Simon Winchester – Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach

Inhalt:

Der 27. August 1883 ist ein Tag, den nicht nur Augenzeugen nie vergessen werden. Krakatau ist ein unbedeutendes Eiland in der ostindischen oder besser indonesischen Inselwelt zwischen Sumatra und Java. Batavia, die koloniale Handelsmetropole, liegt zwar nur einige Schiffsstunden entfernt an der javanischen Nordküste, aber auch dort hat seit jeher kaum jemand einen Gedanken an die von sich hin rumpelnde Vulkaninsel verschwendet. Hier und da hat die Erde in den letzten Monaten zwar gezittert, aber was soll schon geschehen? Die geschäftigen und geschäftstüchtigen niederländischen Kolonialherren haben Ostindien fest im Griff und sonnen sich im Glanz ihrer politischen, wirtschaftlichen und (angeblich) kulturellen Überlegenheit.

Tief unter der Erdoberfläche staut sich seit geraumer Zeit ein Gemisch aus heißem Gas und Magma an, das keinen Raum zum Entweichen findet. Als die Erdkruste dem Druck nicht mehr standhalten kann, kommt es zur Katastrophe: Krakatau, eine Insel von 130 qm Größe, fliegt in die Luft, wird in Myriaden kleiner Stücke zerrissen. Der Knall ist noch 4700 Kilometer entfernt vernehmbar. Die Druckwelle rast siebenmal um den Erdball. Das Wasser des Ozeans türmt sich zu mörderischen Wasserwänden auf, die den indonesischen Archipel heimsuchen und ganze Inseln tier- und menschenleer spülen. 36000 unglückliche Insulaner verlieren ihr Leben. Das Klima der gesamten Erde wird auf Monate in Mitleidenschaft gezogen. Knapp 40 km hoch hat der sterbende Vulkan Asche, Staub und Steine geschleudert. Gigantische Wolken werden über den halben Globus getrieben, sorgen für einen quasi atomaren Winter und spektakuläre Sonnenuntergänge.

Die Welt nimmt atemlos Anteil an dem Desaster. Erst seit kurzer Zeit verbindet der Telegraf auch das bisher abgelegene Ostindien mit Europa und Nordamerika. Man erfährt binnen kurzer Zeit und aus erster Hand von den furchtbaren Ereignissen. „Krakatau“ ist DAS Wort der Stunde. Die Presse feiert Sternstunden. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Katastrophe und suchen nach einer Erklärung. Noch fehlen die notwendigen Voraussetzungen. Erst viele Jahre später wird ein deutscher Forscher, von seiner Kollegen verlacht und geschnitten, den Schlüssel zum Krakatau-Geschehen finden …

Wie definiert man das Weltende?

„Der Tag, an dem die Welt zerbrach“ lautet der Unheil und Sensationen ankündigende deutsche Untertitel dieses Buches. Auch im Original wird Ähnliches angedroht, doch glücklicherweise auf eine Weise verwirklicht, die den von Katastrophen angelockten Voyeur ordentlich vor den Kopf stößt. Hätte man sich eigentlich denken können: Auch wenn es bemerkenswert laut knallte an jenem Augusttag des Jahres 1883 (um es einmal untertreibend auszudrücken), zerriss es doch ‚nur‘ eine kleine Insel. So etwas bringt unsere alte Erde nicht aus dem Gleichgewicht.

Das Ende von Krakatau steht laut Winchester für ein anderes Finale: Der Untergang dieser Insel läutete das Ende der kolonialen Ordnung ein, die Ostindien politisch und religiös viele Jahrhunderte geprägt hatte. Die Mitglieder der bisher unterjochten Vielvölker-Inselwelt ließen sich nicht mehr aus Europa fernsteuern, sondern forderten ihr Selbstbestimmungsrecht. Die taktisch als „Gottesstrafe“ interpretierte Explosion kam besonders den aufstrebenden muslimischen Machthabern gut zupass, die ihren Einflussbereich aus dem arabischen in den indonesischen Raum erweitern wollten. Plötzlich offenbaren sich direkte Verknüpfungen zwischen dem scheinbar zeitlich und räumlich so fernen Krakatau und der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, in dem dieser ‚heilige‘ Krieg weiter andauert.

Friedlicher verlief ein anderes Weltende: Die Wissenschaft sah sich nach Krakatau ernsten Fragen ausgesetzt. Wie konnte es geschehen, dass ein ganzer Landstrich von der Landkarte verschwand? Niemand wusste darauf eine überzeugende Antwort. Die Sicherheit, mit der die fortschrittlichen Geister des 19. Jahrhunderts vorgaben, bald auch das letzte Rätsel der Natur gelöst zu haben, erwies sich als Illusion. Neue Forschungsansätze mussten gesucht werden. Zwar dauerte es noch lange Zeit, bis die geforderten Erklärungen gefunden waren, was aber wegen der komplizierten und unerhörten geologischen Vorgänge, die ihnen zugrunde liegen, kein Wunder ist. Aber sie wurden schließlich entdeckt und entschlüsselt – Krakatau ist einer der wichtigen Auslöser.

Kleiner Punkt mit gewaltiger Ausstrahlung

Wir begreifen die Bedeutung dieses winzigen Punktes irgendwo im Indischen Ozean rasch. Simon Winchester scheut keine Mühe, sie uns begreiflich zu machen. Er stellt die eigentliche Katastrophe zwar ins Zentrum seiner Darstellung, beschränkt sich aber längst nicht darauf. Die Geschichte von „Krakatau“ setzt sehr viel früher ein, und sie ist nur das Steinchen eines viel größeren Mosaiks. Winchester entwirft das bunte Panorama des maliischen oder indonesischen Archipels, deren Bewohner schon vor dem August 1883 auf eine bewegte Historie zurückblickten. Er erinnert an die bemerkenswerte Tatsache, dass diese Inselwelt einst niederländisches Eigentum war – ein Kolonialreich, welches das Mutterland um ein Vielfaches an Ausdehnung übertraf.

Die Geschichte von Krakatau ist damit zwangsläufig auch die Geschichte von Batavia, die holländische Handelsstadt im Nordosten der Insel Java, eine exotische Mischung aus Alteuropa und Asien, eine heute vergessene Metropole, die das Pech hatte, quasi in Sichtweite eines nur ruhenden, längst nicht inaktiven Riesenvulkans errichtet zu werden. Niemand wusste es besser, aber es stellt sich die Frage, ob es die von sich eingenommenen kolonialen ‚Herren‘ für nötig befunden hätten, den Warnungen der ‚wilden‘ Einheimischen Gehör zu schenken. Die wussten längst, was die Europäer erst auf die harte Tour lernen mussten: Indonesien ist ein unruhiger Ort, an dem es ständig kracht.

Was daran liegt, dass er die Reibungszone zwischen zwei Erdschollen darstellt, die hier immer wieder aneinander geraten. Der komplexen Materie der kontinentalen Verschiebung und ihrer schwierigen wissenschaftlichen Geburt widmet Winchester breiten Raum. Das ist hier und da zwar etwas fachspezifisch, aber es lohnt sich, weil es viele Dinge über den Planeten lehrt, an den wir schließlich gefesselt sind.

Der Staub senkt sich

Deshalb leuchtet ein, dass Winchester seine Darstellung nicht mit den unmittelbaren Folgen der Krakatau-Katastrophe schließt. Es gibt ein Nachspiel, das bis auf den heutigen Tag wirkt: An der Stelle des zu Staub zerblasenen alten Krakatau hat sich inzwischen ein neuer Vulkan aufgebaut, der sich zwölf Meter pro Jahr (!) in die Höhe schraubt. Der Wissenschaft ist inzwischen völlig klar, dass sich eines vielleicht nicht allzu fernen Tages das Ereignis von 1883 wiederholen wird, da sich an den geologischen Gegebenheiten nichts verändert hat. Unter dieser Prämisse wird Winchesters Reise auf die junge Insel Anak Krakatau zu einem unheimlichen Trip, der uns gemeinsam mit dem Verfasser die unbehagliche Realität verdeutlicht, dass wir auf einer ziemlich dünnen und gar nicht stabilen Erdkrustenschicht über einem echten Höllenfeuer leben.

Wenn wir, die Leser, uns von Winchester noch etwas wünschen dürften, wären es sicherlich mehr zeitgenössische Fotos. Andererseits ist es verständlich, dass sich deren Zahl in Grenzen hält: Das Fotografien war – zumal in entlegenen Gegenden – 1883 noch recht kompliziert und Krakatau kein Ort, an den sich ein Fotograf unbedingt begeben hätte. Als der Untergang begann, hatten die Menschen Besseres zu tun, als die Katastrophe im Bild festzuhalten.

Die Reise zum Vulkan bietet abschließend die Möglichkeit, das alte Ostindien mit dem modernen Indonesien zu vergleichen. Winchester ergeht sich weder in kolonialer Nostalgie noch in kritiklosem Unabhängigkeits-Jubel. Indonesien ist alles andere als das Paradies auf Erden – und das liegt ganz sicher nicht ausschließlich an den bösen Industrieländern. Winchester nennt die Verantwortlichen beim Namen und dürfte sich damit nicht nur Freunde machen, weil er politisch unkorrekt viele selbst ernannte Heilsbringer dieser unruhigen Region demaskiert. Auch hier lässt sich der August 1883 als Fanal fixieren, auch wenn dieser Zusammenhang womöglich ein wenig zu stark konstruiert wurde. An der Faszination dieses Buches ändert dies freilich überhaupt nichts.

Autor

Simon Winchester wurde 1944 in Nord-London geboren. Er studierte Geologe zwischen 1963 und 1966 im St. Cathrine’s College, Oxford, und ist passionierter Weltreisender, seit er 1965 an einer wissenschaftlichen Grönland-Expedition teilnahm.

Bereits 1967 machte er sein Hobby zum Beruf und arbeitet als Journalist und Autor, der Artikel und Sachbücher über seine ausgedehnten Reisen in die entlegenen Gegenden der Erde, aber auch in die Weiten der menschlichen Gedankenwelt schreibt.

Website

Taschenbuch: 368 Seiten
Originaltitel: Krakatoa. The Day the World Exploded. 27. August 1883 (London : Viking/Penguin Books Ltd. 2003)
Übersetzung: Harald Stadler
http://www.randomhouse.de/btb

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