Beverley Nichols – Eine kleine Mordmusik

nichols-mordmusik-cover-kleinFür den scheinbar unmöglichen Mord an einem allseits verhassten Musikkritiker gibt es nach dem Geschmack von Scotland Yard zu viele Verdächtige. Ein ebenfalls involvierter Detektiv findet dagegen die Aktivitäten der angeblich unschuldigen Verwandten und Hausfreunde wesentlich interessanter … – Dieser klassische „Whodunit“ aus der Spätphase dieses Krimi-Genres ist spannend, witzig und wartet mit einer bizarren Final-Auflösung auf, die mit Humor zu nehmen ist.

Das geschieht:

Im Arbeitszimmer seines abgelegen in London gelegenen Hauses liegt mit einem Dolch im Rücken Sir Edward Carstairs, ein berühmter, für seine Sachkenntnis bewunderter, aber ob seiner Unerbittlichkeit auch gefürchteter, ja verhasster Musikkritiker. ‚Kommissar‘ [im Original wohl korrekter: Inspektor] George Waller von Scotland Yard übernimmt den Fall, doch parallel dazu bittet die ehemalige Primadonna Sonja Rubinstein, die mit Edward eng befreundet war, den Privatdetektiv Horatio Green um Mitarbeit, gegen die Waller nichts einzuwenden hat.

Die Zahl der Verdächtigen ist klein. An der Spitze der Liste steht Barbara, Edwards Schwester, die offen zugibt, den Bruder verabscheut zu haben. Peter, Edwards Neffe, hat dagegen ein Alibi. Ohnehin gibt es keinerlei Geldvermögen, sondern nur den Titel zu erben. Peter kann allerdings einen weiteren Feind seines Onkels namhaft machen. Kurz vor dem Mord wurde er Zeuge eines heftigen Streites zwischen Edward und dem Dirigenten Ernst Kalkbrenner. Außerdem bemerkte Peter, dass sein Onkel eine wertvolle Schallplatte an sich nahm, welche die einzige Aufnahme der Symphonie des Komponisten-Genies Max Brunner darstellt und seit dem Verbrechen verschwunden ist.

Green muss feststellen, dass der Kreis der Tatverdächtigen weiter als ursprünglich gedacht zu ziehen ist. Als eine weitere Verdächtige den Mord gesteht, ist für Waller der Fall abgeschlossen. Für Green beginnt sich jedoch ein unerhört geschickt eingefädeltes Komplott abzuzeichnen, das so bizarr ist, dass dem Detektiv eine mindestens ebenso absurde Methode zu seiner Aufdeckung einfallen muss …

Dauerbrenner „Mord im verschlossenen Raum“

Türen und Fenster sind fest von innen verschlossen, doch trotzdem liegt im solchermaßen gesicherten Raum eine Leiche. Ein natürlicher Tod ist auszuschließen. Wer ist der Mörder, und wie hat er (oder sie) es gemacht? Generationen einfallsreicher Krimi-Autoren haben auf dem Fundament dieser Ausgangssituation literarische Feuerwerke gezündet, wobei nur die denkschwachen Vertreter ihrer Zunft Zuflucht zu faulen Tricks wie geheimen Gänge oder Zauberei nahmen.

Die ‚reine‘ Form des „Whodunits“ fand ihren Höhepunkt vor dem II. Weltkrieg. Ausgestorben ist der Rätsel-Krimi aber nie; er wurde zu einem Seitenarm des Stroms, der die Geschichte des Kriminalromans darstellt. Die Freunde dieses Subgenres mussten nicht verzagen, denn es gab stets genug Autoren, die sich um literarische Moden nicht kümmerten.

Die heitere Seite des Mordes

„Die Niemandstraße“ – ich wähle den Titel der Erstausgabe, der nicht annähernd so dämlich klingt wie „Eine kleine Mordmusik“ – ist zum einen ein später Nachzügler der klassischen „Whodunits“ und zum anderen bereits das ironische Spiel mit dessen Regeln. Die kriminologische Ermittlungsarbeit wird mit der dem Leser wichtigen Detailfreude dargestellt; es gibt sogar eine Skizze vom zentralen Indiz, damit keinerlei Unklarheiten aufkommen. Alle Verhöre werden wortgetreu wiedergegeben, der Miträtsel-Faktor bleibt gewährleistet.

Allerdings ist die schließlich enthüllte Auflösung ein deutlicher Hinweis darauf, dass man „Die Niemandstraße“ als Krimi nicht gar zu ernst nehmen sollte. Groteske Verrenkungen der Logik haben zahlreiche Autoren unternehmen müssen, die sich gar zu einfallsreich ein Mordgespinst einfallen ließen, dem sie selbst nur noch mit Mühe und Not entkamen. Nichols setzt einem ohnehin humorreichen Geschehen höchstens die Krone auf. Dennoch ist die Tat möglich und die Auflösung deshalb logisch.

Für einen Hauch von Realität sorgt die Einbeziehung der damals realen Weltteilung in West und Ost, die indes zu den weniger gelungenen Einfällen des Verfassers zählt. Wesentlich besser gelungen ist ihm dagegen das Personal des „Whodunit“, dessen Gemeinsamkeit sich am besten unter das Adjektiv „übertrieben“ fassen lässt: Vor allem charakterliche Eigentümlichkeiten werden überzogen, ohne übertrieben i. S. von lächerlich zu wirken: eine Kunst, die vor allem im englischen Krimi angenehme Verbreitung fand.

Ein guter Mord gehört dazu

Zu den Eigentümlichkeiten des „Whodunit“ gehört es, dass die Behaglichkeit, die Ort und Figurenpersonal verströmen, durch eine Gewalttat nicht zerstört, sondern erst vollendet werden. Die Unbarmherzigkeit der realen Kriminalität wird durch das Genre gefiltert und gemildert. In „Die Niemandstraße“ geht es nicht nur um Mord, sondern auch um mehrfachen und gemeinen Verrat. Daran werden sich freilich nach der Lektüre nur wenige Leser erinnern. Ihnen bleibt die wie schon erwähnt spektakuläre ‚Auflösung‘ des zentralen Verbrechens im Gedächtnis, und sehr wahrscheinlich haben sie recht damit.

Wobei der deutsche Krimi-Freund vor zwei (bekannten) Dilemmas steht: Niemand kennt hierzulande die Romane von Beverley Nichols (die wirklich eine Neuentdeckung verdienen), und folgerichtig sind sie nicht nur schon vor sehr vielen Jahren (aber vollständig!) erschienen, sondern auch längst vergriffen und nur noch antiquarisch aufzutreiben. Dem ersten Umstand konnte durch diese Rezension hoffentlich einigermaßen abgeholfen werden, sodass der die Neugier des Fans geweckt ist, der sich die Mühe einer Suche – die ja auch Freude sein kann und in diesem Fall ist – anschließend gern macht.

Autor

John Beverley Nichols wurde am 9. September 1898 in Bower Ashton bei Bristol in England geboren. Schon in jungen Jahren entwickelte er sich zu einem vielseitigen Publizisten. Bereits 1920 erschien „Prelude“, Nichols‘ Romandebüt und Start in eine Schriftsteller-Laufbahn, die mehr als sechs Jahrzehnte währte. Nichols schrieb mehr als 60 Romane und Sachbücher, Essays, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, er arbeitete als Journalist, verfasste Reden und komponierte Musik. Er zeigte sich in vielen Genre-Sätteln sattelfest und hatte keine Probleme damit, als Ghostwriter zu schreiben, wie er überhaupt seine literarischen Ansprüche sehr gut mit einem Dasein als Lohnautor vereinbaren konnte.

Obwohl sein thematisches Spektrum beachtlich war, basiert Nichols‘ Ruhm in England vor allem auf seinen Reiseführern durch große Gärten in England. Sie werden seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt und mischen Fachwissen mit literarischen Hochqualitäten. Auf die aus seinen Gartenbüchern resultierende Reputation nahm Nichols keine Rücksicht. In „Father Figure” rechnete er 1972 mit seinem Vater ab, einem Alkoholiker, von dem er missbraucht worden war und den er versucht hatte umzubringen. Dieses Buch erregte großes Aufsehen und den Missfallen gesetzestreuer Bürger, die Nichols als gefährlichen Gesetzesbrecher anzuzeigen versuchten.

Mit seinem Lebenspartner Cyril Butcher lebte Nichols in London. Dort ist er am 15. September 1983 an den Folgen eines Sturzes gestorben.

Taschenbuch: 158 Seiten
Originaltitel: No Man’s Street (London : Hutchinson 1954)
Übersetzung: George Martin

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Schreibe einen Kommentar