Francis, Dick – Verrechnet

_Britische Krimikunst der obersten Liga_

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. Die dichte und spannende Inszenierung fasziniert durch ein überraschendes Ende und die unvergleichliche Stimme von Rolf Hoppe als Sir Ivan. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerkarriere. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Der Mitteldeutsche (MDR) und der Südwestrundfunk produzierten das Hörspiel im Jahr 2002. Mit Rolf Hoppe, geboren 1930, und Peter Fricke, geboren 1939, spielen zwei bekannte Bühnen- und TV-Stars mit. Uta Hallant, geboren 1939, ist am besten bekannt als Synchronstimme von Audrey Hepburn, Jamie Lee Curtis und Glenn Close. Sie wirkte an diversen Film- und Fernseharbeiten mit, so etwa an „Der Mörder und die Hure“ aus dem Jahr 1996.

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch (Götz Schulte), der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering (Uta Hallant) in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan (Rolf Hoppe), seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester (Peter Fricke) gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Hörspiel, bei dem Klaus Zippel Regie führte, unterhält den Zuhörer bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden. Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Die Inszenierung des von Alexander Schnitzler bearbeiteten Hörspiels verzichtet auf jegliche verwirrenden Nebenhandlungen. (Die einzige, die man vielleicht so bezeichnen könnte, dreht sich um den Buchhalter, der die Unterschlagungen begangen haben soll.) Dementsprechend leicht kann man dem Handlungsverlauf folgen. Der Zuhörer hält natürlich zu Alex, dem designierten Kronprinzen, und bangt mit, wenn er seine Maßnahmen einfädelt. Es ist schon sehr befrieidgend, wie die „guten“ Ladys auf seine Linie einschwenken und nachgerade nach seiner Pfeife tanzen. Schade, dass die Opposition nicht mitmacht.

|Die Sprechrollen|

Die Sprecher sind ausgezeichnet. Kein Wunder bei so vielen Profis. Rolf Hoppe spielt den sterbenden Patriarchen so glaubwürdig, dass man Sir Ivan nur viel Erfolg bei der Ausführung seiner Pläne wünschen kann. Götz Schulte trägt den braven Alex so redlich und aufrichtigen Herzens vor, dass ihm automatisch alle unsere Sympathien gelten. Uta Hallant ist als Lady Westering die Verkörperung von Würde und mütterlicher Wärme, worin sie effektvoll mit Patsy Benchmark, der gierigen Möchtegernerbin – typisch Middle Class! – kontrastiert. Am eindrucksvollsten fand ich hingegen Karin Gregorek in der Rolle als Margaret Morden – eine wahre Dame von Welt, die man hier zu hören bekommt. Den Jago im Stück gibt hingegen Peter Fricke als Anwalt Oliver Grenchester, der eine Menge auf dem Kerbholz hat und in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist – schließlich geht es um Millionen.

|Musik und Geräusche|

Musik gibt es nur selten und Geräusche fast gar nicht. Das dämpft zwar den realistischen Eindruck, hebt aber die Wirkung der geschliffenen Dialoge hervor. Die Musik erklingt nur zweimal. Dadurch wird das Hörspiel zu einem klassischen Dreiakter wie am Theater.

|Das Booklet|

Das Booklet sieht mit acht Seiten zwar umfangreich aus, doch die Hälfte davon ist Informationen plus Foto zum Autor gewidmet. Abzüglich der Frontseite verbleiben gerade mal zwei Seiten für drei Sprecherbiografien und die Credits. Man könnte von einem gewissen Ungleichgewicht des Informationsgehalts sprechen. Da ich vermute, dass vor allem das Booklet für den relativ hohen Preis von 15 Euro verantwortlich ist, finde ich diese Leistung ziemlich schwach. Andere 1-CD-Hörspiele kosten bei D>A

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