Anne-Sophie Brasme – Dich schlafen sehen

Unter Lesben: Mord als Akt der Befreiung?

Charlène ist dreizehn Jahre alt, als sie Sarah zum ersten Mal begegnet, und sie ist von der Ausstrahlung dieses Mädchens sofort gebannt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine tiefe Freundschaft, die doch nur einen Sommer währt. Denn plötzlich beginnt die machthungrige Sarah, ein grausames, unerbittliches Spiel mit ihrer Freundin zu treiben, gegen das sich Charlène schließlich nur noch auf eine Art zu wehren weiß … (Verlagsinfo)

Die Autorin

Anne-Sophie Brasme (* 1984 in Metz, Lothringen) ist eine französische Schriftstellerin. Brasme schrieb mit 16 Jahren ihren ersten Roman Dich schlafen sehen (Originaltitel „Respire“). Er handelt von einer Freundschaft, die bis zur Besessenheit ausartet. Der Roman stand monatelang auf der Bestsellerliste Frankreichs und wurde in 17 Ländern verkauft.

In ihrem zweiten Roman „Das erste Mal sah ich sie an einem Samstagnachmittag“ (Originaltitel „Le carnaval des monstres“) geht es um die Hässlichkeit zweier Menschen, die sich beide durch eine unglaubliche Leidenschaft zerstören. Beide Romane wurden in Frankreich mit großem „Enthusiasmus“ aufgenommen. (Quelle: Wikipedia.de)

Handlung

Charlène ist schon als Kind ein schwieriges kleines Mädchen, das die Einsamkeit sucht und sich ganz in seine eigene Welt zurückzieht. Sie leidet unter der häufigen Abwesenheit und Unansprechbarkeit des Vaters, während die Mutter sie wie ein Küken behandelt. Bis dann eines Tages diese Mutter fremdgeht und fortan der Haussegen schief hängt.

Auch die heranwachsende Charlène hat es nicht einfach in ihrem Leben: Jahrelang spinnt sie sich ein in einen Kokon von Selbsthass, zutiefst unglücklich in einer Welt, auf der es für sie keinen Platz zu geben scheint. Kein Wunder, dass sie als Außenseiterin gilt und gemieden wird. Und sie hasst sich dafür, dass sie immer noch keine Frau ist.

Die Begegnung

Doch dann kommt der Tag, der ihr Leben für immer verändert: Die Dreizehnjährige begegnet der gleichaltrigen Sarah, einer neuen Schülerin in ihrer Klasse. Zwischen den beiden entsteht eine enge Freundschaft; schon bald sind sie unzertrennlich. Sarah ist die erste, der Charlène alles von sich erzählt. Sogar, dass sie sich umbringen wollte.

Durch Sarah lernt sie endlich zu leben, und dafür liebt sie die Freundin abgöttisch. Sarah braucht nur zu winken, und Charlène springt. Allmählich beginnt Sarah, ihre Macht über die Seele ihrer Freundin rücksichtslos auszuspielen. Sie scheint dabei eine perverse Lust zu empfinden, die Freundin zu tyrannisieren. Das muss man sich nicht als Gebrüll und Zusammenstauchen vorstellen. Solche Nazimethoden hat Sarah nicht nötig. Liebesentzug und Nichtbeachtung sind weitaus wirksamere Strategien, um Charlène zu demütigen. Diese entschuldigt sich laufend, wie ein getretenes Hündchen.

Hörig

Aufgrund verschiedener krasser Erlebnisse, wie etwa einer Silvesternacht in den Bergen, muss sich Charlène eingestehen, dass sie binnen weniger Jahre ihre Würde, ihre Willenskraft und ihre Freiheit an Sarah verloren hat. Als sich ein Junge an ihrer neuen Schule, Maxime, in sie verliebt, stößt sie ihn zunächst von sich, um ihn zu schützen. Erst spät nimmt sie seine Liebe an.

Doch auch dies weiß Sarah auszunützen. Schon bald steht Charlène vor der Ruinen ihrer einzigen Liebe zu einem Mann. Sie weiß, dass nun der Moment gekommen ist zu handeln, wenn sie ihre Seele, ja ihre gesamte Existenz retten will…

Mein Eindruck

Atmen und andere Metaphern

Der Originaltitel lautet „Respire“. Und dem entsprechend lauten die Überschriften mancher Kapitel: „Atmen“, „Ersticken“. Dies spiegelt den seelischen Zustand wider, in dem sich Charlène gerade befindet. So wird deutlich, welche Befreiung die Freundschaft zu Sarah für sie bedeutet: „Spielen“. Doch sie wird „Das Spiel verlieren“ und „Erdulden“. Der Kampf zwischen ihr und Sarah geht um „Lieben und geliebt werden“, den gleichberechtigten Austausch zärtlicher Gefühle: für Charlène ein Wunsch, der sich nicht erfüllt. Nur einen letzten Wunsch hegt sie in ihrer Verzweiflung: „Dich schlafen sehen“. Die Mörderin erzählt uns ihre Leidensgeschichte aus dem Frauengefängnis.

Charlène ist schonungslos ehrlich zu sich selbst, wenn sie ihr Seelenleben seziert, aber auch ihr Blick auf die Beziehungen zwischen ihren Eltern und anderen Menschen ist nicht von Illusionen getrübt. Wie sie sich selbst beschreibt, ist eindringlich und beklemmend, und als sich die intensive, demütigende Freundschaft zu Sarah entwickelt, schildert sie die obsessive Selbstaufgabe und die zerstörerische Sprengkraft dieser junkie-haften Abhängigkeit, die in einem gnadenlosen Spiel mit Macht und Unterwerfung endet. Charlène liebt Sarah bis zum Hass, und aus dieser Abwärtsspirale gibt es nur einen Ausweg.

Eine neue „Geschichte der O“?

Wenn Charlène sich in ihre Rolle als hündische Sklavin Sarahs fügt, so könnte man nun meinen, man habe es mit einer neuen „Geschichte der O“ zu tun. Dem ist nicht so. Es gibt zwei Unterschiede: Zum einen genießt Charlène ihre Unterwerfung nicht und Sarah erzwingt diese Unterwerfung auch nicht, wie es die Männer in Roissy mit O tun. Zum anderen spielen Erotik und Sex in der Beziehung zu Sarah kaum eine Rolle. Die beiden Mädchen versuchen vielmehr, erst einmal zu Erwachsenen zu werden. Für Charlène ist es wichtiger, einen Busen zu haben und endlich ihre Regel zu bekommen. Doch dieser Wunsch erfüllt sich erst, als sie sich von Sarah ausreichend entfernt hat.

Lücken

Nun ist es zwar interessant, die psychologische Entwicklung einer Mörderin nachzuerleben. Allerdings erhebt man in dieser Hinsicht auch den Anspruch, dass jede neue Wendung auch nachvollziehbar begründet ist. Das ist nicht immer der Fall. So kommt es zweimal vor, dass in der Schilderung von Charlènes Weiterentwicklung quasi eine Lücke bleibt, die man wohl gnädigst übersehen soll. Tu ich aber nicht. Vielmehr ärgert mich so etwas. Es ist nämlich genauso, als wollte mich jemand mit Argumenten von einem Sachverhalt überzeugen, doch die Kette der Argumente hat Lücken. Soll ich deshalb vielleicht meinen Verstand abstellen, um mich überzeugen zu lassen? Ich denke nicht.

Unterm Strich

Auch wenn also die Entwicklung nicht vollständig schlüssig ist, so bleibt doch eine intensiv erzählte Lebensgeschichte – gleichgültig, ob dies die Geschichte der Autorin selbst ist oder nicht (zumindest ist Brasme nicht im Knast gelandet). Man ist versucht, die Geschichte zu verallgemeinern und zu sagen: So steht es mit der heutigen französischen Jugend. Doch das wird nicht funktionieren.

Denn mit der französischen Jugend steht es vermutlich viel schlimmer, besonders in den Vorstädten. In Charlènes Geschichte geht es nicht um Sex & Drugs & Crime, sondern lediglich um das Erwachsenwerden eines zu behütet und einsam aufgewachsenen Mädchens, dessen erste Liebe es in eine verhängnisvolle Abhängigkeit stürzt. Und so gut, wie die Geschichte erzählt ist, reicht dies auch völlig aus.

Hardcover: 192 Seiten
Originaltitel: Respire, 2001
Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer
ISBN-13: 9783442309900

www.goldmann-verlag.de

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