Tex, Charles den – Zelle, Die

Mit den Niederlanden verbindet vermutlich niemand etwas Böses. Das Land der Tulpen, Clogs und Coffeeshops – was soll dort schon passieren? Schriftsteller Charles den Tex sieht das anders und implementiert mit „Die Zelle“ einen rasanten Thriller in Deutschlands blondes Nachbarland.

Eigentlich wollte Michael Bellicher, ein Amsterdamer Unternehmensberater, nur helfen. Als er Zeuge eines Unfalls auf der Autobahn wird, steigt er aus, um nach den Insassen des völlig demolierten Wagens zu sehen. Doch sie sind beide tot, und plötzlich steht Michael nicht mehr als Helfer da, sondern als Verdächtiger. Der Grund: Ein auf seinen Namen angemeldetes Auto hat in der Kleinstadt Monster einen Fahrradfahrer getötet – doch Michael gehört das Unfallauto nicht und er war auch noch nie in Monster.

Mithilfe der ansässigen Anwältin Guusje van Donee entlässt man ihn aus dem Monsterer Gefängnis, doch danach wird alles nur noch schlimmer. Der Unfall war ein Anschlag, die Insassen waren hohe Tiere in der Politik und Bellichers Name wurde nicht nur für das Unfallauto benutzt, sondern auch dazu, um mithilfe eines hohen Kredits marode Treibhäuser in Monster zu kaufen. Zu allem Überfluss wird er verfolgt. Da niemand bei der Polizei ihm Glauben zu schenken scheint, versucht er auf eigene Faust herauszukriegen, wer seine Identität dazu benutzt, ihn zu ruinieren. Zusammen mit Guusje und seinem persönlichen Bodyguard Richard, dem Neffen seines Unternehmenspartners, kommt er einem kriminellen Konglomerat auf die Spur, mit dem nicht zu spaßen ist …

In diesem Buch beweist Charles den Tex, dass ein guter Thriller auch auf nichtamerikanischem Boden wachsen kann. Seine Geschichte ist unglaublich rasant, authentisch und spannend bis zum Schluss. Er gönnt seiner Hauptperson keine Pausen, und Michael Bellicher, eigentlich ein ganz normaler Bürger, rutscht von einer dummen Situation in die andere. Trotzdem entsteht nie der Eindruck, die Handlung wäre überladen oder überschlüge sich. Den Tex hat die Handlung sauber durchkonstruiert und geht dabei über das übliche Geschichtenerzählen hinaus. Er kreiert ein Szenario, das aufgrund seiner Thematik den Leser zum Nachdenken anregt, ihn möglicherweise sogar ein wenig paranoid werden lässt. Ohne mahnenden Zeigefinger macht er deutlich, wie leichtsinnig wir heutzutage in der virtuellen Welt mit unseren Daten umgehen und wohin das theoretisch führen könnte.

Zur Demonstration seiner Überlegungen benutzt der Autor den schicksalsgebeutelten Michael Bellicher, der bereits in den Tex‘ preisgekröntem Thriller „Die Macht des Mr. Miller“ eine tragende Rolle gespielt hat. Warum auch nicht? Der Amsterdamer Unternehmensberater ist eine sehr sympathische Figur. Er erzählt manchmal nachdenklich, manchmal humorvoll, aber nie langweilig aus der Ich-Perspektive. Er ist kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, mit dem sich der Leser gut identifizieren kann. Sein Hintergrund als Unternehmensberater wirkt im übrigen sehr authentisch. Da der Autor selbst in diesem Metier gearbeitet hat, ist das allerdings kein Wunder.

Ob schriftstellerische Fähigkeiten eine große Rolle bei Unternehmensberatungen spielen, ist fraglich. Tatsache ist allerdings, dass Charles den Tex genau diese besitzt, denn das Buch ist wunderbar geschrieben, so rasant wie das Erzähltempo und gleichzeitig lässig und sympathisch wie die Hauptfigur. Bellicher bedient sich in Anbetracht seiner aussichtslosen Lage gerne eines bissigen Galgenhumors, und auch die Selbstironie kommt nicht zu kurz. Seine Gedanken und Gefühle werden unkompliziert und glaubwürdig dargestellt und behindern das Lesevergnügen nicht im Geringsten. Der niederländische Autor beherrscht nämlich die Fähigkeit, die Distanz zwischen Hauptfigur und Leser schmelzen zu lassen, so dass man sehr bald mit Michael mitfiebert, was wiederum ein Garant dafür ist, dass das Buch nicht so schnell zurück auf den Nachttisch findet.

Es muss nicht immer Amerika sein – Charles den Tex beweist, dass man auch in einem beschaulichen Land wie den Niederlanden einen anspruchsvollen, spannenden und wendungsreichen Thriller ansiedeln kann. „Die Zelle“ ist ganz großes Kino.

|Originaltitel: Cel
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
ISBN-13: 978-3-89425-659-3
445 Seiten, Hardcover|
http://www.grafit.de

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