James Grippando – Im Schutz der Dunkelheit

Grippando Schutz der Dunkelheit Cover kleinDas geschieht:

Gus Wheatley ist er Geschäftsführer einer der renommiertesten Anwaltskanzleien Seattles. In dieser Position muss er zwar sieben Tage die Woche zwölf Stunden am Tag schuften, aber das ist der Preis des Erfolges, den Gus als bekennender Workaholic gern zahlt. Eines Tages holt Gattin Beth Morgan nicht von der Schule ab. Zunächst ist Gus nur verärgert, weil er einspringen und dafür einen Geschäftstermin absagen muss. Aber bald stellt er fest, dass Beth offenbar verschwunden ist. Hat sie ihn verlassen, oder ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Die Polizei reagiert recht kühl, als er, besorgter Ehemann und forscher Anwalt, darauf drängt, die Suche nach Beth mit höchster Priorität zu betreiben.

Freilich weiß die Polizei mehr, als sie zugeben mag. Schon seit einiger Zeit treibt in Seattle ein Serienkiller sein Unwesen, der seine Opfer erst stranguliert und dann gut sichtbar für sein entsetztes Publikum (und die begeisterten Medien) an einem Henkersseil aufknüpft. Agentin Andrea Henning vom inzwischen hinzugezogenen FBI hegt sogar die Theorie, dass dieser Psychopath streng nach System tötet: Jeweils zwei der Opfer wirkten wie Zwillinge. Das bedeutet wenig Gutes, denn die bisher letzte erhängte Frau gleicht der verschwundenen Beth wie eine Schwester.

Ist Beth also schon tot? Aber wieso stellt der Täter dann ausgerechnet ihre Leiche nicht zur Schau? Ganz so einfach liegt der Fall nicht, zumal neue Opfer des Henkers auftauchen. Nachdem sich inzwischen herausgestellt hat, dass Beth Wheatly unter psychischen Störungen litt, muss Gus sogar feststellen, dass Polizei und FBI eine Komplizenschaft seiner Frau mit dem Killer für möglich halten. Immerhin hat Henning endlich eine Spur entdeckt, die in das Gehirnwasch-Camp einer obskuren Sekte führt. Ein riskanter Undercover-Einsatz, bei dem die Agentin auf sich allein gestellt ist, soll für Gewissheit sorgen, aber leider stützen sie und ihre Kollegen sich auf katastrophal falsche Voraussetzungen …

Thriller mit Vorbildfunktion

Was in dieser Zusammenfassung (die weniger verrät als tatsächlich geschieht, keine Sorge!) wie ein recht konventioneller Thriller klingt, ist zunächst durchaus einer. Dies muss nicht von Übel sein, wenn der Verfasser sein Handwerk so gut versteht wie James Grippando. Schon nach wenigen Seiten hat man vergessen, dass hier noch ein ehemaliger US-Anwalt sein Hobby zum Beruf gemacht hat – seit John Grisham fällt diese Zunft verstärkt über das arglos lesende Publikum her -, und erlebt einen Pageturner reinsten Wassers. Fünfhundert Seiten lesen sich glatt am Stück und in einem Höllentempo, was immer noch der beste Beweis für die Unterhaltungsqualität eines Buches ist.

Wo beginnt man zu loben? Als Freund und regelmäßiger Leser ist man viel Kummer gewohnt und geradezu rührend dankbar für Titel, die einfach ‚nur‘ handwerklich sauber für Spannung sorgen wollen. Grippando beherzigt mit bemerkenswerten Ergebnissen ganz einfache dramaturgische Regeln des Genres. Der Plot: simpel, erprobt, klug variiert, geradlinig abgespult. Die Figuren: echte Menschen mit eigenen Viten, glaubhaft denkend & handelnd, die ‚Guten‘ sympathisch aber nicht aufdringlich überzeichnet und durchaus des Irrtums fähig, die ‚Bösen‘ weder scherenschnitthaft teuflisch, noch zweifelhafte Idole à la Hannibal Lecter, sondern getriebene, fehlgeleitete Zeitgenossen, die rein gar nichts Faszinierendes an sich haben.

Die Handlung wurde intensiv recherchiert, konsequent umgesetzt und weist einen reißfesten roten Faden auf. Jedes Kapitel steht im Dienst der Geschichte; gerade dieser Punkt kann gar nicht positiv genug herausgehoben werden: Zum guten Ton des Mainstream-Thrillers, der direkt für die Bestseller-Liste konzipiert wird, gehören heute massive Seifenoper-Elemente, die Tiefgang vorgaukeln sollen und doch viel zu oft nichts sind als plumpe Versuche, die dem ‚reinen‘ Thriller immer noch abholde Kritikerschaft gnädig zu stimmen und unentschlossene Leser- und Käuferschichten zu erschließen.

Gelungen: der menschliche Faktor

Wenn Grippando besonders mit Gus Wheatly eine rundum stimmige Figur gelang, ist dies kein Wunder, denn der Verfasser beschreibt zu einem guten Teil das eigene Leben. Auch er war einst ein erfolgreicher (und chronisch überarbeiteter) Anwalt, wenn auch kein hoffnungsloser Workaholic wie sein Alter Ego (sowie im sonnigen Miami und nicht im kühlen Seattle ansässig). So brauchte es keinen Kriminalfall in der Familie, sondern der Erfolg als Feierabend-Schriftsteller, der Grippando dazu brachte, sein Leben ab 1996 radikal umzustellen. Er war wohl doch nicht ganz der glückliche Jurist, als der er sich auf seiner Website http://www.jamesgrippando.com (gut aufgemacht, aber absolut nichtssagend) darstellen lässt, denn dafür ist ihm dieser Gus Wheatly mit seinen vielen Schattenseiten einfach zu plastisch geraten.

Ebenso eindrucksvoll wie die eigentliche Mörderjagd ist Grippando dabei Gus‘ Reise in das eigene Privatleben gelungen. Der beruflich vom Erfolg verwöhnte Mann muss erfahren, dass er nur Gast in der eigenen Familie ist. Nun steht er allein da mit einer kleinen Tochter, die ihn nie als echten Vater kennengelernt hat. Daraus entwickelt sich ein quälender aber auch anrührender Kampf zwischen Gus und Morgan, die nur ganz allmählich zueinander finden – ein Prozess, den Grippando nüchtern und ohne Hollywood-Kitsch darzustellen weiß.

Überhaupt ist „Im Schutz der Dunkelheit“ ein Thriller, der auch die Geschichte eines Mannes erzählt, der seinem Leben eine neue Richtung gibt – dies aber eben nicht statt des Thrillers.. Hier mag Grippando manchmal allzu offensichtlich seinen eigenen Wandel vom Saulus zum Paulus feiern, aber er ist dabei doch so überzeugend, dass sich nur arge Zyniker über das Happy-End mokieren werden.

Finale mit Luftmangel

Wenn’s denn etwas zu kritisieren gilt, dann das leicht enttäuschende Finale. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass eine spannende Geschichte an Schwung verliert, wenn die ihr zu Grunde gelegten Geheimnisse gelüftet werden. Hinzu kommt hier Grippandos Entscheidung, als deus ex machina die allseits bekannte und längst nicht mehr beliebte Knallkopf-Sekte einzusetzen.

Zwar sei Grippando zugestanden, dass in der realen Welt ein deprimierend großer Anteil des alltäglichen Bösen auf das Konto religiöser Spinner und Fanatiker geht. Im Unterhaltungsroman (oder -film) mag man sie aber wie gesagt einfach nicht mehr sehen. Da gibt es allzu viele Klischees und kaum Variationsmöglichkeiten; wer hat es nicht satt, roboterhafte Adepten bei allerlei Untaten zu beobachten, die ihnen ein rasputinoider Meister in die leeren Köpfe gesetzt hat?

Im letzten Moment kann Grippando zudem nicht widerstehen, den eigentlichen Bösewicht seinerseits nur als Handlanger zu demaskieren. Hinter allen Morden und Entführungen steckt selbstverständlich jemand, den wir schon sehr früh kennengelernt haben, der sich deshalb möglichst unauffällig verhalten muss und trotzdem als Graue Eminenz im Hintergrund eine denkbar ungünstige Figur macht. So kann für „Im Schutz der Dunkelheit“ doch nicht die Höchstnote für sich beanspruchen, aber James Grippando ist nichtsdestotrotz ein Name, den es sich zu merken lohnt

Autor

James Michael Grippando wurde am 27. Januar 1958 in Waukegan, US-Staat Illinois, geboren. Er wuchs in einer Landgemeinde an der Grenze zum Nachbarstaat Wisconsin auf. Im Alter von 18 Jahren ging Grippando an die University of Illinois, wechselte aber auf die University of Florida, als seine Familie in diesen Staat umzog. Er studierte Jura und wurde nach seinem Abschluss für eine Kanzlei in Miami tätig.

Als Jurist wurde Grippando ein eifriger Autor, der zahlreiche Artikel in juristischen Fachzeitschriften veröffentlichte, aber auch für Magazine schrieb. Er engagierte sich für vernachlässigte Kinder und hielt Vorlesungen zu juristischen Themen. Als Berater ist Grippando weiterhin für eine Kanzlei tätig.

1994 erschien Grippandos erster Thriller. „The Pardon“ (dt. „Im Namen des Gesetzes“) basierte auf Erfahrungen, die der Autor im Umgang mit Häftlingen in der Todeszelle gemacht hatte. Gleichzeitig wurde dies erster Band einer bis heute fortgesetzten Serie um den Strafverteidiger Jack Swyteck.

James Grippando lebt und arbeitet in Coral Gables, Florida.

Taschenbuch: 511 Seiten
Originaltitel: Under Cover of Darkness (New York : HarperCollins Publishers 2000)
Übersetzung: Norbert Möllemann
www.ullsteinbuchverlage.de
jamesgrippando.com

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