Michael Connelly – The Late Show (Renee Ballard 1)

Surfer-Cop: Connellys erste weibliche Ermittlerin

Detective Renee Ballard arbeitet in der Nachtschicht des LA Police Departments, Revier Hollywood. Neben Einbruchdiebstählen hat sie es auch mit schwerer gewaltanwendung zu tun. Vom Fall des mehrfachen Mordes in einem Hollywood-Klub will man sie jedoch unbedingt fernhalten. Als ihr früherer Patrouillenpartner erschossen wird, setzt sie sich über zahlreiche Vorschriften hinweg und kommt einem korrupten Cop auf die Spur, der sich als ihr Helfer ausgibt… Erstmals führt Bestseller-Autor Michael Connelly eine weibliche Hauptfigur ein.

Der Autor

Michael Connelly, geboren 1956 in Philadelphia, studierte zunächst Journalismus und Kreatives Schreiben in Florida. Anschließend (ab 1980) arbeitete er für verschiedene Zeitungen in Fort Lauderdale und Daytona Beach, wo er sich auf Polizeireportagen spezialisierte. Nachdem 1986 eine seiner Reportagen für den Pulitzer Preis nominiert worden war, wechselte er als Polizeireporter zur „Los Angeles Times“.

Für sein Thrillerdebüt, „Schwarzes Echo“, den ersten Band der Harry-Bosch-Serie, erhielt er 1992 auf Anhieb den Edgar Award, den renommiertesten amerikanischen Krimipreis. Zahlreiche Bestseller folgten, die ihn zu einem der erfolgreichsten Thrillerautoren der USA machten. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in Florida. (Verlagsinfo)

Zuletzt erschienen „Echo Park“, „The Overlook / Kalter Tod“, „The Scarecrow“ und „Nine Dragons“ (siehe meine Berichte). „Der fünfte Zeuge“ ist Anfang 2013 bei Knaur auf Deutsch erscheinen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Tampa, Florida.

Weitere wichtige Romane:

„Schwarze Engel“ (1998)
„Der Poet“ (1996)
„Schwarzes Echo“ (1991)
„Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002)
„Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime)
„Letzte Warnung“ (Lost light)
„Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows)
„The Burning Room“ (2014)

Handlung

Detective Sergeant Renee Ballard arbeitet die Nachtschicht im L-A-Ortsteil Hollywood zusammen mit ihrem Partner Jenkins. Wie immer in L.A. ist jede Menge los, rund um die Uhr, überall. Von einem nicht ganz so harmlosen Einbruch, bei dem der Stiefsohn der Hausbesitzer von Jenkins mit einem wertvollen Kunstgegenstand (das gibt ärger!) niedergeschlagen wird, geht die Tour weiter zu einer zusammengeschlagenen Prostituierten namens Ramona Ramone auf dem Santa Monica Boulevard.

Sie stellt sich bei näherer Betrachtung im Krankenhaus als ein Kerl heraus: Ramon Gutierrez heißt die Transgender-Hure. Jemand hat sie/ihn mit einem Schlagring bearbeitet, einer Waffe, die in ganz Kalifornien illegal ist. Gutierrez kommt einen Moment zu sich, um einen rätselhaften Satz zu hauchen – von einem Haus, das auf dem Kopf stehe. Keiner auf dem Revier weiß, was das bedeuten soll, dabei gibt es ein paar recht merkwürdige Klubs in Hollywood.

Die Klub-Schießerei

Die Hauptattraktion der nächtlichen Tour ist jedoch eine üble Schießerei in einem Promi-Klub namens „Dancers“. Ein Kerl hat mit seiner Kanone drei Gäste, die mit ihm in einer Sitzgruppe saßen, mir nichts dir nichts abgeknallt, begann zu flüchten, schoss den Türsteher nieder und zu guter Letzt auch noch eine Kellnerin. Ballard kümmert sich um diese Cynthia Haddel, befragt die Kolleginnen und untersucht ihren Spind. Siehe da: Dieses Cynthia-Blondchen mit Schauspielerambitionen war nicht so unschuldig, wie sie aussieht – sie handelte mit Ecstasy-Tabletten, sogenannten „Mollys“. Die hatte sie offenbar von ihrem zwielichtigen Freund, über den ihr Vater nichts Gutes zu berichten weiß.

Alle diese Erkenntnisse berichtet Ballard pflichtgemäß an Lt. Olivas, dessen Feindseligkeit ihr einst diese Nachtschicht eingebracht hat. Der Report muss noch in der gleichen Nacht geschrieben und abgeliefert werden. Dann vergattert Olivas Ballard und Jenkins dazu, bloß die Finger vom DANCERS-Fall zu lassen. Deshalb beschließt Ballard, sich auf die Transgender-Hure zu konzentrieren – sie verrät es aber keinem.

Schlagkräftiger Autohändler

Nach einem entspannenden Tag beim Surfen und einem 3-Stunden-Nickerchen ist Ballard wieder bereit. Auf dem Revier weiß ad hoc keiner über Ramone/Gutierrez Bescheid, aber es gibt eine Akte über sie/ihn – sie ist sogar noch aus Papier. Ballard fällt die Erwähnung des Schlagrings auf. Die Datenbank reagiert nur auf diesen Suchbegriff und spuckt einen Namen aus: Thomas Trent, 34, geschiedener Autohändler in Van Nuys. Sonderbarerweise kann er sich als Autohändler eine Millionenvilla in den Hügeln leisten – und sein Haus steht auf dem Kopf: Die Schlafzimmer befinden sich wegen der Hanglage unten, die Wirtschafts- und Empfangsräume oben neben der Garage.

Jenkins hat seinen freien Tag, und so hat Ballard das ganze Wochenende ab Freitag, um sich mit Tom Trent zu befassen. Sie besucht ihn, um ihm auf den Zahn zu fühlen, und entdeckt, dass seine Fingerknöchel Verletzungen aufweisen. Außerdem reagiert er angewidert auf ihre Bemerkung, sie sei mit einer Frau verheiratet. Bei einer von Cops begleiteten Begehung seines Hausgrundstücks kann sie nichts feststellen, was verdächtig wäre, bemerkt aber, dass es mehrere Zugänge gibt, zum Beispiel von unten. Als sie sich auf dem Revier umhört, erfährt sie von den Kollegen, dass auf den verwendeten Schlagringen die Wörter GOOD und EVIL standen. Auf ihren Fotos von Ramona Ramones Verletzungen kann sie entsprechende Markierungen feststellen. Trent könnte der Gesuchte sein. Fehlen nur noch die Beweise.

Mord und Korruption

Ballard wird am Samstag von der Nachricht überrascht, man habe ihren ehemaligen Cop-Partner Ken Chastain tot in seiner Garage aufgefunden. Sie ist erschüttert und fährt sofort zum Fundort, wird aber gleich angehalten und gefragt, was sie hier wolle. Chastain hatte im DANCERS-Club vor Ort ermittelt, deshalb wundert es sie nicht, dass auch schon Lt. Olivas da ist. Er schickt Ballard sofort weg, aber sie erfährt, dass Chastain noch am Freitagabend lange nach Dienstschluss an einer Sache dran war. Er muss eine Verbindung gefunden haben – kostete sie ihn das Leben?

Ballard nutzt die Tatsache aus, dass Chastain interner Aktenzugang noch nicht gesperrt worden ist und druckt alle seine Unterlagen zum DANCERS-Fall aus. Wenn das entdeckt wird, ist sie geliefert. Aber sie entdeckt, was im DANCERS wirklich los war: Ein kurz vor der Verurteilung stehender Drogenhändler wollte sich beim FBI und der DEA freikaufen, indem er als Spitzel arbeitete. Die Brandwunde auf seiner Brust kann nur bedeuten, dass sein Aufnahmegerät überhitzte. Er wollte es abreißen, verriet sich dadurch und wurde deshalb von dem Schützen als erster der drei Gäste erschossen – ob die anderen zwei Gäste bedeutender waren. Das Aufnahmegerät fehlt, also muss es der Schütze mitgenommen haben.

Nach einem Gespräch vom dem Anwalt des Spitzels ist Ballard im Bilde: ein korrupter Cop sollte hochgenommen werden, entdeckte aber die Falle rechtzeitig, entkam mit der Aufnahme, erschoss Chastain und befindet sich seitdem auf der Flucht. Jeder, der sich ihm den Weg stellen würde, brächte sich in höchste Lebensgefahr, egal ob Anwalt oder Cop…

Mein Eindruck

Erstmals führt Bestseller-Autor Michael Connelly eine weibliche Hauptfigur ein. Während sein TV-Serien-Held Harry Bosch bereits jenseits der pensionsgrenze befindet, ist Renee Ballard mit Mitte zwanzig noch relativ jung – eine vielversprechende Wachablösung. Mit den Eigenschaften dieser weiblichen Hauptfigur reagiert der Autor auch auf die gewandelten Ansprüche seiner weiblichen Fangemeinde.

Die moderne Krimileserin versteht sich nicht mehr als Untergebene männlicher Vorgesetzter, sei es im Beruf oder im eigenen Heim. Sie ist ihre eigene Managerin, ohne ihre weibliche Natur zu verleugnen – kurzum: eine Lagertha der Neuzeit (vgl. TV-Serie „Vikings“ (2013-2017).

Ballard blickt auf eine vollständige Biografie zurück, mit der sie sich auseinandersetzen muss. Sie wuchs auf Hawaii auf, wo ihre Mutter immer noch lebt. Ihr Dad war ein Cop, und nach dem Studium in L.A. blieb sie in der riesigen Megalopolis. Diese zu durchqueren, kann durchaus mal zwei Stunden dauern. Der katastrophale Verkehr ist stets ein Thema bei den Ermittlungen, die Ballard anstellt, denn sie muss von einem Ortsteil zum nächsten düsen.

Ihr einziger Ruheort, den sie mit ihrem Hund Lola und einem Lover von der Strandwache teilt, ist Venice Beach. Dort geht sie nicht surfen, sondern Surfbrett-Paddeln. Das stärkt die Muskulatur des Oberkörpers, was wiederum zu einem ruhigen Schießverhalten beiträgt. Auch bei Oma Tutu hat sie ein Domizil, aber es ist so beengt, dass sie das zelt am Strand vorzieht. Merke: Ballard ist eine Löwin, die ständig auf der Pirsch ist.

Das muss sie auch sein, denn die beiden anliegenden Fälle verlangen ihren den höchsten Einsatz ab. Trent ist ein Raubtier, das sich mit Vorliebe aufmüpfige Frauen schnappt, sie in seinem Haus foltert und dann – wenn sie Glück haben – wieder auf der Straße entsorgt. Als Ballard unversehens in seine Klauen gerät, findet sie sich nackt an einen Stuhl gefesselt wieder. Doch da ihre Fesseln aus Plastik sind, besteht noch Hoffnung…

Ein wesentlich verschlagenerer Gegner ist der Mörder aus dem DANCERS. Ballard weiß schon von ihrem Besuch am Tatort, dass Chastain etwas Merkwürdiges, vielleicht sogar etwas Illegales dort trieb: Er tütete Beweismittel ein und verbarg sie. Was kann es nur gewesen sein, fragte sich Ballard und zermartert sich das Hirn. Doch sie hat Chastain unterschätzt: Er hat ihr ein Vermächtnis hinterlassen, das sie zum wahren Täter führt.

Unterdessen versucht das LAPD, sie zu diskreditieren. Indem ein korrupter Cop mit einem Reporter der renommierten L.A. Times zusammenarbeitet – natürlich nur off-line -, rückt er Ballard ins Zwielicht, um selbst die Lorbeeren einheimsen zu können – eine verbreitete männliche Taktik im Geschlechterkrieg.

Doch Ballard dreht den Spieß um, der modernen Handytechnik sei Dank: Klammheimlich bannt sie die Begegnung mit dem Reporter auf Handy-Video und stellt es ins Netz, geschützt von einem Passwort – das sie natürlich jederzeit publik machen kann. (Dass die Begegnung an einem Ort namens „The last Bookstore“ ist ein Seitenhieb des Autors auf das fortschreitende Buchladensterben.) Dass sie alle ihre Gespräche mit einem Ermittler des LAPD per Handy mitschneidet, ist selbstverständlich. Dabei stößt sie auf eine verräterische Ungereimtheit. Indem sie dieser konsequent nachgeht, rettet sie ihren eigenen Hintern und überführt den Gegner.

Unterm Strich

Mir war der erste Ballard-Krimi ein wenig zu rührselig und etwas zu arm an Action. In der Mitte war ich versucht, das Buch beiseitezulegen, denn Ballard beschäftigt sich ein wenig zu sehr mit sich selbst statt mit den Fällen. Aber das doppelte Finale reißt es wieder raus. Besonders die Hartnäckigkeit und der Kampfeswille im Keller von Trent flößten mir Respekt vor ballards Fähigkeiten ein. Ihre zweite Ermittlung profitiert hingegen sehr von Chastains Vermächtnis: Er leistet posthume Wiedergutmachung, indem er ihr einen handfesten Beweis hinterlässt: einen Fingerabdruck. Der ist natürlich pures Gold wert.

Taschenbuch: 448 Seiten
Sprache: Englisch

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