Fergus Fleming – Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol

Die vielen Versuche, den Nordpol zu erreichen, werden vom Verfasser zu einer „Entdeckungsgeschichte“ gebündelt, ein ehrgeiziges aber geglücktes Unterfangen, das unter Wahrung der historischen Tatsachen die absurden Aspekte eines an sich sinnlosen Wettlaufs betont. Als Sachbuch ebenso informativ wie spannend und witzig, wobei der Autor freilich manchmal literarisch etwas nachhilft, um für die gewünschten Humoreffekte zu sorgen. 

Wissenschaft und Nationalstolz

Frage: Wer ist Alexander Kusnezov? Antwort: Er war der erste Mensch, der seinen Fuß auf den Nordpol gesetzt hat; das war 1948. Wie kann das angehen, fragt sich der Leser; haben wir im Erdkunde-Unterricht – den es unter anderer Bezeichnung auch heute noch geben könnte – nicht gelernt, dass Edward Peary dies schon 1909 geschafft hatte? Von wegen, meint Fergus Fleming, der die angebliche Polreise Pearys als Präzedenzfall für ein mehr als anderthalb Jahrhunderte währendes, aberwitziges Wettrennen auf den ‚Nordgipfel‘ der Erde zitiert.

Es ist schwierig, hier näher auf den Inhalt dieses Buches einzugehen. Sein Verfasser hat die Geschichte des „Traums vom Pol“ möglichst verdichtet und benötigt dennoch mehr als 550 eng bedruckte Seiten, um nur den wichtigsten Vertretern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In groben Zügen skizziert Fleming, wie sich Männer wie John Barrows, Sir John Franklin, Elisha Kent Kane, Charles Francis Hall, George Nares, George Washington De Long, Robert Edwin Peary, Thomas Cook oder Fridtjof Nansen unter Einsatz ihres Lebens am Pol versuchten.

Immer wieder verwandelten sich diese Reisen in Albträume. Fleming beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe von Expeditionsberichten. Er bettet diese zunächst vom Weltgeschehen scheinbar isolierten Aktionen in die Gesamtgeschichte ein. Plötzlich ergibt sich ein ganz anderes Bild. Das 19. und frühe 20. Jahrhundert präsentiert sich Ära, die in einem heute befremdlichen Maße von patriotischem Ehrgeiz und ungezügeltem Imperialismus geprägt wurden, der selbst die Wissenschaften einschloss.

Die Polar-Expeditionen wurden getragen von der Furcht, ‚zu spät‘ in eine Weltgegend vorzudringen, die womöglich reich an Bodenschätzen und fruchtbaren Landstrichen war. Man ‚musste‘ früher als die Konkurrenz in den Norden und nachschauen, ob es dort etwas Wertvolles in Besitz zu nehmen galt. Als sich herausstellte, dass der Nordpol nichts als ein Punkt in einer Eiswüste ist, blieb der Stolz als Antrieb, sich dorthin zu quälen. Es war gefährlich, es war mühsam, nur der Tüchtigste konnte es schaffen. Nach zeitgenössischer Ansicht vertrat dieser automatisch sein Land und seine Landsleute, Ruhm und Ehre waren dem sicher, der diesen Triumph errang.

Skrupellose Entdecker

Fleming stellt in deutlichen Worten klar, was dies bedeutete. Beispielsweise zogen Entdecker & Eroberer nie allein in die Eiswüste. Stets waren da viele, die sie begleiteten bzw. begleiten mussten, weil sie dafür bezahlt oder gezwungen wurden. Vor allem die Behandlung der einheimischen Inuit – die Fleming entsprechend des zeitgenössischen Vokabulars durchweg „Eskimos“ nennt – stellt ein düsteres Kapitel der Polgeschichte dar. Voller Dünkel und in der festen Überzeugung, dass ein zivilisierter weißer Mann den „Wilden“ überlegen sei, ignorierten die Polarreisenden konsequent das in Jahrtausenden gewachsene Wissen um ein Leben in beinahe weltraumkalter Umgebung. Sie und jene Unglücklichen, die sie auf ihren schlecht geplanten und unzureichend ausgestatteten Expeditionen begleiteten, hinterließen eine Knochenspur, die sich wie die Wellen einer aufsteigenden Flut dem magischen Polpunkt näherten, ohne ihn freilich je zu erreichen.

Die Geschichten dieser Reisenden sind schon oft erzählt worden. Fleming betrieb intensive Archivstudien und brachte zahlreiche Berichte über längst vergessene, das Gesamtbild ergänzende Polarexpeditionen zu Tage. Wenig war bisher u. a. über die deutsche (!) Polarexpedition unter dem Kommando von Kapitän Karl Koldewey (1869/70) oder die österreichisch-ungarische Eisfahrt von Carl Weyprecht und Julius von Payer (1872-74) bekannt. 1899/1900 unternahm sogar ein Hochadliger, der Herzog der Abruzzen, einen Vorstoß gen Norden.

Fesselnd ist die Beschreibung der tragisch endenden Ballonreise des Schweden Salomen Andrèe (1897); sein Tagebuch fand man zusammen mit perfekt erhaltenen Filmen und den Knochen des Autors 1930 auf einer winzigen Insel östlich von Spitzbergen. Wir erfahren außerdem von den wahnwitzigen Pol-Attacken des Journalisten Walter Wellman; er endete als Krüppel, aber immerhin lebendig. Als Held wurde 1926 dagegen der Pilot Robert Byrd gefeiert; erst viel später wurde festgestellt, dass er den Pol, den er so wortreich beschrieb, nie erreicht hatte.

Entdecker oder Eroberer?

Die Menschheitsgeschichte ist reich an absurden Episoden. Wie sich die selbst ernannte Krone der Schöpfung den eigenen Planeten zu Lande, zu Wasser und später in bzw. aus der Luft erschloss, weist einige ganz besondere Kapitel auf. Fergus Fleming, der Verfasser von „Neunzig Grad Nord“, hat sich mit dem Nordpol einen hell strahlenden und gleichzeitig düsteren Kristallisationspunkt herausgepickt. Er arbeitet am Beispiel diverser Expeditionen heraus wie der Wunsch, das Unbekannte mit wissenschaftlichen Methoden zu bändigen, stets einher ging mit dem Drang, bestimmte weiße Flecken auf diesem Globus als „Erster“ zu betreten.

Diese beiden Wünsche stellen nach Fleming einen Widerspruch dar: Der Forscher arbeitet methodisch, dem Entdecker oder Eroberer geht es darum einen bestimmten Ort zu erreichen, ohne sich mit Messinstrumenten und wissenschaftlichen Vorgaben zu belasten, um anschließend nicht den spärlichen Beifall aus universitären Elfenbeintürmen, sondern den stürmischen Jubel der möglichst breiten Massen zu vernehmen, die klingenden Münzen der Medien einzustreichen und ein Denkmal errichtet zu bekommen.

Das ist durchaus menschlich, doch wie Fleming deutlich zu machen vermag, ist der Nordpol nicht der Ort, den man sich zur Realisierung dieses Paradigmas wählen sollte. 90 Nord ist in vielerlei Beziehungen ein bizarrer Ort. Es gibt ihn eigentlich nur als theoretischen Punkt auf der Landkarte, der sich rein gar nicht vom Rest der öden Eislandschaft abhebt; es schaut also kein Stück der Erdachse aus diesem Pol. Es gibt hier nur eine Himmelrichtung: Süden. Sechs Monate dauert der ‚Tag‘, sechs Monate die ‚Nacht‘. Man steht auf einer durchschnittlich vier Meter dicken Eisdecke, die sich gern ohne Warnung dort öffnet, wo sich der Polarreisende gerade aufhält. Die Quecksilbersäule des Thermometers fällt auf -40 Grad und mehr: eine Temperatur, die Eisen spröde wie Glas werden lässt und ausgeatmete Luft in Eiskristalle verwandelt.

Worin liegt der Sinn?

Anders ausgedrückt: Es gibt dort nichts zu sehen aber viel zu leiden. Trotzdem fand über viele Jahrzehnte ein grotesker Sturm auf den Nordpol statt. (Natürlich geschah Entsprechendes auf der anderen Seite des Erdballs; es gibt schließlich auch einen Südpol.) Die Männer (und einige wenige Frauen), die daran teilnahmen, erreichten in der Regel wenig für die Forschung. Sie demonstrierten allerdings, was den Menschen jenseits aller Vernunft charakterisiert: sein Streben nach Zielen, die nur ihm wichtig sind, und seine Bereitschaft, darüber den Selbsterhaltungstrieb zu ignorieren – nicht nur den eigenen, sondern wie gesagt auch den jener Pechvögel, die mit dorthin mussten, wohin es sie ansonsten nicht einmal im Traum verschlagen hätte.

Der Tod fand sie indes ohne Berücksichtigung von Rang und Namen alle. Liest man Fergus Flemings Chronik der Nordpolstürme, kann und mag man es kaum glauben, was er zu erzählen hat. Natürlich helfen der zeitliche Abstand und die Rückschau aus einer Gegenwart, die uns (endlich) ‚klüger‘ werden ließen.

Dennoch ist dem Verfasser Recht zu geben: Auch die Zeitgenossen hätten wissen oder lernen müssen, dass sie immer wieder die gleichen Fehler begingen. Ruhmsucht macht nicht nur dumm, sondern ist wie der Skorbut eine schreckliche Krankheit. Verstärkt wird ihre Wirkung durch Ignoranz, fehlgeleiteten Ehrgeiz, Patriotismus. Manchmal kommt auch schlichter Irrsinn ins Spiel.

Gefährliche Liebe zum Eis

„90 Grad Nord“ ist ein Buch, das sich am Stück schwer lesen lässt. Das liegt keineswegs am Umfang. Tatsächlich möchte man der detailreichen, in geschliffenen Worten und mit viel (britischem) Schwarzhumor verfassten Darstellung gern noch länger folgen. Es ist die geballte Ladung menschlicher Unvernunft, die einen förmlich erschlägt. Man möchte die verehrten Gestalten der Entdeckungsgeschichte oft gern am Kragen fassen, sie ordentlich durchschütteln und anbrüllen, wie sie sich und ihre Gefährten offenen Auges auf irrwitzige Pfade in den Tod steuern konnten.

Aber diese Polarstürmer waren aus besonderem Holz geschnitzt. Fleming liefert zahlreiche Biografien, die immer wieder deutlich machen, dass hier Menschen zum Zuge kamen, die gleichermaßen charismatische Persönlichkeiten wie innerlich zerrissene und getriebene Kreaturen waren. Nur so war es vermutlich möglich sich jene Entbehrungen zuzumuten, die eine Jahre währende ‚Reise‘ ins ewige Eis mit sich brachten.

Interessant ist auf der anderen Seite, dass die meisten Polarbesucher, die ihre Fahrten überlebten, in späteren Jahren ein trauriges Ende nahmen: Sie hatten die Hölle überstanden, waren womöglich an ihr zerbrochen, träumten von einer Rückkehr und trauten sich nicht mehr. Kaum ein bedeutender Entdecker starb alt und glücklich. Viele verfielen dem Suff, wurden depressiv oder begingen sogar Selbstmord. Fleming erspart uns auch in dieser Hinsicht keine Fakten und rundet damit eine Darstellung ab, die sich wie ein Thriller liest.

Autor

Fergus Fleming wurde 1959 geboren. Er studierte an der Oxford University sowie an der City University in London. Später arbeitete er sechs Jahre als Lektor für „Time-Life Books“, bevor er sich 1991 als freier Schriftsteller versuchte und sehr erfolgreich wurde.

Fleming schreibt über Reisen und Entdeckungen der Vergangenheit, wobei er sich nie auf die Wiedergabe der Ereignisse beschränkt, sondern diese in ihren historischen Kontext einfügt und als zeitgenössische Phänomene deutet. Dabei scheut er bei aller Sachlichkeit, die sicher auf intensiver Archivrecherche ruht, nicht vor ironischen Seitenhieben aus gegenwärtiger Sicht zurück, welche er jedoch als stilistisches Mittel und ‚Momente der Entspannung‘ stets deutlich werden lässt, sodass der sachliche Wert der Darstellung nie dem literarischen Effekt geopfert wird.

Taschenbuch: 566 Seiten
Originaltitel: Ninety Degrees North (London : Granta Books 2001)
Übersetzung: Michael Hein u. Bernd Rullkötter
http://www.piper.de

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