Lassiter, Rhiannon – 2367 – Experiment Hex

Die junge englische Schriftstellerin Rhiannon Lassiter ist in Deutschland noch nicht sonderlich bekannt. Gerade mal drei ihrer Bücher haben es aufs Festland geschafft, obwohl ihr Werk wesentlich mehr umfasst. Ihren Debütroman, im Original „Hex“, verfasste sie im Alter von siebzehn. Das Science-Fiction-Buch ist der Auftakt zu einer Trilogie, die im 24. Jahrhundert spielt, deren Folgebände aber leider nie übersetzt wurden. Es stellt sich die Frage, warum dies so ist, denn „2367 – Experiment Hex“, so der deutsche Name, ist das spannende Debüt einer vielversprechenden Jungautorin.

Die Geschichte spielt im London des 24. Jahrhunderts. Die Stadt ist in die Höhe geschossen und besteht aus mehreren Ebenen, wobei die Oberschicht ganz oben und der Abschaum der Gesellschaft ganz unten lebt. Die Fortbewegung funktioniert per fliegenden Autoscootern, das Essen kommt aus dem Automaten. Computer sind allgegenwärtig und bestimmten das tägliche Leben. In dieser Welt ist nur wenig Raum für diejenigen, die sich keinen Platz an der Sonne sichern können. Sie leben im Untergrund, in den so genannten Ganglands, und fristen ein Leben, das ohne Kriminalität zumeist nicht zu bewältigen ist.

So ähnlich geht es White und Raven. Die beiden Geschwister haben sich lange im Untergrund von Denver aufgehalten, doch nun sind sie nach London gekommen, um ihre kleine Schwester Rachel zu suchen. Die Elfjährige war von einem englischen Ehepaar adoptiert worden, doch mittlerweile hat sich ihre Spur verloren. Es scheint, als hätte sie nie existiert. White, ein praktisch veranlagter junger Mann, der dem Gangleben den Rücken gekehrt hat, befürchtet das Schlimmste, und er hat auch allen Grund dazu. Raven ist nämlich eine Hex, das heißt, dass sie aufgrund einer Genmutation eins mit Computern werden und mit ihrem Geist im Netz surfen kann. Selbstverständlich duldet die Regierung die Gefahr, die von Hexen ausgeht, nicht, doch Raven, die sich in der Hackerszene einen Namen gemacht hat, hat es geschafft, unentdeckt zu bleiben. White befürchtet, dass die Genmutation auch bei Rachel entdeckt worden ist und sie daher eliminiert wurde. Doch Raven glaubt nicht daran. Bei ihren Recherchen im Netz findet sie heraus, dass nicht alle verdächtigen Hexe eliminiert werden. Einige von ihnen, vor allem die jungen, werden in das Labor eines gewissen Dr. Kalden gebracht.

Es besteht also eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Schwester der beiden noch lebt. Sie setzen nun alles daran, in dieses Labor einzudringen und Raven, die eine skrupellose, manchmal gefühlskalte Einzelgängerin ist, riskiert dafür sogar ein Menschenleben. Als sie herausfindet, dass Ali Tarrell, Tochter eines reichen Medienmoguls, ebenfalls die Hexmutation besitzt, manipuliert sie ihre Daten, so dass sie abgeholt und ins Labor gebracht wird. Vorher instruiert sie das verängstigte Mädchen allerdings, um die Umgebung auszuspionieren und nach Rachel zu suchen. Raven ist fest von ihren Fähigkeiten überzeugt und glaubt, dass sie Rachel und Ali ohne Probleme aus dem Labor retten kann, wenn sie erst in das abgeschlossene Computernetz des Labors eingedrungen ist. Ein vorschneller Gedanke, wie sich noch zeigen wird …

Rhiannon Lassiter hat „2367 – Experiment Hex“ laut Autoreninfo im Alter von siebzehn Jahren geschrieben. Stellenweise merkt man dies der Geschichte an. Es fehlt häufig an solchen Beschreibungen, die für einen lebendigen und anschaulichen Hintergrund der Geschichte sorgen. Das London der Zukunft bleibt manchmal ein wenig blass, beinahe skizzenhaft. Mit der richtigen Portion Fantasie lassen sich diese Leerstellen zwar auffüllen, dennoch wäre ein strafferes Lektorat hier wünschenswert gewesen.

Das ist aber der einzige negative Kritikpunkt an Lassiters Debütroman. Für ihr Alter schreibt sie unglaublich souverän. Ihre Figurenzeichnung und die Handlung entpuppen sich als überaus reif und geradezu brillant. Die Geschichte um die drei ungleichen Waisenkinder ist wahnsinnig gut konstruiert. Die Handlung ist rasant, beinahe schon zackig und lässt keine Langeweile aufkommen. Ein Ereignis folgt auf das nächste, und trotzdem bleibt genug Zeit, damit sich Dynamik und Spannung entwickeln. Immer wieder kommt es zu actionreichen Szenen, die aber nie platt oder zu bemüht wirken. Im Gegenteil baut die junge Autorin brisante Personenkonstellationen ein, die nicht irrelevant für die Geschichte sind und das Buch zu weit mehr als einem einfachen Science-Fiction-Massaker machen.

Überhaupt wirkt Science-Fiction, gerade bei Jugendbüchern, häufig mehr wie eine Jungensache. Rhiannon Lassiter schafft es, auch Mädchen mit ihrer Geschichte anzusprechen, woran ihre starke Protagonistin Raven sicherlich nicht unschuldig ist. Dabei ist die Fünfzehnjährige alles andere als sympathisch. Ravens Leben im Untergrund und auf der ständigen Flucht vor dem CPS, das für die Eliminierung von Hexen zuständig ist, hat sie zu einer knallharten, egoistischen, beinahe schon soziopathischen Einzelgängerin gemacht. Ohne Skrupel nutzt sie Menschen aus oder spielt mit ihnen, ihre Launen sind unvorhersehbar. Im einen Moment ist sie die Liebe in Person, im anderen hasst sie alles und jeden. Dieses Verhalten sorgt immer wieder für Reibereien und interessante zwischenmenschliche Konstellationen innerhalb der Gruppe, die Lassiter gut zu beschreiben weiß.

Nicht nur Raven wird von der Autorin auf eine fantastische und ansteckende Art und Weise dargestellt. Auch die anderen Hauptfiguren wie White oder der Straßenjunge Kez, der sich den Geschwistern anschließt und Raven heimlich bewundert, sind gut ausgearbeitet, authentisch und düster. Sie zu mögen, fällt nicht einfach, sich mit ihnen zu identifizieren dagegen schon. Sie repräsentieren die schlechten Stimmungen, mit denen jeder einmal zu kämpfen hat, und für ihr Alter hat die Autorin diese sehr anschaulich dargestellt.

Anders als bei anderen Jungautoren definiert sich Lassiter nicht über einen möglichst flapsigen und geschwätzigen Schreibstil. Sie schreibt eine Geschichte, nicht das Lebensgefühl einer Generation, und dementsprechend zeitlos fällt ihre Sprache aus. Sie benutzt kaum Schimpfwörter oder Slang, sondern schreibt präzise und beinahe schon analytisch. Ihre Sätze sind karg, nüchtern und von einer atmosphärischen Düsternis geprägt. Wie die rasante Handlung enthält auch der Schreibstil der Engländerin kaum Ballast. Sie reduziert ihre Worte auf das Nötigste, dies aber so geschickt, dass sich der Leser viele Dinge, beispielsweise Konflikte oder Beziehungen unter den Charakteren, selbst erschließen kann. Lassiters Wortschatz ist überaus abwechslungsreich und es gibt kaum Unsicherheiten in der Formulierung.

In der Summe weiß Lassiter trotz einiger fehlender Beschreibungen zu begeistern. Während der Lektüre von „2367 – Experiment Hex“ vergisst man gerne, dass man es nicht mit einer erwachsenen Autorin zu tun hat. Handlung, Personen und Schreibstil sind so ausgefeilt und abwechslungsreich, dass es kaum Grund für Beschwerden gibt. Und auch, wenn die eifrige Engländerin in Deutschland bislang noch nicht wirklich gewürdigt wurde, gibt es Grund zur Hoffnung: Nach „Dreamwalker“, das 2005 bei aare erschien, veröffentlicht der |Fischer|-Verlag 2008 die Horrorgeschichte „Böses Blut“.

|Originaltitel: Hex
Aus dem Englischen von Angelika Eisold-Viebig
290 Seiten
Empfohlen ab 14 Jahren|
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