James Blish – Zeit der Vögel

Missglückter Zukunftsentwurf, aber interessante Einfälle

Als der Astronom John Martels auf der Riesenschüssel des Radioteleskops herumklettert, fällt er nicht auf den Boden der Schüssel, sondern in eine andere Dimension – im 250. Jahrhundert – und landet im Kopf eines Wesens, das als Orakel besucht wird. Die „Wilden“ suchen Rat, wie sie sich gegen die riesigen Vögel, die die Herrschaft über die Erde angetreten haben, wehren können…

Der Autor

James Blish (1921-1975), ein SF-Fan der ersten Stunde, veröffentlichte seine erste SF-Story 1940. Als Doktor der Mikrobiologie arbeitete er ab 1942 an Unis, in der US Army und in einem Pharmakonzern. In den fünfziger Jahren trat er mit den ersten Erzählungen seines vierbändigen Zyklus „Cities in Flight“ hervor.

Die vier Romane von „Cities in Flight“ stellen eine Zukunftsgeschichte der Menschheit im All dar, eine imposante Space Opera. Der Autor entwirft Aufstieg und Niedergang des irdischen Sternenreiches, wobei sein Schwerpunkt auf der Geschichte der Nomadenstädte der Okies liegt. Diese fliegenden Okie-Städte durchstreifen auf der Suche nach Handelspartnern oder kolonisierbaren Planeten das Weltall.

Die Erfindung des Spindizzy-Antriebs hat die Überwindung der Schwerkraft und den überlichtschnellen Raumflug mit sich gebracht. Da Masse und Form für den Raumflug bedeutungslos geworden sind, brechen ganze Städte samt Granitsockel und umgebendem Spindizzy-Kraftfeld, das vor Strahlung schützt und die Atmosphäre hält, in den Weltraum auf.

1959 errang er mit dem Roman „A Case of Conscience“ (dt. als “Der Gewissensfall” bei Heyne) den Hugo Award. Ein Priester trifft auf einer fremden Welt auf Eingeborene, denen das Konzept der Ursünde völlig fremd ist. Ebenso metaphysisch orientiert ist die von Blish als Trilogie angesehene Romansequenz „After Such Knowledge“ (Nach der Zeile von T.S. Eliot: „After such knowledge, what forgiveness?“).

1) “Doctor Mirabilis” (1964) ist ein historischer Roman über Roger Bacon (1214-1292);
2) „Black Easter“ (1968) und
3) „The Day After Judgment“ (1971);
4) Sie endet mit “A Case of Conscience“ (Der Gewissensfall).

Die fundamentale Frage dieser Trilogie lautet: „Ist der Wunsch nach weltlichem Wissen, geschweige denn dessen Erwerb und Einsatz, ein Missbrauch des Verstandes und womöglich sogar aktiv böse?“

Handlung

Als der junge, ehrgeizige Astronom John Martels auf der Riesenschüssel des Radioteleskops von Sockettee State in New Jersey herumklettert, um nach einem Fehler zu suchen, fällt er nicht auf den Boden der Schüssel, sondern in eine andere Dimension. Er findet sich als Geist in dem Kopf eines anderen Wesens wieder, das sich einfach Qvant nennt. Und es steht in einem Museum, das vollgestopft ist mit unbekannten Gerätschaften.

Qvant, der einsame, arrogante Geist eines ehemaligen Herrschers, ist nicht erfreut über den neuen Untermieter in seinem Kopf, doch jeder Versuch, Martels loszuwerden, scheitert an dessen Hartnäckigkeit. So muss Qvant Martels Ich schließlich dulden und ihm die Welt erklären, in der er sich unerwartet befindet.

Man schreibt das 250.000. Jahrhundert und das vierte Renas. Ein Renas ist quasi eine Wiedergeburt (Renaissance) der gesamten Welt. Es gibt nur noch wenige Überlebende, die Qvant, ein Überbleibsel aus dem dritten Renas, herablassend „Wilde“ nennt, denn sie leben im Dschungel und glauben an die Geister ihrer Vorfahren. Sie haben nichts zu lachen und nur wenig mehr zu beißen: Hier herrschen grausame Vögel über die Welt. Diese Vögel haben eine Stufe der Intelligenz erreicht, die auf der der Dschungelbewohner steht.

Orakel

Immer wieder kommen hochrangige Vertreter der „Wilden“, um Qvant um Ratschläge zu bitten, wie man Waffen gegen die intelligenten, grausamen Vögel herstellen könnte. Doch Qvant antwortet immer in Rätseln und ausweichend. Das macht Martels richtig wütend. Ein kluger, nahezu allwissender Kopf wie Qvant, der ja früher mal ein Herrscher war, sollte doch in der Lage sein, es mit den Vögeln aufnehmen zu können. Qvant behauptet immer nur, dass Martels nicht genug wisse. Er gibt den „Wilden“ noch fünf Jahre, bevor sie ausgerottet sein werden. Soll er so lange warten, fragt sich Martels.

Als ein weiterer „Wilder“ namens Tlam das Orakel befragen will, sieht Martels seine Chance gekommen und projiziert sich in das Gehirn von Tlam. Mit dessen Muskelkraft bewirft er den gehirnbekälter Qvants und betäubt diesen. Dann macht er sich mit Tlam aus dem Staub. Tlam kann sich seine eigene agressive Handlungsweise nicht erklären und macht, dass er wegkommt.

Verbannt

Martels hat von Qvant erfahren, dass es noch eine letzte menschenkolonie in der stark erwärmten Antarktis geben soll, ja, dass diese sogar über einen Computer verfügt – jenen Computer, der für Qvant ursprünglich vorgesehen war. Als Tlam sich nun vor dem Ältestenrat seines Dorfes für seine Attacke auf das heilige Orakel verantworten und eine Bestrafung auf sich nehmen muss, akzeptiert er nicht die Wahl zwischen Schwertstreich und Verbannung, sondern lähmt Tlams Stimmbänder. Folglich wird der Häuptling degradiert und verstoßen. Entehrt und niedergeschlagen macht sich Tlam auf den Weg durchs Land der Vögel.

Die Vögel

Martels ignoriert alle gekrächzten Warnungen und missachtet die Schwärme von Raubvögeln, die ihn gar nicht angreifen. Offenbar will ihn der Vogelkönig höchstselbst befragen. So gelangt er im Süden des Doppelkontinents zu einem erstaunlich hohen Turm. Er steht auf Stelzen und ist ringsum mit Tierfellen bedeckt. Sein Inneres ist eine Art Gefängnis für ungebetene Gäste wie das Wesen, das nun hier eindringt. Hier stellt der Vogelkönig Tlam/Martels zur Rede, denn er spürt, dass Tlam besessen ist. Martels gibt gerade eine vernünftige Antwort, als sich Qvant mit aller Macht zur Stelle meldet und dem König Beleidigungen ins Gesicht schleudert.

Als Folge dieser Majestätsbeleidigung wird Tlam/Martels/Qvant in der Turmspitze eingesperrt und von einem riesigen Geier bewacht. Anscheinend glauben diese dämlichen Vögel, ein Mensch könne nicht fliegen wie sie selbst. Martels beweist ihnen das Gegenteil und fliegt mit dem Federkleid des erschlagenen Geiers, das er auf ein Bambusgestell gespannt hat, gen Südpol.

Absturz

Doch kurz vor der Landestelle, etwa in Feuerland, übernehmen unversehens Tlam und Qvant die Kontrolle über seinen Geist. Martels Geist stürzt ins Dunkel des Vergessens, Tlams Körper auf die harte Erde. Ungezählte Tage später erwacht Martels an einem unerwarteten Ort: in einem Computer…

Mein Eindruck

In der fernen Zukunft sind die Menschen auf der Stufe von Neanderthalern und die Vögel haben es auf ihre Intelligenzstufe geschafft. Es geht also um einen Kampf auf Leben und Tod darum, wer über die Erde herrschen wird. Der entscheidende Faktor, der in meiner Zusammenfassung nicht erwähnt wird, heißt jedoch Telepathie. Sie trägt hier die seltsame Bezeichnung „Jugenität „.

Jugenität

Die Vögel verständigen sich wie selbstverständlich per Telepathie, doch als Schwarmwesen erlauben sie keine Individualität. Die ist den Menschen vorbehalten. Doch diese brauchen keine Telepathie, denn sie haben ja eine differenzierte Sprache entwickelt – die sich nun wieder ihren Rudimenten annähert, so dass Jugenität nötig wäre. Mehrere Evolutionskonzepte spielen hier also in den Plot hinein. Es kommt zu einem evolutionären Patt, wobei die Vögel im Vorteil zu sein scheinen. Alle Menschen sind in Deckung gegangen.

Heldenreise

Nun beginnen sowohl Qvant, der uralte, arrogante Herrscher, als auch Martels, der agile Erfinder, ihren Einfluss auszuüben. Sie spielen im Schema der Heldenreise die Rolle des todgeweihten Vaterkönigs und des jungen Kriegerprinzen, seines Nachfolgers – siehe auch Ödipus. Üblicherweise müsste jetzt eine Frau ins Spiel kommen, aber dafür hat der Autor keinen Platz gelassen. Nur ganz am Schluss taucht in der antarktischen Kolonie ein „Mädchen“ namens Anble auf, das auch prompt Kinder und Enkel bekommt.

Zyklen

Wie auch immer: Wie vorauszusehen, entbrennt zwischen Vaterfigur Qvant und der Sohnfigur Martels ein geistiger Zweikampf. Der Geist bzw. das Bewusstsein wird hier als elektromagnetisches Feld beschrieben und lässt sich infolgedessen auf beliebige Träger übertragen. Das hat Vorteile, birgt aber auch Risiken: Auf der Reise durch die acht Zustände des Bewusstseins – siehe unten – fallen die Geistträger Qvant und Martels immer wieder in die Studen Desorientierung, Meditation und Selbstversenkung – der nächste Schritt wäre „das Nichts“, also die Auslöschung des Bewusstseins. Diesem Zyklus entspricht das Konzept von Renas-Aufstieg und -Abstieg bgzw. Wiedergeburt. Dementsprechend ist die Geschichte in Renas III, IV und V eingeteilt.

Foundation

Das Konzept der zwei gegensätzlichen evolutionären Kräfte findet der SF-Kenner bereits in Isaac Asimovs FOUNDATION-Zyklus. Der Zyklus basiert selbst auf dem Konzept von Edward Gibbons über den Aufstieg und Fall von Zivilisationen. Darin wird das zusammenbrechende Imperium erst von der titelgebenden Gegenkultur abgelöst, diese aber wieder durch einen Mutanten bedroht. In weiser Voraussicht haben die Gründer der FOUNDATION aber eine zweite, verborgene Kolonie gegründet, die sich dem Zugriff des Mutanten entiehen kann – sie hat ihr Gegenstück in der Antarktis-Kolonie. Dieser gelingt es mit martels‘ Hilfe als einziger Altsiedlung aus Renas III, dem Angriff der Vögel standzuhalten und die Zukunft der Menschheit zu sichern.

Man sieht also, dass in den schmalen Roman, der lediglich Novellenumfang aufweist, eine Menge Gedanken eingeflossen sind. Die Konzepte werden dem Leser aber an den Kopf geworfen, als müsste er sie alle bereits kennen.

Die Übersetzung

S. 38: „Die tropische Klimaanlage war auf ihrem Höhepunkt.“ „Wer hat sie eingeschaltet?“, möchte man am liebsten fragen. Gemeint ist wohl die „tropische Klimalage“.

S. 50: „Muesum“ sollte wohl besser „Museum“ heißen.

S. 70: Wiederholt wird behauptet, Martels befinde sich 23.000 Jahre in der Zukunft, aber dennoch im 250.000. Jahrhundert. Folglich kann er nicht in unserer Zeit gestartet sein. Das widerspricht Martels Charakterisierung als Brite im amerikanischen Exil. Ich bezweifle, dass diese Nation im Jahre 250.000 noch existieren. Alle anderen Online-Quellen geben das Jahr 25000 an, was schon eher hinkommt.

S. 92: „die ganze wacklige Konstruktion in SEINE Einzelteile zerlegen“. Korrekt wäre IHRE Einzelteile.

S. 109: „Energiedissipation“. Verständlicher wäre der Ausdruck „Energiestreuung“ bzw. „-abstrahlung“.

Verweise

S. 28: Fred Hoyles Steady-State-Theorie: https://de.wikipedia.org/wiki/Steady-State-Theorie .

S. 56: „ein alter italienischer Witz“… den vermutlich nur noch der Autor kannte.

S. 76: Lobachewski-Universum der Vögel: https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Iwanowitsch_Lobatschewski. Es handelt sich um ein Universum, in dem Euklids Geometrie nicht mehr gilt.

S. 114: „acht Stadien des Bewusstseinszustandes: Orientierung, Realitätsverlust, Konzentration, Meditation, Selbstversenkung, das Nichts, Wiedergeburt, Stabilisierung.“ Siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstsein.

Unterm Strich

Im Original ist dieses Buch wahrscheinlich wesentlich eindrucksvoller. Aber in der deutschen Fassung braucht die Handlung erst einmal fünfzig Seiten, um überhaupt in Gang zu kommen. Nach einem Intermezzo beim Stamm von Häuptling Tlam geht es gleich weiter auf Odyssee ins Land der titelgebenden Vögel und dann weiter zur letzten Kolonie der alten Zivilisation.

Dieser Aufbau erinnert ein wenig an berühmte Odysseen wie Edgar Pangborns „Davy“ oder Hieros Reise“ von Stanley E. Lanier, die alle in Post-Holocaust-Welten spielen. Vom Post-Holocaust unterscheidet sich die Welt der Vögel nur durch die fehlende Strahlung und das tropische Klima – das wir selbst bereits tatkräftig produzieren.

Die zyklische Evolutions- und Bewusstseinstheorie erinnert an Isaac Asimovs erste FOUNDATION-Trilogie, woher die Theorie der Bewusstseinszyklen stammt, entzieht sich meiner Kenntnis. Man schlage bei C.G. Jung oder bei diversen Religionsgründern und Philosophen nach. Aus der deutschen Übersetzung wird nicht sonderlich deutlich, dass die Telepathie eine wesentliche Rolle für die Evolution von Menschen und Vögeln spielt.

Alles in allem überwiegen die philosophischen Konzepte die Handlung. Umgekehrt wäre es mir wesentlich lieber gewesen. Die Novelle wirkt verdünnt und unausgegoren, als würden wesentliche Elemente fehlen. David Pringle gewährt dem Buch lediglich 1 von 4 Punkten. Wer den Autor James Blish kennenlernen will, sollte unbedingt mit seinem Zyklus „Cities in Flight“ anfangen. Dem Band „Triumph der Zeit“ (s.o.) gewährt Pringle immerhin 3 von 4 Sternen!

Taschenbuch: 124 Seiten
Info: Midsummer Century, 1972
Aus dem US-Englischen von Yoma Cap
www.heyne.de

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