Christa Bernuth – Innere Sicherheit

Literarisch betrachtet ist die Auseinandersetzung mit dem System der DDR noch recht wenig abgegrastes Territorium. Besonders in der Unterhaltungsliteratur muss dieses Thema eher selten als Romanszenario herhalten. Umso schöner und interessanter, mit „Innere Sicherheit“ von Christa Bernuth einmal einen Krimiplot vor dem Hintergrund des DDR-Regimes serviert zu bekommen, verspricht doch allein schon dieser Umstand Abwechslung vom sonst oft so üblichen Einheitsbrei des Krimigenres.

Es ist im 36. Jahr der DDR, als am Rügener Ostseestrand die Leiche von Hanna Schön an Land gespült wird. Abschnittbevollmächtigter Martin Beck wird mit den Ermittlungen betraut – allerdings nur ausgesprochen kurz, denn schon wenig später wird ihm der Fall wieder entzogen. Republikflucht lautet die These seiner Vorgesetzten, die es praktisch als erwiesen ansehen, dass sich Hanna Schön an einem stürmischen Novembertag mit einem seeuntauglichen, geklauten Ruderboot in den Westen absetzen wollte.

Doch Martin Beck, der sonst immer so linientreu und loyal war, geht der Fall nicht mehr aus dem Kopf, obwohl seine Vorgesetzten die Akte schon längst für geschlossen erklären. Was hat es mit der Kugel auf sich, die in Hanna Schöns Kopf gefunden wurde und die laut der später dementierten Aussage der Gerichtsmedizin ein Westkaliber ist? Warum musste Hanna Schöns Ehemann schon wenige Tage später sterben – durch einen inszenierten Selbstmord?

Und so beginnt Beck, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Was sich dabei offenbart, passt so gar nicht in sein Bild vom Sozialismus in der DDR. Beck kommt an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss – entweder die Wahrheit herausfinden, oder weiterhin brav als Schraube im Räderwerk des Systems funktionieren. In jedem Fall gibt es für Beck, wenn er sich erst einmal entschieden hat, kein Zurück mehr …

Der Plot, den die deutsche Krimiautorin Christa Bernuth in „Innere Sicherheit“ auffährt, verspricht auf jeden Fall eine große Portion Spannung. Wer in einem System ständiger Überwachung versucht, die Wahrheit hinter einer Geschichte herauszufinden, die andere lieber unter den Teppich gekehrt wissen wollen, der begibt sich schließlich auf hauchdünnes Eis. Wer weiß, hinter welche Ecke der nächste Spitzel lauert? Wer weiß, inwieweit die Gegenseite die Schritte des Helden schon vollständig im Blick hat? Diese Ausgangssituation bietet Raum für jede Menge Spannung.

Bernuth legt bei der Erzählung viel Gewicht auf die psychologische Seite. Zum einen lässt sie Protagonist Beck immer wieder mit einem befreundeten General philosophische Fragen diskutieren, bei denen von Beck jede Menge Feingefühl gefordert ist. Wer weiß schon, ob der General nicht einfach auf ihn angesetzt wurde, um seine Loyalität zum System auf Herz und Nieren zu prüfen? So muss Beck jedes Wort auf die Goldwaage legen, jede These von zwei Seiten betrachten. Auch die Psychologie der Polizeiarbeit kommt nicht zu kurz. Immer wieder lässt Bernuth den Leser hinter Becks Verhörtaktiken schauen und offenbart die Raffinesse, mit der Beck seinem Gegenüber professionell auf den Zahn fühlt.

Diese psychologischen und philosophischen Komponenten kommen im Laufe des Romans immer wieder zum Tragen. Sie sorgen für eine gewisse Tiefe jenseits des Krimiplots, haben aber darüber hinaus den etwas unschönen Effekt, dass sie die Spannung bremsen. Nach dem Fund der Leiche von Hanna Schön und dem „Selbstmord“ ihres Ehemanns steht der Fall eigentlich schon vor dem Aus. Der Spannungsbogen fällt damit etwas ab und Becks ständige Grübeleien darüber, ob und wie er heimlich weiterermitteln soll, ziehen den Plot etwas in die Länge.

Als Beck dann die ersten Aspekte von Hanna Schöns Vergangenheit entblättert und eine Frau aufstöbert, die mit Hanna befreundet war und offenbar eine Schlüsselrolle in dem Fall spielt, ahnt man als Leser eigentlich schon, worauf die Geschichte hinausläuft. Als sich die ersten Vermutungen dann bestätigen, ist Martin Beck als loyaler und systemtreuer Bürger der DDR natürlich geschockt, während der Leser all das durchaus noch aus den Nachrichten im Gedächtnis haben dürfte und somit logischerweise nicht wirklich ebenso schockiert ist. Auch das ist ein Aspekt, der im Mittelteil des Romans für eine gewisse Langatmigkeit sorgt.

Mit fortschreitender Seitenzahl schafft Bernuth es dann aber wieder, den Plot mit etwas mehr Spannung zu garnieren. Beck hat eine Grundsatzentscheidung zu treffen, mit deren Konsequenzen er sich zunehmend konfrontiert sieht. Die Geschichte entwickelt sich für die Protagonisten zu einer Einbahnstraße. Nachdem sie sich entschieden haben hineinzufahren, können sie nicht mehr umdrehen, egal was kommt. Besonders im letzten Buchviertel mag man nicht mehr glauben, dass die Figuren den Fall überhaupt noch mit heiler Haut durchstehen können. Die Spannung ist zum Greifen.

Bernuth inszeniert mit „Innere Sicherheit“ gewissermaßen einen deutsch-deutschen Krimi, der schon aufgrund der Auseinandersetzung mit einem sensiblen Thema der deutschen Geschichte seinen Reiz hat. Der historische Kontext wird immer wieder besonders hervorgehoben. Bernuth greift sich ein Stück deutsche Geschichte heraus, schmückt die Details fiktiv aus und schafft damit dennoch ein interessantes Stück Zeitgeschichte – aber eben unverkennbar in Romanform.

Der Plot wirkt dabei nicht immer bis in den letzten Winkel schlüssig und die Spannung bleibt vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Dokumentation und philosophischer und psychologischer Fingerübungen hin und wieder etwas auf der Strecke, dennoch ist Bernuth ein Krimi gelungen, der dank seiner Tiefe einen tendenziell positiven Eindruck hinterlässt.

Der Reiz besteht dabei sicherlich auch darin, dass man als Leser einen Einblick in das Leben unter dem System der ehemaligen DDR bekommt. Anhand der verschiedenen Protagonisten erhält der Leser einen sehr plastischen Eindruck davon und kann sich auch ohne eigene DDR-Erfahrungen ein Bild machen, wie es durchaus realistisch erscheint. Die eingeschränkten persönlichen Freiheiten und die Rechtfertigung des Sozialismus als theoretisch gute Sache werden genauso begreifbar wie die Unmöglichkeit seiner Durchführung und die damit einhergehende Resignation. Bernuth malt dabei nicht schwarzweiß. Sie markiert nicht das eine System als gut und das andere als schlecht. Vielmehr liefert sie Denkanstöße in unterschiedliche Richtungen, hinterfragt kritisch sowohl kapitalistische als auch sozialistische Ideologien.

Und so ist „Innere Sicherheit“ am Ende eben mehr als einfach nur ein Krimi. Ein Roman, der ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert und Geschichte anhand nachvollziehbarer Protagonisten erlebbar macht. Dass der eigentliche Krimi dabei die eine oder andere Schwäche aufweist, dass die Auflösung der Handlung zum Ende hin einige unbeantwortete Fragen aufwirft und nicht bis ins letzte Glied schlüssig wirkt, ist sicherlich genauso bedauerlich wie die zwischenzeitlich etwas zu kurz kommende Spannung, aber in gewissem Rahmen auch verschmerzbar. „Innere Sicherheit“ ist in jedem Fall ein Roman, der nachdenklich stimmt, auch wenn er als Krimi nicht immer überzeugend funktioniert.

Gebundene Ausgabe: 413 Seiten
www.piper.de

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