Werner Köhler – Das Mädchen vom Wehr (Lesung)

Aufregender Köln-Krimi

Jerry Crinelli, Hauptkommissar bei der Mordkommission in Köln, zieht mit seiner Frau ins Bergische Land. Kurz nach seinem Umzug findet man am Wehr die Leiche eines Mädchens. Crinelli entdeckt bald, dass sich dahinter mehr verbirgt: Menschenhandel, Schleuserbanden und korrupte Polizisten.

Je mehr er alles durchschaut, je näher er dem Mörder kommt, desto mehr vermischt sich das Schicksal seiner Familie mit dem Mordfall. Der Preis, den er am Ende zahlen wird, um den Mörder zu finden, ist hoch. (Verlagsinfo)

Der Autor

Werner Köhler, geboren 1956, lebt und arbeitet als selbständiger Verleger in Köln. Außerdem ist er Mitbegründer und Geschäftsführer des internationalen Literaturfestivals lit.COLOGNE. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Kochbücher. Im Frühjahr 2004 erschien bei |Kiepenheuer & Witsch| sein erster Roman „Cookys“.

Der Sprecher

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-Tatort-Serie den Deutschen Fernsehpreis. Er hat mehrere Romane von Håkan Nesser vorgetragen.

Die Bearbeitung des Romans besorgte Sabine Bode, Regie führte Kerstin Kaiser.

Handlung

Jerry Crinelli ist Kommissar bei der Kölner Mordkommission und ein glücklicher Mensch: Seine geliebte Frau Maria ist im vierten Monat schwanger. Er hofft, dass es ein Mädchen wird. Um ihrer Tochter ein schönes Zuhause geben zu können, sind die beiden gerade in das Dorf Niederkirchen gezogen, das im Bergischen hinter einer Hügelkette verborgen in einem Talkessel schlummert, umgeben von tiefen Wäldern.

Dass hier auch ganz normale Menschen wohnen, wird Jerry schon auf dem ersten Nachbarschaftsfest bei Bauer Neumann deutlich. Beim Pinkeln beobachtet er einen polnischen Knecht dabei, wie er einem Huhn den Kopf abschneidet und das heiße Blut trinkt. Etwas später am Abend erspäht Maria einen Blick auf den Metzger, der es mit der Frau des Bäckers treibt. Sind Maria und Jerry in Sodom und Gomorrha gelandet?

Der Dorfpolizist ruft Crinelli zum Wehr des Baches, der durch das Dorf fließt. Im Wald hat ein Jäger die nackte Leiche eines etwa achtjährigen Mädchens gefunden. Jerry ist erschüttert vom Anblick des ausgehungerten Körpers mit der Drahtschlinge und dem Goldkettchen um den Hals. Sie wurde stranguliert. Was noch alles mit dem Mädchen angestellt wurde, erfährt Jerry erst vom Pathologen der Kripo. Er rennt sofort zum nächsten Waschbecken und kotzt sich die Seele aus dem Leib.

Nicht nur Jerry ist beunruhigt bei der Vorstellung, dass ein Kindermörder in seiner Dorfidylle sein Unwesen treibt. Maria hat noch viel mehr Angst, denn sie hat ein neues Leben zu beschützen. Sie drängt Jerry zunehmend stärker, wieder nach Köln zurückzuziehen, und nach einer Weile der Anfeindungen willigt er ein, in der Stadt eine Wohnung zu suchen.

In Köln erfährt von Schleuserbanden, die Pädophile mit jährlich zwei Millionen kindlichen und weiblichen Opfern versorgen, und diese Kinderliebhaber sind keineswegs irgendwelche Niemande, sondern offenbar auch Promis. Aber das ist nicht Crinellis Baustelle, sondern die der Sitte. Deshalb konzentriert er sich auf Niederkirchen. Zu seinem Erstaunen gibt es dort einen Puff und sogar einen verschworenen Kreis von Sexbesessen. Der Metzger, der Bäcker/Bürgermeister und sogar Crinellis eigener Nachbar gehören dazu. In ihrer gemeinsamen Jagdhütte wird er fündig. Gomorrha ist ein Kindergarten dagegen.

Doch die Aushebung dieses Sündenpfuhls kommt zu spät. Gerade als er glaubt, den Serienmörder enttarnt zu haben, kommt es zu einer Katastrophe, die sein Leben auf den Kopf stellt. Denn Maria hat ihm nicht zu erzählen gewagt, welchen Anfeindungen sie selbst ausgesetzt ist.

Mein Eindruck

Mit wachsender Beklemmung folgte ich der unheilvollen Entfaltung der Geschichte Jerome Crinellis. In seinem pflichtbewussten Eifer, dem Recht zu Geltung verhelfen, überschreitet er eine verhängnisvolle Grenze: die zwischen beruflicher Pflicht und der persönlicher Verwicklung. Gerade weil er in seinem eigenen Lebensraum ermittelt, erzeugt er Hass und Abwehrreaktionen, die sich nicht nur gegen ihn selbst wenden, sondern auch gegen seine Frau.

Er wird von seinem Vorgesetzten gewarnt, so weiterzumachen, doch als typischer Einzelkämpfer hat er den Rat in den Wind geschlagen. Der Preis, den er bezahlen muss, ist äußerst hoch. An dieser Stelle wird die Erzählung wirklich bewegend. Und man bezweifelt, ob Crinelli in der Lage sein wird, nach seinem Totalabsturz den wahren Kindermörder zur Strecke zu bringen. Ihm steht ein weiterer Schock bevor.

Menschenhandel

Crinelli ist im Buch nicht der Erste, der in Sachen organisierter Menschenhandel recherchiert. Da ist ein früherer Journalist, der jetzt als Metallskulpteur arbeitet und sein Freund wird. Liebermann stieg aus dem Journalismus aus, nachdem ihn die gefundenen Ergebnisse so deprimiert hatten, dass sie den Sinn seiner Arbeit und seines Lebens infrage stellten. Er warnt Crinelli ebenfalls, die Grenze zu überschreiten; natürlich hört der nicht auf ihn.

Die Kinder und Frauen, die die Schleuser importieren, kommen aus allen Ländern des ehemaligen Ostblocks, sprechen meist kein Wort Deutsch und können sich nicht wehren. Zwangsprostitution ist ein schreckliches Los, das sie erleiden müssen. Und zwar überall, auch in der vermeintlichen Idylle des ländlichen Niederkirchen. Denn auch dort hat Kindesmissbrauch eine Tradition, wie der Autor aufzeigt. Und dessen Opfer suchen sich ihrerseits wieder Opfer und so weiter ad nauseam.

Korrupte Polizei?

Was Crinelli zunehmend empört, ist die Gleichgültigkeit der Polizei in diesen Dingen. In der Stadt wird wenigstens ein V-Mann auf die Drahtzieher eingesetzt, doch auf dem Land werden selbst die auffälligsten Hinweise übersehen. Nur durch Zufall stößt Crinelli auf einen Andenkenverkäufer, der vom Leichenbestatter die verräterischen Details kennt. Vor zwei Jahren kam in Taufheim, Niederkirchens Nachbargemeinde, kein Zigeunermädchen um, sondern eines mit Lackschuhen, das eine Christin war – kenntlich an dem Kreuz an einem Goldkettchen. Das gleiche Goldkettchen wie beim Mädchen am Wehr. Und welche christliche Familie ließe ein Familienmitglied nach einem Unfall im Wald liegen? Keine, soweit der Andenkenverkäufer weiß. Aber die Zeiten ändern sich offenbar dahin, dass das nicht einmal mehr Polizisten wissen. Oder nicht wissen wollen.

Was ein aufrechter Polizist wie Crinelli bei den Ermittlungen in diesem Milieu riskiert, wird ebenso deutlich. Dieser Sumpf weiß sich durchaus zu wehren und die Widersacher unschädlich zu machen. Denn je mehr Geld damit zu machen ist, desto mehr Bullen und Richter lassen sich damit bestechen, und desto mehr „Helfer“ aller Art lassen sich damit anheuern. Auch Auftragskiller.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Es gibt nur sehr wenig zu lachen bei diesem bitterernsten Thema, und doch gibt es eine Episode, die zum Schmunzeln reizt – wäre der Täter nicht ein so erbärmlicher Wicht. Der alte Optiker Gnaas, ein alleinstehender Witwer im Niederkirchner Zentrum, ist stolzer Besitzer eines Teleskops, diverser Ferngläser und Kameras, mit denen sich vorzügliche Bilder einschlägiger Aktivitäten machen – und verkaufen – lassen. Niemand ist vor seiner Linse sicher, weder Liebespaare noch Säuglinge und stillende Mütter, von den Sexbesessenen ganz zu schweigen. Wenn ihr also einen Kamerabewehrten durch den Wald schleichen seht, denkt daran, welche Motive dieser Voyeur wohl jagen könnte. Kitze oder Kinder?

Der Sprecher

Dietmar Bär ist uns als Tatort-Kommissar vertraut, auch stimmlich. Er verfügt über die Gabe, trotz einer tiefen, zur Ernsthaftigkeit neigenden Stimme auch warmherzige Freundlichkeit ausdrücken zu können. Diesmal muss er seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der alte Gnaas beginnt zu wimmern und sogar zu fiepen, weil ihm die Stimme versagt. Und an einer Stelle muss Crinelli schreien, was das Zeug hält – ich bangte um meine Lautsprecherboxen. Beide Herausforderungen bewältigt Bär mit beachtlicher Kompetenz. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

Unterm Strich

„Das Mädchen am Wehr“ ist starker Tobak, ein Buch, das betroffen und wütend macht, keinen kalt lässt. Das ist auch gut so, denn wenn alle wegsehen, können die Menschenhändler und ihre Kunden immer so weitermachen. Der weltweite Handel mit Menschen hat den mit Drogen inzwischen überrundet: 15 Milliarden Dollar werden damit jährlich umgesetzt. Davon könnte man eine Menge Schulen und Kindergärten bauen. Ganz davon abgesehen, könnten auch eine Menge mehr Kinder und Frauen überleben. Siehe Levke und Adelina.

Der Vortrag Dietmar Bärs ist über weite Strecken ernst und lebhaft. Er lässt Crinelli auch mal aufbrausend werden, dann wieder zärtlich oder zweifelnd. Sein stärkster Moment ist wohl der lange Schrei der Verzweiflung und des Entsetzens, den Crinelli ausstößt, als er entdeckt, was mit Maria passiert ist. Genau wie das Buch lässt auch der Vortrag keinen kalt. Und das ist gut so.

Ich hoffe, der Kölner Schriftsteller Werner Köhler schreibt noch mehr solche engagierten Kriminalromane. Dass er sich damit in guter Gesellschaft befindet, zeigen die Namen, die mir dazu einfallen: Jacques Berndorf (für die Eifel), Christa von Bernuth (Kommissarin Mona Seiler) und vor allem Liza Marklund (Schweden).

Die Buchfassung erschien im März 2005 bei Kiepenheuer & Witsch, Köln.
266 Minuten auf 4 CDs.
ISBN-13: ‎978-3785730249

www.luebbe.de/luebbe-audio

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