Grimm – Aunt Marie’s Book of Lore

Informativ, authentisch, blutig: die Wesen-Enzyklopädie

Dieses „echte“ Buch der Monster, Waffen und Zaubertränke aus der TV-Serie GRIMM bietet Beschreibungen und Bildmaterial unterschiedlichster Art. Hier hat Tante Marie Burkhart angeblich aufgezeichnet, welche „Wesen“ sie und jeder Grimm nach ihr besiegen muss. Bekanntlich kann ein Grimm – ein Profiler des Übernatürlichen – „Wesen“ in ihrem eigentlichen Aussehen erkennen.

Aber er hat auch ungewöhnliche Freunde, die ihm dabei zur Seite stehen, darunter einen geläuterten „großen bösen Wolf“ und dessen hübsche Freundin, einen Fuchsteufel. Zusammen nehmen sie es mit den Machenschaften verführerischer „Hexenbiester“ auf, von den Abgesandten der europäischen Königsfamilien ganz zu schweigen. Denn Nick hat etwas Wertvolles, hinter dem alle Königsfamilien her sind: einen von sieben Schlüsseln, die den Weg zu einem unermesslichen Schatz weisen… (siehe http://www.amazon.co.uk/Grimm-2-75-Inch-Key-Replica/dp/1616593989/ref=pd_sim_same_b_5?ie=UTF8&refRID=0TV5NNRTEMYT4CJ9P3PG).

Inhalte

Nach einem doppelseitigen Inhaltsverzeichnis, dem „Wesen Index“, beginnen gleich die Beschreibungen. Dabei geht „Tante Marie“ chronologisch vor und beginnt im Jahr 1519. Ohne sich groß um eine Überschrift zu scheren, beschreibt sie La Llorona (aus Staffel 2), die weinende Kinderräuberin, die erstmals 1519 in Veracruz zu sehen gewesen sein soll. Die Beschreibung ist in (vermutlich altem) Spanisch, Englisch und in mittelalterlichem Mittelhochdeutsch gehalten.

Erhellender für denjenigen, der weder des Spanischen noch des Mittelhochdeutschen mächtig ist, dürften wohl die Landkarten und Bilder sein. Dabei wird deutlich, welche Rolle die Position der drei Kindesentführungen am Zusammenfluss zweier Flüsse spielt. Genauso kommen Nick & Co. dem Wesen in der entsprechenden Episode auf die Spur und können die Opferung aller drei Kinder im Columbia River vereiteln: Sie haben die vierte Position ausgerechnet. Diese Beschreibung umfasst sechs Seiten und endet mit einem Foto von Regenwürmern. Gute Nerven und ein stabiler Magen sind also ratsam.

Der Kodex

Im Jahr 1521, so erfahren wir gleich in der folgenden Sektion, wurde der Ehrenkodex der Wesen verkündet und jede Zuwiderhandlung unter Strafe gestellt. Der Kodex spielt in der Episode „Born to be a Wesen“ in der 2. Staffel eine entscheidende Rolle. Die pergamentartige Urkunde von 1521 ist in Mittelhochdeutsch gehalten, aber mit zahlreichen englischen Anmerkungen versehen. Was die Bremer Stadtmusikanten, die sich gegen Räuber zusammentaten, mit diesem Kodex zu tun haben, bleibt allerdings unklar. Patronenhülsen deuten eine gewisse Strafverfolgung an.

Rumpelstilzchen

Das Wesen Fuchsteufelwild ist eine Verkörperung des Dämons Rumpelstilzchen. Seine Besonderheit: „Errate meinen Namen und du kannst mich besiegen.“ Auf der Suche nach dem richtigen Namen erstellen Nick & Co. ellenlange Listen von Anagrammen des englischen Namens „Rumpelstiltskin“. In der Folge wird dieser Name nie genannt, sondern vielmehr TRINKET LIPSLUMS, aber es ist klar, wer bzw. was gemeint ist. Sehr hübsch ist die abgebildete Kaffeetasse nebst zugehörigem Kaffeefleck auf dem Papier und die zahlreichen zerknüllten Notizzettel.

Die Wesen-Pest

Die nächste Seite sieht aus wie die Inkunabel eines Bibelkapitels: Die Doppelseite zeigt das Auftreten der gelben Schweinepest. Der ins Englische übersetzte Text ist in stilechtem Latein gehalten (das wahrscheinlich sogar korrekt ist). Sehr hübsch sind auch die kleinen, gemalten Geier über dem oberen Seitenrand. Die nächste Doppelseite setzt diesen mittelalterlichen Stil fort.

Sonstige Wesen

Die nächsten ungefähr 100 Seiten sind gefüllt mit gruseligen Bleistiftzeichnungen. Sie zeigen alle möglichen Wesen, ihr grausames Auftreten sowie die zugehörigen Beschreibungen in Handschrift. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die abgebildeten Herzen, Fleischstücke, Klauen, Dolche, Pistolen, Morgensterne und vieles mehr. Da diese Objekte stets im Vordergrund angeordnet sind, erzeugen sie den virtuellen Eindruck einer dreidimensionalen Darstellung.

Sehr stilecht ist auch die Polizeiakte von Hexenbiest Adalind Schade. Wir sehen das Farbfoto der Schauspielerin, gefolgt von den Abdrücken ihrer Finger, und darüber die Überschrift „Special Report“. Zwei mit grüner Flüssigkeit gefüllte Spritzen ergänzen die Akte. Eine handgeschriebener Report über das Auftreten eines Hexenbiest vor einem Müller (vgl. „Rumpelstilzchen“) ergänzt die Akte.

Ein weiteres Beispiel für solche „authentischen“ Dokumente ist der Führerschein von Monroe, ausgestellt von der Verkehrsbehörde von Portland, Oregon. S. 82/83 ist ein Dampfschiff-Ticket aus Japan zu sehen, nebst japanisch geschriebenem Manuskript und stilechter Zeichnung aus der Kaiserzeit vor 1865.

Waffen

Dass ein Grimm nicht unbewaffnet gegen Wesen und Dämonen vorgehen kann, versteht sich von selbst. Noch gut erinnere ich mich an den Anblick von Nicks Doppelarmbrust. Prompt ist sie hier auch abgebildet und beschrieben (ab S. 138). Die drei Doppelseiten zwischen 136 und 141 sind befleckt mit Blut, das nicht wirklich wie Tomatensaft aussieht … Die Krönung ist ein blutverschmierter Morgenstern. Film-Fotos und Bleistiftzeichnungen von erlegten Wesen ergänzen die gruseligen Waffendarstellungen. Eine Abbildung von Klaustreich aus dem Jahr 2012 schließt Tantchen Maries Notizbuch ab.

Ungesichter

Die Rückseite des Schutzumschlags (Klappenbroschur) gibt uns deutschen Lesern ein kleines Rätsel auf. Hier ist nämlich die Rede von sogenannten „Kehrseite-Schlich Kennen“-Leuten. Dieser Begriff wird in der Synchronisation nie genannt. Dort wird stattdessen „Ungesicht“ verwendet, ein Wort, das viel besser in die Sprechwerkzeuge passt.

Im Unterschied zu Grimms handelt es sich bei „Kehrseite-Schlich Kennen“-Leuten um „normale“ Menschen wie Juliette oder Hank, die die Wahrheit über Wesen und Grimms erfahren haben. Das ist meist eine traumatische Erfahrung, wie man sich leicht vorstellen kann. Warum nun „“Kehrseite-Schlich Kennen“? Die „Kehrseite“ ist nicht etwa ein Hinterteil, sondern die Humanseite eines Wesens. Dieses hat seine „Schliche“, die man „kennen“ kann. Es handelt also schlicht um menschliche Eingeweihte. Naturgemäß gibt es nur eine Handvoll davon.

Ein weiterer Begriff ist „Woge“. Damit bezeichnet das Original die Verwandlung vom Humangesicht zum Wesengesicht. Die Synchronisation verwendet den Begriff „Aufwallung“.

Unterm Strich

Die Rückseite des Schutzumschlags (die im Netz nirgendwo zu finden ist) ist ein gutes Beispiel für den pseudo-realistischen Stil des Buches. Alte Fotos, fleckige Notizzettel, ein uraltes, eingerissenes Pergament sind mit einer rostigen Büroklammer zusammengeheftet worden. Der kleine Stapel weist einen Schatten auf, wodurch er dreidimensional wirkt.

Unter dem Stapel ist ein dunkelbraunes Band zu entdecken, das sich um das ganze Notizbuch bis zur Vorderseite (siehe BILDER) zieht, damit man damit das Buch verschließen kann. Dort, auf der Vorseite, sind die fleckigen, alten Fotos der sechs Helden der TV-Serie zu sehen: Nick, Monroe, Hank, Rosalee, Juliette und sogar der zwielichtige Cpt. Sean Renard, der von einem Hexenbiest abstammt, aber nun Seit an Seit mit dem Grimm seine neue Heimat Portland verteidigt.

Diese liebevolle Aufmachung vermittelt den Eindruck von hohem Alter und kontinuierlichem, höchst lebensechtem Gebrauch. Es gibt neben Flecken von Blut und Kaffee sogar Kratzspuren von Klauen, die Seitenteile herausgerissen haben (S.91). Angesichts der zahlreichen Blutflecke und herausgerissenen Organe (Herz, Leber) sollte der Betrachter aber einen stabilen Magen und gute Nerven mitbringen.

Humor und Romantik sucht man im Buch vergeblich. GRIMM ist eben grimmig, denkt der Betrachter, aber das stimmt nicht. Die Episoden weisen jede Menge Humor auf, vor allem durch Monroe, und Romantik ist ein integraler, unverzichtbarer Bestandteil der Handlung. Wie sonst wäre der Rote Faden zu erklären, in dem Juliette und ihre dunkle Seite, Adalind Schade, die Hauptrolle spielen?

Schwächen

Trotz der liebevollen und sorgfältigen Aufmachung fehlt mir doch ein wenig die Übersichtlichkeit. Selbst der Wesen-Index ist durcheinander geworfen und mit Streichungen versehen, von einer Überschrift pro Seite kann man meist nur träumen.

Die Anordnung scheint chronologisch zu sein, was wohl in der Natur der Tätigkeit eines Grimms liegt. Aber nichts weist extra auf diese Abfolge hin, und so finden sich zwischen 1519 und 2012 auch Einträge, etwa über Volcanalis, die vom Jahr 79 n.Chr. handeln. Angaben über die Autoren sucht man ebenfalls vergebens. Wahrscheinlich war die Abteilung für Production Design beim Sender NBC dafür verantwortlich.

Taschenbuch: 144 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-1781166536

titanbooks.com

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