Read, Piers Paul – Templer, Die. Die Geschichte der Tempelritter, des geheimnisvollen Ordens der Kreuzzüge

Dieses Buch lässt die vielen unterschiedlichen Interpretationen über den Templer-Orden außer Acht und führt dagegen explizit die historischen Daten und die Entwicklung des Ordens während seiner zweihundertjährigen Geschichte auf. Aufgrund der Aktualisierungen und akribischen Zusammenstellungen stellt es damit eine hervorzuhebende Ausnahme innerhalb der unzähligen Templer-Veröffentlichungen dar. Auch aufgrund der aktuellen politischen Weltlage ist die Historie der Templer beachtenswert, denn anhand dieser wird vor allem der ewig währende Konflikt um die Herrschaft der drei konkurrierenden abrahamitischen Religionen um Jerusalem und Palästina in der Zeit der Kreuzzüge dargestellt.

Daher widmen sich die ersten Kapitel auch den Sichtweisen auf Palästina und die Ableitungen des Anspruchs aus den jeweiligen heiligen Schriften der Juden, Christen und Mohamedaner. Der erste Kreuzzug gegen Jerusalem richtete schon auf der Reise dorthin ein Blutbad und Massaker unter den damals bei uns ansässigen Juden aus. Vor allem in Mainz und in Worms wurden vom Mob der Kreuzfahrer alle auf dem Weg nach Jerusalem angesiedelten Juden brachial niedergemetzelt. Das war anschließend in Jerusalem nicht anders, die Muslime wurden ermordet und auch die Juden, die sich in die Synagoge geflüchtet hatten, wurden von den Kreuzfahrern mitsamt der Synagoge bei lebendigem Leib verbrannt.

Und hier beginnt die Geschichte der Templer, deren Orden in den Jahren nach der Einnahme Jerusalems gegründet wurde. Der zweite Kreuzzug war dann eigentlich ein Fiasko, aber die Verhältnisse hatten sich geändert. Inzwischen lebten bereits ein halbes Jahrhundert lang westlich-christliche Kreuzfahrer im Nahen Osten und hatten längst festgestellt, dass in Syrien und Palästina keineswegs unzivilisierte Wilde und böse Heiden lebten. Der kulturelle Austausch war fruchtbar und die Kultur des arabischen Palästina – getragen von Muslimen, Juden und Christen – war entwickelter und reicher als in der christlichen Heimat. Auch das Essen war natürlich viel besser als im Norden, wo es im Winter kein frisches Gemüse und Obst gab und sogar die Kartoffel noch unbekannt war. Aufgrund der reichhaltigen Speiseauswahl fühlten sich die Kreuzfahrer tatsächlich angekommen im verheißenen Land.

Die einheimische Bevölkerung profitierte vom Wohlstand, den der Handel mit sich brachte, und man wurde ihnen gegenüber religiös gesehen auch toleranter. Es gab keine Versuche, Muslime und Juden zu bekehren. Religiöse Auseinandersetzungen dieser Art fanden nur unter den christlichen Lagern – katholischen, orthodoxen, jakobitischen, nestorianischen und maronitischen Kirchen – selber statt. Vor allem die Templer entwickelten sich (neben den Hospitaliern) zum wichtigsten christlichen Orden. Sie hatten strenge Regeln, aber der ganze existierende spirituelle Mystizismus scheint historisch gesehen eigentlich Phantasie zu sein. Sicherlich hatte Maria eine besondere Stellung in ihren Riten und überall in ihren Ordenshäusern gab es spezielle Marienkapellen oder sie waren ihr generell geweiht. Die Vorwürfe, sie hätten sich vom Christentum abgewandt und mit dem Islam verbündet, sind sicherlich nicht haltbar, aber historisch ist solch eine Konstellation schon beachtenswert und verblüfft angesichts der heutigen Verhältnisse.

Ihr Kampf galt den Sunniten und dadurch verbündeten sie sich tatsächlich mit den Assassinen, die als schiitische Sekte natürliche Gegner der sunnitischen Mehrheit waren. Ursprünglich waren die Schiiten eine politische Partei, die Ali, Mohammeds Schwiegersohn, als den legitimen Nachfolger des Propheten ansah. Nach dessen Tod im Jahr 661 verwandelten sie sich allerdings in den schiitischen Islamismus, der in Konfrontation zum sunnitischen Islamismus stand. Sie entwickelten viele mystische Vorstellungen, revolutionäre Methoden und einen messianischen Glauben. Ein religiöses Lehrsystem auf hohem philosophischem Niveau wurde ausgearbeitet, und politisch gesehen erlangten sie heutzutage erst wieder ihre damalige Bedeutung.

Im Mittelpunkt des ismailitischen Systems damals wie heute steht die Idee des Imams, des Nachkommens Ismails, der in der siebten Generation nach Ali und Fatima für von Gott inspiriert und unfehlbar galt. Im 10. Jahrhundert errichteten sie in Nordafrika das Fatimidenkalifat (nach der Stammmutter Fatima) in Kairo in Konkurrenz zum sunnitischen Kalifat in Bagdad. Zur Zeit der Kreuzzüge war das bereits im Niedergang, aber eine Hochburg blieb die Festung Alamut, wo Hasan-Sabbah die Assasinen führte und durch Terrorakte sehr viele sunnitische Sultane und Wesire ermorden ließ. Aufgrund all der innerislamischen Zwistigkeiten waren auch sie der Zusammenarbeit mit den Franken und Templern nicht abgeneigt. Ganz interessant ist dabei noch, dass Hasan-Sabbah zwischen 1160 und 1170, als die chiliastischen Tendenzen in der ismailitischen Lehre die Oberhand gewannen, dem Gesetz Mohammeds abschwor und die Auferstehung von den Toten proklamierte. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde eingeführt und sie feierten orgiastische Ausschweifungen.

Für mich interessant sind dabei die Parallelen in meiner gegenwärtigen direkten persönlichen Auseinandersetzung mit dem Alevitentum, die sich ebenfalls auf Ali und die Imame berufen und ansonsten fast identische Riten wie diese Assassinen durchführen. Ich denke, Zusammenhänge könnten darin bestehen, dass die Aleviten einer populistischen Auslegung der Assassinen innerhalb ganzer Bevölkerungsschichten entspringen könnten; dies wurde bislang noch gar nicht untersucht.

Der wichtigste arabische Heerführer war allerdings der sunnitische Saladin von Ägypten, der im Grunde die Christen im Nahen Osten entmachtete. Diese Kriege gingen immer hin und her, mal gewannen die einen, dann wieder die anderen. Einmal ließ der sonst als im Gegensatz zu den christlichen Heeren sehr tolerant agierende Saladin aber auch 230 Tempelritter enthaupten, die das Angebot, den Glauben zu wechseln, nicht annahmen. Ein einziges Mal versuchten auch die Deutschen, sich gegen Saladin zu erheben. Friedrich I. von Hohenstaufen, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Barbarossa (Rotbart) genannt, zog nach Jerusalem; jedoch ohne Erfolg, er verstarb unterwegs ertrinkend im Wasser (wovon das bekannte Spottlied noch singt). Immerhin gründeten die angekommenen Überlebenden in Jerusalem den Deutschen Ritterorden, der an den Templerstrukturen angelehnt war.

Historisch wichtiger als dieser Kaiser zu Zeiten Saladins war der englische König Richard Löwenherz, der wohl bedeutendste Kreuzfahreranführer, der auch einmal kurzerhand 2700 Moslems exekutieren ließ. Aber weder siegte er über Saladin, noch konnte Saladin über Löwenherz siegen, und so beendeten sie die Zwistigkeiten irgendwann mit einer Patt-Situation und Richard ging nach Europa zurück. Selbst dort kam es zu einem internen Kreuzzug gegen die Katharer in Frankreich. Zwar gelten diese als eigentlich der Materie und der Sexualität feindlich zugewandten Gnostiker, aber ihr Kulturbereich zumindest war etwas anderes. Dort lebte eine turbulente, umtriebige, auf individuelle Geltung bedachte Gesellschaft und wohl auch die gebildetste, kultivierteste und genussfreudigste des damaligen Europa. Ein Mekka für fahrende Sänger und Troubadoure, die Dichter der höfischen Liebe. Die Katharer hassten vor allem das Kreuz und die Messe. Das Kreuz, weil sie es als Symbol für das der Gottheit von Menschen zugefügte Leiden ansahen – und ein solches Leiden zu verehren, war in ihren Augen Gotteslästerung –, und die Messe, die sie ebenfalls als Sakrileg betrachteten, weil die Kirche behauptete, durch die Konsekration werde das Brot hauptsächlich in den Leib Christi verwandelt. Sie vertrieben die katholischen Christen aus ihrem Land und die Katholische Kirche war bestürzt über die dort praktizierte Häresie. Oft wird gesagt, die Templer hätten Sympathien für die Katharer gehabt, was sich aber nirgends belegen lässt und nicht wahrscheinlich ist. Es waren dagegen wohl eher die Hospitalier, die sich für die dortige herätische Religion interessierten und Kontakte pflegten.

Friedrich II. von Hohenstaufen ist der mir sympathischste Kreuzfahrer. Dieser empfand das Abendmahl als Humbug, hielt die jungfräuliche Geburt Jesu für ein lächerliches Komplott für Narren und sprach von Moses, Jesus und Mohammed als den drei größten Betrügern der Welt. Er war heidnisch, humanistisch, wissenschaftlich eingestellt. Sexuell war er auch ganz anders als der Mainstream orientiert. Er fand sexuelle Vereinigung heilig und führte in den Kirchen die Tempelprostitution wieder ein. Er verkehrte hauptsächlich mit jungen Frauen und unterhielt einen Harem mit muslimischen und christlichen Huren. Irgendwie war er dennoch in den Kreuzzug geraten. Er kämpfte gegen den ägyptischen al-Kamil, den Bruder von Saladin. Eigentlich diskutierten sie zusammen philosophische Themen, und die ganze Konfliktlage zwischen ihnen ist ein Höhepunkt der Ironie des Schicksals der Kreuzzüge. Zwei grundsätzlich irreligiöse Menschen stritten sich um eine Stadt, die als solche keinen von beiden interessierte, deren Bedeutung aber für beiderlei persönliche Prestiges wichtig war. Er wurde zudem vom Papst exkommuniziert und war dadurch unbedeutend für den Verlauf der Kreuzzüge. Im Gegenteil interessierte es sich für die islamische Religion, anstatt sie zu bekämpfen, und es kam sogar zu Gerangel, wenn er Muslime gegen die Templer schützte.

Dies sind nur wenige Beispiele aus den damaligen Auseinandersetzungen um Jerusalem, die sich bis in unsere Zeit fortgesetzt haben. Eine endlose Konfliktlage, wenngleich interessant ist, in welch kurzen Abständen dabei gegeneinander Krieg geführt wurde – auch innerhalb der jeweilig eigenen Lager –, wie sich alle paar Jahrzehnte die Herrschaft über Jerusalem änderte und welch wechselnde, überraschende Bündnisse ständig innerhalb dieser Geschichte entstanden sind und wohl weiterhin entstehen werden.

Das Ende der Templer ist weitgehend bekannt. Sie waren irgendwann als Machtfaktor zu bedeutend, wurden als Ketzer mit recht abenteuerlich abstrusen Vorwürfen beschuldigt, was sie größtenteils unter Folter gestanden, anschließend aber widerrufen und weshalb sie zu großen Teilen auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Berühmt ist natürlich der letzte Großmeister Jakob von Molay, der, bevor er starb, seinen Fluch gegen Papst Clemens und König Philip aussprach – dass sie binnen Jahresfrist vors Tribunal Gottes geladen werden –, der dann auch in Erfüllung ging. Um sie gibt es unzählige Mythen, die sie, anstatt als rechtgläubige oder herätische Christen, gar als Hohepriester einer alten, okkulten Religion, deren Ursprünge noch vor Christi zurückreichen, darstellen. Die Freimaurer trugen viel zu diesem Mythos bei. Interessant sind auch die Verschwörungsgläubigen, die in der Gesamtzahl von 23 Großmeistern insgesamt schon vieles herauslesen. Es gab zu keiner Zeit heilig gesprochene Templer, und dennoch fällt die zweihundertjährige Lebensdauer des Ordens genau mit den Jahrhunderten des päpstlichen Anspruchs auf Weltherrschaft zusammen. Interessant sind das Buch und die Geschichte der Templer heutzutage vor allem wieder, weil sie und die Konflikte um Jerusalem ja nie wirklich beendet wurden und derzeit in der Weltpolitik mal wieder einen Höhepunkt erreichen.

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