Link, Charlotte – letzte Spur, Die

Die junge Elaine Dawson hatte bisher wenig Glück im Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie zurückgezogen im ländlichen Kingston St. Mary, wo sie sich um ihren älteren Bruder Geoffrey kümmert, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Die Hochzeitseinladung ihrer ehemaligen Kinderfreundin Rosanna in Gibraltar sorgt für einen Lichtblick in ihrem trüben Alltag. Doch Elaine hat Pech, Nebel verhindert den Flug und sie sitzt hilflos am Flughafen Heathrow. Ein Anwalt, der ihre missliche Lage erkennt, bietet ihr eine Übernachtung bei sich zuhause an. Elaine nimmt dankbar an – und verschwindet spurlos.

Fünf Jahre später: Rosanna Hamilton fühlt sich in ihrer Ehe und ihrem Leben auf Gibraltar immer weniger glücklich. Sie sehnt sich danach, wieder in ihrem alten Beruf als Journalistin zu arbeiten. Dankbar nimmt sie ein Angebot ihres ehemaligen Chefs an und reist nach London. Sie soll eine Zeitungsserie über vermisste Personen schreiben, darunter auch über den ungelösten Fall von Elaine. Rosanna rollt den Fall wieder auf, nicht nur aus journalistischem Interesse, sondern auch, um ihre Schuldgefühle über das Verschwinden der Freundin zu bewältigen.

Dabei konzentriert sie sich auf den Anwalt Marc Reeve – den Mann, der Elaine damals mit nach Hause nahm. Obwohl er stets beteuerte, Elaine am nächsten Tag zum Flughafen zurückgebracht zu haben, und die Polizei ihm nie etwas nachweisen konnte, wurde er den Verdacht nie los. Besonders Geoffrey versuchte mit allen Mitteln, sein Leben zu zerstören. Nur widerstrebend zeigt er sich zur Kooperation mit Rosanna bereit. Doch bald stößt die Journalistin auf Hinweise, dass Elaine möglicherweise noch lebt …

Verschwundene Personen, ein unbekannter Mörder und Frauen in Gefahr, das sind die Zutaten, die Charlotte Link nicht zum ersten Mal für einen Spannungsroman verwendet.

|Spannende Handlung, überraschende Wendungen|

Solide wie üblich versteht es Charlotte Link, durchgängig Spannung aufzubauen. Trotz des Umgangstons stellen sich erfreulicherweise keine Längen ein. Vielmehr fesselt den Leser von Beginn an die Frage, was mit Elaine Dawson geschehen sein mag. Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar: Wurde Elaine auf dem Weg zum Flughafen entführt und ermordet? Wird sie vielleicht irgendwo gefangen gehalten und fristet vielleicht ein Dasein als Zwangsprostituierte? Gab es vielleicht einen Unfall, bei dem sie unbemerkt ums Leben kam? Oder ist Elaine gar freiwillig aus ihrem Leben ausgestiegen, hat eine neue Identität angenommen und will gar nicht gefunden werden?

Alles scheint möglich und zugleich nichts davon wirklich realistisch. Nicht nur Rosanna, auch dem Leser fällt es schwer zu glauben, dass der charmante, attraktive Marc Reeve etwas mit dem Verschwinden der unscheinbaren Elaine zu tun haben soll. Auch dass sie einem brutalen Killer in die Arme gelaufen sein soll, scheint fraglich, denn Elaine war zwar unerfahren, aber nicht vollends naiv. Die Dominanz ihres schwierigen Bruders Geoffrey, der sie als Bezugsperson beständig einspannt, mag vordergründig ein Motiv zur Flucht gewesen sein, dennoch kann sich niemand, der Elaine kannte, denken, dass sie, die schüchterne, einsame Dorfpflanze, tatsächlich einen solch großen Schritt wagte und ein heimliches neues Leben begann.

In einer Parallelhandlung tauchen jedoch zwei weitere Frauenleichen auf, deren Fälle womöglich mit Elaine zusammenhängen. Sowohl die Prostituierte Jane French als auch die sechzehnjährige Linda werden gefesselt und ertränkt aufgefunden, brutal getötet von einem Sexualverbrecher. Während die Polizei zunächst im Dunkeln tappt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Frauen an den gleichen Mann gerieten und seiner psychopathischen Ader zum Opfer fielen. Eine fieberhafte Suche beginnt, mit dem Verdacht, hier endlich etwas über Elaines Schicksal zu erfahren. Für Leser wie Charaktere beginnt ein Wechselbad der Gefühle voller neu aufkeimender Hoffnungen, die sich mit Enttäuschungen und Misserfolgen abwechseln. Das Ende ist kaum vorhersehbar und dennoch plausibel, und bis zum Finale halten überraschende Wendungen den Leser in Atem.

|Private Verwicklungen|

Aber nicht nur die Suche nach Elaine Dawson, sondern auch die Schicksale der Menschen, die mit ihrem Fall verwoben sind, sorgen für Spannung. Vordergründig geht es dabei um Rosanna Hamilton, die nicht verwinden kann, dass es ihre Hochzeitseinladung war, die zum Verschwinden von Elaine führte, der sie nie besonders nahe stand und bei der sie wusste, dass eine solche Reise die junge Frau womöglich überfordern würde. Im Fokus liegt aber auch Rosannas Ehe- und Familienleben. Nie hat sie sich auf Gibraltar eingelebt, stattdessen vermisst sie ihr ländliches Kingston St. Mary und ihre abwechslungsreiche Arbeit als Journalistin.

Ihr Mann Dennis dagegen hadert mit seinem aufmüpfigen sechzehnjährigen Sohn Rob, der seinerzeit ungeplant zur Welt kam, von seiner jungen überforderten Mutter abgegeben wurde und inzwischen auch den Vater über Gebühr belastet. Da der Kontakt zur leiblichen Mutter schon vor vielen Jahren abbrach, hat Rosanna diese Rolle übernommen. Umso schlimmer für Rob, dass nun auch sie für unbestimmte Zeit nach England zurückgeht und sich offenbar immer weniger wohl in ihrer Ehe fühlt. Weitere Rollen spielen auch die Annäherungen zwischen Rosanna und Marc Reeve, die die verheiratete Frau in schwere Gefühlskonflikte bringen, sowie das Leid von Geoffrey, der seit Elaines Verschwinden in einem Pflegeheim lebt und sich an Marc rächen will, den er nach wie vor verantwortlich macht.

|Kleine Schwächen|

Trotz der eingebauten Nebenhandlungen, die sich um die Probleme der Figuren abseits der Suche nach der Vermissten drehen, besitzt das Buch keine wirkliche Tiefe und wirkt nicht lange nach der Lektüre nach. Zwar lässt einen das Schicksal der Charaktere nicht kalt, aber es reicht nicht, um den Leser mitleiden zu lassen. Dazu kommt, dass die Dialoge oft gestelzt klingen, gerade in emotionalen Momenten zu überlegt und dadurch nicht realistisch. An ein paar entscheidenden Stellen der Handlung springt der Zufall ein, sodass auch hier der Realismus ein wenig auf der Strecke bleibt und man unweigerlich spürt, dass sich die Handlung nicht von selbst ergibt, sondern sorgfältig konstruiert wurde.

Etwas fraglich ist außerdem, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen zum Tod von Linda nicht von selbst auf die Idee kommt, an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz zu recherchieren. Dies übernimmt stattdessen, einer Eingebung folgend, ihre Schwester Angela, die über Lindas ehemalige Kollegin auf eine heiße Spur gerät. Erst hier schaltet sich die Polizei ein, ohne dass erklärt wird, warum sie nicht längst dieses Umfeld überprüfte. Ein wenig übertrieben mutet auch der Einbau der Liebesbeziehung zwischen Rosanna und Marc an, als sei diese Entwicklung ein Muss, um das Chaos zu vervollständigen.

Als _Fazit_ bleibt ein solider Thriller von Erfolgsautorin Charlotte Link, der sich um mysteriöse Frauenmorde und die Suche nach einer verschwundenen Person dreht. Für Spannung ist durchgehend gesorgt, auch dank der überraschenden Wendungen. Kleine Schwächen liegen in der mangelnden Tiefe, die das Werk nicht weit über einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman ohne größere Ansprüche hebt.

_Charlotte Link_, Jahrgang 1963, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart. Fast alle ihre Bücher wurden zu Bestsellern. Ihre Spezialgebiete sind historische Romane sowie Psychothriller. Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Das Haus der Schwestern“, „Verbotene Wege“, „Die Sünde der Engel“ und die Sturmzeit-Trilogie („Sturmzeit“, „Wilde Lupinen“, „Die Stunde der Erben“). Mehrere ihrer Bücher wurden fürs Fernsehen verfilmt.

http://www.randomhouse.de/goldmann/

|Siehe ergänzend dazu:|

[„Am Ende des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1606
[„Der fremde Gast“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1080
[„Das Echo der Schuld“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3753

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