Joseph Conrad – Der Geheimagent

Mr Verloc besitzt einen kleinen, überteuerten Krämerladen in Londons unvorteilhaftem Viertel Soho. Die Treppe hoch hinter dem schäbigen Laden wohnt er mit seiner Frau Winnie, deren geistig behindertem Bruder Stevie und ihrer Mutter.

Mr Verloc ist fett und faul.

Als Mieter von Winnies Mutter erflirtete er sich zunächst vor allem deren Gunst, und die alte Dame war froh darüber, dass dieser ruhige Mann, der ihrem schwierigen Sohn, dem Schuhputzer, immer so großzügig Trinkgeld gab, ihrer Tochter den Hof machte. Und als Winnies Liebschaft mit einem jüngeren Mann zerfiel, wandte sie sich eben Verloc zu, der ihren einzigen vom toten Vater ungeliebten Bruder wenigstens akzeptierte. Und so heirateten die beiden, und Verloc eröffnete mit dem Geld der Schwiegermutter seinen kleinen Laden und nahm dafür die bettlägerige Alte und Winnies debilen Bruder bei sich auf.

Mr Vladimir ist der gewandte, kühle und aalglatte erste Sekretär der Botschaft eines osteuropäischen Staates in London. Mr Verloc steht in Verbindung mit dieser Botschaft, die ihn für Spitzeldienste in der Anarchistenszene bezahlt. Sein neuer Vorgesetzter Mr Vladimir setzt ihn nun unter Druck, einen Anschlag zu organisieren.

Eine Konferenz in Mailand bahnt sich an, bei der internationale polizeiliche Zusammenarbeit auf der Tagesordnung steht. Aus der Sicht von Mr Vladimirs Staat handhabt die britische Regierung ihre radikale Opposition viel zu lax. Ein Ruck soll durch die öffentliche Meinung gehen, um schließlich eine schärfere Gesetzgebung und polizeiliche Kontrolle zur Folge zu haben. Deshalb muss ein öffentlichkeitswirksames Verbrechen her, welches ein möglichst großes Maß an Entsetzen, Furcht und Wut auslöst; ein Verbrechen, das auf scheinbar völlig irrationale, unberechenbare und gefährliche Weise an den Grundfesten dieser allzu liberalen britischen Bürgerlichkeit rüttelt. Mr Vladimir gibt seinem Kontaktmann einen Monat Zeit, einen solchen Anschlag zu planen und auszuführen. Verloc kann zu diesem Zweck auf eine zweifelhafte Truppe von Möchetegernrevoluzzern zurückgreifen, in deren Mitte er bereits Spitzeldienste geleistet hat.

Diese anarchistische Zelle ist jedoch kaum mehr als ein ungeordneter Haufen von Zivilversagern:

Da wäre zunächst ein gewisser Michaelis zu nennen, der gerade aus dem Knast entlassen wurde, nun seine Biographie zu schreiben gedenkt, unterdessen aber die seiner Meinung nach zwangsläufig schon in Bälde durch die wirtschaftlichen Umstände hervorgerufene Revolution prophezeit, für die er selbst dementsprechend keinen Finger mehr krumm macht.

Dann ist da Karl Yundt, ein Propagandist, der sich selbst gern als Terrorist bezeichnet, aber längst in Resignation verfallen ist, da er ja ohnehin „keine drei Leute“ finden wird, die das Zeug zur Planung und Durchführung eines wahrhaft radikalen Umsturzes haben.

Ossipon, schließlich, ist ein abgebrochener Medizinstudent, der sich als pseudo-intellektueller Theoretiker den anderen überlegen wähnt, sich dabei jedoch nur in seine eigene Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit verstrickt.

Durch die Art, wie _Joseph Conrad_ die Leser an den Umständen teilhaben lässt, unter denen sich die Anarchisten begegnen, vor allem aber auch an ihren Gesprächen, führt er Verlocs selbstgerechtes – und auf eine eigentümliche Art nachgerade spießiges – Klientel gehörig vor: Diese Typen sollen eine Revolution starten? Lächerlich!

In einer ernüchternden, von Conrad sehr realistisch beschriebenen Szene sitzt schließlich ein verzweifelter Verloc mutlos zwischen seinen nutzlosen Freunden und seiner seltsamen Familie. Der zurückgebliebene Stevie befindet sich ebenfalls im Laden, zeichnet entrückt seine Kreise aufs Papier und horcht nur auf, als die Anarchisten einige blutrünstige Worte fallen lassen, was ihn zutiefst verstört. Verloc muss schließlich Winnie hinzuziehen, um den jungen Mann zu beruhigen. Diese ist darüber alles andere als erbaut, und so findet sich Verloc am Ende der Szene frustriert, einsam und schlaflos im ehelichen Bett wieder.

Anschlagsziel ist der Nullmeridian von Greenwich, ein Symbol für die Wissenschaft und – wie der überaus zynische doch ebenso scharfsinnige Mr Vladimir anmerkt – damit zugleich ein perfektes Ziel: Anschläge auf Staatsoberhäupter ergeben in der öffentlichen Wahrnehmung einen gewissen Sinn, sind voraussehbar, längst keine Neuigkeit, ja nachgerade „konventionell“ – und damit nicht sensationell genug; auch religiöse Symbole als Anschlagsziel entsprächen den Erwartungen der zu verunsichernden Öffentlichkeit. Die Wissenschaft dagegen ist zum Fetisch des Zeitgeistes geworden, mit ihren Symbolen kann man sich identifizieren, zudem erscheint ein Anschlag auf die Wissenschaft dem Durchschnittsbürger somit völlig absurd – und ist folglich von besonders hohem Schockwert.

Ironischerweise ist es aber gerade ein im wissenschaftlichen Bereich bewanderter, obgleich erfolgloser Laborassistent – „Der Professor“ -, welcher Verloc die Mittel zur Zerstörung Greenwichs in die Hand spielen wird: Ein weiterer Gescheiterter, der von der Mitte der Gesellschaft an deren Rand gedrängt wurde und sich fortan das Entwickeln und den illegalen Verkauf von selbstgebasteltem Sprengstoff und maßgefertigten Zündern zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat und darin nahezu amoralisch handelt. Seine einzige From von Moral scheint darin zu bestehen, seinen Kunden stets möglichst präzise und korrekt arbeitende Zündmechanismen zu liefern.

Als der verstiegene Theoretiker Ossipon erstmals mit der Kaltschnäuzigkeit dieses „Professors“ und der vollen Härte terroristischer Realität konfrontiert wird, zeigt dieser selbsternannte „Anarchist“ sein wahres, kleinbürgerliches Antlitz: Erst noch macht er dem Laboranten Vorwürfe, er könne doch nicht jedem Idioten wahllos Sprengstoff in die Hand geben. Doch als er dann erfährt, dass Verloc sich trotz des hervorragend gebauten Zünders wohl aus Versehen noch vor Erreichen des Zielobjekts selbst in die Luft gesprengt hat, weicht seine moralische Entrüstung recht schnell einer Verachtung gegenüber dem alten „Kampfgefährten“.

„The Secret Agent“ ist ein tiefschwarzer Thriller, bei dem es weniger auf die Auflösung der Geschichte als auf die Charakterzeichnungen ankommt: Conrad blickt hier – wie auch bei seinem wohl berühmtesten Werk [„Heart of Darkness“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1538 (welches die kolonialgeschichtliche Vorlage für Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm „Apocalypse Now!“ lieferte) – in die tiefsten Abgründe menschlichen Verhaltens. Hinzu kommt nicht nur der harte Bruch, mit dem ein so detailliert eingeführter Charakter wie Mr Verloc (den man bis dato als Hauptfigur identifiziert hätte) ebenso urplötzlich wie beiläufig von der Bildfläche geputzt wird; auch die Sprache Conrads trägt einiges zur ebenso verunsichernden wie rabenschwarzen Stimmung des Romans bei: Sie ist meist distanziert und sarkastisch, zeigt jedoch genauestens die grundlegenden Charakterzüge und Emotionen aller Romanfiguren auf.

Durch nüchterne Beschreibungen und wenige, realistisch dargestelle Gesprächsszenen werden so etwa die Lebensumstände Verlocs geradezu plastisch verdeutlicht, so dass man sich in die Schilderungen seiner Wohnung, seines Alltags und auch in seine nahezu vollkommene Apathie und Resignation nur allzu gut hineinversetzen kann. In einer Art Bewusstseinsstrom erlebt der Leser diesen Menschen von durchschnittlicher Begabung als müden, verdrossenen, seines dahinvegetierenden Lebens überdrüssigen Mann, der sich vor seinen Problemen äußerlich in eine Art stoischer Lethargie und innerlich in eine verschlossene Gedankenwelt flüchtet. Nur ein direkter Affront (zum Beispiel durch Vladimir) kann ihn aus seinem Stumpfsinn reißen und seine zynische Intelligenz kurzfristig mobilisieren. Obgleich selbst nur eine Marionette, ist es ihm so dennoch gelungen, seine Position als ein Spitzel zu erlangen, dessen Jahresberichte immerhin einigen Einfluss auf die Geheimpolitik jenes obskuren osteuropäischen Staates haben, der sein Geldgeber ist.

So scheint es vollkommen klar, dass ein Diplomat wie Vladimir darüber entsetzt ist, von seinem Vorgänger ausgerechnet einen indolenten Fettsack wie Verloc übernehmen zu müssen. Klar ist aber auch, dass Verlocs misanthrope Grundeinstellung, seine scheinbare ruhige Überlegtheit und seine ehrgeizlose, niemals rivalisierende Faulheit ihm in der unkoordinierten Anarchistenszene Tür und Tor geöffnet haben. Und ebenfalls klar ist, dass Ossipon, als er von dem missglückten Anschlag hört, kein gutes Haar mehr an ihm lässt.

Von da an nimmt die Erzählung aber erst so richtig ihren Lauf als spannender, psychologisch wohldurchdachter Thrillers. Die Perspektive wechselt im Wesentlichen zwischen den weiteren Hauptpersonen, dem Ermittler Heat und dem ihm vorgesetzten Assisstant Commissioner, deren Gedankengänge ebenso nachvollziehbar geschildert werden wie der fast schon religiöse Züge annehmende anarchistische Fanatismus des „Professors“. Ebenso werden im Rückblick die Verfrachtung der alten Mutter (auf ihr eigenes Betreiben hin) in ein Altersheim und ihre dahinterstehenden Überlegungen beleuchtet sowie ein Einblick in die Psyche des seinen Schwager als Vaterfigur verehrenden Stevie gegeben.

Conrad gelingt es auf faszinierende Weise, die Denkmuster seiner verschrobenen Charaktere herauszuarbeiten und gekonnt nebeneinander zu stellen; gemeinsam ist ihnen nur ihre im Grunde genommen lächerliche Selbsteingenommenheit, die er mit subtilem Humor beleuchtet. Alle geben sie vor, für gewisse Werte zu stehen und zu kämpfen, letztendlich verfolgen sie aber doch in erster Linie ihre eigenen Interessen.

Wer sich nur im Geringsten für Themen wie Terrorismus, sich als revolutionär verstehende Subkulturen, alltägliche Machtspielchen und große Machtpolitik, aus der eigenen psychologischen Not geborene Weltbilder oder allgemein für einen Blick in menschliche Abgründe begeistern kann, der sollte „The Secret Agent“ lesen.

Die präzise gezeichneten Emotionen und Beweggründe der Personen, der leicht spöttische Ton Conrads und die unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte machen dieses Buch zu einer äußerst vergnüglichen und spannenden Lektüre voll schwarzen Humors und hintergründiger Satire.

Taschenbuch: 400 Seiten
www.piper.de

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