Robert Crais – Feuerengel

In Los Angeles nimmt ein trickreicher Bomberleger die Männer und Frauen des hiesigen Entschärfungskommandos aufs Korn. Trotz diverser Neurosen ermittelt die beste Frau des Teams, woraus sich ein Wettstreit zwischen zwei von Dämonen getriebenen Gegnern entwickelt … – Routinierter Cop-Krimi aus USA. Die Handlung setzt sich bis ins Detail aus längst bekannten Thriller-Elementen zusammen, die Figuren kennen wir aus Film & Fernsehen. Weil der Autor sein Handwerk versteht, begleiten wir ihn trotzdem auf diesen turbulenten Tanz um die Höllenmaschine.

Das geschieht:

Detective Carol Starkey arbeitet für die “Criminal Conspiracy Section” (CCS) des Los Angeles Police Department. Noch vor drei Jahren gehörte sie dem Team der hiesigen Bombenspezialisten an und entschärfte vertrackte Explosionskörper, bis sie eines Tages ihr Glück verließ. Eine Detonation tötete Starkeys Kollegen und Lebensgefährten und verletzte sie selbst schwer. Seither leidet Starkey unter Albträumen und Depressionen, sie trinkt und hat sich zur verbitterten Einzelgängerin entwickelt.

Jetzt ist ihr Fachwissen wieder gefragt. Eine besonders heimtückische Bombe hat den Spezialisten Charlie Riggio erwischt. Der Täter hat ihn bei seinen Entschärfungsbemühungen beobachtet und den Sprengkörper ferngezündet: ein gezielter Mordanschlag also. Das Auftauchen von Special Agent Jack Pell, den das Büro für Alkohol, Tabak & Feuerwaffen (ATF) schickt, bringt Licht in die Angelegenheit: Das Attentat auf Riggio gehört zu einer Serie ähnlicher Attacken, die speziell auf Bombenentschärfer zielen. Dahinter steckt der unheimliche „Mr. Red“. Krankhafter Geltungsdrang zwingt ihn zu seinen Taten, die ihn auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrechen in den USA bringen sollen.

Pell verschweigt, dass wohl nicht Riggio sterben sollte. „Red“ pflegt seine Mordbomben zu signieren: Er graviert den Namen des vorgesehenen Opfers ein. Das so gekennzeichnete, bisher unentdeckt gebliebene Trümmerstück lässt Pell verschwinden. Es trägt den Namenszug „Starkey“: Der Agent will die Beamtin als Lockvogel einzusetzen. Starkey sieht sich ahnungslos als leitende Ermittlerin, die scheinbar die Fäden in der Hand hält. Tatsächlich führt Pell sie am Gängelband – und mitten hinein in die gestörte Welt des „Mr. Red“, der sogleich in seine Werkstatt hinabsteigt, wo er seinem liebsten Hobby nachgeht, um der Kontrahentin Polizeiarbeit und Privatleben möglichst schwer zu machen …

Bombe = explosive Spannung?

Haben sich schon kluge Köpfe im Bereich der trivialliterarischen Forschung Gedanken darüber gemacht, ob der diabolische aber allmählich in die Jahre gekommene Serienkiller à la Hannibal Lecter vom teuflischen Bombenleger abgelöst wird? Genial sind sie auf ihre Weise beide in dem Bemühen, möglichst viele Opfer zur Gaudi der Leser auf unterhaltsame Weise vom Leben zu Tode zu bringen.

Natürlich könnte man als Scheidedatum den berüchtigten 21. September 2001 zur Sprache bringen. „Feuerengel“ entstand allerdings schon ein Jahr früher. Die unvermeidlichen Unken werden jetzt wieder raunen, es habe schon damals etwas „in der Luft gelegen“. Mag sein; auf jeden Fall sitzen Bombenleger seitdem in vielen, vielen Autorenhirnen, um hochexplosive Wunderwerke der Technik zu basteln und überarbeitete Detektive im Wettlauf mit der brennenden Lunte zu zwiebeln.

Was sie dazu treibt, wird auch in „Feuerengel“ wortreich erläutert; meist übernehmen die Täter dies selbst; der offenbar unzureichend gefesselte Held oder die gefesselte Heldin warten höflich ab, bis das Geständnis vorgetragen wurde, um erst dann mit blanker Faust oder gezogener Waffe dem braven Bürger viel Geld und dem Henker Arbeit zu ersparen.

Thriller im Tick-Tack-Rhythmus

Das Katz-und-Maus-Spiel steht im Vordergrund. Wo wird die nächste Bombe explodieren? Wird es gelingen, sie rechtzeitig zu entschärfen? Die daraus erzeugte Spannung wird niemals ihren Unterhaltungszweck verfehlen. Die Jagd auf einen Bombenleger gleicht einem gigantischen Schachspiel, in dem echte Menschen auf dem Brett stehen. Das Hin und Her lässt sich mit den richtigen dramaturgischen Tricks einige Male wiederholen, ohne dass es den Lesern langweilig wird. Der Ausgang ist – s. o. – klar: Konfrontation zwischen Gut & Böse über der letzten, der ultimativen Bombe.

Dieses simple Konzept wird denn auch von Robert Crais von A nach B umgesetzt. Weiter kommt er nicht, weiter wollte er wohl gar nicht gehen. „Feuerengel“ ist 100% Thriller-Routine. Es gibt nur Bausteine erfolgreicher Vorgängergeschichten. Nicht einmal ihre Zusammenbau folgt fantasievollen Variationen. Wie man es sich vorstellt – und als Leser muss man nicht einmal viele US-Krimis kennen -, so kommt es auch.

Crais versteht sein Handwerk und lässt Stillstand nie aufkommen. Aber das reicht zumindest dem erfahrenen Krimifreund einfach nicht. Allerspätestens das Finale macht das Maß voll. Die gefesselte Frau und ihr geblendeter Lover versuchen eine Zeitbombe zu entschärfen, während im Hintergrund der Mörder lauert – gibt es eine lächerlichere Methode, Spannung erzeugen zu wollen? Das Ende steht definitiv bereits fest, es wird knapp für die Guten ausfallen. Aber Crais erspart uns nicht einmal die aus dem Zylinder gezogene Last-Minute-Bosheit des Schurken.

Helden-Stanze

Es muss so etwas wie einen Bausatz für Cop-Thriller geben. Krimi-Schriftsteller, Film- und Fernsehleute pflegen ihn sorgfältig, damit sie sich großzügig daraus bedienen können. Die Einzelteile lassen sich miteinander kombinieren, was eine gewisse Bandbreite suggeriert, die es tatsächlich nicht gibt. Möglicherweise sind die meisten, die hier Zugang haben, auch einfach nur zu faul zum Variieren.

Robert Crais hatte offensichtlich keine große Lust. Er ging lieber arbeitsökonomisch vor und hoffte offenbar das Beste. Also haben wir hier im Mittelpunkt den psychisch UND physisch angeschlagenen Polizisten, der mit inneren Dämonen, unguten Erinnerungen und diversen Süchten kämpft, auf der Arbeit nicht gut angesehen ist und an einem desolaten Privatleben laboriert. Ach ja, besagter Cop ist eine Frau, was für Crais der Originalität anscheinend genug ist.

Starkey lebt in einer Welt wandelnder Klischees. Wenn wir uns ihre Kollegen und Vorgesetzten vor Augen führen möchten, müssen wir nur kurz die Augen schließen und uns eine einschlägige TV-Serie – welche ist gleichgültig – vorstellen. Sofort purzeln Gesichter und Stimmen an vorgestanzte Stellen, und alle sind sie austauschbar.

Theater-Schurke

„Mr. Red“ ist als angebliche genialer Bösewicht eine echte Enttäuschung. Wo steht eigentlich geschrieben, dass Verbrecher hyperintelligent sein müssen, nur weil sie zunächst nicht erwischt werden? Natürlich ist dies in der Unterhaltungsliteratur oder im Film so, weil die Realität nicht gerade mitreißt: Bombenleger sind vielleicht handwerklich geschickte, aber ansonsten asoziale Feiglinge, die aus dem Hinterhalt Leid über unschuldige Menschen bringen, ohne sich scheinbar die Finger schmutzig zu machen. Was ist daran charismatisch?

Also versucht es Crais anders. „Red“ ist ein Psychopath, d. h. nach US-amerikanischer Definition ein geistig derangierter aber zurechnungsfähiger Schwerstkrimineller. (Die kann man nämlich hinrichten und muss sie nicht rehabilitieren, was kaum ein braver Bürger & Wähler dort gutheißt.) Seit „True-Crime“-‚Spezialisten‘ rudelweise auf ihre faszinierten Zuschauer und Leser losgelassen wurden, ‚wissen‘ diese, dass Psychopathen in ihren eigenen morbiden Welten leben und sich den Gesetzen der ‚Normalen‘ nicht unterworfen fühlen. Da kann man sich Erklärungen weitgehend sparen; auch Crais‘ „Mr. Red“ ist so, wie er ist.

Leider ist er langweilig, weil sein geistiger Vater die Mühe scheut, ihn als Figur so zu überhöhen, dass er der Realität endgültig enthoben wird und zum fiktiven Über-Bösewicht mutiert. Echte Serienkiller sind erbärmliche Alltagsgestalten, das trifft zu. Deshalb wollen wir uns wenigstens nach Feierabend von fähigen Schurken erschrecken lassen. Doch „Red“ hat so eindeutig einen Sprung in der Schüssel, dass wir Crais keinen Augenblick glauben, er verfüge über die angedichteten diabolischen Fähigkeiten. Ein genialer Tüftler, ein Meister der Maske, ein digitaler Hexer soll „Red“ sein? Von wegen, weshalb es kein Wunder ist, dass ihn recht rasch eine ausgebrannte Schnüfflerin fängt; tatsächlich muss sich „Red“ sogar selbst in die Falle begeben, damit Starkey und Pell ihn endlich ausrotten können.

Deutsch eines draufgesetzt

Für unvorhersehbare Episoden sorgt die deutsche Übersetzung, offenbar ein Hauruck- und Möglichst-Billig-Unternehmen. Willkürlich seien hier zwei rätselhafte Passagen auf zwei gegenüberliegenden Seiten präsentiert:

„Starkey suchte nach einer Schreibunterlage. Das Beste wäre, sie würde ‚The Blue Line‘, die Zeitung des LAPD, fotokopieren.“ (S. 56; Starkey will einen Tatortplan skizzieren.)

„Santos schaute verächtlich auf Marziks Mund und hörte das Telefon draußen vor dem Waschsalon ab.“ (S. 57; die genannten Personen befinden sich beide in ihrem Büro und weit außerhalb jeglichen Waschsalons.)

Autor

Robert Crais wurde 1953 im US-Staat Louisiana in eine Familie von Ölarbeitern und Polizisten geboren. In dieser Umgebung verwundert er nicht, dass er zunächst eine Ausbildung als Maschineningenieur durchlief. Erst dann brach Crais aus und verwirklichte seinen alten Traum vom Schreiben.

Er verfasste Kurzgeschichten und versuchte sich außerdem als Amateurfilmer. Der nächste Schritt war logisch: 1976 ging Crais nach Hollywood. Er fand Beschäftigung beim Fernsehen. In den nächsten Jahren verfasste er Scripts für bekannte Serien wie „Hill Street Blues“ (dt. „Polizeirevier Hill Street“), „Cagney & Lacey“, „Quincy“, „Miami Vice“ oder „L. A. Law“.

Mitte der 1980er Jahren begann sich Crais von Hollywood und den restriktiven Vorgaben des US-Fernsehens zu lösen. Er wollte Thriller ohne Schere im Kopf schreiben und erfand Elvis Cole und Joe Pike; die Serie um diese beiden unkonventionellen Ermittler im Geistes Raymond Chandlers, Ross Macdonalds oder Robert B. Parkers wird fortgesetzt.

Robert Crais lebt und arbeitet in den Bergen von Santa Monica. Er unterhält diese aktuell gehaltene  Website.

Taschenbuch: 443 Seiten
Originaltitel: Demolition Angel (New York : Doubleday/Random House, Inc. 2000)
Übersetzung: Esther Breger u. Peter Hiess
http://www.randomhouse.de/goldmann

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