Robert D. Ballard – Rückkehr nach Midway

Schiffswracks interessieren mich nicht nur vom historischen / archäologischen Kontext her, sie umgibt als düstere Zeugen von Katastrophen und Tragödien etwas gespenstisch Düsteres & Geheimnisvolles, das mich seit jeher in seinen Bann schlug. Angefangen hat diese Manie, als ich zum ersten Mal vom Unglück der Titanic in meinen Kindertagen hörte, seither stapelt sich Buch um Buch in meinem erklecklichem Fundus. War meine Sammelwut zuerst nur auf dieses wohl berühmteste Schiffswrack der Geschichte fokussiert, habe ich mittlerweile ein zweites Steckenpferd entdeckt – meine Vorliebe für Seeschlachten – und dadurch eine ganze Menge anderer Titel meiner kleinen Bibliothek einverleibt.

Ein nicht geringer Teil davon stammt vom Entdecker der Titanic, Dr. Robert D. Ballard, so auch der vorliegende Titel „Rückkehr nach Midway – Die Suche nach versunkenen Schiffen der größten Schlacht im Pazifik“. Kaum ein anderer Konflikt hat dem Meeresboden mehr riesige Schiffsfriedhöfe geliefert als der unsägliche II. Weltkrieg. Einen davon hat Ballard auch diesmal in einem seiner aktuelleren (Bild-)Bände aufgetan und erforscht, der sogar laut Ullsteins Liste noch lieferbar ist, während seine vorhergehenden Werke fast alle schon out of print gegangen sind.

Historischer Background

Anfang Juni 1942. Pazifik – Midway-Inselgruppe- nordwestlich von Hawaii. Ein gutes halbes Jahr zuvor hat das japanische Kaiserreich den „Überraschungs“-Überfall auf Pearl Harbor durchgeführt und der amerikanischen Flotte bekanntermaßen eine der schlimmsten Schlappen und den Verlust von insgesamt 18 Schiffen (darunter auch 3 so genannte Großkampfschiffe) der Pazifikflotte zugeführt. Wie durch ein Wunder befand sich aber kein einziger Flugzeugträger im Dezember 1941 im Hafen, sondern alle waren zu dieser Zeit im Einsatz auf See. Dieser für die Amerikaner glückliche Umstand, gepaart mit dem unmodern gewordenen Seekrieg mittels Schlachtschiffen, läutet nun auch bei den Amerikanern die Ära der trägergestützten Kriegsführung ein, welche die Japaner schon länger erfolgreich unter Admiral Yamamoto praktizieren.

Yamamoto beabsichtigt, sich die Midway-Inseln und den dort befindlichen Flugplatz einzuverleiben, damit Japan einen vorgeschobenen Posten zur Kontrolle des Mittel-Pazifiks zur Verfügung steht. Die US Navy hat – seit Pearl Harbor geschwächt – den gut trainierten japanischen Flottenverbänden nicht allzu viel entgegenzusetzen, doch fußt Yamamotos Plan wieder einmal auf absolut perfektes Timing und genaues Vorhersehen des gegnerischen Handelns. Diesmal soll er sich irren, seine beiden Hauptgegenspieler Admiral Chester Nimitz und Admiral Spruance sind unberechenbare, kühne Befehlshaber, die aus der Not eine Tugend machten, sich mit nicht vorherzusehenden Nadelstichen und effektiven Kommandoeinsätzen den übermächtigen Japanern entgegenzustellen und ihnen Paroli zu bieten.

Im Morgengrauen des 4. Juni 1942 wendet sich das Blatt zugunsten der Amerikaner und der Tag soll ein Wendepunkt des gesamten Pazifik-Konflikts werden. Zum allerersten Male bekämpfen sich Marine-Einheiten beinahe ausschließlich mit Flugzeugen und U-Booten, können dabei den Gegner hinter dem Horizont größtenteils nicht mal sehen, das heißt: Die Stunde der Flugzeugträger und versteckt und/oder schnell operierenden Einheiten ist angebrochen und Großkampfschiffe spielen seither in allen Marinen der Welt keine Rolle mehr.

Der 4. Juni kostet die Japaner ganze vier Träger und etliche Begleitschiffe, während die Amis lediglich den Totalverlust des Flugzeugträgers Yorktown und seines Begleitzerstörers Hammann zu beklagen haben. Nimitz hatte das Schlachtglück an diesem Tag wohl gepachtet, ein japanischer Aufklärer hat den Verband beim Überflug schlichtweg übersehen bzw. kam vom Kurs ab. Die Midways werden zum Synonym der japanischen Niederlage im WK 2.

Die Mitwirkenden

Dr. Robert D(uane) Ballard ist eigentlich Meeresgeologe an der Woods Hole Oceanographic Institution und hat seine von der US Navy gesponsorten Entwürfe von Tiefsee-Gerätschaften zur Vermessung des Meeresbodens anfangs auch ausschließlich zu genau diesem Zweck verwendet, bis er 1986 auf die Idee kam, damit das berühmteste aller Wracks zu suchen, den Luxus-Liner RMS Titanic. Nachdem ihm dieses glückte, hat er sich an weiteren Wracks versucht (unter anderem auch die Bismarck) und ist seither etwas wie die oberste Koryphäe in Sachen Unterwasser/Tiefsee-Archäologie geworden.

Seine Arbeit bei/für National Geographic Society ist allerdings seit dem Titanic-Fund nicht immer auf Gegenliebe gestoßen. Damals hat er es sich mit dem französischen Co-Partner verscherzt, man munkelt von wirtschaftlichen/populistischen Gründen – in seinen Büchern und Filmen stellt er es natürlich etwas anders dar, doch ist Ballard in der Fachwelt nicht ganz unumstritten, wohl aber ein äußerst hartnäckiger (und überaus erfolgreicher) Forscher.

Rick Archbold, ein angesehener Historiker, arbeitet häufiger mit Ballard zusammen und sorgt zudem dafür, dass die Berichte und Texte auch gut lesbar und vor allem spannend sind. Archbolds berühmtestes eigenes Werk ist „Hindenburg“, eine minutiös geschriebene Recherche über das Unglück, das den deutschen Luftschiff-Stolz in den 30er Jahren bei Lake Hurst ereilte. Auch diesmal sorgt Archbold dafür, dass Ballards Buch auch für Nichtkenner der Materie gut zu lesen ist, wobei er sich historisch nicht in Unwichtigkeiten verzettelt, sondern die Fakten kurz und knackig und ohne Pathos (den Ballard manchmal im Übermaß zu haben scheint) präsentiert.

Ken Marshall ist der geniale Illustrator, der auch schon einen ganzen Bildband mit Titanic-Motiven herausbrachte, sowohl schwimmend als auch als Wrack. Ich kenne niemanden, der diese Art bedrückender Bilder so plastisch per Airbrush und Pinsel aufs Papier bringt und das manchmal nur anhand mehrerer Einzelbilder, aus denen er packende Unterwasser-Stillleben erstellt, welche man (wegen der in den großen Tiefe herrschenden Finsternis) so sicher niemals zu sehen bekäme. Auch er arbeitet häufig mit Ballard zusammen und hat (wieder einmal) das Titelbild erschaffen, wobei er diesmal das Wrack der „Yorktown“ gespenstisch und detailreich in Szene setzt. Allein seine Bilder sind den Kauf so manchen Buches wert.

Das Buch

„Rückkehr nach Midway“ ist ähnlich gegliedert wie Ballards übrige Werke – ein wenig Vorgeschichte, Lobhudeleien auf die Sponsoren und Marine, danach führt er den Leser in die Kunst des Suchens ein, wobei er dann auch jedes Mal seine „Rasenmäher“-Technik aufs Neue erklärt. Diese ist sein Schlüssel zum Erfolg. Er bringt im mutmaßlichen Untergangs-/Suchgebiet ein Netz aus Sonarbojen aus und fährt mit „seinem“ Schiff (tatsächlich sind’s verschiedene Schiffe) parallele Suchbahnen nach einem bestimmten Muster ab. Mittels GPRS kann er seine Position ständig auf den Meter genau feststellen. Der Sonar-/Kameraschlitten, den er dabei im Schlepp knapp über dem Meeresboden hinter sich herzieht, liefert Bilder und Sonarreliefs der Umgebung an die Leitzentrale.

Das ist nicht immer ungefährlich, schließlich baumelt der Schlitten an einem etwa vier Kilometer langen Kabel hinter dem Schiff her – sollte sich urplötzlich ein Hindernis vor ihm befinden, sind Millionen Dollar ratzfatz perdu. Das ganze System ist dadurch und durch den immensen Wasserdruck sehr sensibel und fehleranfällig; wenn irgendwelche Apparate ausfallen, ist unter Umständen das ganze Unternehmen gefährdet.

Auch bei dieser Expedition geht wieder allerhand schief, ich weiß nicht, ob Ballard es extra spannend macht, doch gleichen sich die Probleme auf allen seinen Expeditionen, um dann doch – mit viel Aufwand und Einsatz – genau zum rechten Zeitpunkt beseitigt zu werden. Wie dem auch sei, die gesuchten Schiffe werden auf diese Art auch hier wieder aufgespürt und unter die Lupe genommen. Zwischendurch werden durch alte Aufnahmen und Texteinlagen die geschichtlichen Hintergründe der Schlacht beleuchtet.

Das ist meist Aufgabe von Rick Archbold, der analog zur Suche nach den Wracks nebenher die Ereignisse, die zum Untergang führten, erklärt. Oftmals lässt er dabei Zeitzeugen zu Wort kommen oder stützt sich auf erhalten gebliebene Logbücher und anderes historisches Material. Ich finde diese Auflockerung meist interessanter als Ballards immer wiederkehrenden technischen Probleme mit seinem Equipment. Dadurch kann man sich ein genaueres Bild davon machen, was damals geschah, und ein Wrack bekommt eine eigene Identität und ein ganz individuelles Flair.

Fazit

Das Buch bietet einen historischen Abriss zu einer denkwürdigen Schlacht. Leider kümmert sich Ballard in diesem Werk fast ausschließlich um das Wrack der Yorktown und lässt den Zerstörer Hammann und die japanischen Träger Kaga, Soryu, Hiryu und Akagi bildtechnisch leider außer Acht. Dies geschieht aus dem einfachen Grunde, da Ballard sie nicht fand, was daran liegen mag, dass mal wieder durch technische Schwierigkeiten zu viel Zeit bei der Suche nach der Yorktown draufging. Das kann man ihm nicht wirklich ankreiden, doch hatte ich mir alleine durch den Untertitel: „Auf der Suche nach den versunkenen Schiffen …“ eigentlich etwas mehr erwartet. Der Teil der Wrack-Erkundung fällt diesmal etwas kleiner aus und nimmt nur wenig Raum am Ende des Buches ein.

Ballard hat schon bessere Bildbände abgeliefert und „Rückkehr nach Midway“ gehört somit zwar zu den generell guten Büchern, ist aber sein bisher schwächstes. Man kann sich des Eindrucks manchmal nicht erwehren, dass durch die großformatigen Bilder und die immer wiederkehrenden Ausfälle des Equipments, nebst der Litanei, wie die Suche nun technisch durchgeführt wird, Platz bzw. Seiten geschunden werden sollen. Lesenswertes aus der Zeit des Pazifik-Seekrieges, das ein „Gut“ redlich verdient hat, bietet das Buch dennoch – allein schon durch die Bilder Ken Marshalls und die historische Aufbereitung von Rick Archbold; für eine höhere Bewertung langt’s aber nicht. Interessanterweise eines der wenigen Bücher Ballards, die nicht als Taschenbuch erhältlich sind; der Bildband ist mit derzeit 29,90 € nicht gerade ein Schnäppchen.

Originaltitel: „Return to Midway“
Erscheinungsjahr: 1999 Madison Press / NY
Übersetzung: Ralf Friese
Schiffs-Illustrationen: Ken Marshall
Ausführung: Hardcover; ca. 196 Seiten
zahlreiche Schwarzweiß- und (großformatige) Farbbilder
www.ullsteinbuchverlage.de

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