Pierre, DBC – Jesus von Texas

Eigentlich hätte DBC Pierre ein Buch wie „Jesus von Texas“ gar nicht nötig gehabt. Wozu sich Geschichten ausdenken, wenn man eine Vita wie dieser Mann hat? Angeschossen, hoch verschuldet, ehemals drogen- und spielsüchtig, nach einem Unfall mit chirurgisch wiederhergestelltem Gesicht und Stationen als Filmemacher, Schatzjäger, Schmuggler und Grafiker. Zweifelsohne hätte eine Autobiographie hier ihren Reiz. Doch auch „Jesus von Texas“ hat seinen Reiz und dafür hat der Autor nicht ohne Grund 2003 den Booker-Preis verliehen bekommen.

_Shit happened_

Damit trifft DBC Pierre gleich im ersten Satz den Nagel auf den Kopf. Vernon Little hat nämlich ein ziemliches Problem an den Hacken. Während der Fünfzehnjährige aus Martirio, der „Barbecuesaucen-Hauptstadt von Texas“, mit dem Entleeren seines Verdauungstraktes beschäftigt ist, knallt sein bester Freund Jesus mal eben im Physikunterricht 16 Mitschüler ab. Am Ende ist Jesus tot und damit auch der Schuldige. Aber gegen wen sollen sich jetzt die Rachegelüste der Stadt richten? Mit Verdächtigungen gegen Vernon, an dem Massaker beteiligt gewesen zu sein, ist man ziemlich schnell bei der Hand. Ermittlungsbehörden, Presse und Volkszorn konzentrieren sich damit auf Vernon.

Unglücklicherweise fällt Vernon dann auch noch auf den Reporter Lally Ledesma herein. Der gaukelt ihm vor, Vernons Geschichte und damit die Wahrheit ans Licht befördern zu wollen, sucht aber in Wahrheit natürlich nur eine exklusive Story. Und für die geht Ledesma notfalls auch über Leichen – auf Vernons Kosten versteht sich, denn für den wird die Luft im Nebel der Anschuldigungen und Verdächtigungen immer dünner. Der Freund des Underdogs wird plötzlich selbst zum Underdog. Vernon sucht sein Glück in der Flucht nach Mexiko, kann den Rachegelüsten von Medien und Bevölkerung aber auch dort nicht entkommen. Als er schließlich in der Todeszelle sitzt, wartet Vernon in einem Medienspektakel sondergleichen vor laufenden Kameras auf seine Hinrichtung.

_Media-Hype XXL_

Natürlich ist die Geschichte gerade zum Ende hin arg überspitzt. Eine Reality-Show aus dem Todestrakt, Kandidatenauslese per Zuschauer-TED – DBC Pierre treibt seine Geschichte ganz schön auf die Spitze, aber dennoch ohne zu weit zu gehen und ins Lächerliche abzugleiten. Was er geschaffen hat, ist eine bitterböse und enorm treffsichere Satire – überspitzt, aber eben auch in besonderem Maße einen wahren Kern widerspiegelnd.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Vernon Little, der dem Leser seine Geschichte anvertraut. Oft wird dieser direkt angesprochen, oft erzählt Vernon seine Geschichte in einem Plauderton, als würde man ihm bei einem Bier gegenübersitzen. Dadurch bekommt die Handlung etwas Direktes und Unmittelbares. Vernon selbst wirkt dabei sehr interessant und hat als Titelheld seinen Reiz. Einerseits ist er naiv in seinem stetigen Glauben daran, dass die Wahrheit schon ans Licht kommen und sein Name dadurch reingewaschen wird. Andererseits wirkt er in seinen Beobachtungen teilweise etwas altklug. Seine Erzählung ist reich an Wortspielen, es wird viel geflucht und geschimpft, dennoch nimmt man den guten Kern Vernons darunter wahr. Gerade diese so interessante, schicksalsgebeutelte Hauptfigur übt einen unheimlichen Reiz beim Lesen aus.

Die übrigen Figuren wirken dagegen teilweise wie Cartoonfiguren: Vernons naive Mutter, die auf alles und jeden hereinfällt, sich in Oberflächlichkeiten verliert und es selbst am Hinrichtungstag nicht versäumt, sich nach der Verdauung ihres Sohne zu erkundigen, ihre Freundinnen, von denen jede ein anderes Klischee (angeberisch, fastfoodsüchtig, etc.) ausfüllt, der sensationsgierige Reporter Lally, der für eine quotenbringende Story sogar seine Mutter verkaufen würde. DBC Pierres Hang zur satirischen Überspitzung wohnt auch seinen Figuren inne. Sie wirken wie wandelnde amerikanische Klischees und tragen auf diese Weise nicht unwesentlich zum Unterhaltungswert des Romans bei. Komik und der wahre Kern, der Teil der Figuren ist und spiegelbildlich die moderne Gesellschaft karikiert, haben ihren ganz eigenen Reiz.

Dass die Handlung dabei nur wenige Überraschungsmomente birgt (schließlich verrät der Klappentext auch schon recht freizügig, in welche Richtung die Geschichte zielt), lässt sich verschmerzen. Das Spannende ist eben nicht so sehr das |Was|, sondern vielmehr das |Wie|. Eine Analyse der Ereignisse findet dabei eher am Rande statt. Jesus‘ Motive werden erst recht spät entblättert. Sie rechtfertigen nichts, aber sie machen irgendwie betroffen. „Jesus von Texas“ hat eben nicht nur komische Momente, sondern auch eine große Portion Tragik. Momente, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. DBC Pierre skizziert einen tristen, entfremdeten und kalten Alltag in der amerikanischen Kleinstadt. Wärme, Herzlichkeit und menschliche Nähe sind da rar – selbst im Verhältnis zwischen Mutter und Sohn Little.

„Jesus von Texas“ vereint zwei wesentliche Komponenten in sich: Zum einen die schonungslose Kritik an der Medienlandschaft, zum anderen eine Chronologie des Erwachsenwerdens. Vernon durchläuft mit der Zeit Veränderungen. Anfangs noch naiv und in dem Glauben, dass sich schon alles wieder einrenken wird, wenn ihm erst einmal jemand richtig zuhört, erwacht mit der Zeit sein Selbstbewusstsein. Als er merkt, dass ihm keiner helfen kann, dass die Welt der Erwachsenen unbarmherzig weiter auf ihn eindreschen wird, beginnt er, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Es ist die Erkenntnis, dass Wahrheit und Gerechtigkeit nichts weiter als leere Worthülsen sind und nicht die großartigen amerikanische Grundwerte, als die sie immer deklariert werden, die Vernon erwachsen werden lässt. Es ist ein Reifungsprozess, der ihn zwischen Schein und Sein unterscheiden lässt.

Auf der anderen Seite steht die schonungslose Kritik an der Medienlandschaft. Hinrichtungen werden zum TV-Ereignis, das Leben in der Todeszelle zur Show im Big-Brother-Container. Bis ins letzte Quäntchen wird das Schulmassaker von Martirio gnadenlos ausgeschlachtet und vermarktet. Die Realität verkommt zur Show, inszeniert als ein die Massen mitreißendes Spektakel. Bitterböse wirkt das Bild, das DBC Pierre von den Medien zeichnet. Seine Darstellung trieft nur so vor schwarzem Humor und hartem Sarkasmus. Dramatik und Komik gehen dabei Hand in Hand und so kommt die große Portion Kritik, die der Autor mit seinem Buch an Medien und Gesellschaft vermittelt, für den Leser außerordentlich unterhaltsam daher.

Abgerundet werden diese Inhalte durch den passenden sprachlichen Rahmen. Schnodderig wirkt der Ton, locker und frech die Erzählweise. Unflätig zwar teilweise, aber dadurch, dass sich fast immer eine tiefere Bedeutung erkennen lässt, gleitet der Roman nicht ganz billig ins Vulgäre ab. DBC Pierres Stil braucht eine gewisse Einlesezeit. Jugendslang, Anglizismen und Wortwitz in geballter Form – da braucht man einen Augenblick, um sich voll und ganz darauf einlassen zu können. Mit der Zeit wird der Roman aber auch sprachlich zum größten Vergnügen. Treffsicher und schlagkräftig formuliert, frech und erfrischend erzählt. Ein Lob verdient da sicherlich auch Übersetzer Karsten Kredel. Den Wortwitz und die sprachlichen Mittel von DBC Pierre ins Deutsche zu übertragen, war sicherlich kein leichtes Unterfangen.

_Unterm Strich_

Bleibt am Ende ein rundum positiver Eindruck an ein Buch, das seine Booker-Preis-Auszeichnung zu Recht bekommen hat. Hochgradig unterhaltsam, witzig, schräg, herrlich schwarzhumorig und wunderbar satirisch überspitzt. Ein Buch, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte! Fazit: unbedingt lesen, denn wenn es in den letzten Jahren ein Buch gegeben hat, das so richtig rockt, dann ist es dieses.

p.s.: DBC steht übrigens für „dirty but clean“. Das ist dann wohl Künstlername und biographische Zustandsbeschreibung in einem. Der Mann hat wirklich Humor.