Kiesel, Helmuth – Ernst Jünger. Die Biographie

In wenigen Monaten, am 17.02.2008, jährt sich der Todestag des – in mehrfachem Sinne des Wortes – Jahrhundertschriftstellers Ernst Jünger (1895-1998) zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass hat der Heidelberger Literaturprofessor Helmuth Kiesel eine Biographie veröffentlicht, die auch neuere Erkenntnisse berücksichtigt. Sein Anspruch war es, mit „Ernst Jünger. Die Biographie“ die Vielfältigkeit eines schillernden Lebens und Werkes darzustellen und zu einer abgewogenen Beurteilung des Denkers zu kommen, zumal sich zwischen der Begeisterung der „Jünger-Jünger“ und der scharfen Ablehnung seiner Gegner bisher wenige nüchterne Urteile finden.

Danach sieht es zunächst nicht aus. In der Einleitung verbeugt sich Kiesel ganz tief vor dem Zeitgeist, wenn er ein über hundertjähriges Leben vor allem unter dem Blickpunkt der berühmten zwölf Jahre betrachtet und sich fast schon für seine Themenwahl entschuldigt. Wenn der Literaturwissenschaftler seine Einleitung mit der Binsenweisheit, dass „komplexen Sachverhalten … nicht mit einfachen Formeln beizukommen“ sei, beschließen zu müssen glaubt, sagt das allerhand über unsere heutige Zeit aus.

Aber das eigentliche Buch erweist sich als deutlich erfreulicher. Kiesel gibt einen breiten, kenntnisreichen Überblick und kommt überwiegend zu ausgewogenen und begründeten Urteilen. So wird zum Beispiel der für Jünger gar nicht zu überschätzende Begriff des „stereoskopischen Sehens“ knapp, treffend und verständlich erläutert. Seine Denkfiguren wie der Waldgänger oder der Anarch werden gut, wenn auch etwas kurz dargestellt. Da der Autor seine Wertungen in der Regel belegt, kann der Leser selbst entschieden, wie weit er ihm dabei folgt.

Statt „|Die| Biographie“ hätte der Untertitel des Buches besser „|Eine| Biographie“ gelautet. Denn Kiesels Interessenschwerpunkt ist ganz klar der Jünger der Zwanzigerjahre, der seine Erlebnisse als Frontoffizier im Ersten Weltkrieg verarbeitete und unter dem Eindruck der zeitgeschichtlichen Erschütterungen radikale politische Aufsätze publizierte. Mancher Zeitschriftenbeitrag aus dieser Zeit wird intensiver behandelt als verschiedene Bücher des späteren Jünger. Seine erste Veröffentlichung „In Stahlgewittern“ von 1920 wird in ihren verschiedenen, teilweise deutlich überarbeiteten Fassungen auf nicht weniger als 57 Seiten besprochen! Die „Stahlgewitter“ waren ein Bericht über Jüngers Fronterfahrungen. Ob er dauerhaft als Schriftsteller leben würde, war noch nicht entschieden. Kiesel kommt hier mehr dem eigenen Forschungsinteresse als dem Informationsinteresse des Lesers nach, wenn er diesem relativ nüchternen, faktenorientierten Text viel mehr Beachtung schenkt als verschlüsselten und anspielungsreichen Werken wie etwa „Heliopolis“ oder „Eumeswil“. Bis auch die folgenden Kriegsbücher und die politisch-programmatischen Schriften bis zum Essay „Der Arbeiter“ von 1932 abgehandelt sind, ist man schon in der Mitte des Buches angelangt.

Da Kiesel in dieser Phase häufig den Fokus auf – nach heutigen Maßstäben – Reizthemen wie Krieg und Politik / Ideologie legt, übersieht er fast den schon in jener Zeit spekulativen Denker Jünger, dessen theologische, naturkundliche oder psychologische Beobachtungen und Assoziationen seine bleibende Bedeutung und die Faszination auf seine Leser ausmachen, und nicht irgendwelche zeitbedingten verbalen Kraftmeiereien in politischen Aufsätzen. Beispielhaft sei das nur an der berühmten Erläuterung des Begriffes |Entsetzen| aus beiden Fassungen des „Abenteuerlichen Herzens“ dargelegt, die Kiesel überwiegend als Erarbeitung eines politischen Kampfbegriffs sieht. Dass sich Jünger ausgerechnet dieses Wort aussuchte, mag an der revolutionären Stimmung seines Umfelds gelegen haben, aber dieser kleine Text geht weit über politische Tagesfragen hinaus. Schon oft ist die Unzulänglichkeit verbaler Definitionen, also der Erklärung des Wortes durch das Wort, beklagt worden. Jünger grenzt nun |Entsetzen| nicht nur strikt von |Grauen| oder |Furcht| ab (Wie viele heutige Schreiberlinge bemerken nicht einmal den Bedeutungsunterschied?), sondern er wagt eine bildhafte Begriffsdefinition!

Sein einziges krasses Fehlurteil unterläuft Kiesel auch aufgrund dieser Sichtweise bei der Interpretation der „Marmorklippen“. Da er den heutigen deutschen Blickwinkel fixiert hat und neben dem Nationalsozialismus den früher einsetzenden und opferreicheren Kommunismus in der Sowjetunion fast völlig ausblendet, sieht er diesen Roman auch gegen Jüngers eigene Aussage (!) einseitig als Parabel auf die NS-Diktatur und nicht auf moderne Terrorherrschaft im Allgemeinen, wie sie sich eben auch bei den Jakobinern und Kommunisten oder analog in der römischen Antike bei Sulla und Marius und verschiedenen Kaisern seit Nero zeigte.

Während drei Kernwerke des mittleren Jünger, nämlich die erwähnten „Marmorklippen“, das zweite „Abenteuerliche Herz“ und „Heliopolis“, zwar schon knapper, aber doch noch auf einigen Seiten Beachtung finden, werden die Veröffentlichungen nach den Fünfzigerjahren schnell abgefertigt. Bücher wie die „Gefährliche Begegnung“ und „Die Schere“ oder die über ein Jahrzehnt lang gemeinsam mit Mircea Eliade herausgegebene Zeitschrift „Antaios“ werden gerade noch genannt.

Eine Stärke dieser Biographie ist jedoch, dass sie nahezu alles Wichtige, auch wenn es nur episodenhaft bleibt, zumindest erwähnt, etwa Begegnungen, Lektüren oder Reiseerlebnisse. Manchmal hat man den Eindruck, dass bei nicht erforschten Ereignissen Andeutungen zwischen den Zeilen gemacht werden. Bei aller Kürze vermittelt der Autor auch, dass Jünger sich zunehmend von einer eindeutigen literarischen Form wie dem Roman entfernte und sich etwa mit dem Alterswerk „Siebzig verweht“, an dem noch der über Hundertjährige schrieb, einer eigentümlichen Gattung zuwandte, die auch mit ‚Tagebuch‘ unzureichend beschrieben ist und sogar die Grenze zwischen Belletristik und Sachbuch sprengt.

„Ernst Jünger. Die Biographie“ ist sicherlich eine lesenswerte Lebensbeschreibung, aber aufgrund seiner radikalen Schwerpunktsetzung eher Jünger-Kennern als Neulingen zu empfehlen. Was nur ansatzweise hervortritt, ist der außergewöhnliche Mensch und nonkonforme Denker Ernst Jünger, der seine Leser als entschiedene Anhänger oder Gegner hinterließ. Der sich nicht um Moden und Interessen rings um ihn scherte, dabei aber keinerlei Berührungsängste kannte. Der Träumen, Naturbeobachtungen und spekulativen Gedanken die gleiche Aufmerksamkeit wie großen historischen Ereignissen zuteil werden ließ. Insofern hat Helmuth Kiesel eine ordentliche Chronistenarbeit geleistet. Ein abenteuerliches Herz hat er nicht.

|Gebundenes Buch, 720 Seiten|
http://www.siedler-verlag.de

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