Clemens, James – Schattenritter (Die Chroniken von Myrillia 1)

Eigentlich wollte Tylar nur mit sich selbst einen heben gehen. Immerhin hatte er an diesem Tag Geburtstag. Leider war die Wahl des Lokals etwas ungünstig für ihn ausgefallen. Der heruntergekommene und gebrochene Mann ist in den feineren Schänken der Stadt nicht willkommen, die Türsteher werfen ihn raus. Und nicht nur das! Nur das Eingreifen eines Schattenritters verhindert, dass Tylar totgeschlagen wird. Trotz dieser Rettung hat die ganze Sache verheerende Auswirkungen. Auf dem Heimweg wird Tylar Zeuge eines Mordanschlags. Nicht an irgendjemandem, sondern an Meeryn, der Göttin der Sommerinseln! Als der unheimliche Angreifer wieder verschwunden ist, eilt Tylar der verletzten Göttin zu Hilfe. Zu seinem Entsetzen stirbt sie in seinen Armen, und nicht, ohne ein geheimnisvolles und höchst unwillkommenes Geschenk in ihm zurückzulassen, das ihn auf kürzestem Wege in den Kerker und auf den Richtplatz bringt. Doch gemeinsam mit seinem Mithäftling Rogger kann Tylar fliehen. Jetzt machen alle neun Länder Myrillias Jagd auf den „Gottesmörder“ …

Dart lebt im Konklave von Chrysmafähr. Hier werden die adligsten und vielversprechendsten Jungen und Mädchen der neun Länder dazu ausgebildet, den Göttern als Leibdiener zu fronen, und als „Hand“ eines Gottes erwählt zu werden, gilt als große Ehre. Dart allerdings ist eine Außenseiterin. Ihre Eltern kennt sie nicht, die ehemalige Rektorin der Schule hatte sie als Säugling ins Konklave gebracht und dort aufgezogen. Doch vor drei Jahren starb ihre Gönnerin, und Dart fühlt sich nur noch geduldet. Sie hat keine Familie, keine Abstammung, ist nicht einmal hübsch, und die anderen Mädchen treiben ihren derben Spott mit ihr. Ihr einziger Freund ist ein kleiner Hund, den außer ihr niemand sehen kann. Trotz all dem fühlt Dart sich im Konklave zu Hause, es ist der einzige Ort, den sie kennt.

Dann allerdings geschehen Dinge, die innerhalb weniger kurzer Tage ihre gesamte Welt völlig auf den Kopf stellen! Zutiefst gedemütigt und kurz darauf aufs Höchste geehrt, entkommt sie nur knapp einem Mordanschlag und macht schließlich eine Entdeckung, die sie und ihre Freundin Laurelle schlagartig zu Flüchtlingen macht! Und das ist noch gar nicht alles …

James Clemens verschwendet keine Zeit damit, erst eine heile Welt zu entwerfen, um sie dann zu zertrümmern, sondern er fängt gleich mit dem ersten Steinwurf an! Die Welt, die vor dem Auge des Lesers entsteht, hat von Anfang an Risse, und am Ende des Buches ist dem Leser klar, dass es eine heile Welt eigentlich nie gegeben hat.

Tylar ist dafür ein deutliches Zeichen. Einst war er ein Schattenritter und Protegé des Ordensvorstehers in Tashijan, verlobt mit seiner klugen und hübschen Kollegin Kathryn. Doch er machte den Fehler, sich mit den Grauhändlern anzulegen. Plötzlich fand er sich auf der Anklagebank wieder, als Mörder! Ihm drohte der Strick. Nur durch das Eingreifen seines Gönners Ser Henri blieb er am Leben, kam allerdings auf ein Sklavenschiff und landete in einer Kampfarena. – Kein strahlender Held also, sondern einer mit Dreck am Stecken. Kein unfehlbarer Übermensch, sondern einer, der seine üble Lage zumindest teilweise sich selbst zuzuschreiben hat. Natürlich besitzt er im Übrigen alle Eigenschaften, die ein Held haben muss, damit er mit den Gefahren eines Fantasy-Romans fertig werden kann: Er ist zäh, entschlossen und im Grunde von rechtschaffener Gesinnung.

Darts Charakter liegt mehr auf der typischen Schiene: ein junges Mädchen, das trotz seiner Außenseiterrolle im Grunde behütet aufgewachsen ist und von der Welt im Grunde nicht viel weiß. Ihr ganzer Horizont besteht aus seiner künftigen Aufgabe als göttliche „Hand“, bis das Unheil über sie hereinbricht, zunächst in Gestalt eines Lehrers, dann plötzlich auch noch in Gestalt eines Gottes. Zu guter Letzt wird ihr Leben auch noch von der Lösung des Rätsels um ihre Herkunft überschwemmt. Wie auch für Tylar gilt für Dart natürlich das ungeschriebene Gesetz, dass sie zwar Angst haben darf, sich aufgrund ihrer Rolle als Heldin aber tapfer und mutig verhalten und natürlich im entscheidenden Moment die rettende Idee haben muss!

Die bisher geheimnisvollste Persönlichkeit ist Rogger. Er nennt sich einen Dieb, aber abgesehen von einer gewissen Schlitzohrigkeit und großem Geschick beim Öffnen von Schlössern wirkt er dafür eigentlich zu gebildet. Nur eines ist sicher: Er ist weit herumgekommen und kennt die neun Königreiche offenbar wie seine Westentasche. Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn sich irgendwann rausstellen sollte, dass der Dieb nur eine Tarnung für einen adligen Spion ist! Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich gelegentlich an Silk aus Eddings |Belgariad|-Saga erinnert. Beide sind mehr, als sie scheinen …

Der obligatorische Bösewicht ist wie so oft ein Vertreter der machthungrigen Sorte, allerdings kein stumpfsinniger Brutalo, sondern intelligent und weltmännisch. Um an die Macht zu kommen, hat er seine Fäden im Hintergrund gezogen, bis er in einem dichten Netz aus Unterstützung saß, wie eine Spinne. Nur an einer Stelle scheint sein Verstand ein wenig vernebelt, und zwar in Bezug auf die Frau, die er unbedingt für sich haben will, die aber überhaupt nichts für ihn übrig hat. Das ist ausgerechnet Tylars frühere Verlobte.

Was der Sache den letzten Schliff verleiht, ist, dass dieser Mann nicht den einzigen Bösewicht der Geschichte darstellt!

Die Gruppe um Elena in Clemens‘ erstem Zyklus |Banned and the Bannished| hatte noch recht deutlich etwas von einer Rollenspielgruppe an sich. In den |Chroniken von Myrillia| spürt man davon nicht mehr so viel. Auch hier haben wir Vertreter verschiedener Bereiche: Schwertkämpfer, einen Dieb, eine Art Priesterin der Götter. Jedoch ist die Gruppe insgesamt so klein, dass die Sache eher im Hintergrund bleibt.

Der Weltentwurf ist diesmal frei von Zauberei, dafür bevölkert von einer ganzen Heerschar von Göttern. Die Magie hat Clemens in das Gewand der Alchemie gekleidet. Basis für die Wirkung der alchemistischen Mittel sind die Körperausscheidungen der Götter. Nicht unbedingt in jeder Hinsicht lecker, aber die unangenehmeren Körpersäfte blieben zumindest bisher eher am Rande, der Ekelfaktor hält sich stark in Grenzen. Blut fließt allerdings in Strömen, obwohl weder Schlachten geschlagen noch anderweitige Gemetzel veranstaltet werden. Denn das Blut der Götter enthält die mächtigste der „Gaben“ …

Die Monster, die im Hexenzyklus noch so zahlreich und detailliert beschrieben wurden, sind hier weit weniger vertreten. Ganz ohne Grausamkeit kommt allerdings auch „Schattenritter“ nicht aus. Clemens versteht es wieder einmal, den Leser gegen Ende, als er eigentlich schon aufatmen will, mit der Aussicht auf völlige Finsternis zurückzulassen. Auch der Verlauf des Buches steht unter Dauerspannung. Es dauert eine Weile, bis erkennbar wird, wer Freund und wer Feind ist. Das gilt vor allem für den Handlungsstrang um Dart, deren Verwirrung und Angst hinter jeder Ecke eine Bedrohung sehen. Aber auch sonst ist kaum etwas so, wie es scheint. Und die hartnäckige Verfolgung des Gottesmörders sorgt für ein hohes Erzähltempo.

Was sich da bisher so abzeichnet, scheinen die |Chroniken von Myrillia| durchaus mit Clemens‘ Erstlingswerk mithalten zu können. Die Charaktere sind interessant und machen neugierig auf mehr, das Schwert der Götter dürfte auch noch einige Geheimnisse bergen, und die Intrigen innerhalb des Ordens der Schattenritter bieten sicherlich noch genug Stoff, an dem man weiterweben kann. Clemens hat seine Geschichte gekonnt aus Politik, Religion, Magie, Wissenschaft und zwischenmenschlichen Beziehungen zusammengesetzt, die in viele Richtungen verzweigen und eng miteinander verwoben sind. Jede Menge Platz für die Entwicklung der Charaktere sowie unvorhergesehene Wendungen und sonstige Überraschungen.

James Clemens ist gebürtiger Amerikaner, wuchs aber in Kanada auf. Er studierte Veterinärmedizin und eröffnete schließlich eine Praxis in Kalifornien. Von 1998 bis 2003 erschien der Fünfteiler |Banned and the Banished|. Danach gönnte sich der Autor eine Pause und brachte im Juli dieses Jahres den ersten Band seiner |Chroniken von Myrillia| unter dem Titel „Schadowfall“ heraus. Schon zwei Monate später erschien das Buch auch auf Deutsch. Der Autor arbeitet unterdessen an der Fortsetzung „Hinterland“, die nächstes Jahr erscheinen soll.

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