Bertram Weisshaar – Einfach Losgehen

Richtung Horizont

„Eine Wanderung an der eigenen Haustüre zu beginnen, scheint mir sehr naheliegend, wortwörtlich das Nächstliegende. Das Überraschende dabei ist: Schon nach wenigen Minuten verändert sich etwas. Jeder Schritt hier, alles ist mir doch so vertraut, unmittelbares Wohnumfeld, und doch ist es ein bisschen so, als wäre es mir nun ein wenig fremd, als wäre ich schon nicht mehr von hier.“

Der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Gehen. Er spürt nach, wie sich unsere Wahrnehmung verändert, wie wir den Raum gehend begreifen können und warum Spaziergänge so wichtig für uns sind.
Bertram Weisshaar verführt uns mit seinem Buch zum Wandern und Streunen. Denn: Nichts führt dichter in die Welt hinein als das Gehen. Los geht`s. (Verlagsinfo)

Inhalt und Eindrücke

Weisshaars Buch „Einfach Losgehen“ trägt noch zusätzlich den schönen Untertitel: „Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen“ und ist in drei Abschnitte untergliedert:

Teil 1: Die Welt mit den Füßen lesen
Teil 2: Gehen ist Kraft
Teil 3: Pfade in die kritische Landschaft

Alle Teile sind wiederum in einzeln überschriebene und kürzere Kapitel unterteilt und an zwei Stellen im Buch zeigt Weisshaar einige Fotos von seinen Wanderungen.
Umschlaggestaltung und Layout sind wirklich stimmig und schön gemacht: Fuß- bzw. Schuhabdrücke in einer Umgebung aus Bergen und Bäumen, aber auch mit Windrädern, Strommasten und Fabriken – eben mit dem, was das Landschaftsbild hierzulande ausmacht.

Der Text wird an mehreren Stellen durch Farbfotografien ergänzt, die einige interessante Motive von ganz unterschiedlichen Wanderungen des Autors zeigen.

Im ersten Teil nimmt Autor Weisshaar, freiberuflicher „Spaziergangsforscher“ seine Leser mit auf diverse Wanderungen durch das ganze Bundesgebiet. Den Titel nimmt er dabei wörtlich, als er zum Beispiel direkt von seiner Wohnung aufbricht zu einer Wanderung durch die nähere Umgebung. Der Osten Deutschlands, in der Gegend südlich von Leipzig vormals geprägt vom Tagebau, wurde vom Autor bereits im Jahr 1993 durchwandert. Als er die Wanderung ein Vierteljahrhundert später wiederholt, zeigt sich ihm ein vollständig verändertes Landschaftsbild: Durch Flutung ehemaliger Abbaugebiete sind dort ganze Seenlandschaften entstanden, die inzwischen entsprechend als Naherholungsgebiete genutzt werden und die rekultivierte Landschaft zeigt heute eine ausgeprägte Vielfalt an Pflanzen, wo früher Abraum abgeworfen wurde.

Bei dieser Tour transportiert Weisshaar gar ein kleines Zelt mit sich und beschreibt die besondere Erfahrung des Zeltens bei Wind und Wetter in freier Natur, die er jederzeit auch den Campingplätzen vorzieht. Ganz nebenbei beschäftigt er sich mit Werken von bekannten Philosophen wie z.B. Jean-Jacques Rousseau und Henry David Thoreau, zitiert aus verschiedenen Schriften und gibt seine Einschätzung darüber ab, wie es aus heutiger Sicht betrachtet werden könnte. Das Wandern hat für Weisshaar eine entschleunigende Wirkung, er bezeichnet es als „Fenster zur Welt“ und beschreibt selbst fast schon philosophisch, wie er Eindrücke unterwegs aufnimmt.

Nicht zuletzt aus dieser Sehnsucht zum Aufbruch in derartige Erfahrungen sind gerade in den letzten Jahren Pilgerwege populär geworden: Den Camino de Santiago, oder landläufig als Jacobsweg bezeichnet, nennt Weisshaar auch, geht aber zusätzlich auf weitere bekannte Strecken ein. Er ist offenbar selber auch ständig unterwegs, wobei die Art und Themen seiner Wanderungen selbstgewählt und interessengebunden sind. So beschreibt er eine Wanderung von Leipzig bis Köln, bei der er von Kleingartenkolonie zu Kleingartenkolonie wanderte. Gärtnern und Wandern sind für ihn miteinander verknüpft und dieser Thematik ist ein Kapitel des Buches gewidmet.

Nach dem Vorbild des englischen Coast-to-coast-Weges macht sich der Spaziergangsforscher im Übrigen auch auf einen Querweg durch Deutschland, der wiederum zwar einige bekannte Wanderwege in besonderen Naturparks beinhaltet, aber auch durch gewöhnliche Feldflure und vorbei an Braunkohletagebau führt. Diese Abwechslung auf dem sogenannten „Denkweg“ macht es für den Autor aus.

Weitere Wanderungen führen auf historischen Wegen durch den Schwarzwald und auf ornithologischen Erkundungspfaden über die Insel Hiddensee.
Nicht immer geht es um (mehrtägige) Wanderungen, sondern im zweiten Teil widmet sich der Autor vielmehr dem Spazierengehen. In unseren Städten, die oftmals eher auf den motorisierten Verkehr oder aber auf die Belange der Radfahrer ausgerichtet sind, hat er vielfach beobachtet, welcher Stellenwert den Fußgängern zukommt – er bezeichnet sie gar als „Schafe, die sich duldsam einpferchen lassen“. An dieser Stelle wird allerdings auch der Verein FUSS e.V. vorgestellt, der sich für die Belange der (Spazier)Geher einsetzt und etwa auch gemeinsame Märsche organisiert.

Im Vergleich dazu wird das „Streunen“ als fußläufige Fortbewegung erwähnt, bei der es hauptsächlich darum geht, ziellos aber neugierig umherzulaufen und dabei Zeuge von ganz unterschiedlichen Momentaufnahmen zu werden.

Weisshaar gibt uns viele beispielhafte Anregungen für verschiedene Themenwanderungen und Aktionen und er macht auch auf andere Anschauungsweisen aufmerksam: Im Kapitel „Gehen als Kunst“ stellt er das Projekt von Richard Long vor, der das Gehen sichtbar macht und sich zudem auch Materialien aus der Natur bedient.
Das Gehen hat einen unmittelbaren Einfluss auf Körper und Geist – durch das Gehen werden Anspannungen gelöst und wer seine Sensorik aktiviert, kann beim „Denkengehen“ neue Impulse und Ideen für sich herausziehen.

Nicht immer müssen es Wanderungen in gepflegten Nationalparks oder auf ausgewiesenen Wanderwegen sein: der dritte Teil des Buches geht auf eher schwierige, vom Autor als „kritische“ Landschaften bezeichnet, ein. Hier greift er einige Beispiele auf, die bereits im ersten Teil angesprochen waren, wie etwa die (ehemaligen) Tagebau-Halden, aber auch andere Agrarsteppen.

Immer aber ist das Gehen ein Zugang zur Welterfahrung, zum Naturerleben und zur Erholung.

Fazit:

Gehen spielt auch in meinem Leben eine Rolle: Jeden Tag gehe ich mit dem Hund spazieren, im Urlaub und an den Wochenenden lockt die Natur mich auch mal zu einer Wanderung hinaus.

Der Titel des Buches sprach mich daher wirklich an und ich war gespannt auf die Ausführungen zu diesem Thema. Abgesehen von der wirklich tollen Umschlaggestaltung gefällt mir auch die Gliederung des Buches sehr: die Kapitel sind gut und schlüssig aufgebaut und lassen sich angenehm lesen. Eine Bandbreite von regionalen Kuriositäten lassen einen manchmal schmunzeln!

Inhaltlich ist es aber nicht nur eine intensive, feinfühlige und zum Teil schon philosophische Auseinandersetzung mit allen Belangen rund um das „Gehen“ – es gibt dem interessierten Leser eine große Menge Anregungen (Warum nicht tatsächlich einmal eine Wanderung an der eigenen Haustür beginnen?) und schafft überdies ganz neue Blickwinkel. In den 122 Anmerkungen gibt Weisshaar Quellenangaben zu diversen Zitaten und im Buch erwähnten Personen – für weitere Anregungen lohnt auch das Studieren dieser Hinweise!

Kurzum: Das Buch motiviert direkt zum Losgehen und öffnet die Augen für bisher möglicherweise nicht wahrgenommene Dinge entlang der Strecke.
Schnüren auch Sie Ihre Schuhe und begleiten den Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar!

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3847906483

www.eichborn.de

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