Camilla Läckberg – Der Prediger von Fjällbacka

Eigentlich müsste diese Besprechung mit ungefähr diesen Worten anfangen: Camilla Läckberg ist das next best thing aus Krimi-Schweden.

Aber da dieser Satz schon in Verbindung mit zu vielen Büchern gefallen ist und ich es beim besten Willen nicht einsehe, ein derartig gutes Buch in eine Schublade zu stecken, lassen wir das lieber und konzentrieren uns auf die eigentlich wichtigen Punkte.

„Der Prediger von Fjällbacka“ ist Läckbergs zweiter Roman nach „Die Eisprinzessin schläft“ und spielt am gleichen Ort und mit den gleichen Personen wie das Debüt.

Patrik Hedström hat eigentlich Urlaub genommen, um sich um seine hochschwangere Frau Erica kümmern zu können, doch sein Chef Mellberg hat anderes im Sinn. Als in der Königsschlucht in Fjällbacka eine tote deutsche Touristin gefunden wird, erklärt er Patrik zum Chef der Ermittlungen, die sich als weit schwieriger erweisen, als man denkt. Unter der Leiche finden sich nämlich die Skelette zweier Mädchen, die vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden sind. Alle drei Körper weisen die gleichen Folterverletzungen auf, was dafür spricht, dass vielleicht derselbe Mörder zu Gange war. Schließlich konnte dieser damals nicht ermittelt werden. Der einzige Verdächtige, Johannes Hult, Sohn eines verstorbenen freikirchlichen Predigers, beging damals Selbstmord und damit steht die Polizei vor einem Rätsel.

Wo sollen sie nur anfangen zu suchen? Sie beginnen, im Geflecht der Hult-Familie herumzugraben und hetzen dabei die verfeindeten Clanteile gegeneinander auf. Gegenseitiges Anzeigen und Fenstereinwürfe sind die Folge und als eine DNA-Analyse von Sperma an der Leiche ergibt, dass es sich eindeutig um ein Mitglied dieser Familie handeln muss, zieht sich der Bogen immer enger. Als ein junges Mädchen von einem Campingplatz verschwindet, geht es plötzlich um Leben oder Tod beziehungsweise um Leben und um Tod, denn die DNA bringt Dinge ans Licht, die weit in der Vergangenheit liegen …

Was Läckbergs Krimi in meinen Augen besonders auszeichnet, ist nicht die schöne Handlung, sondern die sehr menschlichen Charaktere. Die treten in Massen zu Tage, da sehr viele Perspektiven zum Zug kommen und das Buch trotzdem einen roten Faden durch Personen wie Patrik oder seine Frau erhält. Diese Perspektiven sind jeweils sehr kompakt, ausgefeilt, erinnern durch ihren In-medias-res-Einstieg und die knappe Schreibe an Kurzgeschichten und erschaffen ein gutes Gesamtbild, was in und um Fjällbacka in diesem heißen Sommer los ist.

Die gewählten Charaktere überzeugen durch ihre fantastische Ausarbeitung. Patrik, der werdende Vater, hat mit seiner Aufgabe als Chef zu kämpfen und muss sich nebenbei noch um seine Frau sorgen. Der kurz vor der Pensionierung stehende Polizist Ernst bremst die Ermittlungen, weil er sauer ist, dass der jüngere Patrik zum Chef der Ermittlungen ernannt wurde. Die siebzehnjährige Linda Hult hat nichts Besseres zu tun, als mit den Polizisten zu flirten, als sie sie befragen, und Erica muss mit nerviger Verwandtschaft kämpfen. Jede dieser Figuren hat eine eigene Persönlichkeit, bei der mit negativen Charakterseiten nicht gespart wird, was gerade den Beamten den Heiligenschein nimmt. Sie geben dem Krimi ein authentisches Fundament, auf dem schließlich die spannende Geschichte aufgebaut werden kann.

Bei dieser steht das Familiengeflecht der Familie Hult im Vordergrund, das aufgrund der vielen Namen und Personen stellenweise etwas verwirrend sein kann. Obwohl schon längst verstorben, spielt Ephraim Hult, der Prediger, eine große Rolle, denn sein Fanatismus wirkt noch heute nach. So war er zum Beispiel dafür bekannt, dass seine Söhne Johannes und Gabriel fähig waren, im Kindesalter Kranke zu heilen. Sie haben diese Fähigkeit mit Eintritt in die Pubertät verloren, doch durch diese „Gabe“ haben sie die Sympathie einer Witwe auf sich gezogen, die ihnen schließlich einen großen Gutshof vererbte. Doch natürlich ist dort nicht Platz für alle von Ephraims Nachkommen, und so muss Johannes‘ Frau Solveig mit ihren beiden kriminellen Söhnen Robert und Johan in einer Bruchbude leben, was sie immer wieder in Rage bringt. Als der Mordfall von vor fünfundzwanzig Jahren erneut aufgerollt wird, ist sie völlig von den Socken und zerbricht den schiefen Familiensegen noch ein bisschen mehr.

Gegenseitige Beschuldigungen und Verdächtigungen sind die Folge und man kann Läckberg zur beglückwünschen. Man kann wohl nirgends besser ein solches Verdächtigenverwirrspiel einpflanzen als in eine zerstrittene Familie mit skurillen Charakteren. Die sorgen dafür, dass der Leser mit Freude dranbleibt und das Buch bis zur letzten Seite verschlingt. Die Suche nach der entführten Melanie und das Bangen um ihr Leben bringen eine Extraportion Spannung ins Spiel. Trotzdem schafft Läckberg es, das Buch nicht zu einem übertriebenen Nervenkitzel werden zu lassen, sondern in ein schönes Gleichgewicht zu bringen, indem sie dem Privatleben der Charaktere ein wenig Raum bietet. Da dieses sehr interessant ist, passt es prima ins Konzept und lässt „Der Prediger von Fjällbacka“ zu einem wunderbaren Sommerkrimi werden.

Ist „Sommerkrimi“ jetzt wieder eine Schublade? Nun ja, einigen wir uns darauf, dass es sich dabei um einen leicht genießbaren, spannenden und flüssig lesbaren Krimi handelt. Diese drei Punkte treffen alle auf Läckbergs Krimi zu. Der negativ-derbe Touch, der einigen ihrer Figuren anhaftet, findet sich auch in ihrem Schreibstil wieder, der manchmal ein wenig derb angehaucht ist und dadurch sehr authentisch wirkt, ohne dabei in das obszöne Gefluche einer Lolita Pille und Konsorten zu verfallen. Zudem sind die Dialoge immer sehr alltagsnah und gut getroffen. Ein manchmal auftretender, recht bissiger Humor vervollständigt einen Schreibstil, der anspruchsvoll, aber doch wieder sehr einfach ist.

|“Britta betrachtete ihren Sohn zärtlich, und Patrik erinnerte sich, von Erica gehört zu haben, daß Britta Psychologin war. Wenn das hier ihre Vorstellung von Kindererziehung war, dann würde Klein-Victor, wenn er groß war, häufig mit dieser Berufsgruppe zu tun bekommen. Conny machte kaum den Eindruck, als hätte er registriert, was da vor sich ging. Er brachte seinen Sohn zum Schweigen, indem er ihm einfach ein ordentliches Stück Kuchen in den Mund stopfte. Nach der Molligkeit des Kindes zu urteilen, war das eine beliebte Methode. Patrik mußte jedoch zugeben, daß sie in all ihrer Einfachheit wirkungsvoll und verlockend war.“| (Seite 38)

Das Fazit fällt dementsprechend sehr positiv aus. Eine spannende Handlung, wunderbar ausgearbeitete Charaktere und ein feiner Schreibstil ergeben einen Krimi, der mit dem depressiven Opus eines Mankell oder den verschwurbelten Plots einer Eva Fossum wenig zu tun hat. Klar, flüssig, spannend. Camilla Läckberg schreibt alltagsnah und vor allem: ziemlich gut.

Hardcover: 407 Seiten
www.gustav-kiepenheuer-verlag.de

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