Paolo Bacigalupi – Der Spieler. Zukunftserzählungen

Engagierte Zukunftsberichte über den Biokrieg

Ein religiöser Führer existiert nur noch als digitale Kopie, ein Flüchtling kämpft ums Überleben, und ein Journalist wird mit einem völlig neuen Paradigma der Berichterstattung konfrontiert.

In einer global vernetzten Welt sind die Folgen politischer Entscheidungen, ob sie nun in New York City oder Bangkok gefällt werden, in allen Gesellschaftsschichten spürbar. Überkommene Traditionen werden infrage gestellt, Lebens- und Arbeitsverhältnisse neu definiert. Auch wenn wir uns darüber nicht immer im Klaren sind – die Zukunft hat uns längst eingeholt. Und Paolo Bacigalupi erzählt aus dieser Welt von morgen. (Verlagsinfo)

Die Novelle „Yellow Cards“ wurde für den „Nebula Award“ nominiert, die Novelle „Der Kalorienmann“ mit dem „Sturgeon Award“ ausgezeichnet, beide spielen vor demselben Hintergrund wie Bacigalupis Roman „Biokrieg“. Die Erzählung „Der Spieler“ wurde für den „Hugo Award“ und den „Nebula Award“ nominiert, und der Sammelband „Pump Six and Other Stories“, dem die meisten der vorliegenden Texte entnommen sind, wurde mit dem „Locus Award“ ausgezeichnet.

Der Autor

Paolo Bacigalupi wurde in Paonia, Colorado geboren. Er ist bereits als Kurzgeschichtenautor in Erscheinung getreten, bevor er mit „Biokrieg“ (The Windup Girl) seinen ersten Roman veröffentlichte, der vom „Time Magazine“ in die Top Ten der besten Romane des Jahres aufgenommen wurde. Auch für seine Kurzgeschichten erhielt Paolo Bacigalupi schon mehrere Auszeichnungen. „Schiffsdiebe“ (Ship Breakers) ist sein erster Jugendroman. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in West Colorado. (erweiterte Verlagsinfo) Inzwischen ist auch die Fortsetzung „Versunkene Städte“ bei Heyne erschienen.

Die Erzählungen

1) Eine Tasche voller Dharma (Pocketful of Dharma, 1999)

Wang Yun ist ein halbwüchsiger Bettlerjunge im tibetischen Chengdu, als er eine paar ungewöhnliche Begegnungen erlebt. Er wächst hungrig im Schatten eines biologischen Hochhauses auf, das unweit von Chengdu in den Himmel wächst. Eine Wohnung darin können sich allerdings nur Reiche und Ausländer leisten. Von diesem Fortschritt ist Wang Yun ausgeschlossen.

Sein Glück wendet sich zum Besseren, als es ihm gelingt, einen der Ausländer zu überfallen. Die Spezialbrille, die das Sehen bei Tag UND Nacht erlaubt, versetzt er gleich bei einem Hehler namens Dreifinger. Doch ihm fällt auch ein kleiner Würfel in die Hände, mit dem er allerdings nichts anzufangen weiß. Scheint ein Speicherwürfel zu sein.

Er ahnt erst, wie wertvoll dieser Würfel ist, als ein weiterer Ausländer ihn danach fragt – ausgerechnet bei seiner ersten anständigen Mahlzeit seit Monaten. Er überlistet diesen Typen und verdünnisiert sich. Kaum ist er bei Dreifinger eingetroffen und hat den Würfel auslesen lassen, als auch schon ein Spezialkommando der Polizei eindringt und alle erschießt. Wieder macht sich Wang Yun, was „Kleiner Soldat“ bedeutet sehr klein und verduftet.

Er steht noch ein wenig unter Schock, als er sich in einer ruhigen Minute daran erinnert, was er gerade erlebt hat: Aus dem Würfel ist eine Stimme gedrungen, und zwar nicht irgendeine, sondern die des heiligsten Mannes unter allen Tibetern…

Mein Eindruck

Die leicht lesbare Erzählung greift die Vorstellung auf, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen auf ein Speichermedium herunterladen lasse. Obwohl es sich dabei leicht um mehrere Millionen Gigabyte an Daten handeln könnte, finden sie doch alle auf einem kleinen Würfel Platz, den sogar ein kleiner Junge wie Wang Yun verschlucken könnte. Schon diese fantastische Speicherkapazität liefert einen Hinweis darauf, dass wir uns hier in der nahen Zukunft befinden.

Wang Yun landet schließlich in der biologisch generierten Wohnstadt, die in den Himmel wächst. Ausländer, wohin man nur schaut. Aber obwohl auch dieser Einfall futuristisch anmutet, ist er doch nur die konsequente Fortführung jener Trabantenstädte, die Peking mittlerweile überall auf dem Land hat errichten lassen, um seine Metropolen zu entlasten und die flüchtende Landbevölkerung aufzunehmen. Sind die Bewohner allerdings weg, stehen diese Kolosse unmotiviert wie gestrandete Raumschiffe in der Steppe.

Durch die Augen eines Kindes gesehen spiegelt sich in der Erzählung der Konflikt zwischen 1950 eroberten Tibetern und den Besatzern aus Peking. Vor ihnen musste bekanntlich ca. 1953 der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, fliehen (wovon der Brad-Pitt-Film „Sieben Tage in Tibet“ erzählt). Nun taucht die Stimme des heiligsten Tibeters wieder in Wang Yuns Würfel auf. Die spannende Frage: Wie wird ein Junge der Zukunft mit der Stimme aus der Vergangenheit umgehen? Gibt es für ihn eine Verantwortung, die er übernehmen muss? Oder wird er selbst zu einer Reinkarnation, zu einer Art Kundun?

2) Das Flötenmädchen (The Fluted Girl, 2003)

Lidia und Nia sind Zwillingsschwestern – und sogenannte Flötenmädchen. Mit ihren spindeldürren Elfenkörpern, die aus durchbohrten Knochen bestehen, sind sie in der Lage, ein kleines Flötenkonzert zu geben, mit sich selbst als Instrumenten. Aber sie tun dies nicht für sich selbst, sondern für ihre Besitzerin Belari, einer Schauspielerin und Lehnsherrin.
Früher wehrte sich Lidia nicht gegen diese Verhältnisse, doch Stephen, ein weiterer Leibeigener Belaris, hat sie über die Alternative aufgeklärt: die Herrschaft des Volkes, die es früher mal gegeben habe. Nun ist Stephen tot, denn er hat es gewagt, seine Herrin anzugreifen, getötet von Burson, dem hyänenartigen Sicherheitschef, der seine Hautfarbe wie ein Chamäleon verändern und mit seinen IR-Irisimplantaten noch die geringste Hautverfärbung wahrnehmen kann. Dass er jedes Duftmolekül auf Lidias Haut erschnuppert, bedarf wohl keiner gesonderten Erwähnung.

Stephen ist gekocht worden und wird nun an die Gäste von Belaris wichtigster Party des Jahres verfüttert, ohne dass diese etwas davon ahnen. Vor seinem Tod hat Stephen Lidia einen winzigen Flakon mit bernsteinfarbenen Tropfen hinterlassen. Dieses Gift holt sie nun aus seinem Versteck hervor, schmuggelt es mit viel Glück an Bursons feiner Nase vorbei und gedenkt es, über eine Erdbeere zu träufeln und zu sich zu nehmen.

Doch als die Erdbeere bereits fast ihren Mund erreicht hat, fällt Lidias Blick zufällig auf den von Belari. Diese gedenkt, die beiden Flötenmädchen meistbietend an der Börse zu verhökern. Da fällt Lidia eine alternative Idee ein. Sie lächelt ihre Herrin einladend an…

Mein Eindruck

Diese Erzählung schildert eine Welt, in die der Absolutismus wieder Einzug gehalten hat. Menschen werden verkauft, gehandelt, aufgerüstet, umgemodelt, ausgebeutet und an die Börse zwecks Kapitalhandel gebracht. So geschieht es mit den beiden Bauernmädchen Lidia und Nia, wohingegen ihre Schwester Mirriam sich „normal-weiblich“ entwickeln darf. Zweck der Ausbeutung ist Unterhaltung der dekadenten, besitzenden Klasse. Hier bestimmen die Entertainment-Agenturen und -Konzerne, wer aufsteigt und wer fällt. Belari gedenkt aufzusteigen, und die beiden Flötenmädchen sollen ihr dazu verhelfen. Aber es kommt wohl anders als gedacht.

3) Der Pascho (The Pasho, 2004)

Jahrzehnte sind seit der großen Seuche und dem Krieg zwischen den wilden Jai und den Wasserstädten vergangen. Aus Keli, einer der wiederaufgebauten Wasserstädte, kehrt der Jai-Mann Raphel wieder in sein Heimatdorf der Jai zurück. Doch diesmal ist ein Pascho, ein heiliger Vollendeter, dessen Körper vollständig von den Sätzen der Heiligen Schrift bedeckt ist.

Hier in Jai hält man sich immer noch an die uralten Vorschriften der Quaran, die woanders längst als überholt gelten: 3 Meter Abstand von einem Menschen sind Vorschrift. Die Kinder begegnen ihm mit Ehrfurcht, die verheirateten Weiber necken Raphel, seine Mutter werden nun nach einer Braut für ihn suchen. Bei seinem Großvater Gawar beißt Raphel jedoch auf Granit: Der Pascho, ausgebildet in Keli, sei kein Jai mehr und solle sich zu seinen neuen Freunden scheren. Doch in Keli erkennt man Raphel sofort als Jai und begegnet ihm mit Misstrauen – oder gar Spott.

Die Brautschau im fernen Kettle Rock ist ein Fehlschlag. Mala, die Kandidatin, denkt und empfindet viel zu traditionell und verabscheut die verweichlichten Leute aus Keli, die sogar Fisch essen. Von seinem Großvater erntet Raphel nur Spott. Er hingegen bereite sich und seine Krieger auf den nächsten Feldzug gegen Keli vor. Man schaue sich nur die verweichlichten Kai an, die von den Paschos „zivilisiert“ worden seien! Das vermaledeite Wissen der Paschos!

Der zehnte Tag der Quaran-Zeit ist endlich um, als die Regenzeit fällt. Nun kann Raphel sein elektrostatisches Gesichtstuch abnehmen und anderen ins Gesicht schauen. Sogar die vorgeschriebenen drei Meter Abstand muss er nicht mehr einhalten, was eine Wohltat ist – und eine Chance, den alten Gawar auszuschalten. Ein Becher undestillierten Mez-Schnapses – und der alte Gawar krümmt sich in Agonie…

Mein Eindruck

Das knifflige Thema dieser Erzählung ist die Vermittlung von Wissen. Nach dem Untergang der aktuellen Zivilisation im großen Seuchenkrieg sind nur noch wenige Menschen übrig und einige wenige davon die Wissensschätze, die nach all den Jahrhunderten noch übrig sind. Diese Mönche des Wissens sind die Paschos, und ihre Aufgabe besteht darin, durch Verbreitung des Wissens zur Hebung des Lebensstandards beizutragen. Die Kai hungerten, bevor ihnen die Paschos dürreresistentes Gemüse brachten und Brunnen bohrten, um es zu bewässern.

Nur die Jai weigerten sich, auch nur ein Fitzelchen Pascho-Wissen anzunehmen, sondern sahen sich in ihrer Kultur bedroht. Also griffen sie zum Hakenmesser und löschten Keli und seine Bibliotheken aus. Was den Jai nichts nützte, denn die Paschos tragen ihr Wissen auf der Haut. Dennoch wird klar: Wissen verbindet und heilt nicht nur, es entzweit und zerstört auch. Aber ist Raphel weniger Jai als Gawar, nur weil er Keli-Wissen mitbringt?

Als Gawar ihn auffordert, sich als Jai zu beweisen und zum Hakenmesser zugreifen, weigert sich Raphel: Alle Paschos seien neutral. Doch um Gawar endgültig zu stoppen und dem Wissen zu seinem Recht zu verhelfen, muss Raphel eine harte Entscheidung treffen. Jeder hat ein Recht auf Wissen, solange es dosiert verbreitet wird, und dafür müssen Opfer gebracht werden. Aber ist das der richtige Weg? Dies wäre ein guter Anknüpfungspunkt für eine Debatte.

4) Der Kalorienmann (The Calorie Man, 2005)

Die meisten Städte sind verschwunden, ebenso alles, was mit Erdöl und Gas betrieben wurde. Die Flächen des Landes werden für den Anbau von genetisch manipuliertem Getreide und Mais benötigt, die von wenigen Konzernen angebaut werden. Diese Anbauflächen werden streng bewacht, denn aus der Ernte wird nicht etwa Nahrung hergestellt, sondern Energie: Kalorien. Dies ist die universale Währung für alles geworden. Das Getreide bekommen gezähmte, genmanipulierte Elefanten, Megadonten genannt. Deren einzige Aufgabe: das Spannen von Präzisionsfedern, die sich dann transportieren lassen, um ihre gespeicherte Energie anstelle von Motoren abzugeben. Leere, entspannte Feder lassen sich wieder aufladen, und so weiter.

Alles gut soweit, denkt der Inder Lalji, als er in der Nähe von New Orleans von seinem Freund Shriram um einen kleinen Gefallen gebeten wird: Er soll einen Kalorienmann aus dem Norden über den Mississippi nach New Orleans schmuggeln. Niemand darf davon erfahren, denn der Kalorienmann ist ein Gen-Designer, der von allen Lebensmittelkonzernen dringend gesucht wird.

Der Designer besteht darauf, für den Rückweg nicht nur eingemachte Vorräte mitzunehmen, sondern auch ein Mädchen, das ihm irgendwie eng verbunden ist. Jeder Protest ist sinnlos. Auf dem Rückweg kommt es zu einer überraschenden Inspektion durch die Flusspolizei, und Laljis nervöser junger Assistent Creo zeigt, wie gut seine Reflexe sind…

Mein Eindruck

Diese Erzählung spielt im Universum des Romans „Biokrieg“. Statt in Asien spielt die Handlung aber im Herzland der USA, im Mittleren Westen. Da die Saatguthersteller mit den Lebensmittelkonzernen gemeinsame Sache machen, sind freie gen-Designer eine Bedrohung für das Nahrungsproduktionsmonopol. Der Designer stellt ein paar sehr kluge fragen an Creo, der zwar Gerüchte gehört hat, aber nicht über die Sache an sich nachgedacht hat – er ist kein Intellektueller.

In diesem kleinen Rahmen malt der Autor eine Horrorvision von der Nahrungsproduktion der Zukunft – und die EU hat nichts Besseres zu tun, als Gen-Mais und Glyphosat für ungefährlich zu erklären. Der Leser macht sich wohl erst dann eine Vorstellung von der Brisanz der Materie, als der Designer verhaftet werden soll und im Handgemenge stirbt. Wenn das genetische Monopol der Konzerne bedroht ist, gibt es keine Gnade.

Dazu muss man wissen, dass jede einzelne Aussaat neu gekauft werden muss – eine Wiederverwendung oder gar Züchtung ist erstens verboten und zweitens unmöglich: Die Gensaaten sind alle unfruchtbar (wie im Text erwähnt). Kurz gesagt sind Gensaaten (und die genmanipulierten Schädlinge) eine unerschöpfliche Gelddruckmaschine – sofern und sobald man diese Ausbeutung zulässt.

5) Yellow Cards (Yellow Card Man, 2006)

Der alte Tranh war früher ein reicher chinesischer Handelsherr in Malakka nahe Singapur. Doch als nationalistische Mörderbanden anfingen, die Chinesen zu ermorden, musste er sich aus dem Staub machen und alles hinter sich zurücklassen: Firma, Familie, Reichtum, Besitz. Heute schläft er in Bangkok in verstopften Treppenhäusern, mit nur einer Yellow Card in den Taschen, einer Karte, die ihn als Flüchtling ausweist, noch nicht mal als Einwanderer. Er lebt in Furcht vor den Patrouillen des Umweltministeriums, den Weißhemden. Ihre Stockhiebe können sehr schmerzhaft.

Heute ist allerdings ein besonderer Tag. Einfach durch das Anziehen eines weißen Anzugs verwandelt sich Tranh in eine höhere Menschenklasse. Aus dem Unsichtbaren wird ein Sichtbarer. Schon bald richten sich neidische Augen auf ihn, doch an ihm hängen keine Reichtümer. Der Anlass für die Verkleidung: die Bewerbung für einen Posten bei den Ausländern. Die Warteschlange ist einen halben Kilometer lang. Sein früherer Angestellter Ma Ping entdeckt ihn, und zu Tranhs Verdruss trägt der Buchhalter seine alte goldene Rolex am Handgelenk.

Am Abend lädt ihn Ma Ping zum Essen ein, und wieder ist Tranh verärgert. Doch Ma erzählt ihm von einer Spezies Wesen im Hochhaus der Ausländer, die noch weiter unter Seinesgleichen steht: Aufziehmädchen tanzen dort. Am nächsten Abend erblickt Tranh, der nach einem Unfall die Gehfähigkeit verloren hat, das besagte Aufziehmädchen, wie es von Schatten zu Schatten huscht, bis es im Hochhaus verschwindet. Er überlegt gerade, ob er sich mit seinem weißen Anzug nicht den Weg ins Penthouse erschwindeln könnte, als eine Gruppe Ausländer das Haus verlässt – und schließlich auch Ma Ping.

Doch der junge Aufsteiger kommt nicht weiter: Eine Gruppe Weißhemden hat ihn erspäht, seine protzige Rolex entdeckt und macht sich mit Stöcken über ihn her. Die Einwanderungsbescheinigung interessiert sie nicht, wohl aber seine Rolex, die sie mitgehen lassen. Halbtot fleht Ma Ping seinen herbeigeeilten Volksgenossen Tranh um Hilfe an, doch da gerät er an den Falschen. Tranh hat seine Chance erkannt und filzt die Taschen des am Boden Liegenden. Dann zerschlägt er seine Whiskyflasche und stößt die scharfkantige Scherbe in Ma Pings Halsschlagader.

Es ist offensichtlich, dass bei den Ausländern gerade eine Stelle freigeworden ist, und er muss sich beeilen, rechtzeitig ganz vorne in der Warteschlange zu stehen, um angenommen zu werden…

Mein Eindruck

Auch diese Erzählung spielt in der Welt von „Biokrieg“. Deshalb bietet es sich an, sie im Anschluss zum „Kalorienmann“ zu lesen, denn alle Neuerungen wie Megadonten, Genmais, Geisterkatzen und Aufziehmädchen tauchen auch hier wieder auf. Zunächst scheint es keine Handlung zu geben, doch es ist das miteinander verknüpfte Schicksal von Ma Ping und Tranh, das unausweichlich auf einen Ausgleich zusteuert. Nur einer kann überleben: der junge Aufsteiger oder der alte Absteiger. Wer erwartet, dass sich die Männer zusammentun, wie Ma Ping zaghaft vorschlägt, wird enttäuscht.

Die ausschlaggebende Rolle spielt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgebung. Tranh war während der „Expansion“ (= Konjunktur) ein Handelsmagnat, doch dann kam die (nicht weiter erklärte) „Kontraktion“, die wie ein Banken-Crash alle Reichtümer vernichtete. Rechtsradikale gewannen die Oberhand, „Ausländer“ aller Art wurden entweder massakriert oder vertrieben, so wie Tranh und Ma Ping. Nun bestimmen Weißhemden, Hunger und Arbeitslosigkeit das Schicksal. Vielfach ist Gemüse von den eingeschleppten Gen-Seuchen verdorben, so dass selbst angebotene Früchte Tranh an die abgeschlagenen Köpfe seiner Töchter und Söhne erinnern.

In vielerlei Hinsicht erinnert diese Erzählung an jene von Geoff Ryman, die der Golkonda Verlag in dem Erzählband „Pol Pots wunderschöne Tochter“ veröffentlicht hat, insbesondere „Aufgehalten“ (2009).

6) Der Spieler (The Gambler, 2008)

Ong arbeitet Mitte des 21. Jahrhunderts in einer US-amerikanischen Online-Redaktion LiveTrack, stammt aber ursprünglich aus Vientiane, der Hauptstadt von Laos. Nach einem Umsturz ist sein Vater, ein konservativer Freidenker, vom Geheimdienst verhaftet und gefoltert worden, die Familie musste fliehen. Seitdem verfolgt Ong nicht nur laotische Blogposts, sondern schreibt selbst auch kritische Artikel: Er prangert die Unfähigkeit der US-Regierung in Sachen Arten- und Umweltschutz an.

Leider will seine Beiträge nur eine mickrige Minderheit von vielleicht 1000 Leuten lesen – viel zu wenige für ein gutes Rating, findet seine Chefin Janice. Nur ein Stipendium einer NGO sichert Ongs Aufenthalt – und was kommt danach? Da kommt ihm in einer günstigen Stunde des boomenden Traffics von LiveTrack sein Kollege Matt zu Hilfe: Wie wär’s, wenn Ong ein Interview mit der angesagten Sängerin Kulaap führen würde? Er habe da schon etwas eingefädelt. Ein Geschenk Gottes, zweifellos!

Doch Kulaap entpuppt sich zwar als eine gebürtige Laotin, aber als erzogene Amerikanerin. Sie kennt die einzige Währung, die noch im Web zählt, aus dem Effeff: Aufmerksamkeit. Flugs sieht sich Ong von Paparazzi-Drohnen-kameras umgeben, die ihm und dem Star auf Schritt und Tritt folgen, sogar in ein kleines laotisches Restaurant. Alle Welt fragt sich, wer der geschniegelte junge Fremde ist, der mit der Himmelsprinzessin Kulaap ausgehen darf.

Doch dann beißt Ong die Hand, die ihn streichelt, und es kommt alles anders…

Mein Eindruck

Henry David Thoreau, der amerikanische Freidenker und Autor des Do-it-yourself-Aussteigerromans „On Walden Pond“, ist der Schutzheilige Ongs und natürlich auch der seines Vaters gewesen, sehr zu beider Leidwesen. Denn freies Denken ist heute ebenso unerwünscht wie Anfang des 19. Jahrhunderts und Aufmüpfigkeit erst recht. Früher galten KPIs als das Nonplusultra: Kilo Page Impressions, also Seitenabrufe; heute rennen alle Klickraten, Likes, Retweets und Followern hinterher.

Der gesamte – ideelle wie monetäre – Wert einer solchen Social-Media-Aufmerksamkeitsquote lässt sich inzwischen als Schlüsselindikator zusammenfassen und in Echtzeit berechnen: Das passiert in der Erzählung Mitte des 21. Jahrhunderts, wird aber bereits heute seit annähernd zehn Jahren als Social Media Analytics (SMA) praktiziert.

Ong wäre kein Anhänger von henry David Thoreau, wenn er dieses Goldene Kalb anbeten würde wie einst die Israeliten. Er will etwas bewirken, nicht mit der Herde laufen. Doch am Ende der Story schlägt seine Stunde: Seine Klickraten steigen auch für die eigenen, schwierigen und kritischen Beiträge. Die Botschaft des Autors: Muss man ein kleines Opfer bringen, um ein höheres, ideelles Ziel zu erreichen? Auch diese Aussage wäre eine hervorragende Grundlage für eine Debatte.

Die Übersetzung

Dieses Buch wurde ausgezeichnet mit dem ›Kurd Laßwitz Preis‹ als beste Übersetzung des Jahres 2012. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich fand nur folgende zwei Fehler.

S. 73: „Die Bevölkerung muss auch für ihr[en] Wachstum bereit sein…“. Die Endung EN ist überflüssig.

S. 205: „Ich dacht[e,] Laofriend wäre ein Junge…“. Das E und das Komma fehlen.

Das Titelbild fand ich passend: Der mechanische Käfer entstammt dem Steampunk, lässt sich aber ohne Weiteres mit den genmanipulierten Rüsselkäfern assoziieren, die die Gensaaten vernichten.

Unterm Strich

Laoten in L.A., Chinesen in Bangkok, Inder in New Orleans – es ist eine Welt voller Flüchtlinge und Vertriebener, die der Autor schildert. Alle Figuren sind den Prioritäten der Anpassung an erhebliche Veränderungen ihrer Umwelt unterworfen, sei es die Welt des Romans „Biokrieg“ oder die eigenständigeren Welten von „Der Spieler“ oder „Eine Tasche voll Dharma“.

Nun, Wandel in jeder Form ist das ureigenste Thema und Material der Science Fiction, wie sie heutzutage geschrieben (und wahrscheinlich schon seit 1939, John W. Campbell etwas Neues anfing). Insofern qualifizieren sich alle hier versammelten Geschichten als Zukunftsliteratur – es ist die Zukunft, der wir bereits teils bereits heute ins Auge blicken (siehe „Der Spieler“).

Man braucht keine Online-Zeitung mehr zu lesen, denn diese Storys bringen uns die Welt der nahen und nächsten Zukunft so nahe, das sie unsere Empfindungen berühren: Neugier, Grusel, Ekel, Sympathie, Mitleid, Abscheu und noch vieles mehr. Nur auf diesem Weg der emotionalen Reaktion berühren uns die Warnungen des Autors vor den Entwicklungen, die er aufzeigt – siehe oben. In seinem Roman „Water“ (Blessing/Randomhouse) befasst er sich mit dem sich verschärfenden Wassermangel im amerikanischen Westen – eine weitere beklemmende Warnung.

Diese Erzählungen habe ich trotz oder wegen ihrer Exotik, der entwurzelten Hauptfiguren und der drohenden Gefahren sehr gerne gelesen. 30 Seiten können wie im Fluge vergehen, habe ich dabei gemerkt. Und dabei lernt man auch noch einiges – über Gegenden, die heute schon erleben, was noch auf Europa zukommt, und Menschen, die per Schlauchboot oder Balkanroute bereits zu uns gekommen sind.

Taschenbuch: 216 Seiten
Aus dem US-Englischen von Brigitte Herden, Hannes Riffel & Dorothea Kallfass
golkonda-verlag.de

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