Anton Szandor LaVey – Die Satanische Bibel & Rituale

Wenn heute der Reizbegriff „Satanismus“ angeführt wird, so schwingt stets die Reminiszenz an den „schwarzen Papst“ mit dem Wahlnamen Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) mit, der wie kein anderer zuvor die satanische Strömung in die Moderne und in das trübe Licht der Öffentlichkeit trug. Die Grundprinzipien und Wesenszüge dieser Ausrichtung lassen sich in nahezu allen Kulturen bis in die Anfänge zurück verfolgen und aufzeigen, und speziell im europäischen Raum erwuchs gerade um 1900 der „linkshändige Pfad“ (ein tantrischer Begriff) – der allerdings nicht schlicht mit dem Schlagwort „Satanismus“ gleichzusetzen ist, aber eine breite Basis damit teilt – aus vielerlei Orden und Gruppierungen zu einem gesellschaftlich merklichen Kraftstrom, verbunden mit Namen wie Hellfire Club, Golden Dawn, Ordo Templi Orientis, Fraternitas Saturni und all den Vermischungen und Splittergruppen, aber auch mit konkreten Namen wie natürlich Aleister Crowley, wenngleich dieser weder einen reinen Satanismus praktizierte noch speziell oder gar ausschließlich die Grundidee an sich voran tragen wollte.

Doch auch wenn LaVey sich später von diesen bekannten Größen in eher herablassender Form distanzierte, so sind die Wurzeln unverkennbar und nicht zu leugnen. LaVeys besonderes Verdienst waren nun drei Dinge: Den dunklen Okkultismus satanischer Prägung wie nie zuvor gezielt in die Öffentlichkeit zu tragen, dies in ein modernes, psychologisch-philosophisch motiviertes Gewand zu kleiden und in Bezug zum westlichen Kulturkreis zu setzen, indem insbesondere die Ein- und Auswirkungen der christlichen Kirchen und ihrer aufgeprägten Muster von Sünde, Sühne und Strafe als Bezugspunkt gewählt wurden, um die eingesperrte Natur der Triebe und Sehnsüchte freizusetzen – der Kontrapunkt wird bereits dadurch gesetzt, dass 1966 zum ersten Mal eine satanische Kirche ausgerufen wurde, ein Begriff, der in diesem Zusammenhang bei uns bislang dem christlichen Glauben vorbehalten blieb. Aber auch dadurch, dass gezielt der Begriff des „Satanismus“ zur Umschreibung gewählt wurde, um klarzumachen, wovon es sich abzugrenzen und zu befreien gilt. Denn unabhängig von den christlich-dogmatisch geprägten Ansichten der gesellschaftlichen Verfassung lässt sich LaVeys Lebenswerk nicht analysieren.

Die (nicht unumstrittene, aber trotz der bemühten Gegendarstellung seiner Tochter Zeena größtenteils verifizierbare) Biographie LaVeys scheint ihn seit seiner Kindheit auf seine Rolle (ein hier durchaus doppeldeutig zu verstehender Begriff) vorbereitet zu haben. Mit großelterlicher Abstammung aus Georgien, Rumänien/Transsylvanien und dem Elsass war der Kontakt zur Beschäftigung mit dunklen Mythen und dem Hexentum bereits kindlich vorgeprägt; das Studium viktorianischer Schauerromane und später zunehmend okkulter Literatur und allerlei weitere autodidaktische Lektüre taten ein übriges, um die Richtung für späteres Schaffen und einen alternativen Lebensstil vorzugeben. LaVey war stets an den Künsten interessiert, arbeitete auf Jahrmärkten und im Zirkus, als Polizeifotograf, Hypnotiseur und Zauberkünstler und vielfach als Musiker. Aus regelmäßigen Zusammenkünften und Veranstaltungen in okkult-künstlerischem Rahmen entstand dann letztlich ein fester Zirkel, aus dem die Church of Satan hervorging. Hierbei ist die tragende Rolle der Schauspielerin Jayne Mansfield nicht zu unterschätzen, die als zentraler Attraktor und treibende (und triebhafte) Kraft wirkte, in der Literatur aber zumeist nur eine Randerwähnung findet. Überhaupt ist es ein vielsagender Wesenszug, dass auch heute noch vornehmlich Schauspieler, Musiker und andere Künstler (von zumeist bedeutsamem ‚Rang‘ und längst nicht nur Schwarz- und Gothic-Metaller) den Großteil der Mitglieder dieses Ordens ausmachen. Der Drang nach freier Entfaltung, Vervollkommnung und Selbstverwirklichung macht das essentielle Merkmal der satanischen Bestrebungen im Menschen aus.

Hier gilt es, einige erklärende Worte zum Wesen der von LaVey voran getragenen satanischen Prinzipien zu verlieren. Die Church of Satan grenzt sich wie angemerkt klar von den christlich-dogmatischen Prägungen ab, und die meisten Aussagen LaVeys lassen sich als Gegenpol zu dadurch manifestierten gesellschaftlichen Ansichten und psychisch schädlichen Verhaltens- und Denkmustern erkennen. Doch betreibt die CoS keine schlichte Spiegelung der katholischen Amts- und Machtkirche, sie betet keine antropomorphe Wesenheit namens „Satan“ an oder verkehrt die katholische Liturgie und Messe simplerweise ins Gegenteil, auch wenn dies als Teilaspekt und Ritual durchaus vorkommen mag. Die reine „Schwarze Messe“ ließe sich ohnehin nur mittels eines geweihten katholischen Priesters durchführen, und derlei kam seit dem 19. Jahrhundert in der bis dahin ausgeübten Form nicht mehr vor, soweit bekannt ist; lediglich Teile des Wirkens eines Josef Dvorak ließen sich vielleicht noch in diesem Sinne interpretieren (wobei ich mir gerade nicht einmal sicher bin, ob dieser auch geweihter Priester ist). Satan steht hier für ein archetypisches Konstrukt, ein Gedankenprinzip, eine Strömung, die dynamisch vorantreibt, Bestehendes zersetzt und Raum für Neues schafft, die durch Polarität Bewegung erzeugt, gesellschaftlich tabuisierte Bereiche auslotet und erforscht, verdrängte Kräfte freisetzt, die durch kollektive Verdrängungsmechanismen als „dunkel“ und „böse“ stigmatisiert sind.

Dies jedoch ist Teil menschlicher Natur und drängt stets nach außen, sucht sich ein Ventil, das in seinen Auswirkungen zumeist schadhafter, aggressiver und zerstörerischer nach innen wie außen hin ist, als würde man der triebhaften menschlichen Natur einfach gleich den Freiraum zugestehen, nach der es ihr gelüstet. Erst die Verdrängung und zumeist unbewusste Bekämpfung dieser Natur erschafft Muskel- und Charakterpanzer, sperrt das menschliche Wesen in ein unnatürliches Korsett voller Psychosen und Ängste, blockiert wesentliche Entwicklungswege und Möglichkeiten der freien Entfaltung, sowohl im persönlichen als auch im kollektiv-gesellschaftlichen Existenzrahmen. Hierbei ist auch zu erwähnen, dass das durch Crowley bekannt gewordene Leitmotiv der inneren Befreiung „Tu was du willst!“, das auch im Satanismus eine wesentliche Funktion erfüllt, nicht als ein „Tu wozu du gerade Lust hast“ verstanden werden kann, allein schon, da der Satanist bestrebt ist, seine Handlungsmöglichkeiten und Freiheitsgrade stets zu vergrößern und daher seine Taten stets in Kontext zu seinem Umfeld setzen muss. Die Bedeutung bei Crowley und dem Weg von Thelema führt noch über diese pragmatische Interpretation hinaus, doch der Satanist ist einfach ein Pragmatiker, der die Betrachtungen zunächst von sich selbst ausgehend und auf sich selbst bezogen ausübt – ein Kult und eine Religion des Menschen von sich selbst als einzig akzeptiertem Gott, ein Leben im Jetzt und Hier, eine Ausrichtung auf das Diesseits, kein transzendentes und nicht erfassbares Jenseits. Die praxisbezogenen Grundlagen werden auch in den recht allgemein wirkenden, entschlackten und rein vernunftgetragenen Ausführungen LaVeys deutlich.

LaVey hatte durch seine verschiedenen Berufsfelder nicht nur ausreichend Möglichkeit, das Okkulte und Metaphysische zu erforschen, sondern besonders die menschliche Natur. Als Polizeifotograf bekommt man allerhand über die Auswüchse menschlichen Zerstörungsdranges zu sehen, und wenn er auf den Märkten die Ausschweifungen und offene Lüsternheit speziell von Männern beobachtete, die danach zur Beichte gingen und sonntags geflissentlich zur Messe, um sich von sündhaften Gedanken und Trieben läutern zu lassen, hernach aber wie zuvor ihre Triebe auszuleben suchten, so gewinnt man einiges Verständnis von der Natur des in westlicher Tradition geprägten Menschen. Gerade in diesem Bezug ist es bezeichnend, dass die abartigsten Verfehlungen und Ausschweifungen dort zur Extremform reifen, wo der größte Druck von außen nach innen wirkt, in konservativen und kirchlichen Kreisen, bis hin zur obersten Hierarchieebene. Der Drang des Menschen zur freiheitlichen Entfaltung und Erfüllung natürlicher Urtriebe strebt stets nach außen und sucht sich seinen Weg zumindest in Übertragungen (wie Mord und Gewalt als Kompensation für nicht erfahrbare Liebe und sexuelle Befriedigung). Man mag sich dabei selbst erwählen, welche Verfehlungen die schädlicheren Auswirkungen haben und beispielsweise die historische Bedeutung und Entwicklung der „Freudenmädchen“ betrachten.

Diese längeren Ausführungen waren nun nicht reiner Selbstzweck, sondern präsentieren bereits Kerninhalte von LaVeys Werk. Zur Biographie LaVeys und anfänglichen Geschichte der CoS äußert sich Burton H. Wolfe in seiner Einführung ausführlicher, selbst Hohepriester der CoS und Autor von Werken wie „The Hippies“, „Hitler and the Nazis“, „The Devil’s Avenger“ (Biographie über LaVey) und anderen. Die biographische Verflechtung zu LaVeys Ausführungen ist auch historisch bedeutsam zu betrachten, denn die CoS entstand in San Francisco, Kalifornien, in den Sechzigerjahren und gelangte um 1970 zur Blüte, mitten in der – aus meiner Sicht eher gescheiterten – Hippie-Bewegung, was natürlich das ideale Unterfutter für eine speziell auf sexuelle Befreiung ausgerichtete Weltanschauung darstellte. Diesen Kontext sollte man nicht außer Acht lassen. Und auch wenn LaVeys erste Schrift noch recht rudimentär erscheint und allzu sehr am Christentum als Gegenpol orientiert ist, so ist doch klar zu sagen, dass exakt diese Ausrichtung wichtig und wesentlich war, um einen Anfangspunkt für die Entwicklung zu setzen, denn gerade diese moralisch tief verankerten Ausformungen sind es, die es zunächst zu durchschauen und anzuprangern galt und gilt.

Nun noch einige Darstellungen zum Buch selbst. LaVey beginnt nach seinem Vorwort mit der Formulierung von neun satanischen Grundsätzen, die in späteren Kapiteln immer wieder als Bezugspunkt für nähere Ausführungen herangezogen werden. Es folgt direkt das „Buch Satan“, eine empörte Streitschrift wider die christlich selbst gegeißelte und geradezu masochistisch wirkende Gesellschaft. Die satanische Strömung und die Grundprinzipien werden erklärt, die Notwendigkeiten aufgezeigt, die menschliche Natur beleuchtet und die Widersinnigkeit menschlichen Handelns angeprangert. Es folgen Ausführungen zum Begriff und Wesen des Satans und seiner verschiedenen Erscheinungsformen sowie allgemeine Darstellungen über Sinn, Zweck und Durchführung psychodramatischer Rituale (die teils grotesk anmuten können und auch vor Kostümierungen nicht zurückschrecken), die in der zweiten Hälfte dieses Sammelbandes einen Großteil des Buchinhaltes ausmachen. Diese Rituale hat LaVey aus verschiedensten Kulturen und Epochen zusammengetragen und synthetisch modernisiert. Die Quellen dafür sind nicht immer klar, und dort, wo seine Erläuterungen in Faktendetails gehen, scheint mir die Betrachtung und Recherche etwas oberflächlich und nicht genau genug zu sein, doch dazu kann sich der geneigte Leser natürlich in weiterführender Literatur informieren; für das Grundsätzliche der satanischen Bibel und der satanischen Rituale spielt es eine eher unbedeutende Rolle. Abschließend folgt eine Auflistung der 19 henochischen Schlüssel in der Zusammenstellung und Übersetzung von LaVey. Die jeweilige Grundbedeutung wird erläutert, sodann folgen Lautschrift und Originalschrift sowie die Übersetzung. Damit schließt die eigentliche „Satanische Bibel“ ab.

Second Sight Books hat nun in der Neuauflage das Grundlagenwerk mit LaVeys „Die satanischen Rituale“ zusammengefasst, die oben bereits erwähnt wurden. Allerdings werden in diesem zweiten Teil, entstanden 1972, noch einmal verschiedene allgemeine Ausführungen über den Satanismus an sich gemacht, außerdem gibt es zu jedem Ritual einen ausführlichen Text mit Hintergrundinformationen und zusätzlichen, dazu passenden Grundsatzgedanken über das satanische Wirken und Werden.

Als Grundlagenwerk ist dieses historisch bedeutsame Zeitdokument gerade aufgrund seiner gut verständlichen, unkomplizierten Formulierung und Einfachheit in den Grundaussagen für ‚Anfänger‘ und Interessierte noch immer sehr empfehlenswert und wichtig, sollte allerdings – und so war es auch nie gedacht – weder dogmatisch noch tatsächlich bibelgleich gelesen und verstanden werden. Dies ist keine Offenbarung, kein von einem personifizierbaren Satan diktiertes Gegenwerk zur „Heiligen Schrift“, sondern ein modernes Werk satanischer Ausrichtung, stark von psychologisch und philosophisch motivierten Überlegungen durchzogen und allein von daher ausgesprochen aufschlussreich, auch für jene, die im Satanismus keine für sie geeignete Lebens- und Glaubensform sehen. Insbesondere können sich die einschlägig vorgeBILDeten und von unsachlicher Medienpräsentation vereinnahmten Bürger gern einmal dieser Schrift annehmen und darin nach Hinweisen und Anregungen zu Morden, Kinder- und Tieropfern, Blutritualen, Friedhofsschändungen und derlei Kindereien und Hirngespinsten suchen, die ja allzu gern gern als Markenzeichen des Hobby-Satanisten (aufpoliert durch den einen oder anderen medienträchtig inszenierten Schauprozess gegen geistig Verwirrte) herhalten müssen – viel Spaß dabei. Gerade von derlei wird explizit Abstand genommen und dies auch mit den Wesenszügen des Satanismus moderner Ausrichtung begründet.

LaVeys Erstlingswerke sind inzwischen vielleicht nicht mehr das Nonplusultra der satanistischen Literatur und es gibt einige Bücher, die fundierter und tiefgründiger ausgearbeitet sind, aber für einen Einstieg oder als wissenswerte Ergänzung ist „Die Satanische Bibel & Rituale“ allemal empfehlenswert. Da mit diesem Sammelband – als Hardcover mit Lesebändchen versehen, liebevoll gestaltet und in der bei Second Sight Books gewohnten Qualität – zugleich „Die Satanische Bibel“ und „Die satanischen Rituale“ (die auf dem ersten Buch als Ergänzung aufbauen) mit einem Schlag erworben werden können, kann ich auch von dieser Seite her dazu raten, sich diese Veröffentlichung zuzulegen und sich bei der Gelegenheit mit neuen Möglichkeiten der Weltsicht zu bereichern. Als Ergänzung bieten sich Frater Eremors „Im Kraftstrom des Satan-Set“ aus dem gleichen Verlag, „Satanismus“ von Josef Dvorak, „Die Gnosis des Bösen“ von Stanislaw Przybyszewski (zu allen Werken liegen Rezensionen von uns in der Datenbank) oder „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“ von Joachim Schmidt (Rezension folgt in Bälde) an.

Anmerkung: Aufgrund der magischen Beschreibungen und Rituale habe ich das Buch der Kategorie „Magie & Esoterik“ zugeordnet, gleichsam ist es als „Philosophie, Religion und Spiritualität“ zugehörig zu betrachten.

Gebundene Ausgabe: 372 Seiten
Besprochene Auflage: 1 (Februar 2003)

Homepage der Church of Satan: www.churchofsatan.com
Homepage des Verlages: www.second-sight-books.de

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