Isau, Ralf – Messias

Wunder gibt es immer wieder … aber was bezeichnet die katholische Kirche als Wunder? Gibt es Phänomene, mittels derer Gott, Jesus, Maria oder der Heilige Geist zu uns sprechen? In unserer materiellen Welt mit allen Ängsten und Bedrohungen vermissen wir vielleicht manchmal etwas Spirituelles, etwas, das uns Hoffnung und Halt gibt. Mythen, Legenden oder auch theologische Glaubenssätze bilden einen bunten Spielplatz für Interpretationen. Was geschah seinerzeit an den bekannten Walfahrtstätten, wie z. B. Lourdes, zu denen auch heute noch Millionen von Menschen pilgern? Sind diese Wunder ein Beweis für die Existenz Gottes?

Das Außergewöhnliche, Spektakuläre und Sensationelle sowie die gefühlsmäßige Ergriffenheit stehen nicht unbedingt im Widerspruch zur Religion, doch es gibt immer wieder Grund zur gesunden Skepsis. Nicht wenige versuchen durch Vortäuschung, solche ‚Wunder‘ medial auszureizen, um natürlich damit einen nicht geringen Profit zu kassieren. Um ein Wunder wirklich als solches bezeichnen zu dürfen, bedarf es einiger recht weltlicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Die katholische Kirche entsendet immer wieder ‚Ermittler‘, die diese Spuren Gottes untersuchen, und das mit allen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten unserer Zeit.

Ralf Isau erzählt in seinem neuesten Roman „Messias“ von solchen Wundern.

_Inhalt_

Irland war und ist ein Land voller Legenden und Mythen. Die dort lebenden Menschen sind zumeist etwas schrullig, gar merkwürdig und zugleich von einem tiefen Glauben erfüllt. Als die alte Kirche Duiske Abbey von einem hellen Blitz erhellt wird, dem dortigen Geistlichen ein nackter Mann vor die Füße fällt und das Kruzifix auf einmal ohne Jesusfigur dasteht, sprechen die ersten Stimmen bereits von einem Wunder. Der 103-jährige Seamus Whelan, im Ort Graiguenamanagh selbst als „Wunderheiler“ bekannt, wird Zeuge dieses Vorfalls. Der nackte, blutende Mann am Boden fleht verzweifelt auf hebräisch um Hilfe. Seine Hände und seine Füße weisen Wunden eines Gekreuzigten auf. Ist es möglich, dass der leibhaftige Jesus vom Kreuz gestiegen ist, dass der Heiland die irdische Welt erneut besucht?

Die Nachricht des „Wunders von Graiguenamanagh“ verbreitet sich rasend schnell durch die Medien. Auch der Vatikan wird hellhörig. Der verletzte Mann wird in die Notaufnahme des St Luke’s Hospital in Kilkenny eingeliefert, als der Zorn Gottes zwei Menschen aus dem Ort niederstreckt. Die Toten sind als notorische Sünder bekannt, so dass einige vom Strafgericht Gottes sprechen.

Die Kirche ist entsetzt: Was geschieht in diesem kleinen irischen Ort? „Jeschua“, wie sich der geheimnisvolle Mann selbst nennt, philosophiert mit Bibelzitaten, seine Vergangenheit bleibt trotzdem im Dunklen. Schon sind die ersten Pilger in Graiguenamanagh, dicht gefolgt von den ersten Journalistenteams, die von diesem einmaligen Wunder aus erster Hand berichten wollen. Der Vatikan sieht sich gezwungen, Licht in diese ominöse Wundergeschichte zu bringen, und entsendet Monsignore Hester McAteer von der „Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ aus Rom.

McAteer ist selbst Ire und seit seiner Kindheit mit dem kleinen Ort verbunden. Seit Jahren ist er ein Experte für die Entlarvung falscher Wunder, die mit technischer Raffinesse ausgeführt wurden. Monsignore McAteer weiß, wie und wonach man suchen muss, doch was er auch bei seinen Untersuchungen findet, lässt ihn diesmal in vielerlei Hinsicht zweifeln. Seine Vergangenheit überholt ihn und konfrontiert ihn mit seiner alten Liebe Fiona Sullivan, mit der eine gemeinsame Tochter hat. Schon in seiner klerikalen Ausbildung verliebte sich der junge Mann unsterblich, doch entschied er sich für eine Laufbahn in der Kurie und gegen seine Empfindungen.

Selbst sein Vater Seamus Whelan, mit dem er seit Jahrzehnten im Streit liegt, offenbart sich als Wundertäter, als er übers Wasser geht, mit Raben spricht und noch einige merkwürdige Dinge mehr in seinem Umfeld geschehen. Technischer Schabernack oder noch eine wunderbare Gabe?

Die Ermittlungen werden zum emotionalen Minenfeld, und auch wenn McAteer in der Vergangenheit durch seine Erfahrungen reifer und skeptischer geworden ist, so wird hier sein (Un-)Glaube vielfach durch mysteriöse Situationen infrage gestellt. Was würde mit der Welt und all dem, woran er festgehalten und geglaubt hat, geschehen, sollte „Jeschua“ wirklich der „Messias“ sein?

Um mehr zu erfahren, muss Hester wieder ein Mitglied der skurrilen Dorfgemeinschaft werden, und genau dies bringt ihn und seine wiedergefundene Familie in Lebensgefahr.

_Kritik_

„Messias“ von Ralf Isau ist in vielerlei Hinsicht ein wirklich guter Roman, der es überdies versteht, auf wunderbare Art zu provozieren.

Der Spannungsbogen entwickelt sich besonders intensiv in den ersten Kapiteln und gleichmäßig mit Einführung der Protagonisten. Diese sind besonders skurril und verschroben und, wie der Autor auf seiner Website erwähnt, durchaus nicht fiktiv. Irland ist also nicht nur wunder. sondern auch sonderbar.

Das Provokative an Ralf Isaus Geschichte ist zum einen das Verhältnis der Kirche zu Wundern generell und zum anderen sind es die Gedankenspiele des Autors: Was wäre, wenn Jesus wirklich auf die Erde zurückkämme? Welchen Stellenwert hätte dann die katholische Kirche? Hätte sie Angst um ihre Macht auf Erden, ihren Einfluss eine Milliarde gläubiger Schäfchen? „Jesus“ hätte, ohne es zu wollen, eine deutliche politische Wirkung, nicht nur eine spirituelle. Es wäre genauso gut denkbar, dass er erneut zum Märtyrer werden könnte. In jedem Fall wäre sein Auftauchen ein Ende unserer bekannten Welt, entweder in Form des mythologischen Jüngsten Gerichtes oder aber der Beginn eines anderen Denkens. All diese Punkte werden vom Autor intelligent in die Handlung eingebaut.

Ralf Isaus Stil ist für einen Thriller deutlich von Humor geprägt. Dieser wird von den manchmal merkwürdigen und schrulligen Charakteren eingebracht, die den Leser wirklich zum Schmunzeln bringen werden. In keinem Fall empfindet man diese humoristischen Einlagen als störend, sie lockert im Gegenteil die angespannte Atmosphäre auf und unterstützt die Handlung. So rasant die Anfänge von „Messias“ sich aufbauen, so schnell stoppt die Dynamik aber leider auch. Schon recht frühzeitig wird ein Teil der Wunder aufgeklärt, doch immer wieder überrascht uns Hesters Vater mit seinen, sagen wir mal: Phänomenen. Zum Ende hin weiß aber der Roman aber wieder durchaus in Sachen Spannung zu überzeugen und führt die Story gekonnt auf die Zielgerade.

Die Figuren sind so detailliert konzipiert, dass man sie durchweg als sympathisch empfindet. Monsignore McAteers Philosophie ist eher rational geprägt. Er verlässt sich auf das, was er sieht, und nicht auf das, was er sich zu sehen wünscht. Verstand und Gefühl trennt er rigoros, aber nur in beruflichen Belangen. Menschlich ist er genauso empfindsam wie viele andere, aber das will er nicht hören und gehört nicht in sein kompaktes Weltbild. Allerdings holt ihn seine Vergangenheit ein, und das heißt für ihn, nicht nur herauszufinden, ob „Jeschua“ der Messias ist, sondern auch, was er selbst vom Leben erwartet. Auch dieser Part von „Messias“ wird vom Autor spannend erzählt und lässt keine Langeweile aufkommen.

Ralf Isau spielt abwechslungsreiche, psychologische Spielchen mit seinen Protagonisten. Glaubhaft präsentiert er die Skepsis und den tiefen Glauben seiner Figuren, das persönliche Scheitern und Einsehen alter Fehler, Vergebung und Opferung. So wird dem Thriller Leben eingehaucht und dem Leser viel Raum gegeben, um sich eigene Gedanken zu machen.

Die Kongregation des Vatikans, die Wunder und Phänomene untersucht, gibt es tatsächlich, und Ralf Isau beschreibt die Vorgehensweise und Methodik sehr genau und realitätsgetreu. „Messias“ ist zwar ein klerikaler Thriller, aber weit entfernt von den derzeit beliebten „Verschwörungstheorien“ rund und über den Vatikan. Er bedient sich ausschließlich eines konzentrierten Schauplatzes und einer überschaubaren Anzahl an Tätern und Opfern. Der „Messias“ kommt nur selten zu Wort, erzählt wird die Geschichte größtenteils aus der Perspektive Hesters.

_Fazit_

Die Auflösung des Ganzen ist zwar eher banal und zum Ende hin kein Geheimnis mehr, doch ist das auch nebensächlich. Viel mehr Raum wurde den zahlreichen Nebengeschichten gewidmet, die mit ihren von Humor geprägten Charakteren überzeugen. Spannung, Wortwitz und viele Ansätze zum Nachdenken machen „Messias“ zu einem besonderen Thriller.

Wer einen klerikalen Thriller erwartet, der so spannungsgeladen und verschwörerisch sein sollte wie viele andere aus dem Genre der Brown-Klischees, wird vielleicht enttäuscht sein. „Messias“ bietet aber inhaltlich viel mehr als Spannung, und das hebt diesen von anderen, ähnlich gelagerten Romanen weit ab.

Zu kritisieren gibt es nur den Punkt, dass die Auflösung verfrüht einsetzt. Der Spannung hätte es gutgetan, wenn es erst gegen Ende hin zur Auflösung gekommen wäre. Wertvoll hingegen waren die vielen und schön erzählten Nebengeschichten mit ihren wunderbaren Charakteren.

Ralf Isaus „Messias“ ist zwar nicht wunderbar, dafür um so positiv-sonderbarer, dass man ihn gerne lesen und auch zwischen den Zeilen verstehen wird. Lesefreude ist garantiert.

_Der Autor_

Ralf Isau (geb. 1. November 1956 in Berlin) ist ein deutscher Schriftsteller. Er arbeitete zunächst als Organisationsprogrammierer, PC-Verkäufer, Systemanalytiker und Niederlassungsleiter eines Software-Hauses, Projektmanager und seit 1996 als selbstständiger EDV-Berater. Zu dieser Zeit hatte er bereits ein Kinderbuch und drei Romane veröffentlicht. Zum Schreiben kam er 1988, als er mit der Arbeit an der Neschan-Trilogie begann. 1992 überreichte er Michael Ende anlässlich einer Lesung ein kleines, selbstgebundenes Märchenbuch („Der Drache Gertrud“), das er für seine Tochter geschrieben hatte. Ende empfahl ihn dem |Thienemann|-Verlag, wo Ralf Isau seither über ein Dutzend Romane für jüngere und ältere Leser veröffentlichte, die in zwölf Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden sind. Ein Merkmal seiner Romane, die er selbst als „Phantagone“ bezeichnet, ist die Vermischung von Fiktion mit historischen Tatsachen.

Mit Romanen wie „Der silberne Sinn“ (2003) und „Der Herr der Unruhe“ (2004) wagte Ralf Isau den Schritt vom Jugendbuch zur Erwachsenenliteratur. Im Roman „Die Galerie der Lügen Oder: Der unachtsame Schläfer“ (2005) setzt er sich mit der Darwinschen Evolutionstheorie auseinander, die er zugunsten einer auf |Intelligent Design| basierenden Sichtweise ablehnt.

Isau lebt mit seiner Frau in Asperg bei Ludwigsburg.

|426 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-70142-6|
http://www.isau.de
http://www.piper-verlag.de

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