allgemein mit der Luftfahrt beschäftigen. Manche befassen sich nur mit Militärmaschinen (oft sogar nur einer einzigen Epoche), die anderen kümmern sich ausschließlich um die zivile Fliegerei. Dort eine Lücke zu finden, um sich zu positionieren, fällt nicht leicht. Mads Andersens „Superflieger der Welt – Die sensationellsten Flugzeuge aller Zeiten“ aus dem |Bassermann|-Verlag versucht dies mit einer auf besondere Modelle reduzierten Flugzeugpalette von den Anfängen bis heute.

_Inhalt_

Insgesamt 100 mehr oder weniger kuriose und/oder berühmte Flugzeuge hat der Autor aus der Geschichte der Luftfahrt ausgegraben und ihnen dadurch den „sensationell“-Stempel aufgedrückt. Begonnen von den Anfängen der Fliegerei arbeitet sich Andersen langsam bis zu Zukunftsvisionen vor, allerdings sind die Flugzeuge nicht wirklich chronologisch sortiert. Die Gliederung richtet sich eher nach Themenbereich respektive Einsatzzweck der jeweiligen Flugzeuggattung. Unterschieden wird zudem in Militär- und Zivilluftfahrt, wobei der militärische Anteil erwartungsgemäß groß ausfällt. Grundsätzlich sind jedem Flieger zwei Seiten zugedacht: ein textlicher Infoteil (meist mit Illustration oder Bildern) und ein ganzseitiges Bild inklusive der wichtigsten Eckdaten. Selten wird diese Regel allerdings auch gebrochen und zwei Maschinen müssen sich dann eine Doppelseite teilen.

_Eindrücke_

Das Militär ist seit jeher Triebmotor für technische Entwicklungen – für die Luftfahrt ab dem Zweiten Weltkrieg gilt dies in besonders hohem Maße -, daher ist der Anteil an „Warbirds“ entsprechend hoch. Es fällt aber auf, dass nicht alle nennenswerten Flugzeugtypen vorhanden sind. Der Grund hierfür bleibt all zu oft schleierhaft. So ist zwar die Junkers JU 87 „Stuka“ (erwartungsgemäß) vertreten, allerdings ist dies wahrlich kein Superflieger, sondern eine im Kampf ziemlich lausig abschneidende Maschine. Rekorde hat sie auch nie gebrochen. Es sei denn, man zählt die hohen Verluste dieses Typs als solchen. Ihr hoher allgemeiner Bekanntheitsgrad dürfte hier anscheinend der Grund für die Aufnahme gewesen sein.

Wären solche Negativbeispiele sonst erwünscht gewesen, so hätte sicherlich auch das wohl mieseste Kampfflugzeug des Zweiten Weltkriegs unbedingt hinein gemusst: Die japanische Mitsubishi A6M-Reisen (besser bekannt als „Zero“ oder „Zecke“). Oder aus moderneren Zeiten der so genannte „Starfighter“, der aufgrund seiner Unzuverlässigkeit den wenig schmeichelhaften Namen „fliegender Sarg“ bekam. Die Japaner hätten, was das angeht, übrigens gleich mehrere Eisen im Feuer gehabt. Anders die Russen mit der Iljuschin IL-2 und anderen Entwicklungen oder die Franzosen, die mit der Dewoitine D-502 eine wenig beachtete Maschine am Start hatten, die es seinerzeit mit der (eigentlich zu Unrecht hoch gelobten) Messerschmitt BF 109 durchaus aufnehmen konnte. Die ist hier selbstverständlich gelistet.

Beispiele für weitere erfolgreiche Konstruktionen, die es aber auch nicht ins Buch schafften, wären – auf amerikanischer Seite – etwa Lockheed P38-J „Lightning“, bei der Luftwaffe wegen ihres charakteristischen Doppelrumpfes damals ehrfürchtig als „Gabelschwanzteufel“ bezeichnet. Der North American P51-D „Mustang“ gebührte als einer der ersten Höhenjäger eigentlich ein Platz in einer solchen Publikation, genauso wie ihrer direkten Gegenspielerin, der Focke Wulf FW 190 in allen ihren Varianten von A4 bis D9. Dieses Flugzeug gilt als eins der besten je gebauten Kampfflugzeuge des Zweiten Weltkriegs. Oder die berühmte Fokker DR-1 des berühmten „Roten Barons“ Manfred von Richthofen: nicht dabei. Die Liste ließe sich sicherlich noch beliebig fortführen – ist aber rein subjektiv.

Nun ist eine Auswahl sicherlich schwierig: welches Flugzeug darf hinein und welches muss außen vor bleiben? Das Kriterium „sensationell“ oder „Superflieger“ ist da denkbar schwammig. Irgendetwas Besonderes können ja fast alle; welcher Flieger durch das Raster fällt ist also eine Definitionsfrage, die allein dem Autor bzw. der Projektleitung oblag. Dem Flugzeugbegeisterten, speziell dem kundigen, fehlen bestimmt so einige Typen – das bemerkt man bereits beim ersten schnellen Überblick der Inhaltsangabe. Natürlich ist dieses Empfinden stark persönlich gefärbt. Man hat eine gewisse Erwartungshaltung, welche Flugzeuge man auf jeden Fall zu finden hofft. Dementsprechend groß ist die Enttäuschung, wenn genau diese nicht enthalten sind und sich einem der Grund dafür entzieht.

Interessant auch, dass einige Hubschrauber und Zukunftsvisionen mit aufgenommen, Luftschiffe jedoch komplett ausgeklammert wurden. Das erscheint angesichts so manch schrägem Flugapparat im Buch, der das Forschungsstadium nie verließ, unverständlich. Dabei sind gerade diese eine ganz besonders interessante Art von Flugzeug, welches sich von der anfälligen Zeppelinbauart (Stichwort: LZ 119 „Hindenburg“) bis zum heutigen „Blimp“ entwickelte und immer noch in Gebrauch ist. Dafür hätte man das eine oder andere (Flächen-)Fluggerät ruhig weglassen können, wenn der Platz schon nicht reichte, möglichst viele (und wichtige) Meilensteine auf (zu) knappen 210 Seiten zu verewigen. Die Selbstbeschränkung auf 100 Modelle rächt sich einmal mehr. Einige recht seltene Bonbons finden sich aber dann doch.

Die Präsentation ist durchwachsen, auf der Haben-Seite stehen ordentliche, oft großformatige Fotos auf qualitativ anständigem Papier – meist sind es zwei pro Maschine, welchen in aller Regel eine Doppelseite gewidmet ist. Der zugehörige Text informiert grob über den jeweiligen Flieger, ohne all zu sehr ins Detail zu gehen. Das verdeutlicht, dass es sich hierbei eigentlich eher um einen Bildband denn um ein technisches Nachschlagewerk handelt. Gelegentlich sind die recht dürren Informationen auch noch widersprüchlich oder nicht ganz zutreffend bzw. einfach nicht genau genug recherchiert. Beispiel (S.86/87): BF 109G Vmax im Text: 728 km/h, im Infokasten auf der Seite daneben (gleicher Typ „Gustav“) gingen schlappe 100 km/h flöten: 621 km/h.

Auf Seite 36 wird behauptet, nur die Lufthansa hätte noch eine flugfähige JU 52 (Anm.: Beheimatet auf dem Rhein-Ruhr-Flughafen Düsseldorf, bei schönem Wetter sogar erfreulich oft am Himmel NRWs zu sehen – und zu hören). Das stimmt so nicht. In der Schweiz kurvt auch noch eine funktionstüchtige „Tante Ju“ herum. Hinzu gesellen sich diverse Rechtschreibfehler, wovon der auf Seite 26 schon etwas peinlich und dann auch noch im 24pt-Fettdruck in der Headline prangt: „Junker“. Da hat jemand das „s“ vermutlich aus der Sonne kommend abgeschossen – ohne dabei das tief und fest schlafende Lektorat aufzuwecken. Auch beim „Ostblock“ auf Seite 44 würde ein vorangestelltes „ehemaliger“ sicher eine stilistisch bessere Figur machen, respektive die Realität exakter widerspiegeln. Das sind übrigens keine Einzelfälle.

_Fazit_

Auf 210 Seiten erschöpfende Auskünfte über etwa die Hälfte soviel Flugzeuge zu erwarten, wäre realitätsfern. Die Fotos können eigentlich durch die Bank überzeugen, die Aufmachung ist für ein knapp 8 Euro teures Werk beachtlich schön und wertig. Leider kann der textliche Inhalt da bezüglich Informationsausbeute, Stil und schludrigem Lektorat nicht recht mithalten. Zudem fehlen einige anerkannt wichtige Maschinen – sowie Luftschiffe – völlig. Das Buch ist somit ein Bildband für anspruchslosere Flugzeugbegeisterte oder solche, die ohnehin jeden Schnipsel bezüglich Luftfahrt sammeln. Für diesen Preis macht man allerdings nichts verkehrt.

|ISBN-13: 978-3-8094-2347-8
210 Seiten, zahlreiche Abbildungen
A4-Querformat – gebunden|
http://www.bassermann-verlag.de/

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