Bujold, Lois McMaster – Paladin der Seelen (Chalion Band 2)

Drei Jahre ist es her, seit Lupe dy Cazaril die Königsfamilie Chalions von ihrem uralten Fluch befreit hat. Während Iselle, die Tochter der Königinwitwe Ista, im fernen Cardegoss als Königin herrscht, kann ihre Mutter ihre neu gewonnene Freiheit nicht ganz genießen. Ehemann, Eltern und Sohn sind verstorben, sie selbst lebt in der Obhut überfürsorglicher Zofen und Gesellschafterinnen, die sie nach wie vor für verrückt halten.

Ista war lange Zeit die einzige Person neben dem König, welche die wahre Natur des Fluches ihrer Familie kannte. Dennoch musste er aus Gründen der Staatsräson geheim gehalten werden, durch die Berührung der Götter wurde sie zur Heiligen, konnte gequälte Geister und die dunkle Aura des Fluchs, der ihrer Familie anhaftete, sehen …

Aber mit niemandem darüber reden; als absonderlich und wirr wurde die verzweifelte Ista jahrelang wie ein Pflegefall behandelt. Nach der Beseitigung des Fluchs leidet sie unter dem goldenen Käfig, in dem sie steckt. Eine Pilgerfahrt erscheint ihr als gute Gelegenheit, ihren lästigen Behütern zu entkommen. Absolution und Buße bei den Göttern sucht Ista nicht, sie erwartet von den grausamen Göttern, die ihr nie geholfen haben, nichts mehr.

Doch die Götter sind mit Ista noch nicht fertig – sie kann nach wie vor Geister und Dämonen sehen. Diese befallen in beängstigender Anzahl Menschen im Norden Chalions; auch auf der Burg Porifors ihres Retters in der Gefahr, Graf Arhys dy Lutez, hat sich ein Dämon eingenistet. Sein Halbbruder Illvin liegt in einem tiefen Schlaf, erwacht nur um die Mittagsstunde und schwindet von Tag zu Tag mehr dahin … Auch der Graf und seine schöne Gattin Cattilara bergen Geheimnisse; ja sogar das Streitross Illvins und sein Reitknecht Goram sowie Istas Begleiter sind von dem Unheimlichen nicht verschont.

Lois McMaster Bujold ist eher als SciFi-Autorin durch ihre [Barrayar-Romane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=865 um Miles Vorkosigan bekannt geworden. Ihr Nebula-prämierter „Paladin der Seelen“ ist der direkte Nachfolger des ebenfalls mehrfach ausgezeichneten „Chalions Fluch“ und spielt in derselben an das Spanien der Reconquista angelehnten Fantasywelt. Das Besondere an der Chalion-Reihe ist die Abgeschlossenheit der Einzelbände: So ist es nicht nötig, „Chalions Fluch“ vor dem „Paladin der Seelen“ zu lesen, die Geschichten bauen nur lose aufeinander auf. Dies ist Bujold gelungen, wenngleich es von Vorteil ist, „Chalions Fluch“ zu kennen. Die Auswirkungen des oft erwähnten Fluches aus dem ersten Band werden nie direkt erwähnt, was allerdings auch von Vorteil sein kann: Wer „Chalions Fluch“ erst nach diesem Roman liest, wird nicht um das ganze Geheimnis des Fluchs gebracht.

Mit der verhärmten Königinwitwe Ista und sehr wenigen aus [„Chalions Fluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=517 bekannten Nebenfiguren beginnt ein völlig neues Abenteuer in derselben Welt. Der Einfluss der Kirche und der fünf Götter Vater, Mutter, Sohn, Tochter sowie des etwas schief angesehenen Bastards spielt in diesem Roman eine wesentliche größere Rolle. Denn was mit einem dämonenbesessenen Eichhörnchen beginnt, zieht langsam immer weitere Kreise. Das Rätsel um die Vorgänge auf Burg Porifors beinhaltet zudem eine Romanze für Ista, die sich recht unkonventionell entwickelt und die alternde Königin zwingt zu zeigen, was in ihr steckt, will sie ihre Lieben vor Tod und Verdammnis retten.

Interessant an diesem Buch sind zweifellos die ungewöhnliche Heldin Ista und ihre Entwicklung. Niemals hätte ich gedacht, dass die in Chalion ewig schluchzende und jammernde Ista jemals auch nur annährend den Charme anderer Helden Bujolds entwickeln könnte. Doch diese hat ein Händchen für leidende, verkrüppelte oder auf sonstige Weise gezeichnete Figuren; die Charakterisierung Istas ist ihr durchgehend gelungen, ihre Entwicklung ist glaubwürdig und nachvollziehbar.

Leider dümpelt die Geschichte viel zu lange vor sich hin. Das Gejammer einer sich selbst bemitleidenden Frau und eine sich anfangs viel zu lang hinziehende Pilgerfahrt unterscheiden diesen Roman von „Chalions Fluch“, der von Anfang an zu fesseln wusste. Die starke Konzentration auf Ista lässt leider auch die Nebenakteure blasser agieren als im Vorgänger, obwohl viele, wie ihre zur Zofe umfunktionierte Kurierreiterin Liss oder der dickliche Mönch dy Cabon, sowohl Sympathie als auch Interesse erwecken.

Die geheimnisumwitterte Gesellschaft auf Graf Arhys Burg enthüllt langsam ihre komplexen Geheimnisse; dieser Teil der Geschichte bereitete mir am meisten Freude, da etliche Überraschungen geboten werden und Ista mit dem Sohn des von ihr aufgrund unterlassener Hilfe ermordeten Arhol dy Lutez sich düsteren Teilen ihrer Vergangenheit stellen muss.

Mehr möchte ich nicht verraten – die Rätsel der Burg sind durchweg nachvollziehbar, Liebhaber von Dämonen und Exorzismen werden auf ihre Kosten kommen, Actionfreunde erst kurz vor dem bittersüßen Ende – ein klassisches Happyend gibt es nicht, auch wenn Ista mehr als nur zufrieden sein kann.

_Fazit:_ Wieder einmal beweist Lois McMaster Bujold ihre hohe Erzählkunst. Doch verglichen mit dem Vorgänger, der von Anfang an beste Unterhaltung bot, dümpelt dieser Roman erst eine Weile vor sich hin. So interessant die Figur Ista auch ist, an den Reiz anderer Helden Bujolds wie Cazaril oder gar Miles Vorkosigan kommt sie bei weitem nicht heran. Führte der erste Band zu vielen Orten der Welt, ist „Paladin der Seelen“ auf die Ereignisse um und auf der Burg Porifors beschränkt. So ausgeklügelt und raffiniert auch die dunklen Geheimnisse der Burgbewohner sind, „Chalions Fluch“ bot einfach mehr Abwechslung. Die kursiv gedruckten Passagen, in denen Cazaril im Vorgänger laut nachdachte, fehlen in diesem Buch, was ich ein wenig vermisst habe.

Die Übersetzung von Alexander Lohmann, der bereits den ersten Band übertrug, ist tadellos gelungen. Schade, dass man auf Glossar oder zumindest eine Karte verzichtet hat! Konsequent wurde wie beim ersten Band ein Titelbild der englischen Ausgabe von George R. R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ verwendet, leider ist der Bezug zum Inhalt gleich null.

„Paladin der Seelen“ ist eine großartige Fantasygeschichte mit einer ungewöhnlichen und interessanten Heldin, die aber sicher nicht jedermanns Sache ist. Die Auszeichnung mit dem Nebula-Award erscheint mir wie eine nachträgliche Korrektur, denn dieser hätte bereits dem herausragenden „Chalions Fluch“ gebührt, und nicht dem in meinen Augen etwas schwächeren Nachfolger.

Die offizielle Homepage der Autorin:
http://www.dendarii.com/