Poe, Edgar Allan / diverse Interpreten – Visionen

Edgar Allan Poe – der Name steht für einen Literaten, der die Seelenzustände des Menschen beschreibt und dem Horror, der sich in seinen Werken entfaltet, eine ganz persönliche Note verpasst. Keine Frage, Poes Erzählungen und Gedichte sind zeitlos, selbst mehr als 150 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod im Jahr 1847.
Dass der Dichter und Denker noch immer aktuell ist, zeigen die zahlreichen Sammelbände und Luxusausgaben, die die Buchhandlungen allerorts schmücken. Stärker noch bedingt als durch das klassische Printmedium, ist vor allem durch die Welle der Hörbücher der Name Edgar Allan Poe wieder in den Vordergrund gerückt. Stellvertretend dafür kann die Hörspielreihe von |Lübbe Audio| genannt werden, die sich Poes annahm und seine zahlreichen Werke vertonte – und mit Ulrich Pleitgen und Iris Berben als Sprecherduo einen Qualitätsstandard erreichte, der dem Meister des makabren Grauens gerecht wird.

Pleitgen und Berben sind es auch, die sich des Projektes „Edgar Allan Poe – Visionen“ annahmen. Doch nicht nur sie, sondern eine ganze Reihe hochkarätiger nationaler und internationaler Stars und Musiker haben sich an dem ambitionierten Vorhaben beteiligt. Herausgekommen ist eine Doppel-CD, die zum einen ausgewählte, von erfahrenen Sprechern vorgelesene Gedichte von Poe enthält und zum anderen ein Konglomerat an Songs von Künstlern, die von dem Schriftsteller beeinflusst worden sind.

|CD 1 – Poes Gedichte|

Der erste Silberling umfasst auf 14 Stücken 12 verschiedene Gedichte. Los geht es mit Ulrich Pleitgens Interpretation von Poes wohl berühmtestem lyrischen Werk, seinem Meisterstück „Der Rabe“. Nicht zuletzt dadurch, dass dieses Gedicht selbst eine Geschichte erzählt, baut Pleitgen einen Handlungsbogen auf, der den Hörer gleich zu Beginn zu fesseln versteht. Mit seiner einnehmenden Stimme berichtet er aus der Sicht des einsamen Erzählers, der halb im Schlaf über alten Folianten liegend ein Pochen wahrnimmt. Sich selbst nicht klar über seine Gedanken, die ihm wild im Kopf herumkreisen, findet er sich in einem Zustand zwischen Realität und Traum wieder. Ist es seine Lenore, die er einst verloren hat und die nun wieder zu ihm zurückkommt? Ihn zumindest im Schlaf von seinen Qualen erlöst und um Einlass in sein Haus bittet? Der Erzähler verdrängt den Gedanken wieder, doch das Pochen lässt nicht nach. So öffnet er schließlich das Fenster und sieht, wie ein großer, schwarzer Rabe hereingeflattert kommt und ihn mit bohrendem Blick anstarrt. Doch die einzige Antwort, die ihm der Vogel auf alle seine Fragen gibt, ist ein gekrächztes Nimmermehr.

Um dem zentralen Gedicht Poes Rechnung zu tragen, wird es am Ende der CD noch einmal in englischer Fassung dargeboten, von niemand Geringerem als Christopher Lee. Dass diese Version ebenfalls überzeugen kann, mag aufgrund Lees ausgebildeter Opernstimme nicht verwundern. Dennoch erscheint es im direkten Vergleich nicht ganz an Pleitgens Interpretation heranzukommen. Möglicherweise dadurch, dass sich der deutsche Schauspieler durch seine anderen Hörbuchumsetzungen mittlerweile zu einem wahren Poe-Kenner entwickelt hat. Doch Lees Leistung soll dadurch nicht geschmälert werden. So steuert er zusätzlich „Ein Traum in einem Traum“ bei, ein kurzes zweistrophiges Gedicht, das von der Vergänglichkeit des Seins berichtet. Es entfaltet eine romantische und melancholische Stimmung, die die typischen Erkennungsmerkmale Poes trägt. Vordergründig direkt, doch unter der Oberfläche verschlungen und mit tief liegenden, nur allzu oft düsteren Geheimnissen verstrickt.

So bildet denn auch die Auswahl der weiteren Titel einen gelungenen Querschnitt durch Poes lyrisches Schaffen, regt zum Träumen, aber auch zum Nachdenken an. Ditmar Bär, Kai Wiesinger und Gudrun Landgrebe sind weitere Namen, die sich Poes angenommen haben und ihm auf ihre Weise ein weiteres Denkmal setzen. Zwar schwanken die Umsetzungen von Sprecher zu Sprecher und mögen je nach Neigung dem einen mehr, dem anderen weniger gefallen, als Einheit betrachtet können sie jedoch durchweg überzeugen. Den roten Faden, der die Gedichte miteinander verknüpft, bildet dabei die musikalische Untermalung, die schwerpunktmäßig vom Berliner Filmorchester eingespielt wurde. In der Regel leise mitklingend im Hintergrund, spielt es sich an den passenden Stellen auch mal nach vorne und verstärkt die durch die Gedichte bereits hervorgerufenen Emotionen. Die Musik wirkt hierbei nie aufgesetzt, sondern passt sich der thematischen Stimmung an und rundet die CD angemessen ab.

|CD 2 – Songs durch Poe inspiriert|

Weist die erste CD noch den Status eines Hörbuches auf, so geht die zweite Scheibe in Richtung einer musikalischen Compilation, die als Verknüpfungspunkt die thematische Einordnung durch die Inspiration von Poes Werken enthält. Nimmt man diesen Aspekt weg, so erscheint es kaum möglich, die Bands und Künstler, die sich auf der CD versammelt haben, einer Sparte zuzuordnen. Während die Jungen Tenöre die moderne Klassik bedienen und Künstler wie Vince Bahrdt von Orange Blue radiotaugliche Popmusik machen, sind Subway To Sally und L´Âme Immortelle eher aus dem Rock- und Gothic-Sektor bekannt. Als Sahnehäubchen präsentiert sich ein weiteres Mal Christopher Lee, der hier ebenfalls seine musikalischen Fähigkeiten unter Beweis stellt.

Vielleicht gerade durch die unterschiedliche Herangehensweise, wie die Musiker zu Poe gefunden haben, ist die CD eine abwechslungsreiche Mischung geworden, die das Herz eines jeden Liebhabers einfühlsamer Töne erfreuen wird. So ist der Grundtenor ruhig, auch wenn es ab und an ein paar härtere Töne zu hören gibt. Die Symbiose aus orchestralen Instrumenten, Klavieruntermalung, Elektrosounds und passend akzentuierten E-Gitarren schafft einen gekonnten Stil aus Melancholie und Bombast, der beim Hörgenuss zu prickelnder Gänsehaut führt. Zwar können die Songtexte selten ihrem Vorbild das Wasser reichen, doch als Verbeugung vor dem Literaten taugen sie allemal. Die Songs, die durch einen Sprechgesang geprägt sind, trügen allerdings den Gesamteindruck. Sie sind für sich gesehen intelligent produziert und gut aufgebaut, fallen aber ein wenig aus dem Kontext heraus und hätten eher auf die erste CD gepasst, sofern sie denn Originaltexte gewesen wären. Auf der zweiten Scheibe hätte der ein oder andere zusätzliche, gesungene Song nicht geschadet.

|Fazit|

„Edgar Allan Poe – Visionen“ ist ein überzeugendes Gesamtkunstwerk geworden. |Lübbe Audio| hat renommierte Sprecher und Musiker versammelt und versucht, dem Schriftsteller und seinen Werken gerecht zu werden. Bis auf wenige Ausnahmen ist dies auch gelungen. Es ist eine Doppel-CD enstanden, die unterhalten, ihre wahren Qualitäten aber nur bei einem Glas Rotwein vor dem Kamin offenbaren kann. Denn erst dann werden sich Poes Visionen, die auf die Silberlinge gepresst worden sind, in den Gehörgängen und den eigenen Gedanken entfalten.

http://www.visionen.tv

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