Richard Essex – Lesley mit der leichten Hand

essex-lesley-cover-kleinAls das organisierte Verbrechen einen mutigen Politiker und seine schöne Tochter bedroht, will sie nicht nur ein genialer Polizist, sondern auch ein Meisterdieb beschützen, ohne sich dabei fangen zu lassen … – Gar nicht raffinierter aber handlungsreicher Komödien-Krimi, der durch sein Alter die unzähligen Klischees verzeihen lässt bzw. gerade deshalb immer noch (oder wieder?) unterhält.

Das geschieht:

Deutlich kürzer als geplant fällt der Aufenthalt des Meisterdiebs Lesley in der Strafanstalt Blackmoor aus. Nachdem der verdächtig mustergültige Häftling und Patriot den Direktor noch darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er Kenntnis über ein Komplott gegen den Abgeordneten Derrick Grey habe, macht er sich aus dem Staub.

Geraten hatte er außerdem, den Schutz des Politikers nicht McGoorty, dem neuen, eher grobschlächtigen als gewitzten Chef von Scotland Yard, sondern dem Abgeordneten John Darrell zu übertragen, der ebendort als „Detective Jack Slade“ sehr erfolgreich ist und dem es gelungen war, Lesley hinter Gitter zu bringen.

Obwohl Aufregung und Ärger über die Flucht groß sind, nimmt man bei Scotland Yard Lesleys Warnung ernst: Grey ist dem Unterwelt-König Giacomo Farinelli in die Quere geraten. Dieser hatte mit sechs Komplizen eine Liste begangener Untaten aufgestellt, die anschließend kopiert und von allen Gangstern unterschrieben wurde: So erhielt jeder ein Pfand gegen eventuell verräterische Kumpane. Ausgerechnet Farinelli verlor sein Exemplar, Grey fand und seine Tochter Beryl versteckte es. Daraufhin nahm sich Farinelli das Leben – eine Tat, die nicht nur Slade für ein Täuschungsmanöver hält.

In der Tat ist Farinelli quicklebendig und lauert auf seine Chance, besagtes Schriftstück zurückzuerobern. Da Grey seinen Inhalt nicht preisgab, um Farinellis in hohen Ämtern sitzende Spießgesellen in falscher Sicherheit zu wiegen, lohnt sich die Entführung des Abgeordneten. Sie gelingt, obwohl Lesley seine Leute vor Ort postiert hat. Die Polizei kommt zu spät, und durch einen grotesken Zufall gerät das Dokument in die Hände eines Fremden, der keine Ahnung von dessen Wert hat. Plötzlich ziehen Slade und Lesley an einem Strang: Gemeinsam wollen sie Grey retten, das Schreiben sicherstellen und Farinellis Bande aus dem Verkehr ziehen – ein Unternehmen, das gefährlich ist, da nicht nur die Gangster warten, sondern auch Slade und Lesley einander belauern und austricksen …

Das ‚richtige‘ Verbrechen ist sexy

Die Kriminalliteratur wimmelt von Meisterdieben, die der Polizei immer wieder lange Nasen drehen, während sie staunenswert komplizierte Gaunerstücke planen und realisieren. Die Raffles, Arsène Lupins und Simon Templars schaden dabei nur den Reichen und (allzu) Mächtigen. Sie achten darauf, dass bei ihren Taten niemand zu Schaden kommt, und wiegen ihre auf diese Weise unterhaltsam werdende Kriminalität durch eindeutig positive Charakterzüge auf. Meisterdiebe sind Robin Hoods und Patrioten, die sich selbst nur bedingt als Verbrecher betrachten. Deshalb sind sie stets bereit, dem Gesetz, das sie (in der Regel vergeblich) verfolgt, zur Hand zu gehen, wenn ‚richtige‘ Schurken – meist Landesverräter u. a. Unholde, deren Tücken ungehindert sogar grenzüberschreitend für hohe Opferzahlen sorgen könnten – ihre zudem hässlichen Häupter erheben. Kurz gesagt: Meisterdiebe sind elegante, gebildete, sehr gesprächige Zeitgenossen, die ihre Wirkung vor allem auf Angehörige des weiblichen Geschlechts selten verfehlen.

Auch die Medien lieben sie, denn sie garantieren Schlagzeilen. Lesley ist ein Musterexemplar seiner unrealistischen aber liebeswürdigen & liebenswerten Gattung, weshalb er selbst seine Gefängnisflucht mit einer Lebensrettung verquickt und aufwertet. Fast ist der Leser böse über Spielverderber wie Jack Slade oder McGoorty, obwohl letzerer vorrangig als Witzfigur konzipiert ist, wie wir sie ebenfalls seit Inspektor Lestrade aus der Kriminalliteratur kennen: eifrig aber gedankenarm, humorlos und immer zu spät dort, wo sich Entscheidendes abspielt. Über McGoorty kann und darf man lachen, denn dafür hat ihn Autor Essex erfunden.

Realismus muss nicht sein

Ohnehin werden die ständig sich kreuzenden Wege von Lesley und Slade von der Realität höchstens berührt aber niemals geprägt. Essex bringt zwar an einer Stelle Farinelli mit der Stavisky-Affäre in Verbindung. Gemeint sind die Machenschaften des Hochstaplers und Spekulanten Alexandre Stavisky (1886-1934), dessen kriminelle Aktivitäten die französische Wirtschaft beinahe ruinierten sowie bemerkenswerte Kontakte zwischen dem organisierten Verbrechen und einer zutiefst korrupten Politik & Hochfinanz offenbarten. Dieser trübe Tümpel konnte und sollte nie ausgetrocknet werden, was es Essex ermöglichte, Kröten wie Farinelli herauskriechen zu lassen: Gangster seines Schlages sind vor allem hässlich, und wie ihre Kontrahenten spielen sie eher Rollen als faktisch bedrohlich zu sein.

Damit endet der Einfluss der 1933 aktuellen Gegenwart auch schon und wird durch eine Märchenwelt ersetzt, die ausnahmsweise nicht mit derjenigen des klassischen „Whodunits“ gleichzusetzen ist. „Lesley mit der leichten Hand“ ist abgehoben aber keineswegs gemütlich. Tatsächlich geht es ungemein turbulent zu. Ständig geschieht Aufregendes, kommt es zu Verfolgungsjagden, Faustkämpfen, Mordanschlägen. Die Spannungskurve steigt zwar zum Finale hin deutlich an, verläuft bis dahin jedoch ungewöhnlich wellenförmig: Hier zeigt sich die Herkunft eines Romans, der ursprünglich in Fortsetzungen im Magazin „The Triller“ (1929-1940) erschienen war, dessen Untertitel nicht von ungefähr „The Paper with a Thousand Thrills“ lautete. (Auch Leslie Charteris war hier übrigens mit Simon Templar alias „The Saint“ Stammgast.)

Die ausschließlich im Dienst der Unterhaltung stehende Handlung macht es möglich, dass Meisterdieb Lesley immer genug Zeit für jene Taschenspieler-Tricks hat, mit denen er die Polizei sowie die Leserschaft verblüfft, und trotzdem über alles informiert und auf jede Eventualität vorbereitet ist. Wie er dies schafft UND zu allem Überfluss ein unglaublicher Maskenkünstler ist, der sogar seine Figur verändern kann, wie Autor Essex behauptet, bleibt wohlweislich unerwähnt. Dass Lesley über magische Fähigkeiten verfügen oder wenigstens die Zeitreise beherrschen müsste, vergisst man besser rasch, denn es würde die Freude an dem quasi surrealen Geschehen unnötig verderben.

Finale furioso – und auf die Logik sei gepfiffen!

Ein Leichtfuß und Schnellhirn wie Lesley benötigt einen ihm gewachsenen Gegner. Der heißt nicht Farinelli, sondern Jack Slade, faktisch das Alter Ego des Meisterdiebes. Die beiden belauern und jagen einander mit einer Leidenschaft, die eine gut getarnte bzw. ihnen selbst unbewusste Freundschaft verrät: Die Welt ist arm an regen Geistern, weshalb Slade und Lesley einander brauchen.

Zudem ist Slade ein sehr unkonventioneller Ermittler – und dies nicht nur in seiner seltsamen Doppelrolle als Polizist und Abgeordneter. Slade verlässt sich auf seinen Instinkt und sogar auf sein Glück. Das ist keine schlechte Taktik, da Essex einem im Kriminalroman sonst eher ungeladenem Gast den roten Teppich ausrollt: Der Zufall mischt die Karten immer wieder neu, und man muss Essex zugestehen, dass er ihn meist einfallsreich handhabt. Er übertreibt es vor allem dort, wo er ursprünglich offenbar eine anstehende Fortsetzungslieferung mit Spannung aufladen wollte, statt logisch an das Vorgeschehen anzuknüpfen. Solche Einschübe gehen später mehr oder weniger unauffällig und ohne Bedeutung für den eigentlichen Plot in der Handlung auf.

Frauen sind in der trivialen Welt der 1930er Jahre entweder geheimnisvolle Vamps à la „Serpolet“, Lesleys stets in Schwarz gekleidete und wortkarge ‚Assistentin‘, oder Maiden in Not, die vom starken Arm des tapferen Ermittlers erst gerettet und später geheiratet werden. Vor allem sind Frauen kindlich dumm, weshalb Beryl Grey trotzig und obwohl Slade es ihr verboten hat, mit klopfendem Herzen dem faszinierenden Lesley verfällt.

Aber bevor der Vorhang fällt, wird selbstverständlich alles gut. Die Schurken werden gefasst, die Unschuldigen gerettet. Lesley geht in Slades Falle – „Crime doesn’t pay“ –, nimmt dies aber nicht übel, zumal er sich im nächsten Band der Serie umgehend & einfallsreich befreit und dies erneut als reizvoll verworfenen Streich zelebriert. Auf diese Weise füllte der Verfasser elf Bände mit leichten, eher witzigen als humorvollen Slade-Abenteuern. Klassiker-Status konnten sie nie erringen; sie bleiben Zeitzeugen einer vergangenen Trivial-Unterhaltung, die nichtsdestotrotz einen nostalgischen Reiz entfalten kann, wenn man sich auf sie einlässt.

Autor

Richard Essex ist ein Pseudonym des Vielschreibers Richard Starr (1878-1968). Er gehörte zu jenen Autoren, die Nachschub für die vor dem II. Weltkrieg auch in England gut verkauften „Pulp“-Magazine garantieren. Für „The Thriller“ und als Richard Essex schuf Starr die erfolgreiche Serie um Jack Slade von Scotland Yard, der im Verlauf seiner Polizeiarbeit immer wieder mit dem genialen Meisterdieb Lessinger – der in dem einzigen ins Deutsche übersetzten Roman in „Lesley“ umbenannt wurde – aneinandergerät. Diese in Fortsetzungen veröffentlichten Geschichten arbeitete Essex später zu Buch-Romanen um.

Taschenbuch: 175 Seiten
Originaltitel: Slade Scores Again (London : Herbert Jenkins 1933)
Übersetzung: N. N.
http://www.ullsteinbuchverlage.de

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