Sapkowski, Andrzej – Schwalbenturm, Der (Geralt-Saga 4. Roman)

_Die Geralt-Saga:_

Vorgeschichte: _1_ [Der letzte Wunsch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3939
Vorgeschichte: _2_ [Das Schwert der Vorsehung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5327

_Roman 1_: [Das Erbe der Elfen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5334
_Roman 2_: [Die Zeit der Verachtung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5751
_Roman 3_: [Feuertaufe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5966
_Roman 4: Der Schwalbenturm_

Ciri hat sich, wie es scheint verlassen von aller Welt, einer Bande jugendlicher Krimineller angeschlossen. Aber letztlich kann auch ihre neue Identität als Falka und die Freundschaft der anderen Bandenmitglieder sie nicht vor den Scharen an Häschern schützen, die alle möglichen Leute auf sie angesetzt haben.

Geralt weiß, im Gegensatz zu anderen, immer noch nicht, wo Ciri eigentlich steckt. Auf seiner eher planlosen Suche muss er sich nicht nur mit diversen Heeren – freundlichen wie feindlichen – herum schlagen, es wartet auch ein Hinterhalt auf ihn. Wobei an diesem Hinterhalt wesentlich mehr dranhängt als nur eine persönliche Rechnung.

Yennefer schließlich hat sich geweigert, sich Philippa Eilharts Loge anzuschließen, und versucht, Ciri auf eigene Faust zu finden. Mit fatalen Folgen …

Leider spielt Philippas Loge in diesem Band eher eine Nebenrolle, weshalb die beiden nilfgaardischen Zauberinnen Assire und Fringilla kein einziges Mal auftauchen. Statt dessen gibt es zwei weitere Neuzugänge, auf die der Autor zumindest ein wenig genauer eingeht.

Vysogota ist ein alter Einsiedler. Der gelehrte Mann war einst Arzt und unterrichtete an der Universität von Oxenfurt, ehe er sich mit seinen philosophischen Ansichten sowohl im Norden als auch in Nilfgaard unbeliebt machte. Aber abgesehen von seinem medizinischen Wissen ist es vor allem seine Güte, die Ciri das Leben rettet. Trotz aller Unbill, die Vysogota widerfahren ist, ist er ein Menschenfreund und ein Verfechter humanitärer und ethischer Grundsätze.

Bonhart ist das genaue Gegenteil von Vysogota. Der Kopfgeldjäger scheint nur weniger Gefühle fähig zu sein, dazu gehören Zorn, Häme und Lust an der Gewalt. Abgesehen davon ist er nicht dumm. Dass er außerdem in der Lage ist, Ciri trotz ihrer Hexerausbildung im Zweikampf zu besiegen, macht ihn zu einem ausgesprochen gefährlichen Gegner. Und auch zu einem recht geheimnisvollen, denn wie kommt es, dass Bonhart |noch| schneller ist als Ciri?

Echte Charaktertiefe aber lässt sich diesen beiden wohl ebenso wenig bescheinigen wie Assire und Fringilla. Vysogota ist hauptsächlich damit beschäftigt, Ciri zuzuhören. Für ihn selbst blieb da nicht allzu viel Raum, so dass er über den gütigen, alten Retter nicht hinaus kommt. Bonhart dagegen hat schlicht nicht genug Charakter für so etwas wie Tiefe, abgesehen davon liegen seine Herkunft und seine Motive noch im Dunkeln, so dass er außer Grausamkeit und Hartnäckigkeit nur Fragen bietet.

Es mag allerdings auch daran liegen, dass das Gesamtgeschehen allmählich ziemlich ausufert. Tatsächlich haben sich die Handlungsfäden inzwischen derart weit aufgefächert, dass es einfach nicht mehr möglich ist, alle gleich stark zu gewichten. So hat zum Beispiel die bisher so geschlossen wirkende Gesellschaft der Nilfgaarder einen tief gehenden Riss bekommen. Außerdem mischt sich Vilgefortz, der nach den Ereignissen auf Thanned in der Versenkung verschwunden schien, wieder öfter ein. Und das Gewirr von Intrigen und Interessen wird dadurch, dass diverse Opportunisten lustig die Seiten wechseln, nicht gerade einfacher.

Endgültig kompliziert wird das alles durch die Art, wie Sapkowski erzählt: Mal in Rückblenden, mal in Echtzeit, und so gut wie niemals gleichzeitig. Die Szenen auf den Skellige Inseln gegen Ende des Buches zum Beispiel liegen zeitlich vor den Ereignissen um Geralt, um die es in der Mitte des Buches geht. Und der Zeitpunkt, zu dem die junge Häscherin namens Kenna vor Gericht aussagt, liegt fast ein Jahr |nach| dem Zeitpunkt der Echtzeit.

In diesem vierten Band hat der Autor seinen Lesern nichts geschenkt.

Betrachtet man hingegen das, was sich im Laufe des Buches tatsächlich ereignet hat, so ist das nicht allzu viel. Jedenfalls nicht, wenn man es auf die verschiedenen Handlungsstränge verteilt betrachtet. Ciri erzählt, wie sie von der Bande der Ratten zu Vysogota gekommen ist. Von diesem Zeitraum, der gerade mal zwei Wochen umfasst, werden nur Ausschnitte genauer geschildert. Der Handlungsstrang um Geralt umfasst teilweise eine Rückblende auf das Ende des Vorgängerbandes in Form von Rittersporns Erinnerungen, die er zu Papier bringt. Der Rest spielt zeitgleich dem Handlungsstrang um Ciri, umfasst aber ebenfalls nur Ausschnitte dieses Zeitraums und beschäftigt sich größtenteils mit dem Hinterhalt. Der Handlungsstrang um Yennefer ist der kürzeste und scheint eher als Cliffhanger zum nächsten Band zu dienen.

Aber obwohl sich die Handlung nicht allzu sehr weiterentwickelt, geht es doch recht heftig zur Sache. Der Strang um Geralt beinhaltet, neben einigen verbalen Geplänkeln, hauptsächlich das übliche Hauen und Stechen. Ciris Handlungstrang dagegen wartet diesmal mit ausgesprochen drastischer Brutalität auf, nicht nur, was spritzendes Blut und hervorquellende Gedärme angeht. Bonhart ist schon ein ganz besonders unangenehmer Bursche. Zusammen mit Vilgefortz liefert er sich ein heißes Rennen um den Titel der unbeliebtesten Figur im ganzen Zyklus. Diese geballte Ladung an Brutalität empfand ich als äußerst grenzwertig. Eigentlich schon darüber. Vor allem, weil sie in keiner Weise dazu beitrug, Spannung zu erzeugen.

Tatsächlich war Spannung in diesem Band eher spärlich gesät. Der Anfang zog sich ein wenig, es dauerte, bis ich mich so weit eingelesen hatte, dass ich wirklich in die Geschichte eintauchte. Das lag vor allem an den vielen unterschiedlichen Erzählzeiten, die nicht nur bei jedem neuen Handlungsstrang wechselten, sondern auch meist nicht parallel zum vorigen verliefen. Der Handlungsstrang um Geralt und den Hinterhalt beginnt auf Seite fünfundneunzig, und ganze einhundert Seiten später und nach drei kurzen und einer sehr langen Unterbrechung kommt die Angelegenheit allmählich in Fahrt – nachdem der Autor diesem Strang endlich mehrere zusammenhängende Seiten widmet. Kein Wunder, dass erst die Verfolgungsjagd auf den letzten vierzig Seiten echte Spannung bringt, und selbst die ist noch durch Rückblenden unterbrochen. So interessant die vielen Verwicklungen der einzelnen Stränge untereinander auch sind, der komplexe und zeitlich komplizierte Aufbau bremst den Fortschritt innerhalb der Handlung einfach zu sehr aus.

Dazu kommt, dass gelegentlich aus der Perspektive von Personen erzählt wird, die teilweise nicht einmal als Nebenfiguren bezeichnet werden können, so zum Beispiel Hotsporn, aber auch Kenna oder Rience. Diese Personen sind nur grob skizziert und bieten daher kaum Identifikationspotential. Wer fiebert schon mit einer völlig unwichtigen Randfigur mit?

Alles in allem hat mir dieser vierte Band nicht so gut gefallen wie seine Vorgänger. Eine Vielzahl an Handlungssträngen ist für mich kein Problem, aber die häufigen Wechsel zwischen ihnen, kombiniert mit verschiedenen Zeitebenen, machten das Lesen doch etwas mühsam. Und die Menge an brutalen Einzelheiten war kein Ersatz für das etwas zähe Fortschreiten der Handlung und die fehlende Spannung. Bleibt zu hoffen, dass die Fortsetzung zumindest ein paar interessante Antworten auf die vielen neuen Fragen aus diesem Band bietet. Wenn sich außerdem noch ein paar der vielen feinen Fäden wieder zu etwas dickeren, und dafür weniger Fäden zusammen fänden, täte das dem Erzähltempo und damit auch der Spannung wahrscheinlich nur gut. Und vielleicht fände sich dann auch noch etwas mehr Raum für ursprünglich interessant angelegte und dann etwas vernachlässigte Charaktere wie die beiden nilfgaardischen Zauberinnen.

Andrzej Sapkowski ist Literaturkritiker und Schriftsteller und nebenbei Polens bekanntester Fantasy-Autor. Der Hexer-Zyklus diente bereits als Grundlage für einen Kinofilm und eine Fernsehserie sowie für das polnische Rollenspiel „Wiedzmin“. Auch das Computerspiel „The Witcher“ stammt von Sapkowski, ebenso die Narrenturm-Trilogie um die Abenteuer des jungen Medicus Reinmar von Bielau.

|Taschenbuch: 543 Seiten
ISBN-13: 978-3423247863|
Originaltitel: |Wieza Jaskolki|
Aus dem Polnischen von Erik Simon
http://www.der-hexer.de

_Weitere Titel des Autors bei |Buchwurm.info|:_

[„Narrenturm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1884
[„Gottesstreiter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3367
[„Lux perpetua“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4568

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