Victor Hugo (zugeschrieben) – Der Roman der kleinen Violette. Erotischer Roman

Lesbenakt im Doppelpack

Die kleine, noch unschuldige Violette, kaum fünfzehn Jahre alt, sucht spät in der Nacht vor den Nachstellungen des Mannes der Wäschehändlerin Beruchet, bei der sie arbeitet, Zuflucht bei dem wohlhabenden Junggesellen Christian. Zu ihm hat sie Vertrauen: die denkt an nichts Böses, wenn er sie küsst – auf eine besondere Art.

Christian bringt Violette in seine Junggesellenwohnung in der Rue Saint-Augustin, in der er schon viele herrliche Nächte verbracht hat. Doch Violettes Unschuld und ihr kindliches Vertrauen rühren ihn: Sehr behutsam lehrt er sie das „Alphabet der Liebe“.

Aber da ist die „Frau Gräfin“, die bei Madame Beruchet ihre Korsetts und Peignoirs kauft und Gefallen an der kleinen Violette gefunden hat. Sie kauft nur Wäschestücke, die durch Violettes Hände gegangen sind…Die Gräfin liebt die kleinen Mädchen, die noch von keinem Mann berührt wurden, und sie setzt alles daran, Violette für sich zu gewinnen.

Und so beginnt eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte, ein pikantes Liebesspiel, dem sich noch Florence, eine liebestolle lesbische Schauspielerin, zugesellt. (Verlagsinfo)…

Der Autor

Victor Hugo ist einer der üblichen Verdächtigen, denen dieses Buch zugeschrieben wurden. Die anderen sind Theophile Gautier, Alexandre Dumas und (natürlich) Guy de Maupassant. In Wahrheit, so der Herausgeber, stammen sowohl dieses Buch als auch „Die Nichten der Frau Oberst“ (siehe meine Besprechung) von einer Frau. Dies war die Marquise de Mannoury d’Ectot, die vor dem frz.-dt. Krieg 1870/71 auf einem Schloss bei Argantan einen Salon führte. Später soll sie in Paris eine Heiratsvermittlung betrieben und durch das Schreiben einiger erotischer Bücher ihre finanzielle aufgebessert haben. Dass Verlagsort und Veröffentlichungsdatum falsch angegeben wurden, sollte der Irreführung der Polizei dienen. Das Buch erschien 1883 in Brüssel.

Handlung

Christian schlägt sich in Paris, nahe der Place Vendôme, als Maler und Schriftsteller durch. Doch er kann sich zwei Wohnungen leisten, eine für sich und eine für seine Geliebten. Für letztere ist ihm nichts zu schade. Man könnte ihn als gutbetucht beschreiben. An Bediensteten kann er sich einen Butler in der eigenen und die Zugehfrau Leonie in der anderen Wohnung leisten.

Violette

Eines Tages sucht die 15-jährigen Violette bei ihm, der im gleichen Haus wohnt, Zuflucht vor dem zudringlichen Monsieur Beruchet. Sie ist noch völlig unschuldig, ahnt aber schon, dass Beruchet mehr will als nur ein Bussi: Er hat das Schloss ihrer Zimmertür abmontiert. Christian ist ihre letzte Zuflucht. Der ist von ihrer zutraulichen Art und ihren körperlichen Reizen sehr angetan. Sofort holen sie ihre Sachen aus der alten Wohnung, dann darf sie ein Bad nehmen und einmal ordentlich durchschlafen. Sie schlummert, während ihr Wohltäter sich den Kopf zerbricht, was er mit ihr anstellen soll. Er ist der stolze Inhaber eines Gewissens und das kneift und zwickt ihn nun.

Violette näher kennenzulernen und sodann in die Wohnung für die Mätressen zu stecken, ist die Tat eines Augenblicks. Aber dort gibt es gar schlüpfrige Literatur zu lesen, deren Zugang er ihr nicht verwehrt. Sie küsst gar zu gut und denkt sich nicht mal was dabei. Dass er da unten anders gebaut ist als ein Frauenzimmer, lässt sich auch nicht lange verbergen. Er erklärt ihr des langen und breiten, was es mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern und den Geheimnissen der weiblichen Anatomie auf sich hat. Dann lässt er ihr die Wahl: Will sie lieber eine „anständige“, also: gesellschaftliche Frau werden – dann müsste sie sofort verschwinden – oder lieber eine „natürliche“. Sie entscheidet sich fürs letzteres, denn sie mag ihren Wohltäter gar zu gern.

Die Rivalin

Violette hat große Pläne. Seit sie mal von Christian Theaterbilletts für eine Aufführung erhalten hat, will sie Schauspielerin werden. Dafür muss sie erstens viel lernen und zweitens die „großen Gesten“ beherrschen. Christian will einen Journalisten, den sie kennt, kontaktieren. Was nun die Erotik betrifft, so gibt es zweierlei: die hetero- und die homosexuelle. Letztere hat sie zu ihrem Leidwesen bereits kennengelernt. Eine feine Gräfin, die sich Odette nennen lässt, hat sich in Violette verliebt und will sie unbedingt für sich haben. Deshalb fürchtet Violette, dass jeder Schneidertermin, bei dem sie bei Odette Kleider abliefern muss, mit Zudringlichkeiten endet.

Doch Christian heckt mit Violette einen Plan aus, um der Gräfin eine Falle zu stellen, die sie erstens von ihrem Tribadenwahn abbringen und zweitens einen Kontakt zum Theater vermitteln soll. So führt eins zum anderen, und Christian hat durch eine Menge Gucklöcher höchst seltsame Dinge zu beobachten…

Mein Eindruck

Das erste Drittel lässt sich als durchaus pikant bezeichnen. Christian führt eine Minderjährige in die Liebe ein. Der einzige Grund, warum das Buch deshalb NICHT auf dem Index der Zensur landete, ist die überaus dezente und subtile Beschreibung der diversen erotischen Handlungen. Diese Darstellungsweise verlangt vom Leser ein gerütteltes Maß an Vorstellungskraft. Die ideale Ergänzung dazu bilden indes die zahlreichen Illustrationen, die der Phantasie wenig freien Lauf lassen.

Odette

Wesentlich interessanter ist das mittlere Drittel. Hier versucht die Gräfin alias Odette die mittlerweile 16 Jahre alte Violette zu ihrer Geliebten zu machen. Violette ist aber bereits zur heterosexuellen Spielart bekehrt worden und bemüht sich deshalb, lediglich Schaden von sich und Christian abzuwenden, indem sie Odette Freiheiten zugesteht. Über sie wacht fortwährend ihr Mentor Christian, der durch allerlei Gucklöcher, Vorhänge usw. späht, damit sein Schützling keinen Schaden nimmt.

Denn Odette, wohl eine junge reiche Witwe, verfügt über große finanzielle Mittel, mit denen sie Violette rumkriegen. Sie denkt (wie so mancher Adlige), Geld sei automatisch auch Macht, doch da hat sie sich geschnitten. Als Christian unbemerkt Violettes Platz einnimmt, um die Gräfin an einer strategisch wichtigen Stelle zu lecken, kommt Odette sein Schnurrbart nicht einmal sonderbar vor, sondern eher als zusätzlicher Reiz. Man sieht, dass der Autorin (s.o.) ein gewisser pikanter Humor nicht gefehlt hat. Als der Schwindel auffliegt, hat Christian die Gräfin in der Hand.

Florence

Die Schauspiellehrer, die sich „Professoren“ schimpfen, wollen von Violette alle nur das eine. Sie ist sehr enttäuscht von diesen Schweinigeln, deshalb „überredet“ Christian Odette, die er in der Hand hat, eine professionelle Schauspielerin an Land zu ziehen, die Violettes Lehrerin sein soll. Odette, nicht auf den Kopf gefallen, verkleidet sich als junger Mann, um die Schauspielerin Florence zu kontaktieren. Da diese jedoch eine stadtbekannte Lesbe ist, ist Odettes „männlichen“ Liebesbekundungen zunächst kein Erfolg beschieden. Erst als Florence aus einer Laune heraus entdeckt, dass es sich ja um ein Weib handelt, das um sie freit, willigt sie in ein treffen ein. Es soll nach Christians Willen in seiner Mätressenwohnung stattfinden.

Er liegt auf der Lauer, als Florence von Odette hereingeführt wird. Alles ist abgedunkelt, das Ambiente ist heimelig und einladend, so dass es nicht lange dauert, bis die beiden Tribaden zur Sache kommen. Hier erhält der Leser wertvolle Informationen über die Verwendung von Love Food: Pfirsiche und phallisch geformte Früchte. Außerdem kommen Godemichés und andere Dildos zum Einsatz. Die Liebesnacht wird ein voller Erfolg, und Violettes Schauspiellehre ist gesichert.

Mir selbst dauerte diese Liebesszene etwas zu lange, so dass ich das Buch eine Weile zur Seite legte. Die Nutzung von Dildos und Früchten haute mich auch nicht gerade um. Godemichés werden im Roman „Lebende Bilder“ viel witziger eingesetzt. Dass bevorzugt Früchte genutzt werden, die eine phallische Form aufweisen, etwa Zucchini, Gurken und Auberginen, dürfte allgemein bekannt sein. Wenn Not am Mann ist, weiß sich Frau auf vielerlei Weise zu helfen.

Die Übersetzung

Die Sprache der Übersetzung ist altertümlich und stammt wahrscheinlich aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Da wimmelt es noch von französischen Begriffen, die der Übersetzer seinerzeit noch beim Gentleman-Leser als bekannt voraussetzen durfte.

S. 6: „Um zehn Uhr wird Retraite geschlagen“: Feierabend. Aber auch: „Offsite-Meeting, Konklave: Geordneter Rückzug von der Front. Ein Team zieht sich zurück, um abseits von der Tageshektik über ein Thema nachzudenken.

S. 34: „Peignoir“: „eleganter Damenmorgenrock, der insbesondere zum Frisieren und zur Gesichtskosmetik, also vor dem eigentlichen Ankleiden, getragen wird“.

S. 50: „Fährmann Namens Phao“: Das N in „Namens“ ist kleinzuschreiben.

S. 57: „A la bonne heure“: „Zur guten Stunde“? „Die gebräuchliche Ehrenbezeugung für die große, herausragende Leistung“. (Wikipedia.de)

S. 82: „Also machten wir ihn [einen Brief] und lassen…“ Statt „lassen“ sollte es „lasen“ heißen.

S. 86: „der Neger der Frau Gräfin“: Neger ist nicht mehr politisch korrekt, war aber in Deutschland bis in die 1970er Jahre weit verbreitet, etwa bei Bundespräsident Lübcke („Meine lieben Negerinnen und Neger“).

S. 144: „Malvendekokt“: Sud von Malvenblüten vermutlich. “ Gegen Hämorrhoiden, insbesondere als Prävention. Gegen Husten.“ Hier jedoch als Inhalt eines Godemiché, also eines Dildos, der sich mit einer Flüssigkeit füllen lässt, etwa mit warmer Milch – oder eben Malvendekokt.

Die Illustrationen

Dieser Roman weist eine große Fülle von Illustrationen auf, die mal farbig, mal schwarzweiß gehalten sind. Sie entstanden 1928 unter Pseudonym, fallen also ein wenig aus der Entstehungszeit des Textes. Ihre Unverblümtheit steht im Gegensatz zur dezenten erotischen Darstellung im Text. Mir gefielen sie deshalb nicht.

Unterm Strich

Der Buchtitel lässt den Leser eine Verführungsgeschichte erwarten, noch dazu mit einer Minderjährigen. Diese Erwartung wird nur teils eingelöst. Nach diesem ersten Drittel schließen sich zwei eindeutige Lesbenszenen an, erst zwischen Odette und Violette, dann zwischen Odette und Florence. Ziemlich witzig fand ich die Einmischung des männliches Elements. Christian ersetzt unbemerkt Violette, als es mit Odette zur Sache geht. Und Odette tritt als Mann auf, um Florence zu umwerben.

Der Leser sollte also viel für Lesbensex übrighaben. Mir gefiel das nicht besonders. Zudem erwartet der Übersetzer vom Leser, dass er des Französischen mächtig ist, besonders in Modedingen.

Taschenbuch: 157 Seiten
Originaltitel: Le Roman de Violette oeuvre posthume d’une célébrité masquée. Lisbonne chez Antonio de Boa-Vista, 1870; in Wahrheit 1883 zu Brüssel.
Aus dem Französischen von Fritz Mautner; illustriert von Chéripoulos (1928).
ISBN-13: 9783442060047

https://www.penguinrandomhouse.de/

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)