Kiesow, Ulrich – Dämmerung (Das zerbrochene Rad 1; DSA-Hörbuch)

„Das zerbrochene Rad“ gilt unter Kritikern und Fans des Rollenspiels |Das Schwarze Auge| als einer der besten Romane, welche die Spielwelt bisher hervorgebracht hat. Bei nunmehr knapp 100 Titeln unterschiedlichster Autoren ist die Auswahl da keineswegs an einer Hand abzählbar. Die Spannweite reicht da von kurzweilig und nett bis hin zu literarischen Vergewaltigungen, die zu Recht vergessen worden sind und selbst die eingefleischten Fans nicht überzeugen konnten. Doch es gab seit dem Beginn der 1985 gestarteten Buchreihe immer wieder ein paar wenige Perlen, die zu lesen es sich auch für Liebhaber fantastischer Lektüre lohnte, die mit dem Rollenspiel an sich nicht viel verband.

Bernhard Hennen oder Thomas Finn, heute bekannte Namen der deutschsprachigen Fantasy-Szene, haben etwa mit DSA-Büchern ihren Einstand als Schriftsteller erlebt und qualitativ überzeugende Arbeit geleistet. Die Romane Ulrich Kiesows, des geistigen Vaters der Rollenspielreihe, waren meist ebenso unterhaltend – ohne jedoch die Tiefe eines Hennen oder Finn zu erreichen.

Dann jedoch erschien, im Rahmen der Borbarad-Kampagne, die den DSA-Kontinent Aventurien völlig umkrempelte, Kiesows sprichwörtliches Lebenswerk „Das zerbrochene Rad“. Ein episches Monumentalwerk, das es nicht nur schaffte, zahlreiche Handlungsstränge innerhalb der Borbarad-Kampagne zusammenzuführen, sondern auch auf sprachlicher Ebene sämtliche Register zu ziehen und in der Tradition russischer Autoren zu stehen. Tragischerweise verstarb Kiesow 1997 an einem Herzinfarkt, nur wenige Tage nachdem er seinen Roman abgeschlossen hatte. Es mutete wie eine schicksalhafte Fügung an, dass er die Veröffentlichung seines Buches „Das zerbrochene Rad“, das in Aventurien ein Symbol für den Tod darstellt, nicht mehr miterlebte.

_Inhalt_

Das Blickfeld ist in „Das Zerbrochene Rad“ auf das Bornland gerichtet, einer von starken Adelsstrukturen durchzogenen Landschaft im Nordosten Aventuriens. Das Land wirkt im Vergleich zu anderen Regionen regelrecht zurückgeblieben, denn hier herrschen die Bronnjaren mit harter Hand über ihre Untergebenen. Wer nicht sputet, wird mit der Knute zur Rechenschaft gezogen. Gerichtliche Verhandlungen oder demokratische Züge wie im Mittelreich oder Lieblichen Felde sucht man vergebens. Und so, wie sich außerhalb des Landes niemand um die Entwicklungen im Bornland schert, so richten die bornländer Adelsmarschälle nur selten einen Blick über ihre Grenzen. Nur wenige, wie etwa Gräfin Thesia von Ilmenstein, beobachten mit Sorge, dass an den östlichen Grenzen dunkle Wolken aufziehen und sich Gerüchte über einen heranrückenden Feind ausbreiten, der nicht menschlichen Ursprungs ist. Doch Thesia ist auf der Hut und bereist ihre Freunde im Land, um sich deren Loyalität zu vergewissern, sollte es zu einer Gefahr kommen.

Dass der Feind das Bornland längst betreten hat, hätte aber auch Thesia nicht gedacht. Denn Borbarad, ein vernichtet geglaubter Dämonenmeister, ist zurückgekehrt und schart ein Dämonenheer um sich, das sich längst an der Ostküste des Landes ausgestreckt hat. Und seine Späher sind bereits bis ins Bornland vorgerückt, um sich die Unterstützung von machthungrigen Bronnjaren zu erkaufen, die sich mit der Verbrüderung Borbarads tatsächlich erhoffen, den Landstrich des verhassten Nachbarn unter die Nägel reißen zu können. So zieht sich die Schlinge immer enger um das Land und bedarf schließlich mutiger Männer und Frauen, die sich tapfer gegen den Dämonenmeister und seine Verbündeten werfen.

Die Atmosphäre in „Das Zerbrochene Rad“ ist an das Klima Russlands angelehnt, wie es vor Jahrhunderten einst existiert hat. Dementsprechend rau und kühl geht es auch im Roman zur Sache. Kiesow schafft eine angenehme Abwechslung zum immer gleichen europäisch-mittelalterlichen Flair. Auch der Aufbau der Handlung geht langsam und gemächlich voran. Einige hundert Seiten muss sich der Leser daher damit begnügen, den Machenschaften der Bronnjaren zu folgen, ohne deren Verbindung zum Hauptplot auch nur in Ansätzen erkennen zu können. Die Spannung entwickelt sich aber gerade dadurch, dass nicht sofort der Krieg das Land überrollt, sondern zunächst Intrigen und Hofkonflikte dominieren, in denen es um ein Schachern über die bessere Ausgangsposition geht. Der Name des ersten Teils, „Dämmerung“, ist Programm. Eine dunkle Bedrohung zieht auf, und Kiesow schafft es, den Moment des Übergangs lange genug aufrecht zu erhalten, um schließlich die Nacht zu einem fulminanten Höhepunkt hereinbrechen zu lassen.

_Umsetzung_

Der auf 6 CDs gepresste erste Teil „Dämmerung“, der im Übrigen der Taschenbuchausgabe folgt, die den dicken Originalband aufteilte, umfasst 470 Minuten Laufzeit. Das entsprechende Taschenbuch mit einer Länge von über 500 Seiten konnte so natürlich nicht vollständig erhalten bleiben, sondern musste stark gekürzt werden. Der |Horchposten|-Verlag dachte sich allerdings eine nette Entschädigung aus und legte jeder CD-Box eine Registriernummer bei, über die der Käufer die vollständige Hörbuch-Fassung ohne Aufpreis aus dem Internet downloaden kann.

Wer die Buchvorlage nicht kennt, wird an der gekürzten Fassung, die es letztendlich auf CD schaffte, allerdings nicht stören, denn der Schwarzstift wurde an den richten Stellen angesetzt, so dass weniger wichtige Nebenplots entschwinden mussten. Handlungstechnisch vermisst man als Hörer nichts. Im Gegenteil, durch die Reduzierung auf die Hauptelemente erscheinen einige Zusammenhänge etwas klarer als in der literarischen Vorlage, die durch eine Unmenge an Nebenschauplätzen und Figuren hie und da sogar weitschweifiger anmutete.

Was die Sprecher angeht, setzt |Horchposten| für seine DSA-Reihe schon seit mehreren Titeln auf Kontinuität – Axel Ludwig zeichnete sich bereits als Sprecher in bisherigen Umsetzungen verantwortlich und zeigt auch in „Das zerbrochene Rad“, was in ihm steckt. Dass er keiner bekannten Hollywood-Ikone seine Stimme leiht, muss hierbei als großer Vorteil ausgelegt werden, schafft er es doch so, bereits mit leichten Nuancen der Vielzahl an Charakteren ihre eigene Persönlichkeit zu geben und nicht andauernd das Gefühl zu vermitteln, als Brad Pitt oder Samuel L. Jackson in Erscheinung zu treten. Nach nur wenigen Minuten hat er den Hörer durch seine Erzählweise in seinen Bann gezogen. Mal ruhig und bedächtig, dann wieder schnell und hektisch; allein mit seiner Stimme vermittelt er eine große Bandbreite an Emotionen der handelnden Figuren, die man sich schnell bildlich vorstellt. Dass es sich hier nur um einen Sprecher handelt, nimmt man im Verlauf der Geschichte gar nicht mehr wahr.

Perfekt fügt sich da Carolin Schmitten ein, die den weiblichen Figuren ihre Stimme leiht. Auch wenn sie nicht ganz so viele Figuren darstellen muss, sind ihre Erzählfähigkeiten nicht weniger überzeugend.

_Fazit_

Den beiden Sprechern ist es zu verdanken, dass „Das zerbrochene Rad“ auch als Hörbuch eine außerordentlich gute Figur macht. Professionalität gepaart mit Spielfreude machen das Lebenswerk Ulrich Kiesows in der Hörbuch-Fassung zu einem wahren Hörerlebnis. Mühelos gelingt es Ludwig und Schmitten, jeder Hauptfigur eine eigene Stimme zu verleihen und so trotz der Vielzahl an Charakteren die Handlung für den Hörer übersichtlich zu halten. Eine gute Umsetzung, die nicht nur für DSA-Fans interessant sein dürfte.

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